Schlagwort-Archive: Polyamorie

…comes without warning

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So. Nachdem in letzter Zeit genug passiert ist – Besuch von der belgischen Sarah und Onno, Ostern in Konstanz, einwöchiges Asyl für Barbara aufgrund ihrer akuten Wasserlosigkeit, um nur einige interessante Stichworte zu nennen – ist das wohl interessanteste Ereignis eines gewesen, das sich in den späten Stunden des 19. April zutrug.

Ich habe mich nämlich aus einem nicht näher definierbaren Grunde dazu entschlossen, R die Öffnung unserer Beziehung anzubieten. Der Auslöser dafür war ziemlich sicher mein Wochenende in Konstanz – ich habe mich im Contrast herumgetrieben, während Basti dort Schicht hatte, wurde von Menschen angesprochen, habe betrunken Kontakte geknüpft und interagiert, es ging mir gut, und auf der Zugfahrt zurück dachte ich mir irgendwann, vielleicht bist du ja inzwischen jemand geworden, der so etwas tatsächlich könnte. Txoria txori fing an, in meinem Kopf zu spielen. Hegoak ebaki banizkio…

Und natürlich war mir klar, dass, sollte diese Möglichkeit bestehen, es praktisch unumgänglich sein würde, die logische Konsequenz daraus zu ziehen – meinem aus eigenem Willen verstümmelten Vogel seine Flügel zurückzugeben.

Ich schlug es ihm also vor und dachte für einen Moment, es würde wirklich funktionieren. Er war verwirrt und sehr glücklich. Ich war relativ gefasst. Ich war auch ein wenig beschwipst, das dürfte geholfen haben.

Wir haben dann gestern über die Konventionen gesprochen und über alles Mögliche drumherum. Während ich die Offenheit und die Intensität dieses Gespräches sehr geschätzt habe, hat es trotzdem enorme Zweifel bei mir hervorgerufen. Es kamen auch Dinge zutage wie die Tatsache, dass er gleich schon jemanden in Aussicht hätte, mit der er wohl mal fast etwas gehabt hätte, bevor wir zusammenkamen, „und danach stand es im Raum“. Natürlich sind wir auch dieses Wochenende gleich wieder in KN, dann kann er sie sehen und ihr die freudige Nachricht überbringen. Typisch mein Timing.

Weiterhin habe ich meine Haltung währenddessen nochmal analysiert und ihm das Ergebnis gleich mitteilen können, dass ich mich nämlich vor meinen eigenen Reaktionen mit am meisten fürchte. Meiner ziemlich pecherfüllten Vergangenheit (dir muss ich das nicht sagen, aber er wollte bis heute noch nie etwas darüber wissen) ist es zu verdanken, dass ich heute befürchte, schnell mal einen Kurzschluss-Radikalschlag zu Selbstschutzzwecken zu veranstalten. Ich möchte niemals wieder so leiden.

Ich bin dann abends containern gefahren mit dem fürchterlichsten Gefühl im Bauch. Genauer gesagt habe ich mich nicht mehr so elend gefühlt, seitdem vor ziemlich genau zwei Jahren mir die Last einer potenziell offenen Beziehung durch R von den Schultern genommen wurde. Zugegebenermaßen hätte ich nicht gedacht, dass mich exakt das gleiche Elend wieder in gleichem Maße heimsuchen würde. Das richtige Elend kam eigentlich heute Früh in Form eines „Ich kann das nicht, wir sind nicht kompatibel, ich kann das nicht, ich bin nicht stark genug“-Heulanfalls, als mich um sieben Uhr nach R’s Weggang zur Arbeit auf einmal eine Panik überfiel, die mal Teil meines Alltags war, aber schon zwei Jahre lang kaum mehr zu Besuch kam. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht packe. Ich kann es allerdings nicht rückgängig machen: er sagte gestern noch, dass diese Aktion unsagbar viel für seine Bindung an mich getan hätte, ich kann jetzt nicht die Bindung wieder zunichte machen und ihn schon wieder verstümmeln. Auch wenn er (und das unterscheidet ihn von dem Menschen von vor zwei Jahren) mir deutlich zu verstehen gab, dass er „zwar hart daran zu kauen hätte“, aber es durchaus respektieren würde, wenn mir „morgen oder in zwei Jahren“ etwas Anderes wieder lieber wäre.

