Schlagwort-Archive: Rückblick

They Come And Go

Standard

Man lästert über Basti in der Konstanzer Veganen Hochschulgruppe, wie R mir gestern eröffnete. Offenbar redet Basti nämlich schlecht über R (was diesem natürlich durch den hervorragend ausgebauten Inter-City-Buschfunk zu Ohren kommt) und nennt ihn einen Poly-Missionar. R sieht sich selbst nicht als Poly-Missionar und ich kann dem nur beipflichten; egal, wie man es dreht und wendet, missionieren will er nicht. Er blickt (soweit ich das durchschaue, da wir aus Gründen über das Thema nur höchst selten reden) auf Mono-Menschen mit der gleichen Verachtung herab wie ich auf religiöse, und genau wie ich in meiner Sparte, so bemüht auch er sich in der seinen im seltensten Fall um dieser Unwürdigen Seelenheil. Er lässt sie einfach machen und hasst sie im stillen Kämmerlein. Ab und an erfolgt ein kleiner bis mittelschwerer Ausbruch, aber in der Regel eben nicht. Ich glaube, das ist der Punkt, der einzige Punkt, der mir in unserer nunmehr dreijährigen Beziehung nach wie vor schrecklichste Sorgen bereitet. Wenn ich denn mal darüber nachdenke. Wir verdrängen gemeinsam.

Ich würde ihn – Basti jetzt – unter normalen Umständen drauf ansprechen, wie ich es immer getan habe, wenn wieder jemand über ihn herzog aufgrund irgendeiner unbedachten Aussage. „Das ist unreflektiert.“ „Pass auf, was du sagst, wem du es sagst, wie du es sagst.“ Und sei es nur, ihm den Tipp zu geben, nicht in Konstanzer linksgerichteten Gruppierungen über R zu lästern – das kann nur uns Auge gehen.

Aber natürlich tue ich das nicht, da ich ja seit mehreren Wochen nichts von ihm gehört habe. In den meisten Momenten macht mir das nichts aus, denn er hat es wirklich gründlich vermasselt. Manchmal bin ich allerdings traurig. Vorhin fiel mir ein, dass während unseres letzten Telefonates am Mittwochnachmittag er jemandem in der Stadt über den Weg lief, der ihn fragte, mit wem er reden würde, und entgegnete: Mit meiner besten Freundin.

Und ward nie mehr gesehn. Vielleicht macht mein Kopf auch ein größeres Ding daraus, als es eigentlich ist. Darin ist er nicht gerade unbegabt. Andererseits hat er bereits Bekanntschaft mit unerwarteten menschlichen Abgründen gemacht und würde sich vermutlich weniger wundern als der Rest von mir, sollten die von ihm angenommenen Ausmaße der Geschichte tatsächlich der Realität entsprechen.

Aber man ist ja nicht mehr so kaputtbar wie ehemals. Ein bisschen Fatalismus habe ich jedenfalls mittlerweile dazugelernt.

Gewissensfrei

Standard

Mir geht es wesentlich besser, seitdem ich diese Praktikumsbewerbung abgeschickt habe. Ich tue jeden Tag etwas Schönes. Gestern und vorgestern habe ich neue Ohrhänger produziert, stundenlang, und dabei in der Sonne gesessen und (im Falle der ersten Session) später dann in der Dämmerung und mich von Mosquitos attackieren lassen, während ich fluchtartig meine Perlen- und Werkzeughaufen zusammensammelte und nach drinnen verschwand.

Außerdem ermöglicht mir die Abwesenheit (fast) jedes schlechten Gewissens bezüglich anderer Dinge, die ich prokrastiniere, überhaupt erst wieder so viel mehr Tätigkeiten wirklich auszuführen. Es ist tatsächlich der Fall: Ich bin beim Prokrastinieren immerzu von meinem Gewissen geplagt. Helfen tut da nichts als die Flucht in die Gegenrichtung: Verdrängung durch Zocken oder Schlafen. Wirklich etwas Anderes zu tun kann ich mir nicht erlauben, solange noch irgendetwas Anderes ansteht, und sei es die absurdeste Kleinigkeit. Dinge, die mir guttun, dürfen natürlich nicht auch nur im Ansatz vollzogen werden, bevor die zu erledigende Aufgabe abgehakt ist. Diese wiederum zeigt sich störrisch und wird immer unerledigbarer. Ich fühle mich schlecht und muss verdrängen.

