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Glasscheiben verdienen

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Ich hab‘ von Şahin geträumt, aber ich weiß nicht mehr, was. Nur, dass wir uns nicht ignoriert haben wie sonst meistens. So skurril, dass das immer noch vorkommt. Man sollte meinen, die Realität und die Lichtjahre an persönlicher Entwicklung, die ich dem Menschen aus meiner Erinnerung heute den Eindruck habe vorauszusein, hätten ihr Übriges dazu getan, mich davon abzukapseln. But alas, das menschliche Gehirn ist merkwürdig und tut nicht unbedingt immer das, was man von ihm erwartet.

Ich muss heute schon um halb drei Uhr bei Marthe sein, und der nassgraue Horror da draußen lässt vermuten, dass ich dafür den Bus nehme. Klassischer Fail von mir, aus den drei warmen Tagen vor ein paar Wochen zu schließen, es würde jetzt Frühling werden.

Beccis und mein Urlaub wird in der Form nicht stattfinden, worüber ich froh bin. Stattdessen kommt sie zu mir und wir gehen mit R auf das Fanny-van-Dannen-Konzert und besuchen Kepa, sofern der nicht beschließt, an den entsprechenden Tagen spontan irgendwo anders in eine Felsspalte zu klettern.

Ich müsste arbeiten, aber ich habe. Keine. Lust. Der Auftrag muss morgen Früh um 9 fertig sein; es ist ein interessantes Thema – zur Abwechslung mal wieder, ich kann kein Social-Media-Gedöns mehr sehen – aber es wird anstrengend zu korrigieren, das wird schon aus den ersten Sätzen ersichtlich. But alas, again, was soll man machen. Wenn ich ein Gewächshaus haben will, muss ich dafür erstmal in eine Situation kommen, in der es mir theoretisch möglich wäre, meinen Eltern Miete zu zahlen.

Das ist diesen Monat definitiv der Fall; ich habe noch nie so viel hintereinander gearbeitet. Und nachdem ich den Batzen Geld von R zurückbekommen habe, fällt nichtmal der Flug nach Bolivien groß ins Gewicht, den ich neulich gebucht habe. Oh, es ist eine Erleichterung, liquide zu sein. Wie ich zu R bereits sagte – jetzt kann ich mir schon die Eingangstür zu meinem Gewächshaus kaufen.

An die Arbeit, an die Arbeit, dann kommt bald noch eine Glasscheibe dazu oder eine Stunde Besprechung mit einem Architekten.

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Such a rainy day

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Es ist… so grau.

Wow. Wirklich, ich habe so on-off bis 12 geschlafen, weil ich keinerlei Impuls verspürt habe, mich zum Wachwerden zu bringen. Vom Moment des Aufstehens an ist das Lied nicht aus meinem Kopf wegzubekommen.

The most rainiest day of my liiiiife.

Stimmt zwar nicht, es war einfach nur so lange nicht mehr nass und grau, dass man es einfach so empfinden muss, aber das stört das Lied ja nicht.

Ich habe den letzten noch im Kühlschrank befindlichen Fertigkäsekuchen zum Frühstück angebrochen und mir einen Kaffee gemacht, mich hingesetzt und Scrubs geguckt, die übliche Routine. Dann eine Stunde an Timos Doktorarbeit gewerkelt, die ich ihm korrigiere.

Nebenher warte ich auf den Anruf der Scribbr-Frau. Ich habe gestern den Bescheid bekommen, dass ich zum Probearbeiten angenommen wurde, und könnte mich darüber dumm und dämlich freuen, wenn ich mich nicht so sehr fürchten würde. So viel Neues. So viel Arbeit. Aber das ist es nicht, vor dem ich mich fürchte, natürlich, sondern dass ich es nicht gebacken bekomme, das ist es. Dabei wäre es ein Traum. Wenn ich nur erstmal sicher wäre, dass ich das schaffe.

Es ist nicht sonderlich gemütlich hier drinnen. Das liegt daran, dass ich noch immer nicht das Staubsaugen hinter mich gebracht habe. Genausowenig habe ich aufgeräumt, geduscht oder sonstwie dazu beigetragen, dass ich es mir endlich richtig schön machen kann, mit Kerzen und Räucherstäbchen und Musik und allem. Ich sollte das wirklich mal tun.