Also laufe ich herum und die Panik schnürt mir die Luft ab und das Bedürfnis zu heulen ist wieder da, als wäre es nie verschwunden gewesen, und ich schreibe Songtexte in meinem Kopf wie seit Jahren nicht mehr, und während ich es so sehr vermisst habe, dass Texte in meinem Kopf erscheinen, so ist es mir doch das offenbar dafür essenzielle Elend nicht wert.

Ich werde berichten.

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Are you taking your book?

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Turku. Sarah und ich machen uns gleich auf, die Stadt zu erkunden, während Susmita und Debanga arbeiten. Internet ist ein Luxus, und es wird mich einige Überwindung kosten, mich von Susmitas Computer zu entfernen. Ich habe einen vorwurfsvoll anmutenden Kommentar zu meiner Polyphobie erhalten, der mich vermutlich ein paar Stunden Leben kosten wird, so teilweise unqualifiziert, wie er auch gewesen sein mag. So zu kommentieren, ohne die betreffenden Personen und die Umstände, in denen sie stecken, je erlebt zu haben, ist immer etwas gefährlich, aber natürlich (genauer: meiner Natur gemäss) komme ich nicht umhin, dem Gesagten trotzdem Beachtung zu schenken. Die Person schien der Meinung zu sein, meine Beziehung (naja, ich) sei toxisch und ich müsse dringend an mir arbeiten, statt meinen Partner so ungesund zu bewerten und einzuschränken. Darüber denke ich dann jetzt mal nach. Zum allerersten Mal in meinem Leben, haha. (Genau meine Vorgehensweise bei Attacken jeder Art. Zurückschlagen und trotzdem jeden Hieb durchlassen. Super energieeffizient, I know.) Ich sollte R mal dazu befragen, wenn ich heimkomme. Selbst wenn das wieder ein Disaster mit sich bringt.

Going to see Turku now.

Neulich am See… (Because why the hell not.)

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Wenn man bedenkt, dass ich in Heulkrämpfe ausbreche, sobald jemand in meiner Gegenwart das Wort „Poly“ auch nur in den Mund nimmt (wobei „Polyester“ noch halbwegs zu verkraften ist, „Monopoly“ dagegen schon immer unangenehme Konnotationen weckt und ich jedes Mal zu Gowai bete, dass niemand das Wort an sich aufschreibt, wenn die vier Buchstaben in entsprechender Kombination bei Boggle auftauchen)… mag es vielleicht absurd anmuten, dass ich vor etwa zwei Tagen meinen Freund bat, mich zu verkuppeln.

Dazu sollte allerdings gesagt sein, dass ich nicht davon ausgehe, tatsächlich verkuppelt zu werden. Ich bin nicht gerade leicht zu verkuppeln; nicht dass es oft Menschen versucht hätten (und das eine Mal, dass es doch versucht wurde, war es zugegebenermaßen nicht das Abwegigste, das man hätte tun können – an dieser Stelle nochmal herzlichen Dank an Susmita für den Versuch), aber man kennt ja sich und seine… wie heißt das… Schrullen. Genau. Das war’s.

Die Idee kam eigentlich sehr spontan und hatte vor allem den Hintergrund, dass ich gerne wissen würde, was für Kandidaten mir R zu Verkupplungszwecken so vorführen würde. Es würde schlichtweg an ein Wunder grenzen, wenn er es tatsächlich schafft. Andererseits sehe ich seinen Bemühungen (die, so, wie er sich darüber gefreut hat, ganz sicher irgendwann mal anlaufen werden) in dem Wissen, dass für mich dabei zunächst nichts auf dem Spiel steht, mit Neugierde entgegen. Ich bin monoamor; ich habe es schon dreißigtausendmal erwähnt, aber es muss ein weiteres Mal sein: Selbst meine Celebrity-Crushes verliefen in all ihrer übertriebenen Heftigkeit auf dem Zeitstrahl linear. Ich bin so gebaut. Mein Hirn ist nicht auf Abwechslung gepolt, nicht im Geringsten; mein Bedürfnis ist nicht das nach der Ausfüllung möglichst vieler Andockstellen, sondern die vollkommene, hundertprozentig sichere Verbindung mit einer. Ich bin mir demnach bewusst, dass eine erfolgreiche Verkupplung ohne Wenn und Aber dafür sorgen würde, dass meine Zuneigung zu (oder sagen wir, emotionale Abhängigkeit von) R ein schlagartiges Ende fände. Muss ja. Allein aus Selbstschutzgründen, da er sogleich verlauten ließ, dass aus einem Verkuppeltwerden meiner letztendlich die Öffnung der Beziehung zu beiden Seiten zu folgen habe. Und da, aller hypothetischen Bereitschaft zum Trotz, ich einen Punkt in meiner Entwicklung, an welchem ich eine solche Situation nervlich toleriere, in diesem Leben nicht mehr erreiche, werde ich die Gefahrenquelle fallenlassen wie eine heiße Kartoffel.