Jetzt mache ich Sachen. So gewissensfrei war ich zuletzt nach dem Bachelor, als ich wohl zum ersten Mal im Leben wirklich nichts, aber auch gar nichts zu tun gezwungen war. Nichts lag vor mir, auf das ich mich hätte vorbereiten müssen. Nichts lag hinter mir, das ich noch hätte nachbereiten müssen. Es war ein Segen. Schade nur, dass das Ganze genau zwei Wochen anhielt, bis auch schon das Trudi-induzierte Stromdesaster hereinbrach und das mehrmonatige Dauertief des Grauens mit sich brachte. Auf einmal war da gar nichts mehr zu tun außer Warten. Das ist immer das Beste. Wissen, dass du zwar so ungefähr die Welt verbockt hast, aber nichts geraderücken kannst, weil das traurige Endresultat deines Verbockens eben in vergangenen Fehleinschätzungen begründet ist und du mit den dadurch in Effekt getretenen Faktoren nichts, aber auch gar nichts zu tun hast und somit nichts, aber auch gar nichts dafür tun kannst, dass das solcherart Verbockte wieder geradegerückt wird. Also Warten. Da hatte Laura schon Recht, Warten ist furchtbar. Da griffen dann auch die altbewährten Methoden der Verdrängung. Zocken und Schlafen. Vor allem Letzteres.

Jetzt also, jetzt tue ich Dinge. Alles, was ich will. Ich lese über Pflanzen und schaue Filme mit R und verbringe Stunden auf der Terrasse und kenne jede Kellerassel da draußen beim Namen und bewerbe mich bei Nachhilfeorganisationen und mache mir nichtmal mehr Sorgen um meine Finanzen, weil (auch, wenn es nett gewesen wäre, am Ende noch ein bisschen von dem Angesparten übrig zu haben) ich auf jeden Fall genug habe, um über dieses nächste Jahr noch zu kommen, und dann, im Falle, ich kann mit der Ausbildung beginnen, auf jeden Fall wieder regelmäßig (und bei Weitem) genug zum Leben bekomme. Ich nutze meine Kamera (was auch darin begründet sein mag, dass mein Handy wahrscheinlich immer noch bei Basti liegt) und mache Musik und habe zum ersten Mal seit über zwei Jahren Impulse für neue Melodien, die ich verwirklichen kann. Bevor ich schlafen gehe, lese ich noch ein paar Seiten – jetzt, wo ich so selten aus dem Haus komme momentan (und wenn, dann meistens in Begleitung), habe ich ja nicht die Möglichkeit, im Bus zu lesen.

Ich habe mal wieder etwas über Facebook verschenkt – einen Bund Estragon und die dazugehörige Pflanze nämlich – und damit zwei netten Leuten eine Freude machen können. Ich habe mich dazu durchgerungen, den Karton mit faulen Eiern aus dem Keller zu entfernen (und glaub mir, es war nötig). Ich nehme kaum Alkohol zu mir, außer der halben Flasche von Beccis Bratapfellikör über die letzten Abende verteilt. Das freut mich immens, vor allem aber auch, dass ich es der generellen Abwesenheit von Bier in unserem Haushalt zu verdanken habe, seitdem sich R eines Tages entschlossen hat, sein täglich Bier durch alkoholfreies zu ersetzen.

Patrick geht demnächst an seinen alten Wohnort zurück und lässt uns somit in absehbarer Zeit wieder zu unserem eingespielten Zweieinhalb-Personen-Haushalt zusammenschrumpfen. Ich kann es kaum erwarten. Auch wenn Patrick nicht ganz so schlimm ist wie Arne letztes Jahr, werde ich ungeheuer erleichtert sein, wenn ich das rosa Zimmer wieder uneingeschränkt nutzen kann. Immerhin steht mein Kleiderschrank dadrin und noch ein paar andere lebenswichtige Dinge. Und da es mir höchst zuwider ist, in das Zimmer reinzugehen, solange jemand darin schläft, zockt oder sich sonstwie aufhält, fühle ich mich von Teilen meines Zuhauses auf fast so unangenehme Weise abgeschnitten wie damals durch Trudis Stromfail. (Kleiner Unterschied: Mehrmals am Tag verlässt Patrick das Zimmer, wenn auch nicht gerade so häufig, wie es mir lieb wäre, und ich kann schnell reinhuschen und mir Sachen holen und andere Dinge hineinbringen. So halte ich in meinen Klamotten eine ganz akzeptable Ordnung und komme immerhin irgendwann am Tag dazu, mich umzuziehen.)

Kaffeereste

Standard

Ich verstehe bis heute nicht, warum zwischen den Strömungen „Carpe diem“ und „Memento mori“ so eine harte Abgrenzung betrieben wird. Eines funktioniert doch nicht ohne das andere, beziehungsweise verliert jeden Sinn. Meiner Meinung nach sollte man sie eher so yin-und-yang-mäßig gegenüberstellen. Aber was weiß ich schon. Mein Semester LitWiss damals an der Hamburger Uni hat mir ja allerhöchstens dazu verholfen, danach mit Bestimmtheit sagen zu können, dass ich LitWiss im Großen und Ganzen für kompletten Schwachsinn halte. Da kann man ja gleich sagen, es würde Sinn machen, im Kunstunterricht Noten zu verteilen. Auf der gleichen Ebene bewegen sich die Literaturwissenschaften.