Ja, komm schon. Die Folgen Lebensmittelvergiftung habe ich jetzt endgültig auskuriert, an drei Tagen genug für drei Wochen geschlafen und sichergestellt, dass Nahrungs- und Flüssigkeitshaushalt sich wieder auf ein akzeptables Niveau einpendeln. Ich fühle mich wieder gesund. Dann kann ich mich ja auch wieder entsprechend verhalten.

Memories

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Irgendwie war mein Leben ergreifender, als ich mich noch mehr mit Dingen konfrontiert habe. Ich sollte damit wieder anfangen. Selbiges erzählte ich gestern Abend auch R und kam aus heiterem Himmel darauf, mir mal Holzrosensamen zuzulegen. Die sollten doch helfen. Ich komme mit dieser Konfrontationsunwilligkeit und dem damit verbunden sinnlosen Vormichhinexistieren nicht mehr klar. So ändert sich ja nie was bei mir.

Es schüttet aus Kübeln draußen, den Großteil des Tages schon, mit einer Stunde Pause gegen fünf. Außerdem schüttet es in Kübel; ich war eben nochmal draußen, um die Eimer umzuverteilen, während ich mit R telefonierte, der mich fragte, ob es klüger sei, das Fahrrad in der Arbeit stehen zu lassen und den Bus zu nehmen. Bei ihnen unten würde es nur ein bisschen tröpfeln, aber er würde ja den Horizont in unserer Richtung sehen. Gut, dass er anrief; ich wäre nichtmal darauf gekommen, ihm bescheidzusagen, weil ich dadurch, dass ich kein Semesterticket mehr besitze, diese Möglichkeit des Trockenbleibens immer ganz vergesse.

Aber was bin ich froh über diese Sintflut. Eine meiner Azorenpflanzen ist seit gestern am Blühen, die zweite kurz davor, und es sieht so wunderbar aus, wie das tropisch herabprasselnde Wasser von ihren Blättern abperlt. Sie fühlen sich hoffentlich richtig zu Hause.

Ich habe heute, wie schon ganz lange nicht mehr, damit verbracht, einen Teil meiner hier dokumentierten Vergangenheit durchzulesen. Es war gut, dass ich das getan habe; auf diese Art konnte ich feststellen, dass ich zwischen 2010 und heute in der Tat ein paar elementare Entwicklungsschritte vollziehen konnte.

Weiterhin habe ich, dem Vorhaben eines 2012er Eintrags gemäß, mich motiviert gefühlt, tatsächlich mal „Eberybody“s Changing“ von Keane auf der Gitarre durchzuspielen. Nun kann ich das also auch mal. Und ich habe mich an den Moment erinnert, in dem ich in Costa Rica vor dem Computer saß und „You Be Tails, I’ll Be Sonic“ zum ersten Mal gehört habe. Und an ganz viele andere Momente auch.

Nun erfordert aber das nahende Ende des Tages meine Rückkehr in die Gegenwart. Ich habe mir vorgenommen, die Putenkeule zuzubereiten, die ich letzte Woche mit Yannick containert habe. Ich habe so etwas noch nie getan und hoffe nur, dass es nicht so lange dauert, wie ich es gerade befürchte. Nachher fahre ich nämlich schon wieder los, weil Yannick danach über eine Woche im Urlaub ist (schon wieder – oh, gesegnetes Informatikerdasein; irgendwann wird es R auch mal so ergehen) und er mich für heute Abend nochmal auf eine Schatzsuche eingeladen hat.

Von demher: bis bald.

Mystery Food und ganz viele freie Tage

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Jetzt regnet es ja schon wieder. Ich sitze an der einzigen überdachten Bushaltestelle des ganzen Berges und warte auf das Fahrzeug, das mich nach Hause bringt. Trotz Überdachung ist es nicht ganz einfach, wirklich trocken zu bleiben; der leichte Wind macht seine Arbeit gut.

Ich habe meine letzte Arbeitssession für die nächste Zeit hinter mir. Sophi hat nach ihrer Englisch-Kommunikationsprüfung zwei wohlverdiente Wochen Ferien und braucht seit Langem nichts mehr für die Schule machen – es ist so gut wie überstanden. Wir sind uns beide einig, dass sich die zwei Wochen sehr, sehr lang anfühlen werden.

Vor meinen Stunden bei Sophi war ich in meinem neuen Foodsharing-Betrieb Essen holen. Es ist die Kantinenküche einer Privatschule mit Internat (lustigerweise genau diejenige, die Sophi besucht); alles hat reibungslos geklappt, obwohl ich meiner Natur gemäß vor der Abholung die fürchterlichste Panik verspürt hatte, und ich befinde mich nunmehr im Besitz eines halben 5-l-Eimers voll qualitativ hochwertigem Essen. Ich weiß nur immer noch nicht, um was es sich dabei genau handelt, weil ich, wie gesagt, von der Abholung direkt zur Arbeit musste.

