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Peaks and valleys

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Abhetzen des Todes, tausend letzte Erledigungen in eine Dreiviertelstude gequetscht, allen Widrigkeiten zum Trotz es irgendwie hinbekommen, letzten Endes eine Stunde zu früh in Konstanz dank grandiosester Verpeiltheit und zu viel Gepäck, um sie zu nutzen – dieser Umstand hat es verdient, in Morissettes Ironic eine neue Hauptrolle zu spielen.

Statt bei umwerfendem Seeblick am Hafen ein flüchtiges Heimatgefühl aufzusaugen, tue ich dies auf einer Bank am Döbele vor der stilvollem Kulisse des Kiosks, gelegentlicher Fernbusse und parkender Fahrzeuge. Das tut dem Heimatgefühl keinen Abbruch, mindert aber die Dramatik des ganzen Stopovers beträchtlich – vielleicht gar nicht so schlecht, wenn ich es mir genau überlege.

Umso überwältigender scheint das Zuhausesein im Kontrast zu dem wenig erbaulichen Eindruck, den die Schweiz mir noch im letzten Moment meines Aufenthalts meinte bescheren zu müssen. Am Winterthurer Hauptbahnhof bemühte ich mich vergeblich, mit den zu diesem Zweck abgezählten, der Schatzkiste meiner Mutter entnommenen Franken ein Zugticket zu erstehen; der Automat weigerte sich standhaft, meine 5-Franken-Münze zu akzeptieren, und in meiner Verzweiflung in Anbetracht des steigenden Zeitdrucks (mir blieben 6 Minuten bis zur Abfahrt meines Zuges und selbstverständlich war mir meine einstündige Verfrühung noch nicht bewusst) wandte ich mich an ein älteres Schweizer Ehepaar, das neben mir den Fahrplan studierte, mit der Frage, ob sie bereit seien, meine störrische Münze gegen eine andere zu tauschen. Sie erwiesen sich zunächst sehr hilfsbereit und begannen in ihren Geldbeuteln zu kramen, bis der Mann einen genaueren Blick auf meine Münze warf und mir eröffnete, sass es sich hierbei nicht um echtes Geld handelte. Augenscheinlich war ich, wie meine Mutter zuvor, einer Atrappe auf den Leim gegangen. (Nach der heute gemachten Erfahrung halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass diese in bösartiger Absicht in Umlauf gebracht wurde, um Ausländer zu verarschen.)

Jegliches Interesse, mir zu helfen, verschwand ob dieser Wendung der Dinge abrupt aus den Herzen meiner potenziellen Retter. Als ich mich wider besseres Wissen erdreistete, anzufragen, ob sie eventuell bereit seien, mir die 5 Franken ohne Gegenleistung zu überlassen, erntete ich nur noch Empörung. (Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass auch aus meinem Betragen daraufhin jede Freundlichkeit wich und ich meinem Emtsetzen über den Sachverhalt in wenig samften Worten Ausdruck verlieh.)

Da mir nichts Anderes blieb, als die absurde Summe für meine bevorstehende Zugfahrt mit meiner Bankkarte zu bezahlen, was sie ganz sicher auch nicht billiger machte, verfuhr ich entspechend und hastete zum Zug. Falls meine Füße bis zu diesem Punkt noch blasenfei gewesen waren, war es um diesen Zustand nun endgültig geschehen.

Soeben kam sogar schon der Bus an, was mich und meine kalten Finger zutiefst beglückt. Beim Einsteigen bin ich der goldigsten alten Dame begegnet, die sich nach der Buslinie erkundigte und anschließend an eine kurze Unterhaltung darauf bestand, dass der Busfahrer mich als Erste einsteigen ließe, schließlich sei ich als Erste dagewesen. Sie hat unter meinen gerührten Protesten tatsächlich Anstalten gemacht, dem Kerl, der dem Fahrer vor mir sein Handy zum Scannen entgegensteckte, selbiges zur Seite zu schieben, damit ich meine rechtmäßige Platzierung nicht verlöre.