Aber wie erwähnt – ich bin nicht der Meinung, dass es geschehen wird. Kann nicht. Passt in meine Matrix nicht. Auch wenn ich mir sicher bin, dass, was hier den Eindruck einer Abwehrhaltung hervorrufen könnte, mich nicht davon abhalten sollte, etwaigen Ereignissen diesbezüglich offen in die Augen zu blicken.

Krebskuchen und andere Fails

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Argh! Trust me to manage burning a pie shell baking in the oven right behind me while reading food blogs.

Also, trust me to then take the now useless thing out in dismay, appalled by the amount of cancer-inducing smoke emerging alongside it, and position it in a ridiculously risky spot in the frame of the open window, from where, three minutes later, it naturally comes jumping down enthusiastically, sliding along on the floor, headed right back towards the oven where it just found its miserable, blackening death.

I’ll never learn, will I.

Ein Glück ist es relativ warm draußen, so hat sich der ganze Qualm und Gestank schon fast vollständig verflüchtigt.

Ich hatte gestern Abend das zweifelhafte Vergnügen, auf unvorhergesehene Weise mal wieder mit R’s polyamorer Facette konfrontiert zu werden. Mit dieser zu leben gelingt mir zwar mühevoll durch absolute Verdrängung, ihr leisestes Auftauchen aber stürzt meinen Kopf in bodenloses Chaos und mich selbst und meine kleine, einfältige Gefühlswelt in Panik, Zweifel und Verwirrung. Erst recht ein Hervorspringen aus dem Nichts, kombiniert mit einem Urwaldschrei und einem gehörigen Schlag in die Fresse, gefolgt von dem wohl zu Beruhigungszwecken angebrachten Kommentar „Sie macht dir keine Konkurrenz“.

Sicher, der erste Schockmoment war der ekligste. Dann kam ich nach Hause und fing an, meine Reaktion zu hinterfragen. Das war einer der dankenswerterweise wirklich fast ausgestorbenen Augenblicke, in denen ich beim besten Willen nicht wusste, an wen ich mich wenden sollte. Ironischerweise waren alle drei meiner engsten Bezugspersonen gerade zur Verfügung, aber weder Caro noch Laura noch Kepa traute ich zu, einschätzen zu können, inwieweit mein kleiner Weltuntergang, der sich aus R’s beiläufiger, fast ungläubiger, ja, perplexer Bemerkung heraus, ob ich nicht gemerkt hätte, dass er auf diese eine Frau steht, ergab, sich nun im Rahmen des Gerechtfertigten bewegte. Oder mir einen Rat erteilen zu können, wie ich damit umzugehen habe. Oder nur die Gedankenlawine nachvollziehen zu können, die mit Karacho dahergerollt kam und meine ganze traumhafte Verdrängung zerstörte.

Ich hab‘ dann ein bisschen gelesen. Wo die Konfrontation mit der aufs Äußerste verhassten Thematik halt schonmal erzwungen war, und weil ich mir wahrscheinlich von Menschen, die sich lieber und häufiger damit befassen, konstruktive Lösungsvorschläge erhoffte. Unter Anderem fand ich diesen Artikel hier. Den mochte ich.

Was bleibt jetzt zu tun? Nachdem ich mir augenscheinlich wieder einmal erfolgreich die Panik vom Leibe geschrieben habe – es hat sich in den letzten Minuten ein angenehmes Gefühl der relativen Gelassenheit eingestellt – sollte ich nun noch R davon in Kenntnis setzen, dass er bitte in Zukunft seiner uneingeschränkten „it’s all about me„-Mentalität diesbezüglich und damit verbundenen völlig unnötigen Äußerungen wie der gestern einfach nochmal ganz bewusst das Wissen entgegensetzt, dass alles Polyamorie Betreffende, laut ausgesprochen, bei mir zu Katastrophen unvergleichlicher Ausmaße führt. Dass er sich ein-zwei Gedanken machen könnte, ob das jetzt wirklich sein muss, wenn ihm schon das automatisierte Bedürfnis, geliebte Menschen nicht zu verletzen, so gänzlich fremd ist.