Nun sollte gleich aber auch mal der Bus kommen. Ich sterbe vor Hunger und kann es nicht erwarten, zu Hause mit Malte den Mystery-Eimer zu öffnen.

Azorenregen

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Heute hat es geschüttet, als wäre im Himmel oben irgendwo ziemlich genau über uns ein Damm gebrochen. Es wurde also noch einmal ein richtiger Chilltag, aller Voraussicht nach der letzte des Urlaubs – ab morgen Nachmittag haben wir das Auto und werden damit unterwegs sein und zum Chillen weder Zeit noch Ausreden haben.

Aber heute war schön. Ein angenehmes Nichtstun, nicht zu vergleichen mit dem elendigen Versacken vor einer Woche. Wir haben unser bewährtes Urlaubsbrot mit unendlich Knoblauch gegessen, dessen Teig Becci am Vorabend schon zubereitet hatte, sodass ich nur noch zwei Fladen daraus formen und in der Pfanne backen musste. Dann schnell zurück ins Bett, in das warme Zimmer, zum Luxus des kleinen, aber effektiven transportablen Heizkörpers, den ich nach der ersten, durchfrorenen Nacht aus dem Gemeinschaftsraum zu uns verschleppt habe und seither wie eine Gottheit verehre.

Wir hängen im Bett und reden wenig, lesen, zocken und hören Musik. Wir haben Honiglikör mit Zimtnote, Produkt der Azoren, und Erdnüsse mit Honig- und Salzkruste; Dekadenz, die wir uns zu erlauben entschlossen, nachdem uns die Autovermietung am Flughafen – vielleicht in Anbetracht unseres Hippietouristenaussehens – ungefragt einen Rabatt von knapp 20 Euro angeboten hatte. Die Flasche steht in dem Spalt zwischen den Matratzen unserer zusammengeschobenen Betten, einige Erdnüsse sind in der Schüssel neben meinem Kopfkissen.

Becci schläft mit Kopfhörern in den Ohren, und ich frage mich, welchen Effekt dies auf die vor ihr liegende Nacht haben wird, aber ich möchte sie auch nicht aufwecken.

R schreibt mir, dass er mich vermisst, und ich bin glücklich und antworte dasselbe. Seitdem ich ihn kenne, ist dieses Wegsein das allererste mit Kommunikation zwischen uns, die unserer Beziehung gerecht wird. Ich bin unfassbar froh darüber, wie alles immerzu besser wird und die Fortschritte kein Ende nehmen. Diese Beziehung ist schon seit Langem nicht mehr die Bauruine, die ich damals bezogen habe; sie hat eine Kernsanierung hinter sich, ein dichtes Dach und eine isolierte Fassade, eine Fensterfront mit Meerblick und ein ausgebautes Dachgeschoss. Es ist darin warm und gemütlich und nichts an der Einrichtung ist provisorisch. Und langsam, aber sicher kann ich mich den letzten paar Kisten zuwenden, die noch im Keller stehen.

Update

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Was für ein Wetterchen. Von einem Moment auf den anderen kam der Regen; orkanartige Böen schleuderten ihn meinen armen Pflänzchen entgegen wie wütende Rächer (vielleicht hatte ich die Wolken ihretwegen in den letzten Tagen ein bisschen zu sehnlich herbeigewünscht), und der dicke Strahl aus dem Balkonabfluss der Über-Nachbarn machte beileibe keine Anstalten, in das darunter aufgestellte Arsenal an Eimern zu zielen (als würde man von einem Stockbesoffenen erwarten, die Kloschüssel zu treffen, so hoffnungslos sah es aus von meinem Standort hinter der Tür).

Und jetzt, zehn Minuten später, ist es vorbei. Das Regenrohr ist vollständig ausgenüchtert und entlädt sich brav in einer geraden Linie, sodass sich mein Gießwasservorrat mit einem Mal wieder richtig sehen lassen kann. Sonst ist alles ruhig, kein Donner mehr, nur die Terrasse steht unter Wasser – ich kann ja schlecht überall Eimer aufstellen.