Ich verwette alles, was mir heilig ist, darauf, dass mir diese Frau in meiner Notlage die 5 Franken geschenkt hätte. Hätte sie da am Bahnhof gestanden anstelle dieser widerlichen anderen Menschen, hätte ich nicht anschließend im Zug vor Fassungslosigkeit erstmal richtig bitterlich geheult.

Zu meinem großen Glück war der Kontrolleur in besagtem Zug wiederum so lieb und freundlich, dass mein Vertrauen in die Menschheit nicht noch weiter getrübt wurde. Und diese Zuckerdame, die nun vorne im Bus sitzt und nach Stuttgart fährt, hat es vollständig wieder hergestellt.

So much stuff. So little sleep.

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So komatös, wie ich bin, schreib‘ ich heute gar nichts mehr.

Außer vielleicht: Ich lebe, aber ich muss ins Bett; Lörrach im Endstadium (Hazel Brugger hatte Recht, aber sowas von) und eine relativ gute Chance, dass ich morgen in aller Herrgowaisfrühe von meiner verschnupften, aber nicht aufzuhaltenden Mutter geweckt werde, um das Meditieren zu erlernen, sind beides Faktoren, die dafür sprechen.

Busfahrt durch die Pampa. Danke, Pacha mama.

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Das muss die unwahrscheinlichste Busfahrt meines bisherigen Lebens sein. Wir fahren von Potosí nach Uyuni, aber einen Umweg von mehreren Stunden über Challapata, weil der direkte Zugang gesperrt ist.

Über Stunden nur die skurrilste bolivianische Berglandschaft, ab und an mitten im Nichts winzigste Ayllukuna (Quechua für ‚Familie‘ oder auch ‚kleines Dorf‘) mit Schafen, Schweinen, Lamas.

Dann wurde es dunkel.

Jetzt stehen wir in Challapata und ich kann es nicht erwarten, dass wir weiterfahren, aus dem Licht rauskommen, und die unwirkliche Sternenlandschaft sowie die rasiermesserdünne Mondsichel am Himmel wieder sichtbar wird. Ich könnte die ganze Nacht so weiterfahren, oder zumindest solange mich mein Handy mit Musik versorgen kann.

So schön, wie das gerade war und gleich wieder werden wird – es ist schwer vorstellbar, dass mich in den nächsten Tagen noch atemberaubendere Anblicke erwarten werden.

Es geht weiter.

Baina guztiok batean, saiatu hura botatzean.

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Langsam scheint es soweit zu sein: ich entwickle so etwas wie ein Selbstwertgefühl und noch dazu einen Sinn für meine eigene Lebensrealität ohne Nostalgiefilter.

Woran zeigt sich das? Ganz einfach, ich bin stinksauer. Zum Einen (eigentlich zum Zweiten, aber da es sich kürzer abhandeln lässt, kommt es zuerst dran) auf Becci, die meint, mit entscheidenden Ereignissen ihres Lebens nicht rausrücken zu müssen, weil sie keine „ruhige Minute“ dafür findet.

Zum Anderen auf Kepa, aus so vielfältigen wie zahlreichen Gründen, die vermutlich zum größten Teil darauf basieren, dass wir in Gemeinschaftsarbeit (auch wenn er davon nichts mitbekommt) während der vergangenen zehn Tage an seinem Sockel gezerrt und gerüttelt haben, sodass immense Teile davon sich selbst ohne mein Zutun in Nichts aufgelöst und somit ein abstrus anmutendes Doppelbild erschaffen haben und mein ganzes Innenleben empört schreit: Fehler in der Matrix, Fehler in der Matrix, does not compute. Auch nichts Neues bezüglich meiner Reaktionen auf unerwartetes Verhalten seinerseits, diesmal allerdings weitaus desillusionierter.

Aber das passiert, wenn man Menschen unverdient auf Sockel stellt. Ich hätte es vor fünf Jahren wissen können; ich hätte es vor fünf Jahren wissen sollen. Aber wie soll man wissen, bevor man gelernt hat.

Ikusiko dek, nola nola, laister eroriko dan.