Ich hatte damals eine ziemlich gute Klausur geschrieben. Im Kurs das ganze Semester über kein Wort von mir gegeben und mir meine Erkenntnisse über das wunderbare „Mientras por competir con tu cabello“ von Luís de Góngora lieber für die Klausur aufbewahrt, was mir auch unverzüglich ein überraschtes „TOLL!“ daneben auf dem Klausurpapier einbrachte. Natürlich, denn nichts ist einfacher als eine LitWiss-Klausur, nachdem du ein ganzes Semester Zeit hattest, um herauszufinden, wie dein Dozent das Gedicht gerne genau interpretiert lesen würde. Viel mit eigenem Denken zu tun muss das nicht haben (ich hatte Glück, dass meine Einsicht ihn und mich gleichermaßen fasziniert hat); Hauptsache, man weiß, was sie hören wollen, und liefert das dann ab.

Eigentlich hatte ich nicht über Góngora nachgedacht, sondern über meinen Vater. Mir ist gestern schon aufgefallen, dass ich ja seit einigen Jahren sehr gern Kaffee trinke; das haben wir nun also gemeinsam. Was gestern konkret meine Aufmerksamkeit auf sich zog, war die Beobachtung, dass, wenn ich mir meine leere Kaffeetasse unter die Nase halte und den Geruch des letzten verbliebenen Tropfens Kaffee inhaliere, ich mich unweigerlich an meine Kindheit erinnere, als derselbe Geruch nach dem Frühstück der leeren Tasse meines Vaters entströmte. Ich mochte Kaffee damals noch nicht; weder geschmacklich noch geruchlich sagte er mir zu.

Auf jeden Fall dachte ich mir dann eben: Wenn mein Vater mal tot ist, wird mir dieser Geruch ganz fürchterlich wehtun. Und dann konnte ich Mama verstehen, die immer moniert, dass wir kaum je auf die Idee kommen, uns gegenseitig anzurufen.

Ende vom Lied: Ich sollte öfter mit meinem Vater reden.

„His hopes may be false, but his happiness is real.“

Standard

Es dürfte ja allgemein bekannt sein, dass ich (wie wohl ein Großteil der Menschheit) gelegentlich über Leute nachdenke, mit denen mein Kontakt auf einschneidende Weise abgebrochen ist, man könnte sagen, eines unnatürlichen Todes starb. Spezifisch: solche, die mir wichtig waren und/oder sind. Zum Glück gibt es derer nicht viele. Es sind drei Stück, aber das reicht ja auch schon. Wirklich, das reicht.

Heute ist es Laura. Sie betrat mein Leben zu einem Punkt, als es mir schlechter nicht hätte gehen können, und verließ es zu einem Punkt, an dem, hätte man die beiden Punkte direkt aneinandergehalten, wohl jeder von uns Schwierigkeiten gehabt hätte, sich selbst noch wiederzuerkennen, geschweige denn den jeweils Anderen. Worüber ich konkret gerade nachgedacht habe, ist folgende Analyse meines eigenen Zustandes nach Jahren der Knochenarbeit und Rückfälle:

  • Ich bin stolz auf mich.
  • Jeglicher Selbsthass ist verschwunden.
  • Ich werde gelegentlich abnormal lethargisch, bin von den kleinsten Dingen überfordert, heule ohne Grund, heule mit Grund, komme mit meinen Aufgaben nicht hinterher, habe Angst wie eh und je, Erwartungen nicht entsprechen zu können, prokrastiniere ohne Ende, bin faul, bin unsozial, entziehe mich allem und jedem, sterbe fast vor Weltschmerz, fühle mich „detatched“ und allein, schlafe zu viel, kurzum, ich lasse mich von Depression und einem absurden Mangel an Disziplin in Abgründe ziehen. ABER ICH VERZEIHE MIR DAS.
  • Ich habe Erfolg dabei, mich selbst zu verbessern.
  • Ich fühle mich wohl mit mir selbst und manchmal sogar mit Anderen.
  • Ich habe eine Identität. Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, wie ich bin. Ich bin froh, so zu sein, wie ich bin.
  • Ich kenne die meisten meiner Fehler und arbeite daran. Und ich kann zumeist gut damit leben.

Was das Ganze nun mit Laura zu tun hat: Die Ursache für diese absurden Fortschritte der letzten Jahre liegen genau dort, wo sich die radikalsten Unterschiede zwischen uns herauskristallisiert und verfestigt haben. Wirklich entfalten konnte ich mich erst durch meinen immer ausgeprägteren Hang zum Hippie- und Ökotum, meine Anstrengungen im Bezug auf alles Nachhaltige, das Containern, das Recyclen, das Selbstmachen. Passte ihr nicht. Ich bin zu einem gewissen Punkt überzeugt, dass ihr kommentarloser Kontaktabbruch neben anderen Knackpunkten auch der Tatsache geschuldet war, dass ihr für alles, worauf sich meine Identität aufbaut und was mich zu einem funktionierenden Individuum macht, jegliches Verständnis fehlte. Sie hat eine Entwicklung in einer gänzlich anderen Richtung vollzogen, wobei noch Parallelen vorhanden sind: wir haben beide graduell unseren sozialen Wirkungskreis vergrößert; sie verfügt ebenso wie ich heute über eine Vielzahl Bekanntschaften und guter Freunde, wir wurden versierter in sozialen Situationen und haben uns ein Leben erkämpft, das die Bezeichnung tatsächlich verdient. Nur sie eben anders, hochgradig verkopft, intellektuell, Verstand wie Sprache messerscharf und ebenso präzise. Und was mir bis heute Kopfzerbrechen erweitert, ist die Frage nach der Effizienz ihrer Methode. So sehr es mich verstört hat, als wir noch geredet haben, aus jedem Wort die kaum verhohlene Verachtung herauszuhören – was sie an mir verachtete, hat mich erst befähigt, mich selbst zu akzeptieren und einen Sinn in meinem Dasein zu sehen. Sie machte mir aber nicht den Eindruck, dass es bei ihr ebenso funktionieren würde.