Meine letzten Wochen waren ereignisreicher, als die hier an deren Stelle befindliche gähnende Leere vermuten ließe. Ich habe eine Abtreibung und dementsprechend Teile einer Schwangerschaft hinter mir, wozu ich gern im Laufe der Zeit so viel und gründlich es geht berichten würde, aber lass mich schauen, wie ich das geregelt bekomme. Am allerwichtigsten, und das sei sofort verkündet: es geht uns wieder gut, in erster Linie mir, und das ist unfassbar wertvoll. Ich war (natürlich, immerhin lag die Wahrscheinlichkeit bei 5:1000) einer der glücklichen Fälle von Hyperemesis, demnach durfte ich zwischen der Feststellung der Schwangerschaft und dem durch verschiedenste Schikanen der Gesetzgebung völlig unnötigerweise hinausgezögerten Zeitpunkt der Abtreibung eine neue Dimension von Hölle auf Erden erleben; R ging auf dem Zahnfleisch mit seiner sehr begrenzten Kapazität an Aufopferungsgabe und bemühte sich nach seinen Maßstäben zwar rührend, mir alles nicht noch schwerer zu machen, war allerdings gleichzeitig hoffnungslos überfordert und zudem (wie ich später erfuhr) außer sich vor Angst, ich könnte mich umentscheiden und das Kind tatsächlich zur Welt bringen wollen.

Ich habe diverse Anekdoten zu erzählen aus dieser jungen Vergangenheit; auf keinen Fall dürfen diese hier unerwähnt bleiben. Allerdings quetsche ich das bestimmt nicht alles in einen Monsterpost, daher später.

Unsere Nachbarn haben sich mittlerweile dann wirklich getrennt (da knackste es schon seit Längerem, aber sie haben es immer noch versucht). Ich erfuhr davon, als ich gerade ein paar Tage befürchtete, ich könnte schwanger sein. (Im Grunde war es R, der meinen Verdrängungsmodus immer wieder mit dieser Vermutung durchbohrte, was skurril ist in Anbetracht des noch viel größeren Horrors, den die Vorstellung bei ihm auslöste. Ich habe es dann bereitwillig akzeptiert, lustigerweise, während er noch ewig gebraucht hat, um es wirklich einsickern zu lassen.) Jedenfalls habe ich dann mit Jassi im Bus gesessen und die Details über ihre Trennung, Wohnungssuche etc. erfahren und kam so nicht einmal dazu, ihr von meinem Verdacht zu erzählen. R hat es Felix später erzählt – spätestens, als ich in Form eines todgeweihten Bündels Elend im Bett lag und er rüberging, um für mich von Felix eine Wärmflasche auszuleihen. (Felix‘ Wärmflasche, habe ich bei der Gelegenheit feststellen dürfen, hat den flauschigsten Überzug aller Zeiten. Es war Himmel. Sofern irgendetwas bei diesem Zustand eben Himmel sein konnte.)

Nun zieht Jassi wohl morgen aus, Felix demnächst ebenso, und wir dürfen uns ein Mal mehr auf neue Nachbarn freuen. Ich bin skeptisch, weil ich stark vermute, dass wir nicht ein drittes Mal hintereinander solches Glück haben können. Janna und Kobi waren auch schon sehr nett gewesen, obschon mir die Tatsache suspekt war, dass sie beide Theologie studierten. Sie mussten dann ja auch unbedingt weggehen, um zusammen in Israel ein paar Auslandssemester einzulegen. Wie viele Pärchen werden wir hier wohl noch überleben? Nicht dass ich mich beschweren würde; solange wir uns unser eigenes Glück in diesem Maße erhalten, können die Nachbarn meinetwegen monatsweise wechseln. Ich liebe ihn so sehr, meinen Menschen, und mein Vertrauen in die Stabilität unserer Beziehung ist an diesem Punkt mindestens so enorm wie die Arbeit, die beide von uns da hinein investiert haben. Das unaussprechliche Entsetzen einer ungeplanten Schwangerschaft hat, ob man’s glaubt oder nicht, ein Übriges dazu beigetragen. Er hätte besser kaum damit umgehen können.

Endlich Regen, welch ein Segen.

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Es gewittert, will aber nicht richtig regnen. Ich hoffe sehr, dass es bald anfängt, damit meine Gießwasservorräte wieder aufgestockt werden – gestern musste ich schon komplett auf Leitungswasser zurückgreifen.

Wobei… Langsam scheint es endlich anzufangen. Dann sollte ich das Gleiche tun; ich habe ein Referat vorzubereiten und eindeutig zu wenig Lust darauf.