Wählerische Volition

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Wenn jemand sehen möchte, wie a) meine Terrasse bestückt ist (weil frostgeschädigte Tomaten so einen wunderschönen Anblick abgeben, haha) und b) meine Motivation ihre Prioritäten setzt, der sehe sich dieses Pflanzenpflegedokument an, das ich in Anbetracht meiner nahenden dreiwöchigen Abwesenheit für R erstellt habe. (Ja, gelegentlich habe ich für die Pflanzen Bezeichnungen verwendet, die sich mangels Lust, sie zu bestimmen, bei mir eingebürgert haben – wenn jemand mit echten Namen aushelfen möchte, sehr gern.) Dieses Mal gibt’s keine Ausreden für tote oder fast ausgehungerte Exemplare.

Da sag nochmal einer, ich hätte keine Motivation.

Wobei ich mich nicht motiviert fühle, noch andere Dinge zu tun. Immerhin habe ich das Nötigste für den Urlaub vorbereitet (Bus zum Flughafen, Kontakt mit dem Couchsurfing-Mädel, bei Ebay neue Flipflops bestellt – jetzt müssen die nur noch bis Samstag ankommen).

Am liebsten würde ich gar nichts tun, gar nichts tun und nirgendwo hingehen; die Aussicht darauf überfordert mich – so viel tun zu müssen, die ganzen Herausforderungen des Verreisens. Seit Jahren immer das Gleiche; ich nehme mir Dinge vor und habe überhaupt keine Lust mehr darauf, wenn sie kurz davor sind einzutreten; dann nehme ich sie trotzdem in Angriff – was bleibt mir auch übrig – und dann wird es wunderbar oder zumindest eine wertvolle Erfahrung. Immer das Gleiche.

Dinge, die ich noch tun muss:

  • In anderthalb Stunden zu Marthe fahren; davor duschen.
  • Epilieren.
  • Morgen zu Malikas Geburtstagsbrunch gehen (und ihr Geschenke richten; ich denke an eine Zusammenstellung verschiedener Teemischungen und Salze).
  • Ladegerät für meine alte Point-and-shoot-Kamera finden (wenn schon das meiner gescheiten Kamera irgendwo zwischen Frankfurt und Kolkata verschollen ist).
  • R’s Kreditkarte einsacken, die er mir freundlicherweise ausleiht.
  • Packen. Reisepass nicht vergessen.

Hört sich gar nicht so schlimm an, wenn man es einmal konfrontiert. Ein Glück. Es fällt mir so schwer, Aufgaben zu konfrontieren. Und dann schwellen sie immer weiter an und werden gigantisch groß und furchteinflößend und ich muss den Kopf immer weiter verdrehen, um sie nicht ansehen zu müssen. So muss es Trudi damals mit dem (bzw. ohne den) Strom gegangen sein. Ich verachte sie trotzdem. Ich ziehe Menschen niemals zu diesem Ausmaß mit hinein in meine Verdrängungsmaschinerie.

Um nun aber Punkt eins zu konfrontieren, verlasse ich dich und widme mich meiner Körperpflege.

Huch. Schon wieder Urlaub.

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Ja… also… wie es aussieht, fahre ich morgen für acht Tage in die Karibik.

Langsam sickert es ein. Becci und ich haben vor drei Tagen das ultimative Angebot gefunden, sodass wir nun zusammen für diese acht Tage Martinique (Flug und Unterkunft – vermutlich selbst inklusive Ausgaben vor Ort) so viel zahlen, wie üblicherweise ein Dreiviertelflug hin und zurück alleine gekostet hätte. Ich habe trotzdem erstmal eine Weile gebraucht, um diesen Plan mit meinem Gewissen zu vereinbaren (man denke daran, dass der Dezember schon die nächste Langstreckenreise mit sich bringt), aber jetzt ist es soweit: Ich freue mich!!!

Sieben Uhr geht’s los, zuerst mit dem Bus nach Frankfurt und dann direkt (!) nach Fort-de-France. Die Rückreise geht über Barbados, aber das ist ja nicht weiter schlimm, man besitzt ja ausnahmsweise mal einen gültigen Reisepass.