Sie hat mich vor ein paar Monaten mal über Whatsapp angerufen, vermutlich unabsichtlich. Ich war natürlich nicht da – Menschen, die mich tatsächlich erreichen wollen, können von meiner berüchtigten Handy-Überhör-Fähigkeit ein Lied singen. Ich hatte ihre Nummer nicht mehr eingespeichert (neues Handy) und konnte bei meinen Gesichtserkennungstalenten nicht erkennen, ob es wirklich sie war. Das musste mir Wochen später erst Becci bestätigen, die aus irgendeinem Grund, im Gegesatz zu mir, Lauras Whatsapp-Bild mal gesehen hatte. Ein Mensch in einem Wald aus leeren Flaschen und Müll. Wie man sich ihre Wohnung halt ihren Beschreibungen zufolge so vorstellt. Ich hoffe inständig, dass es in ihrem Kopf nicht noch immer genauso aussieht.

Kalter Wein & warmes Bier, so was Tolles hab ich hier.

Standard

Es ist doch nicht zu fassen – mir steckt „One Day“ noch immer in den Knochen. Unheimlich ist das. Es schleicht sich in meine ruhigen Momente ein und will mich aus dem Nichts überfallen, fast, als wäre es wirklich passiert. Als wäre es mir passiert. Mir ist das Gefühl zu gut aus dem wirklichen Leben bekannt, um es – oder besser, seinen Schatten – jetzt nicht wiederzuerkennen. R sagte mir dazu, ich solle mich nicht so von einem Roman flashen lassen, es sei ja nichtmal wirklich passiert. R hat keine Ahnung, so gar keine.

Das hat er gut gemacht, der David Nicholls. Jetzt habe ich gerade gesehen, dass das Buch (natürlich, wie nicht) schon vor Ewigkeiten verfilmt wurde; ich weiß also ziemlich genau, welchen Film ich in diesem Leben (naja, zumindest vorerst) nicht angucken werde. Ist auch besser so, wenn ich bedenke, dass allein die Vorstellung davon, ich könnte es doch tun, schon wieder halbe Heulkrämpfe auslöst.

Nachdem ich damit fertig geworden bin, ist mir jetzt auch klar, warum „Me Before You“ in Kritiken damit verglichen wurde. Himmel, warum tut man sich so etwas an, bietet das echte Leben etwa noch nicht genug Drama?

Aber es war ein guter Zeitpunkt, das Buch zu lesen. Immerhin wartet es seit ~Mitte 2012 darauf, von mir gelesen zu werden; damals schickte es mir Şahin mit dem HAG mit (welches wir damals noch brav alle drei Monate von einem Elternteil zum anderen reichten), in dem Glauben, es sei mein Exemplar von „Hummeldumm“, das ich den beiden irgendwann ausgeliehen hatte und gerne zurückwollte. („Ist halt auch orange.“) Caro machte sich dann Sorgen, ich könne da eine Art Symbolik hineininterpretieren – im Nachhinein kann ich das sehr gut nachvollziehen, was diesen Büchervertauschfail noch einmal um so viele Ebenen katastrophaler macht – und nahm über Facebook mit mir Kontakt auf, um es mir vor Ankunft des Päckchens mitzuteilen. Oh, das waren Zeiten.

Und als wäre der Fail noch nicht perfekt, hatte ich von den beiden auch noch ein Buch (das wiederum habe ich bis heute nicht gelesen; ich hab es Caro schon längst wiedergegeben), nämlich The Other Hand. Davon war Caro begeistert gewesen und hatte es mir umgehend mitgegeben, nachdem sie und Şahin damit durch waren, allerdings kam ich nicht dazu, es anzurühren, bis das Drama kam, und ließ es danach einfach in diesem unberührten Zustand in meinem Regal stehen, zusammen mit diversen anderen Überbleibseln.

Jedenfalls wollte Caro „The Other Hand“ auch ganz gerne wiederhaben, und somit ist dieser Fail dann auch entscheidend für Caros und meine Wiederannäherung gewesen. Als wir beschlossen zu kommunizieren, indem wir Nachrichten durch die Umbenennung eines Dropboxordners austauschten.

