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Zukunft streichen, Gegenwart vertreiben.

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Gestern Abend erstmal meinen Kalender aktualisiert. In dem Sinne, dass alles R-Relatede unkenntlich gemacht wurde. Viel war es nicht, aber gleichzeitig praktisch alles, was ich bisher eingetragen hatte. Sein Geburtstag, meine Alpakawanderung, die Hochzeit seines Bruders, das Pet-Shop-Boys-Konzert, auf das ich zum Zeichen meiner Horizonterweiterungswilligkeit hatte mitgehen wollen. Von der Geburtstagsfeier seiner Großtante, die demnächst stattfindet, wusste ich zum Glück das genaue Datum noch nicht, sonst hätte ich noch einen Eintrag mehr durchkritzeln müssen.

Es war eklig.

Überhaupt überkommt mich, sobald ich mich einer Konfrontation mit diesem Aspekt meiner Wirklichkeit nicht erwehren kann, zuverlässig das Gefühl, vor Schmerz zu zerfallen. So wie jetzt. So wie beim Aufwachen. So wie gegen Nachmittag, wenn die Phase erzwungener Aktivität am Auslaufen ist und ich wieder auf dem Sofa lande, wo mich die Leere verschlingt.

Es ist einerseits weniger hartnäckig als damals, vermutlich weil mich die Medis auffangen und ich, davon ab, nicht davon überzeugt bin, einen Seelenverwandten verloren zu haben. Auf der anderen Seite ist es so viel mehr, das ich verliere. Am härtesten, das will ich offen zugeben, trifft mich neben der augenscheinlichen Tatsache, dass mein Leben auseinandergefallen ist, der schlagartige Verlust des Geliebtwerdens. Härter als das Nichtgenugsein, die verlorenen Jahre, die vollkommene Perspektivlosigkeit; mehr als die Person an sich, die fünf Jahre lang ein Teil von mir war und die an meiner Seite zu haben ich schätzen und offensichtlich, leider, auch brauchen gelernt habe.

Ich habe viel Arbeit vor mir, wenn ich das überstehen möchte.

Umso stolzer bin ich, berichte zu können, dass ich mich aufgerafft und mir ein (hoffentlich) köstliches Abendessen aus der letzten Semmelknödelwurst von Beccis und meiner Aktion letzte Woche, Spargel und Pilzsauce zubereitet habe. Verblüffend, wie ich in dieser Ausnahmesituation Energie für Dinge aufbringe, die ich über weite Strecken der letzten Jahre für undenkbar befunden hätte.

Also wird nun gegessen. Gegessen und dabei die nächste Netflix-Dokuserie angefangen, sodass Ablenkung einziehen und sich der Klammergriff um meinen Brustkorb wieder lockern kann.

Telefontherapie

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Fast wie in den guten alten Zeiten, als ich single und hobbylos war und trotzdem abends immer jemand zum Reden da war, ist dieser weltweite Quarantänezustand. Das, so bitter es auch sein möge, ist gut für mich, denn wäre es anders, würde ich an der Einsamkeit zugrunde gehen.

Morgen um neun gibt’s Telefonsession mit der Therapeutin. Äußerst praktisch, nicht mal mehr dafür aus dem Haus zu müssen. Im Bett liegen und sich therapieren lassen, welch ein Luxus. Ideal auch deshalb, weil ich auf die Weise eine halbe Stunde länger schlafen oder zumindest vor mich hindämmern kann. Andererseits wird es vielleicht weird, mit der Therapeutin zu telefonieren. Hoffentlich nicht zu sehr.

Aktuelle Lage: irgendwo zwischen miserabel und richtig okay. Wobei ‚zwischen‘ der falsche Ausdruck ist, denn statt sich einzupendeln, oszilliert mein Zustand munter von einem Extrem zum anderen. Das ganz fürchterliche Absacken konnte aber gerade nochmal durch Telefonieren mit Caro verhindert werden, meine Güte, wie Caro hilft. Die hätte ich beim letzten Mal schon wirklich gut gebrauchen können.. ach, warte, da war ja was.