Gepackt ist größtenteils auch schon. Der Rucksack ist leicht, es sind nur ein paar Kleider drin und Bikinis, anderthalb Bücher, Kaffee- und Milchpulvervorräte und Hygienezeug. Und Henna, damit Becci mir die Haare nachtönen kann. Und mein Schnorchel. Und die Kamera muss ich mitnehmen, natürlich, und das Handy und alles an Ladegeräten. Und Kopfhörer. 10 Stunden Flug, da sind Kopfhörer doch lebensnotwendig.

Und Sandwiches habe ich gemacht, drei Stück für jeden von uns, mit Chili-Camembert und Salat und Grillgemüse.

Und Fotos habe ich gemacht, von allen wichtigen Informationen – jetzt darf ich nur das Handy nicht verlieren.

Ach, wie ich mich anfange zu freuen. Das ist ja wunderbar; ich dachte schon, es passiert gar nicht mehr.

Was noch richtig schön war: Sophi hat mich besucht; sie ist drei Tage hier und findet tatsächlich die Zeit, mich zu besuchen. Ich habe mich so gefreut, sie zu sehen. Ich mag diesen Menschen so gerne. Sie hat mir einen Mate-Becher aus Argentinien mitgebracht und den dazugehörigen Tee, und er ist wunderschön, mit buntgemustertem Stoff überzogen, und ich muss unbedingt mit Wolfgang und Carina Mate trinken. Carina muss mir das beibringen; ich muss ihr gleich schreiben, wenn ich wieder da bin.

R hat Geburtstag gefeiert, von Mittwoch auf gestern, und es war ein sehr guter Abend. Ich habe ziemlich viel getrunken, es aber dennoch nicht übertrieben, und mich wunderbar unterhalten, ein paar von R’s Arbeitskollegen kennengelernt, zwischendrin noch mit Basti telefoniert (der, soweit ich das Gespräch in Erinnerung habe, mich davon überzeugen wollte, dass man H-Milch, die einmal in der Sonne gestanden hat, nicht mehr konsumieren sollte, auch wenn sie noch den Anschein macht zu funktionieren – wie auch immer wir dadrauf kamen) und mich wirklich wohl gefühlt, trotz der ganzen Menschen. Naja, dafür war ja der Alkohol auch da.

So, nun sollte ich aber mal daran denken, den Rest zusammenzusuchen und ins Bett zu gehen. R kommt zwar in einer guten halben Stunde erst wieder (zumindest war das mal der Plan), aber solange werde ich auch noch brauchen, um hier alles zu regeln.

Du hörst von mir.

Kolkata Calling

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Was ich bisher vor lauter Arbeitsdrama ganz unterschlagen habe: Susmita und Debanga heiraten. Dass dem so sein wird, war mir natürlich schon seit Längerem bekannt, aber nun wird es auf einmal sehr konkret. Die Einladung bekam ich vorletzten Montag, als ich gerade dabei war, mit Becci die Wohnung zu verlassen, um zum Streichen zu ihr zu fahren.

Am gleichen Abend rief ich R an und überfiel ihn mit der Nachricht, dass wir nach Indien fliegen müssen – diesen Dezember. Er willigte (überraschenderweise) sofort ein, was mich in einen Freudentaumel versetzte, allerdings blieben ihm dieses Jahr noch ganze drei Urlaubstage. Als ich wieder hier war und wir nochmal darüber sprachen, wollte er schon fast wieder kneifen, aus Angst um seine Zeit und seinen stressanfälligen Organismus. (Man muss dazu wissen, dass R zwar Momo nie gelesen hat, aber von Grauen Herren bewohnt wird, die ihm sein Leben diktieren. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass ihm das bewusst wird, wenn ich ihn je dazu bewege, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen.)