Pass auf – jetzt war ich tatsächlich motiviert genug, meine Festplatten hervorzukramen, um das Ganze mit Beweisen in Form dieses Screenshots untermalen zu können:

tragische-verluste

(Man beachte auch Roberts einfühlsamen Kommentar zu der Aussage, mein Finger habe gerade ein Eigenleben entwickelt. Das ist Robert, wie er leibt und lebt. Ich hab zum ersten Mal seit einem Jahr sowas wie Kontakt mit meiner mir zuvor aufs Dramatischste abhandengekommenen besten Freundin, und Robert sagt „Hmm“. Warum nur kann ich Becci verstehen, wenn sie mal wieder mit Robert verzweifelt.)

So. Immerhin hat mich die ganze Eskapade von dem Inhalt des Buches als solchen abgelenkt. Perfekt. Kannst du dir vorstellen, dass ich dreimal wieder aufstehen musste, um das richtige Kabel für diese Festplatte zu suchen? Oh ja, so war das.

Reliving, but alive.

Standard

Hier bin ich nun. Fast unerwartet erscheinen Erinnerungen an Fahrten von Hamburg nach Heidelberg runter, nicht bedrohlich, nicht verkrüppelnd, fast harmlos-nostalgisch, ich habe die letzte Reihe für mich allein, es ist noch vor Mitternacht und Şahin ruft mich an, wir sehen uns morgen: aber heute ist heute und wir müssen noch Ritual machen; er bietet an, allein zu singen, aber mir ist egal, ob ich im Bus bin, Ritual machen wir zusammen, also singe ich.

Heute, selbstredend, singe ich nicht; vielmehr plane ich, gleich zu schlafen und am anderen Ende der Reise frisch und vergnügt wieder aufzuwachen. Aber zwischendurch – jetzt – muss ich doch wenigstens noch mein Smartphone und das damit verbundene Internet zelebrieren (oder eher gesagt, das mit selbigem verbundene Smartphone). Das sowie die Tatsache, dass die Geister der Strecke ihr zerstörerisches Potenzial verloren haben.

When I See You

Standard

Der Tradition gemäß wird dem soeben vollendeten Projekt (oder eben der vollendeten Demoisierungsstufe, über die ich eh nie hinauskommen werde – Reality Check over and out) ein Eintrag gewidmet. Das hat es auch verdient, nachdem es zweieinhalb Jahre darauf warten musste, dass ich mich endlich dazu bequeme, es aufzunehmen. Die Warteschlange kann aufrücken. Fast schon beruhigend, dass im letzten Jahr nur noch schnipselweise neues Material dazugekommen ist, wie sollte man da sonst je hinterherkommen bei meinem durchschnittlichen Motivationspegel.

Andererseits merke ich schon extrem, dass ich mit der Uni fertig bin. Ich hatte keine Ahnung, wie das Wissen um den irgendwo in der Ferne lauernden Abschluss mich ununterbrochen bedrückt hat; seitdem diese verdammte BA-Thesis geschafft ist, bin ich so produktiv und lebendig wie seit Anbeginn meiner Existenz nicht mehr.

WISY ist da eins der ersten Dinge, die ich in Angriff nehmen durfte nach der Verteidigung. Fünf Tage später hatte ich alle Einzelstimmen zusammen (ich hatte auch noch versuchsweise ein Cajón dazu aufgenommen, was mir dann aber im Nachhinein das Lied doch zu sehr plattgetrampelt hat) und konnte so den gesamten Sonntagvormittag ruhigen Gewissens im Bett vor dem Computer verbringen, um sie zusammenzukleistern. Jetzt bin ich zwar wieder vollkommen genervt, weil sich stückchenweise merkwürdiges Rauschen in dem Lied befindet, aber im Allgemeinen ziemlich zufrieden, vor allem freue ich mich jedes Mal über das Ei (erstes Lied mit meinem eigenen Ei!) und bin glücklich, Audacitys Reverb-Plugin für mich entdeckt zu haben. Natürlich gehe ich trotzdem nicht so exzessiv damit um wie andere Menschen (da R das hier vermutlich nie lesen wird, darf ich mich mit dieser Bemerkung voll und ganz auf den Ukumenschen beziehen, da ist die Wahrscheinlichkeit noch höher), aber oh, was man damit für Berge bewegen kann.

Inhaltlich ist dem Song selbst wahrscheinlich wenig hinzuzufügen; seinen Ursprung hatte er in diesem hier kurz erwähnten Moment, welcher dank meiner daraufhin getätigten Änderungen in meinem Facebook-Feed dann auch der letzte seiner Art war, soweit ich mich erinnere. Aber das Lied ist unheimlich schwer zu spielen, zumindest für Eigentlich-Nicht-Gitarristen wie mich, deshalb hat es ewig und drei Tage gebraucht, bis ich mal dazu kam, es auch nur halbwegs ordentlich in einem Take durchspielen zu können.

Aber besser spät als nie, nicht wahr? Und ehrlich, ich liebe das Lied. Es macht unheimlich Spaß zu singen. Plus, es ist immer wieder schön zu wissen, sich mit den Strapazen jener Zeit tatsächlich nicht mehr herumplagen zu müssen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich lange genug davon ausging, es würde nie enden.

Echt mal.