Ohne Hirn Pt.2

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Zitiere mich selbst – aus einem Macrocarp-Eintrag vom 21.12.11:

Hat irgendjemand von euch mal einen Mann mit einem HIRN getroffen, in dem neben perversem, wissenschaftlichem, politischem und eventuell noch kreativem Kramsch auch noch Kapazität für die Gefühle anderer Menschen vorhanden ist? o.O

Warum musste ich an diesem furchtbaren Tag etwas so schonungslos Wahres in Worte fassen?

Let’s play a game of Monopoly. (Oder: Details.)

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Also, Moment mal.

Nun ist also der Zeitpunkt gekommen, an dem mir vorgehalten wird, was für ein Opfer die Aufgabe der Polyamorie für ihn darstellt. Hab‘ ich’s nicht gewusst, hab‘ ich’s nicht gesagt, es kommt so weit. Wie gut, dass ich mich in einer Gesamtsumme von definitiv zu vielen ‚zig Stunden Kopfmalträtierung darauf vorbereiten konnte, voll und ganz hinter meiner Überzeugung zu stehen, dass ich jedes Recht habe, mir so ein widerwärtiges Druckmittel nicht unter die Nase reiben zu lassen.

Gut – zwei Mal in einer Woche den Mund aufmachen ist demnach zu viel. Registriert.

Das kann er grad echt nicht gebrauchen. Er hat ja Stress. Er muss schließlich sein Leben auf die Reihe kriegen. Das Problem: Der Moment, in dem er nicht gestresst ist und/oder sein Leben auf die Reihe bekommen hat, kommt am gleichen Tag wie der, in dem es Trudi super geht, sie ihr Leben auf die Reihe bekommen hat und ich ein Mal im Leben ohne schlechtes Gewissen sie darauf hinweisen könnte, dass sie gefälligst irgendeiner Haushaltspflicht nachkommen soll, die sie seit Wochen vernachlässigt. Richtig, das nennt man Sankt-Nimmerleins-Tag. Und so lange warte ich nicht.

Nun denn. Ich bin nicht polyamor, ich verabscheue das Prinzip aus so beispiellos tiefster Seele, dass man sich fragen muss, ob meine Seele so etwas wie einen Boden überhaupt besitzt; ich finde es feige und rücksichtslos und charakterlich mehr als bedenklich und werde den Teufel tun, von dieser Ansicht auch nur ein Milimeterchen zurückzutreten, und damn it, ich beleidige the hell out of dieser Idelogie, an die der bloße Gedanke mir die Eingeweide zerfetzt, aus reinstem Selbstschutz, and I’ll keep on doing that until I feel I don’t need to anymore,  and that’s going to be the day I feel safe with him, which is going to be the day I’m able to feel I’m enough for him, and that’s going to be the day hell freezes over. Cause he won’t let it go.