Nachdem dies in ein Grundsatzgespräch der Sorte „Aspi monologisiert, während R entnervt in seine C++-Unterlagen starrt und verzweifelt bemüht ist, nicht den Faden und damit noch mehr Zeit zu verlieren, was wiederum Aspi zur Weißglut treibt“ eskalierte, löste sich das Problem am nächsten Tag auf unvorhergesehene Weise: R’s Chef verbot ihm kurzerhand, sich eine Woche Urlaub zu nehmen. Stattdessen genehmigte er ihm die Urlaubszeit nur unter der Voraussetzung, dass er sich zwei Wochen nähme. Er solle sich mal überlegen, woran er auf dem Sterbebett lieber zurückdenken würde – seine eingesparten Überstunden oder seine Reise zur indischen Hochzeit.

Also ziemlich genau das Prinzip, was ich ihm am Tag davor versucht hatte einzutrichtern. R’s Chef ist ein guter Mensch.

Nun haben wir gestern unsere Flüge gebucht und siehe da, es ist vollbracht: zum allerersten Mal werde ich mit R eine längere Reise unternehmen, dazu noch zu solch einem einzigartigen Ziel und Anlass. Ich freue mich wahnsinnig darauf!

Ausflug nach Hause

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Ach, ich freue mich auf Hamburg. Auch wenn es sich offenbar bei mir so eingebürgert hat, dass ich bloß einmal im Jahr auf eine Eintagesvisite vorbeischneie (siehe Kepas Umzug von Hamburg nach Kempten letztes Jahr, wobei das mit einem knappen halben Tag wohl ungeschlagen der kürzeste Besuch sein wird, den ich meiner alten Heimat je abgestattet habe).

Simone wird in einem relativ kleinen Café feiern; dort war ich auch schonmal und habe es geliebt, direkt an der Elbe, man sieht die riesigen Frachter vorbeifahren und es hat einfach Flair. Nebenan gibt es eine Art Empfangspunkt für Schiffe, wo ein Mensch in einer Kabine sitzt und die Nationalhymnen der ankommenden Mannschaften abspielt. Das letzte Mal war ich mit meinen Eltern und Großeltern dort, als uns diese in Oldesloe besuchten. Mein Opa ist sehr gesprächig und quatscht unheimlich gerne mit Menschen, die ihm über den Weg laufen, und so erzählte ihm der Kabinenmensch die Anekdote (welche mir, wie man merkt, bis heute im Gedächtnis blieb), dass einmal, als ein südkoreanisches Schiff vorbeifuhr, er versehentlich die nordkoreanische Hymne abgespielt habe. Die Menschen an Bord des südkoreanischen Frachters haben es wohl mit Humor genommen.

Gerade bedrückt es mich unheimlich, dass meine Großeltern nicht mehr so mobil sind. Gerade meinen Opa bedauere ich, denn er ist seinem Alter zum Trotz wirklich nicht gebrechlich und könnte gut und gerne noch durch die Weltgeschichte ziehen. Meiner Oma geht es nicht ganz so gut, sie hat Probleme mit dem Rücken und ist nicht mehr bereit, die Strapazen einer längeren Bahnfahrt auf sich zu nehmen. Mein Opa war sein Leben lang unfassbar wissbegierig, was fremde Orte anging. Er hat wenige weite Reisen unternommen, das haben seine Lebensumstände nicht erlaubt – mit Ausnahme des Besuchs bei meinen Eltern in New York und dem damit verbundenen Karibikurlaub, bevor ich geboren wurde, sind sie, glaube ich, beide nie aus Europa hinausgekommen. Aber ich schwöre dir, du kannst dir eine Deutschlandkarte nehmen und auf ein x-beliebiges Drei-Leute-Kaff blind mit dem Finger tippen, und er wird dir alles an Geschichte runterrattern, das dieses Nest je erlebt hat, und die der umliegenden Gegenden gleich dazu. Er ist wahnsinnig gebildet, obwohl er sein Leben lang ein einfacher Arbeiter war.

Aber ich schweife ab. Ich war ja gerade noch in Hamburg, und zwar bei dem Moment, in dem wir in den ZOB einfahren und ich, vor Müdigkeit wahrscheinlich komplett überdreht, mich wieder zu Hause fühlen werde an einem Ort, mit dem ich nichts mehr zu tun habe, den ich eigentlich nie auch nur angefangen habe zu durchdringen, und den ich kaum je wieder sehen werde.