Standard

Auch wenn mir momentan jegliche Motivation, mein Leben blogglenderweise zu dokumentieren, abhanden gekommen zu sein scheint – so, wie mir überhaupt die Motivation für alles Mögliche im Winter abhanden zu kommen scheint und ich mich dumm und dämlich freue, wenn es zum Aufstehen reicht: Ich sehe mich genötigt, ein paar Worte zu verfassen bezüglich eines der wertvollsten Bestandteile meines menschlichen Umfeldes. Da besagter Bestandteil – oder, den inneren R beruhigend, den ich leider inzwischen beherberge, die Bestandteilin – mir gestern im betrunkenen Zustand ihre Untauglichkeit als lebender Mensch so völlig überzeugt verkündete, denke ich erst recht verstärkt über ihre Rolle in meinem Dasein als ein solcher (lebender Mensch) nach und möchte dem kurz versuchen Ausdruck zu verleihen.

Zitat: „Was hab‘ ich dir gegeben, nichts.“

Autsch, das tut weh. Facepalm-Alarm. Wenn ich mich selbst facepalme, tue ich das mit solch einer Wucht, dass Tausende graue Zellen dabei sterben und mich noch unorientierter Schrägstrich gripsloser zurücklassen, als ich es zuvor schon war. Aber ich schweife ab.

Lieber Mensch in question: Fangen wir beim Anfang an. Es gab mal eine Zeit, wie du dich gut erinnerst, da waren wir beide nicht die sozial Versiertesten unter der Sonne. Als ich dich kennenlernte, waren unsere jeweiligen Freundeskreise recht überschaubar. Und zu der Zeit, in der wir anfingen, unsere nächtlichen Skypesessions abzuhalten, sah es bei mir im Kopf gerade in etwa so aus wie bei dir gestern Abend. Ziemlich exakt so dürfte es ausgesehen haben: Damals hatte ich auch nicht unbedingt die Einsicht in die Dinge, die es gebraucht hätte, um Ende 2011 mit der Gewissheit zu überstehen, dass unendlicher Selbsthass nicht die Lösung dafür ist, wenn dich etwas mehr mitnimmt, als man es objektiv für angemessen halten könnte. In meinem Fall halt der Verlust dieser beiden Menschen, die sich damals eben aussuchten, so zu handeln, wie sie es nunmal getan haben.

Ich muss dir nicht sagen, auf welchen Ebenen sich meine Existenz damals abgespielt hat. Ich muss dir offenbar aber sagen, dass du mir an diesem Punkt Dinge gegeben hast, ohne die mich dieses Loch aber mal sowas von verschluckt hätte. Ich hatte keine Reserven, von denen man hätte zehren können; ich hatte keine Grundlage, ich war mein ganzes Leben lang awkward mit Anderen und melodramatisch mit mir selbst und hatte keine Ahnung, wie man lebt. Was hab‘ ich gebraucht, als diese Zeit anfing? In unendlichen Mengen? Sicherheit. Stabilität. Kontinuität. Gesellschaft. Wertschätzung. Gleichklang. Egal wie viel, es hätte nie gereicht, aber ich brauchte so viel davon, wie es nur ging. Das habe ich von Robert bekommen, indem er einfach da war jeden Abend, und das habe ich von dir bekommen. Indem du nicht nur da warst, sondern indem du mich ertragen hast, als ich das Gefühl hatte, mich keinem Menschen auf der Welt zumuten zu können. Indem du mich gehört hast. Du kanntest Details über Details über Details über Details und immer noch mehr Details aus einem ganzen Haufen verworrener Geschichten und hast mir damit vermittelt, dass ich gehört wurde. Du warst immer mit mir zusammen insomniac, als ich jede Nacht erst dann mein Licht ausgemacht habe, wenn ich zum Heulen und Verzweifeln und Panikschieben zu erschöpft war und wusste, es wird nicht lange andauern. Die unendlichen Psychotests, die wir gemacht haben. Was hätte ich denn angestellt ohne dich. Du warst derjenige Mensch, von dem ich mir dachte, „ich bin ihr nicht egal“, in einer ziemlich ekligen Zeit, in der ich mir sicher war, in „Egal“ meinen zuvor immer so ersehnten zweiten Vornamen gefunden zu haben. Ich war felsenfest davon überzeugt, jedem egal zu sein. Du hast irgendwann echt dieses Schreien übertönt, mit dem einem die Depression so etwas vermittelt. Weißt du, Robert hat mir Gesellschaft gegeben. Du hast mir das Gefühl gegeben, dass auf Sachen, die ich sage, Wert gelegt wird. Dass jemand tatsächlich hören will, was ich zu sagen habe. Dass sich jemand interessiert. Es dann noch aufnimmt, verarbeitet und versteht. Erzähl einen Schwank aus deinem Leben.