Okay, ich werde jetzt auf die Terrasse gehen und zusätzlich zu den bereits aufgestellten Eimern noch weitere hinstellen – schaden kann’s nicht und ich brauche wirklich dringend das Wasser – , dann R im rosa Zimmer einen Besuch abstatten (der hat sich heute krankschreiben lassen, weil ihn, genau wie mich, Beccis Erkältung dann doch nicht so schnell wie gedacht aus ihren schleimigen Klauen lassen will), und dann mache ich das Referat. Es ist ja nicht, als hätte ich eine Wahl – der Vortrag ist morgen.

Regenpause

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10 Grad und Regen in Granada, aber ich bin zufrieden. Wir sind im Gemeinschaftsraum des Hostels, Becci schreibt noch an der Geburtstagskarte für ihre beste Freundin und draußen auf dem Baumhaus macht jemand Yoga. Sieht zumindest so aus durch das Fenster und die tropfenden Zweige des Olivenbaums.

Aber der Moment ist schon wieder vorbei, es hat aufgehört zu regnen und Becci konsultiert den Wetterbericht und die beiden Jungs uns gegenüber spielen Sound of Silence. Oder versuchen es zumindest. Ihnen fehlt eine Person für die dritte Stimme, aber natürlich kommen sie nicht auf die Idee, jemanden zu fragen.

Gewissen bereinigt, die Wohnung noch nicht.

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Chaotisch sieht’s aus hier. Manche der Kisten sind so schwer, dass ich sie allein nicht bewegen kann, und in der Mitte des Raumes steht mein Orangentisch und blockiert noch den letzten verbleibenden Durchgang. Aber ich komme voran.

Ich hatte mir mehr vorgenommen für heute, als ich schaffen werde. Gut, dass morgen auch noch ein Tag ist, und zumindest die wichtigen Dinge erledigt sind. Ich habe mich endlich gezwungen, Keyla und Vanny zu schreiben. Nachdem ich denen nämlich verkündet hatte, sie im April besuchen zu kommen, und dann das ganze Disaster über mich hereinbrach, hatte ich mich bis vorhin nicht dazu bringen können, sie darüber in Kenntnis zu setzen. Ich habe versucht, ihnen so ehrlich wie möglich zu erklären, wieso ich mich so unfassbar asozial angestellt habe in dem Punkt.

Letztendlich beläuft es sich darauf, dass ich ein riesigs Problem damit hatte, mich selbst mit der Tatsache zu konfrontieren. (Das war mal eine Reise, die ich seit fünf Jahren geplant hatte. Ein Versprechen, das ich gedachte einzuhalten: Wenn ich fertig bin mit Studieren, komme ich wieder. Jetzt einzusehen, dass ich dank Trudi die für Familienbesuch eingeplante Zeit für Umzüge aufbringen sollte und das entsprechde Geld für hirnrissige Dinge wie Umzugswagen und einen Vodafone-Vertrag, von dem ich nichts mehr habe… Mäh.) Und darauf, dass wie so oft der letzte Strohhalm einfach der war, es durch Nichtkommunizieren den Mitbetroffenen gegenüber einfach nicht real werden zu lassen. Vielleicht der gleiche Dämon, der Trudi geritten hat, als sie mir monatelang verschwieg, dass sie den Strom nicht gezahlt hatte. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass Keylas und Vannys Licht noch angeht.

Vielleicht sollte ich doch noch etwas mehr erledigen. Ich habe aufgrund suboptimaler Wetterbedingungen (anders gesagt, widerlicher Sintflutregen) bisher davon abgesehen, das Haus zu verlassen; so liegt auch der Geburtstagsbrief für meinen Onkel noch hier herum, auf dem zwei Cent zu wenig Porto klebt, und ich habe meine geplante Riesenbackaktion (zwecks Eier-, Quark- und Frischkäsevernichtung und gleichzeitigem Füllen der leeren Einmachgläser zu gewissensfreierem Mit-Umziehen) noch nicht ausführen können, da der dafür benötigte Zucker leider Gowais in Bastis Wohnung verweilt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden – es sieht gerade verdächtig hell aus da draußen, fast, als wäre es Tag.

Wobei, Moment mal. Heute ist Schlüsselübergabe in Heidelberg. Mein Vater, der das übernimmt, kommt nachher hier vorbei, sodass es theoretisch möglich wäre, den Zuckertransport ganz sicher regenfrei im Auto zu erledigen. Wie wär’s? Oh herrliches Leben.