Das sind dann die Momente, in denen ich denke, nope, das wird nichts. Nicht in dreihundert Jahren. Ich verschwende jeden verfickten Moment meiner Zeit mit jemandem, der nie die Absicht gehegt hat, mir genug zu sein. Du bist glücklicher, wenn man sich noch jemanden dazuholt, dann geh und such dir jemanden, der mitspielt. Sorry, not sorry. Wer das braucht, hat nicht mein Verständnis von Liebe, von Liebe und dedication, von Liebe und dedication und commitment. Ich packe in meinen Wertekoffer. Ha, du bildest dir ein, besser zu sein als Andere. Du meinst, du bist der üble Committer. Du denkst, du hast die ultimative Einsicht in die Polyamorie. Leuten, die sie anders verstehen als du, sprichst du jegliches Recht ab, sich in die Schublade auch nur einzuordnen. Du beschwerst dich über Bindungsprobleme in der Poly-Szene, du Möchtegernheiliger, du Heuchler, du, der du genau so wenig willens bist, die volle Verantwortung zu übernehmen, wie jeder andere verdammte Poly-Mensch auf dieser Welt. Du Wichser, du verdammter Feigling hast doch nur Angst, dass dich jemand auf Dauer nicht erträgt. Damit eines Tages, wenn mir dein Oh-ich-bin-eigentlich-poly-was-habe-ich-nicht-alles-geopfert-für-dich-Gehabe, mit dem du jetzt ankommst, zu dumm wird, du mir sagen kannst, du hättest mich ja von jeher ermutigt, mir nebenher noch jemanden zuzulegen, der mich in meinen schwierigen Zeiten besser handlen kann. Damit entziehst du dich jeder Verantwortung; du willst einfach nicht selbst dran arbeiten, du willst einfach nicht die Gewissheit haben, dass ein einzelner (aber ganzer) Mensch sich in deine Hände legt, du willst Stücke von hier und Stücke von da, und unangenehme Situationen kommen gar nicht auf, denn man hat ja noch jemanden, der einen auch nur zur Hälfte kennt und natürlich auch nur zur Hälfte ertragen muss, das ist es doch und nichts Anderes. Kaum vorstellbar, dass ich diese Art zu leben befürwortet habe, bevor ich tatsächlich damit konfrontiert wurde. Und wenig verwunderlich, meines Erachtens, dass es mir wenig Freude bereitet, zu wissen, dass es das ist, was du eigentlich gern hättest. Das schnürt mir die Luft ab, das schnürt mir die Lebenskraft ab und die ganze riesige Selbstsicherheit, die du mir an anderer Stelle geschenkt hast.

„Wir müssen dringend an deinem Selbstbewusstsein arbeiten… und es wird mir ein Vergnügen sein.“

Hörte ich dich im Januar sagen und wundere mich im Dezember noch immer, wie du es fertigbekommst, mich des erstaunlichen Produkts unserer Arbeit immer wieder in Sekundenschnelle zu berauben, indem du mich wissen lässt, dass ich eigentlich ganz verkehrt bin, und meine Ansichten mit dem ekelhaften, intoleranten Drogenbild deiner Eltern vergleichst. Gowai, ich will das nicht mehr. Ich will raus hier.

Natürlich will ich nicht raus hier. Ich will alles, nur nicht raus hier. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ich will geliebt werden, umsorgt werden, beschützt werden, gekannt werden, erkannt werden, durchleuchtet werden bis in die allerletzte Ecke, wenn ich es doch schonmal geschafft habe, Mauern ab- und Vertrauen aufzubauen. So ein unmögliches Stück Arbeit. Ich will alles von mir herausholen können, teilen mit jemandem, der mich sehen will, in meiner Gesamtheit, um meine Wertigkeit zu erhalten, an die ich anders nicht gelangen kann. Das will ich eigentlich, und davon könnte „raus hier“ entfernter nicht sein. Verdammt, ich würd‘ nur so gerne haben, dass diese Eigenschaft „Monoamorie“, für die mich so unermesslich viele Menschen so lieben würden, bewundern würden, schätzen würden, von dem einen (aber ganzen), dem ich sie angedeihen lasse, zumindest nicht als dieser furchtbare Mangel angesehen wird, nach dem sich zu richten ein ungemein schweres Opfer darstellt.

The Dragon Without

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Wieder zwei Absätzchen weiter. Das geht schleppend, aber immerhin tut sich was.

Jetzt kurz containern fahren und dann keine Zeit mehr, ich muss zu Cihan. Ich bin gespannt, ob er schon irgendetwas dafür unternommen hat, sich die unregelmäßigen Subjonctif-Verbformen reinzupauken; he’d better know them oder ich sehe keine Chance für seine anstehende Arbeit.

R zieht es jetzt wirklich durch und arbeitet jeden Tag mit Arne am Aufbau ihres nunmehr offiziell gemeinnützigen Projektes. Ich wünschte mir, meine Bachelorarbeit würde mir im Entferntesten das gleiche Versprechen eines besseren Lebens als Lockmittel präsentieren, um ähnliche Motivation bei mir hervorzurufen. Aber ich fürchte, da kann ich lange warten. Was soll ich nur machen mit meinem Leben, was soll ich nur machen.