Mir ist sogar eine wunderbare Lösung für das Makeup-Problem eingefallen (namely, wie schafft man es, nach achteinhalbstündiger Busfahrt und fünf Stunden Stadt für eine Hochzeit präsentabel auszusehen?), nämlich der Rossmann im Hauptbahnhof, von wo sowieso mehr als die Hälfte meiner Kosmetiksammlung stammt. (Da ich ja im normalen Leben nicht unbedingt übermäßig davon verwende, wird mir dieser Vorrat noch bis an mein Lebensende erhalten bleiben. Aber ich war früher süchtig danach, Lipgloss und Lidschatten zu kaufen, einfach wegen der Farben.) Dort kann ich dann doch problemlos bei den Testern einmal die Runde machen und tada, ich spare mir sogar noch die Mühe, mein eigenes Zeug mitzunehmen. Dann hoffe ich nur noch, dass das Wetter gut ist, weil ich wirklich nicht weiß, was ich über mein buntes Kleid für eine Jacke ziehen sollte. Oh, diese Probleme. Man könnte wirklich meinen, ich hätte keine.

Kein Schwein wie mein Schwein

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So sitze ich also nun im Bus nach Konstanz, von wo ich dann in die Schweiz zu meinen Eltern weiterreise (und im Anschluss morgen mit meiner Mutter nach Milano übers Wochenende, unser relativ spontan beschlossener erster gemeinsamer Urlaub seit 2012). Dass dem so ist, verdanke ich in erster Linie Malte. Malte verließ uns Dienstag Nacht (zur allgemeinen Erleichterung, da es trotz all seiner Vorzüge mit Malte doch relativ schnell anstrengend wird und nicht nur R am Ende auf dem Zahnfleisch ging), was zufälligerweise auch genau der Zeitpunkt war, zu dem die Flixbus-Haltestelle wegen Bauarbeiten vom Hauptbahnhof weg verlagert wurde. Was Malte ein abenteuerliches nächtliches Haltestellensuchen bescherte, mir dagegen, durch Malte bestens informiert worden seiend, heute einen stressfreien Reiseanfang.

Weiterhin steckte mein Bus zum Bus vorhin eine Ewigkeit im Stadtverkehr fest, was zu einer viertelstündogen Verspätung und einem extrem unguten Gefühl meinerseits führte, bis ich die Haltestelle um drei vor zwölf Uhr dann erreichte und mir verkündet wurde, dass mein Bus noch nicht angekommen war.

Ich versuche schon, über solche Geschichten weniger in Panik zu geraten, aber es ist noch ein langer Weg. Umso erleichterter bin ich jedes Mal, wenn es doch wieder alles gut geht.

Für die zwei Stunden, die ich in Konstanz auf meinen Vater warten muss, habe ich mich mit Basti verabredet, dem ich bei der Gelegenheit auch gleich seine Trinkflasche wiedergeben kann, welche er zuvor bei mir vergessen hatte. Ich habe bis fünf Minuten vor Verlassen der Wohnung gebraucht, um mir gewahr zu werden, dass ich die Flasche nutzen könnte, um mir selbst Wasser für die Fahrt abzufüllen.

Die Therapiesitzung war heute sehr produktiv. Auf jeden Fall ist die Therapeutin um Welten fähiger als meine letzte, wenn auch gelegentlich etwas weltfremd. Ich solle mir keinen Druck machen, mich nicht vor Hartz IV und der damit verbundenen Schikane durch das Amt fürchten, mich nicht unterdrücken lassen, meine Würde behalten, egal wer sie mir meint absprechen zu müssen. Ich frage mich, ob die Frau vorhat, mich zum Übermenschen zu entwickeln, und habe ihr entgegnet, wenn ich als Fakir auf dem Nagelbrett leben könne, hätte ich die Möglichkeit derartiger Unabhängigkeit, ansonsten sehe es schwierig aus. Trotzdem mag ich den Ansatz. Ich werde mir mal Mühe geben, auf diesen Zustand hinzuarbeiten – was kann es schon schaden. Zu wenige Menschen bekommen so etwas gesagt.