Außerdem habe ich es dafür heute schon geschafft, meine Flüge nach Bilbao und zurück zu buchen; da es so aussieht, als würde ich es dieses Jahr tatsächlich mal ins Barnetegi schaffen, war diese Aktion heute verpflichtend. Die ersten beiden Juliwochen, grob gesagt, werde ich mir also so viel Euskera reinprügeln, wie es mein untrainiertes Siebhirn nur zulässt. Wenn ich also jetzt noch den Heidelberger Stadtplan ausdrucke, um am Dienstag die Wohnung auch ganz sicher zu finden, wäre doch aus diesem überschwemmten Tag schon wieder das Meiste herausgeholt.

Hier oben im trüben Tropfenland

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So war ich nun mit meinen Eltern in Hamburg, eins der letzten Male wohl. Mir war bis heute nicht klar, dass irgendwo ihr Wegziehen aus dieser Gegend auch für mich die Konsequenz trägt, nicht nur äußerst selten noch, sondern einfach gar nicht mehr hierzusein. Hamburg war in meinem Leben so lange eine Selbstverständlichkeit. Jetzt wird es einfach zu einer weiteren fremden Stadt, in die zu reisen einen Aufwand bedeutet, ein Privileg. Ich will wirklich nicht darüber nachdenken.

Irgendwann heute Vormittag ging meine Panik für ein paar Stunden komplett weg. Ich habe es bemerkt, als Mama und ich uns gerade im Thalia herumgetrieben haben, sie mir soeben einen Namibia-Lonely Planet geschenkt hatte und wir dabeiwaren, uns nach einem Geschenk für Papa umzusehen, das ich auf die letzte Minute noch finden wollte. Auf einmal war sie weg. Das war schön.

Ich habe Papa einen Kalender mit Cartoons gekauft und dazu gleich noch für Peruaner-Pedro einen mit Zitaten, zum Geburtstag. Er hat ja schon am 13. Januar. Außerdem habe ich im Indien-Laden eine Dose Rose Petal Spread gekauft, um es Trudi mitzubringen. Mama wurde auch wieder spendabel und hat mir erlaubt, mich für 10€ mit allem einzudecken, was mein Indian-Food-fanatisches Herz so begehrt. Es war umwerfend. Ich bin nunmehr im Besitz von Gewürzmischungen, die mir fürs nächste Jahr auf jeden Fall schonmal fortwährend von köstlichen Aromen geprägtes Essen garantieren werden.

Ich hatte versucht, Nicole und Simone zu erreichen, aber nachdem keiner von beiden ans Telefon ging, bin ich einfach mit meinen Eltern zurückgefahren. Jetzt sind sie gerade unten beschäftigt mit den zukünftigen Besitzern dieses Hauses, und ich habe Zeit, mein Facebook zu pflegen und mit dem Luxmensch zu skypen. Das habe ich soeben schon getan; jetzt musste er gerade für 10 Minuten weg, aber nicht, bevor er mir eröffnete, dass er Silvester doch zu mir kommt und ein reicher Bekannter von ihm ihm die Reise bezahlt. Glück muss man haben. Und gerade er kann es wirklich gut gebrauchen.

Mit Kepa treffe ich mich am Nachmittag des 26. Der ist inzwischen auch wieder im Lande und wahrscheinlich jetzt sogar schon hier oben angekommen. Ich hab‘ Angst vor seiner Ahnungslosigkeit. Wie soll ich das nur bis Namibia aushalten. Wäre nur Namibia nicht, dann könnte ich eine meiner berühmten „Mach’s kaputt, bevor’s dich kaputt macht“-Aktionen abziehen und ihm einfach knallhart verkünden, dass ich keinen Nerv darauf habe, noch weitere Monate meines Lebens mit Panik und ungeklärten Sachverhalten zu verbringen. Ihn in die Wüste schicken, sozusagen. Dahin, wo wir uns Ende Februar aller Voraussicht nach eh zusammen rumtreiben.

Jetzt habe ich noch ein Stündchen mit Basti geredet. Ich bin einfach froh, dass es Leute gibt, die mit mir reden wollen. Und nicht nur das – die mir erlauben, sie kennenzulernen, und mir Sachen anvertrauen, die es mir leichter macht, sie zu verstehen. Es ist wirklich einfach mit dem Luxmensch. Ich muss mich nicht so furchtbar verstellen. Ich bin eh dabei, am Rad zu drehen, weil ich zu dem verdammten anderen Mensch keinen Zugang habe. Nicht den leisesten Schimmer eines Zuganges.