Mama vermittelte mir neulich einen Kontakt in Costa Rica, der sich offenbar bereiterklärt hatte, sich meine Eckdaten mal anzuschauen und mir Jobmöglichkeiten aufzuzeigen, falls ich Interesse hätte, nochmal für ein Weilchen nach dort drüben zu übersiedeln. In dem Zustand, in dem ich mich gerade befinde, bin ich fast schon wieder soweit, es in Erwägung zu ziehen. Ich hab‘ Hunger, ich bin sehr leicht angetrunken (gerade genug, um den Perfektionismus zu beseitigen, der mich blockiert ohne Ende und so davon abhält, mit meiner Arbeit voranzukommen) und R’s Bemerkung, ich solle mir doch Ersatz suchen für die Zeit, in der er nicht da ist, dann hätte ich zwei Kuscheltiere, hallt mir noch im Kopf nach. Joa, ich setz‘ mich nach Costa Rica ab, dort laufen zwar die übelsten Kreationisten und Kindesschänder rum, was sich dann Bildung und normale Erziehungsmethoden nennt und wo ich sicher mit meinen Vorstellungen gut reinpasse auf Dauer, aber wenigstens hab‘ ich die Gewissheit, dass R das Ganze super verschmerzen würde, denn Ersatz ist ja schnell gefunden. Yay, doesn’t that make me feel so incredibly loved and special.

„Ein Seil wird doch nicht dadurch dünner, dass man daneben ein zweites Seil spannt.“

Ich sag‘ dir, was das Problem daran ist, wenn du ein zweites Seil spannst, du Intelligenzbestie. Dein erstes Seil wird nicht dünner, da hast du Recht. Es wird einfach überflüssig. WEIL EIN VERFICKTES SEIL REICHT. Vorausgesetzt, es ist stabil. Vorausgesetzt, du traust ihm zu, dich aufzufangen. Wenn das natürlich nicht gegeben ist, stellt sich die Frage, was du überhaupt damit willst. Dein Seil kann dich nicht halten? Ach so, dann ist es nur logisch, es weiter mit sich herumzuschleppen, während man sich ans nächste hängt. Da freuen sich alle, die daran zu tragen haben, dein zweites Seil bestimmt auch. Wirklich?! Nichtmal ich wüsste einen Verwendungszweck für ein kaputtes Seil. Wenn auf mein Seil kein Verlass ist, steig‘ ich auf Freeclimbing um und schmeiß‘ das unnütze Ding irgendwo in den Abgrund. Vorausgesetzt es besteht aus Naturfasern. Sonst hoffe ich einfach, dass mir irgendwo in den luftigen Höhen eine Mülltonne begegnet.

Aspi Blanknerv mein Name, encantada de conocerlos.

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Mir ist nicht wohl zumute. Zu viele depressive Anflüge, und ich weiß schon wieder nicht, mit wem ich reden soll.
Gestern Nacht wieder ein angetrunkenes minor Zusammenklappen nach ziemlich niederschmetternder poly-bezogener Bemerkung von Seiten R’s. Ich glaube, gestern wäre ich wirklich mal fähig gewesen, mit meinen Zweifeln herauszurücken, wäre nicht JO dagewesen, die zwar schlafend, aber nichtsdestotrotz anwesend neben meinem Bett auf dem Boden lag. Das mache ich nicht, meine Konflikte in Gegenwart Dritter austragen. Hätte er einen Moment früher das Licht ausgemacht, hätte man das Heuldrama vermeiden können, dann hätte er gar nichts mehr gemerkt.

Es ereignete sich dann noch folgender Dialog:

„Es ist total cool, jeden Abend neben dir einzuschlafen, weißt du das?“
Heulen.
„Lustig, das widerspricht sich mit jeder Poly-Bemerkung, die du je gemacht hast.“
„Es ist trotzdem cool.“
Heulen. „Entscheid‘ dich doch mal.“
Pause.
„Komm doch endlich mal von dem Konkurrenzgedanken weg, wenn es um Poly geht.“
Heulen. „Es hat mit Konkurrenzgedanken nichts zu tun; es hat mit Nichtgenugsein was zu tun.“
Pause.
„Wenn du nicht genug wärst, würde ich mich ganz anders verhalten. Und damit meine ich nicht besser.“
Heulen.
Heulen.
Heulen.
„Du beunruhigst mich grade.“

Ich war kurz davor, ihn vor die Tür zu schleppen und mein ganzes Drama auszuschütten, aber dazu reichte die Verzweiflung dann doch wieder nicht ganz.