Das war damals so, und es ist immer noch so. Du weißt selber, wie grandios du darin bist, Leute zu durchleuchten. Ich wollte immer durchleuchtet werden, ich hab‘ nie etwas von alleine gesagt. Aber mich hat nie jemand durchleuchtet, bis du dich dieser Aufgabe angenommen hast. Ich habe manchmal das Gefühl, oft genug auch heute noch, in mir selbst eingesperrt zu sein, und warte immerwährend darauf, dass jemand mich Dinge fragt und mich dadurch herauslässt. Es ist tatsächlich so, dass von mir niemand auch nur in Ansätzen so viel weiß wie du. Und niemand will es überhaupt wissen. Wer hat denn sonst diese unfassbare Neigung dazu, Menschen zu analysieren. Da bist du einzigartig. Und wie es einfach immer so guttat, dich zu haben und diese unzähligen Stunden mit dir zu verbringen, egal wie sehr mich deine Trust Issues anfangs frustriert haben, als es mir wieder besser ging und ich in der Lage war, mich aus meinem selbstzentrierten Trip wieder etwas zu befreien. Aber welch eine Ehre, wenn ich zwischendurch wieder mal das Gefühl hatte, es kommt ein Stück mehr von deinem Inneren zum Vorschein.

Und wie viel davon mir inzwischen zuteilwurde. Welch ein Privileg, von jemandem wie dir Vertrauen geschenkt zu bekommen. Was willst du mir eigentlich noch alles geben; das ist mit das Kostbarste, was man jemandem überhaupt nur geben kann. Unsere Meinungen sind unterschiedlich genug manchmal, aber du schreibst mir die Kompetenz zu, dir in den wichtigsten aller Lebensbereiche Rat und Hilfe zukommen zu lassen, und sagst, du gibst mir nichts? Du lässt mich helfen und gibst mir nichts? Was meinst du denn, was meine Ansprüche sind? Ich hab‘ das Glück, von dieser awesome Person gemocht zu werden, mit der ich mich wohlfühle und ich selbst sein kann und da einig bin, wo es wirklich drauf ankommt, und die mein Leben bereichert und meinen Horizont herausfordert und mir immer zuhört und mich anruft, wenn sie auf MDMA ist, und mich an ihrer Innenwelt teilhaben lässt zu einem Ausmaß, von dem ich kaum noch gehofft hatte, es je zu erreichen. Der Mensch, der sich noch zu beschweren wagt, wenn ihm das entgegengebracht wird, den will ich sehen.

Und darf ich dich erinnern? Du schickst mir Päckchen zum Geburtstag! Du hast mal Schokolade für mich gemacht, als wir unsere Schokoladengeschäftsidee ausgefeilt hatten, und dabei mit unvergleichlicher Liebenswürdigkeit gefailt, und sie in eine mit Cupcakes bedruckte Dose gesteckt. Du hast mit Robert und Janine die wunderbarsten Geschenke für mich ausgearbeitet. Wenn ich mich nur an diese dreiundzwanzig Zettelchen erinnere von letztem Jahr, die gerade deshalb so herrlich waren, weil man genau erkennen konnte, welcher Grund von wem stammte. Du hast mir ne Karte mit Marx drauf gemacht und mir furchtbare Artikel dazu geschenkt, weil du die Hoffnung nicht aufgibst, mich noch irgendwie zu ent-öko-ieren. Denk mal nicht, dass dich das nicht ehrt in meinen Augen.

Meine Augen, gutes Stichwort. Die tun weh. Zu viel Absinth gestern Abend mit Kepa und Basti. Muss ich weitermachen? Man sollte kaum glauben, dass ich nach tausend Wörtern mir so vorkomme, als hätte ich gerade erst angefangen. Ich könnte auch durchaus noch dreimal so viele dazuschreiben. Ich habe ja noch ganze riesige Aspekte völlig außer Acht gelassen. Das waren doch jetzt erst die groben Anfänge. Nur mein Kopf macht gerade die Schotten dicht.

Break these barriers down, make these walls collapse.

Standard

So. Durch eine Reihe von Zufällen begab es sich also, dass ich den diesjährigen Silvesterabend ungeplant unverplant nach Ukumenschmanier verbringe: allein, zu Hause, und glücklich damit.

Okay, der Ukumensch und ich haben vermutlich selbst vom allein zu Hause verbrachten Silvesterabend noch unterschiedliche Vorstellungen. Soweit ich mich erinnere, holt er sich zu dieser Angelegenheit für gewöhnlich ein unverschämt teures Stück Fleisch und leckeren Wein, macht es sich gemütlich und lässt es sich gut gehen. Zumindest war es damals so, als wir uns kannten. Meine Aktivitäten momentan sehen so aus, dass ich gerade vom Spinat-Champignon-Ziegenkäse-Sahne-Sauce-Einkochen eine kleine Pause mache, während die Sahne auftaut. (Sie liegt zu diesem Zwecke bereits im Glas zusammen mit den ansonsten fertigen Zutaten im Topf bzw fließt langsam, aber sicher heraus und vermischt sich brav mit dem Rest.)

Ich habe Musik, die ich ewig nicht mehr gehört habe, auf einer Lautstärke laufen, deren Existenz (und Wirkung) ich in meinem angepassten Reihenhaussiedlungsdasein schon ganz in die letzte Ecke meiner wehmütigen Erinnerungen an andere Zeiten zurückgeschoben hatte.