Davon ab: Ich will dieses Grundeinkommen. Ich will nichts so sehr wie das Grundeinkommen. Oh könnte ich nur bedingungsloses Grundeinkommen beziehen. Ich könnte meinen Teil dazu beitragen, der Welt die uneingeschränkte Richtigkeit dieses Konzeptes zu beweisen. Oh könnte ich nur.

Genugsein. Eine Utopie.

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Nachdem ich heute festgestellt habe, dass ich zu benebelt für die Welt war.. nimm dir als Erklärung dazu lieber das hier. Eine gegen Ende wirklich beeindruckende Dokumentation einer zu wenig dokumentierten Welt, der zwischen Wachsein und Schlafen nämlich, ich habe noch genau eine ähnliche Aufnahme aus Vitoria, aber diese hier ist eigentlich, was das angeht, unparalleled.

Am Einschlafen 20.6.15

Ich konnte mich im Übrigen auch erst wieder daran erinnern, die Aufnahme überhaupt angefertigt zu haben, als ich das AG heute Früh bei mir im Bett liegen sah. Es hingen noch vier Stunden Schlaf dran, welche ich dir hier erspare.

Mir ging’s noch nicht wieder richtig gut, als ich aufwachte heute Morgen. Um ein Haar hätte ich meine Laune als Ausrede benutzt, mich einfach ganz wieder hinzuhauen heute an meinem komplett freien Tag. Zum Glück habe ich mir selbst entgegengewirkt und war lieber im Garten produktiv, bevor mich dann doch die Lethargie wieder packte und ich mich zurück ins Bett begab. Zu viel Vortex gezockt heute, eindeutig zu viel. Ich fühle mich unerfüllt.

R kommt Montag Früh schon. Meine Begeisterung darüber wird in erster Linie von dem Wissen getrübt, dass er Montag und Dienstag vier WG-Besichtigungen vor sich hat und sich das frühere Aufschlagen vor allem darin begründet, sowie von seiner grenzenlosen Egozentriertheit, mit der er es tatsächlich schafft, nicht zu begreifen, dass man betrunkenes Aspi bitte nicht mit Poly-Bemerkungen behelligt. Beziehungsweise von dem entsetzlichen Gefühl, das das schon wieder ausgelöst hat. (Es ist immer noch da, wenn auch nicht mehr so schrecklich doll.) Wie um alles in der Welt soll ich denn meine Mauerabbauarbeit leisten, wenn er alle paar Sekunden von vorne mit Bemerkungen in diese Richtung aufwartet. Ich dachte, ich könnte die Arbeit weitestgehend unbemerkt und ohne viel Theater vonstattengehen lassen, aber wie’s aussieht, sollte ich ihm doch nochmal explizit mitteilen.. ach, was soll’s. Mitteilen hin oder her, das wird doch nichts. Wieso geb‘ ich’s nicht gleich komplett auf. Ich könnte auch einfach weiter auf der erfolglosen Suche nach jemandem vor mich hinvegetieren, dem ich schlicht und ergreifend und ganz ohne Aufopferung fragwürdiger Prinzipien genug bin.

Uägh.

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Und es hört nicht auf.

Man muss dazu sagen, dass ich betrunken bin und bis vorhin noch sehr gut gelaunt durch die Gegend taperte- Dann kam ich nach Hause und rief R an. 

Er sagte jede Menge andere Sachen, gute Sachen, in dem Gespräch, aber ich verbrachte trotzdem die größte Zeit mit Heulen, einfach weil man damit nicht anfangen sollte, wenn ich in diesem Zustand bin.

Heute habe ich frei und werde alles Mögliche an Dingen tun, die auf meiner Liste vermerkt sind. Basti und Trudi sind noch feiern. Ich habe es geschafft, mich zu widersetzen und zu Hause zu bleiben, auch wenn ich ihnen gesagt hatte, sie müssten mich nur genügend abfüllen, um mich zum Mitkommen zu überreden. Es hat aber nicht gereicht (wohl aber dafür, dass ich in Bastis Wohnung eine halbe Stunde lang zu dessen Remixes mit R’s Kuscheldecke getanzt habe, die er dagelassen hat, als er wegzog).

Ich gehe schlafen.