Der weitere Plan sieht vor, dass ich die Sauce fertigmache, sie dann abfülle und Tomaten-Pilz-Sauce koche, um die beiden Saucen anschließend zusammen einzukochen. Dann werde ich die Küche gründlich aufräumen – überfällig, nachdem ich mich die letzten paar Wochen aus dem Küchen-Aufräum-Business dank anderer Verpflichtungen so ziemlich vollständig zurückgezogen hatte und jetzt, wo ich meinen Kopf langsam zurück ins Leben strecke, mit einigem Entsetzen den Zustand sowohl der Küche als auch meines eigenen Zimmers registriert habe.

Mein Weihnachtsbaum ist bereits abgeschmückt und mit Bastis Hilfe nach draußen verfrachtet worden. Das heißt, ich kann nachher hierdrin auch noch staubsaugen und dann die zwecks Weihnachten verlagerten Wäschetüten und Kisten mit Computerkrams wieder an ihre angestammten Plätze bringen. Danach werde ich duschen, mich hübsch anziehen und, solchermaßen den Beginn des nächsten Jahres würdigend, mich den gestern erwähnten Feinheiten meiner BA-Arbeit widmen, welche heute bisher sträflichst vernachlässigt wurde.

Ich sitze hier und höre Attack! Attack!. Ich fasse es gar nicht. Und ich habe alle drei Hinder-Alben durchgehört, die ich besitze; das letzte sogar zwei Mal, weil ich es so schlecht finde, dass ich es selbst früher kaum gehört habe, und mir dachte, ich sollte mich besser mal wieder einem ungeliebten Stimulus aussetzen, um ihm am Ende mehr Respekt entgegenbringen zu können.

Oh, wie mich dieses Album in ein völlig anderes Leben verschleppt. Ich liebe diesen Abend. Irgendwie schwanke ich kolossal zwischen übermäßig ziellos, übertrieben tatkräftig und panisch, dass mir die Zeit wegrennt, und dann ist da noch dieser überaus nervige Teil von mir, der so furchtbar nostalgisch ist und den es um jeden Preis im Schach zu halten gilt. Dafür ist diese Musik eigentlich eher suboptimal geeignet. Aber immerhin ist sie laut; sie ist laut und die Lautstärke verdrängt alles an zusätzlicher Nostalgie, die die Musik hervorruft.

Unglaublich, wie ich Basti heute eine ganze Vortragsreihe über die Redundant Nimrods gehalten habe. Mit veranschaulichenden Materialien und allem. Ich habe ihm gesagt, man sollte diese Schublade bei mir nur mit ganz viel Zeit und Geduld aufmachen. Und wir kamen wir drauf? Green Day, natürlich. Green Day steht immer am Anfang. Bei mir zumindest.

Immer noch komisch, so von oben betrachtet.

Standard

Manchmal – nein, gelogen, eigentlich more often than not – schaue ich verblüfft aus einer gewissen Entfernung auf mein Leben und kann es alles nicht glauben.

Es ist aber auch verwirrend, wie ich zu meinem Leben kam. Und dadurch, dass mir das Konzept des Widerspiegelns meiner selbst in meinen Handlungen nach außen hin so lange fremd war – mit allen Privilegien, die die Kunst, sich nicht zu verstellen, mit sich bringt – ist es immer wieder aufs Neue ergreifend.

Durch mein Dasein in seiner Gesamtheit zieht sich das wundersame Auftauchen von längst verloren oder gar nicht erst erreichbar Geglaubtem. Wie soll man sich der Positivität noch entziehen, wenn einem immer wieder aufs Neue bewiesen wird, dass das Unmögliche möglich ist? Dass harte Arbeit Früchte trägt?

Und welch einem beispielhaften Schneeballprinzip mein Leben gefolgt ist. Mir war es damals schon bewusst, als es anfing, sich zu entfalten. „Damals“, nachdem ich Ende 2012 erstmals dazu befähigt worden war, mich dem All-time Low mit wirksamen Waffen entgegenzustellen. Was für ein Gefühl, wenn du zwanzig Jahre in dir selbst gefangen bist und dir auf einmal jemand einen Schlüssel gibt.

Freiheit. Die Freiheit, weiter zu lernen, da, wo zuvor die schiere Lebensunfähigkeit im Weg stand. Dieses erste Aufflackern von unbegründeter guter Laune auf dem Weg zur Bushaltestelle, vier Tage nach der ersten Dosis Medis. Ich war gerade bei zwei Tropfen. Dieses ungehinderte Aufstehen und Tücher-vom-Waschbecken-holen, als in der Uni jemandem eine Flasche Wasser ausgelaufen war. Das Hingehen- und Helfenkönnen, ohne dass dir dieser unaussprechliche Horror die Handlungsfähigkeit nimmt, den allein die Vorstellung verursacht, von unbekannten Menschen wahrgenommen zu werden.

R ist da, ich gehe zu Abend essen und freue mich wann anders weiter. Bis dahin.