Letzten Monat, kurz nach Vorschlagen der Pause, als ich frisch zusammengeklappt genau hier in meiner Sofaecke hing, fragte mich R – und daran muss ich gelegentlich denken, durch diese Feststellung jetzt zum Beispiel – was er für mich tun könne. Ich sagte: „Ich möchte, dass du den Schmerz wegmachst… aber du bist die Quelle des Schmerzes.“

Schon etwas absurd, dass diejenigen Menschen einem die unaussprechlichsten Schmerzen zufügen können, die unter anderen Umständen am besten dafür geeignet wären, sie zu lindern.

Paranoia, Panik, Produktivität

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Das war ja knapp gestern. Wäre ich nicht zwischendurch aufs Klo gegangen, wäre es mir wahrscheinlich komplett entfallen, mir mal Gedanken über die Uhrzeit zu machen.

Mike kam gegen neun Uhr und blieb bis halb eins. Und kam zehn Minuten später wieder, weil er sich im Busfahrplan verlesen hatte, sodass ich alle in dieser Zeit getroffenen Vorkehrungen zum Schlafengehen abbrach oder rückgängig machte, um eine weitere gute halbe Stunde mit Mike im Wohnzimmer zu sitzen.

Es war anstrengend, weil ich müde war, aber ansonsten wirklich okay.

Becci ist nicht gekommen. Da sie sich für den Vormittag angekündigt hatte, nutzte ich die Zeit nach dem Aufstehen für Erledigungen von Staubsaugen bis hin zu meiner allerersten selbst ausgeführten Grundreinigung des Katzenklos, welches immer R’s Domäne gewesen war.

Während ich zuerst noch froh war, all diese Geschichten in Ruhe hinter mich bringen zu können, fing ich später dann doch an, mir Gedanken über Beccis Verbleib zu machen. Meine den momentanen Umständen geschuldet unverhältnismäßig ausgeprägte Verlustangst bewog mich zunächst zu der Befürchtung, sie könnte sauer auf mich sein, weil ich am Abend zuvor auf ihre liebe und ausführliche Nachricht, in der sie sich erkundigte, was sie alles mitbringen sollte und ob sie mir (wie zwischendurch angedacht) riesige Vorräte an Essen kochen sollte, um mein Überleben zu sichern, aufgrund von Mikes Anwesenheit nur ganz knapp geantwortet hatte – obgleich so eine Reaktion wirklich das Aller- allerletzte ist, was Becci in den Sinn käme.

Ein paar Stunden, eine ungesehene Nachricht und einen nicht entgegengenommenen Anruf später ging ich dazu über, mich zu sorgen, sie könnte mit dem Auto irgendwo auf der Strecke verunglückt sein. Um mir nicht weiter unnötig den Kopf zu zerbrechen, ging ich und fabrizierte aus zwei Rollen Fertighefeteig einen blitzschnelles Zimt-Zucker-Zupfkuchen, der bis jetzt noch unangetastet im Ofen verweilt. Das liegt vor allem daran, dass um halb fünf tatsächlich Becci anrief, die soeben aufgewacht war und sich aus dem Bett gequält hatte, um ihr Ladekabel zu organisieren und mir zu berichten, dass sie letzte Nacht von teuflischen Ohrenschmerzen heimgesucht wurde, die noch immer andauerten und sie den gesamten Tag lang außer Gefecht gesetzt hatten. (Sie begann ihren Bericht mit „Ich bin der neue Basti!“).

Sie schaut, ob sie morgen fahrtüchtig ist. Bis dahin wartet auch der Kuchen auf sie; nur wenn es morgen auch nichts wird, kann ich für nichts mehr garantieren.

Der Vollständigkeit halber sollte ich anmerken, dass die Panik beim Aufwachen in den letzten Tagen deutlich weniger wurde. Ich war schon bald der Annahme, aus dem Gröbsten raus zu sein, bis das Elend vorhin in Form einer Nachricht von Fredi, die in der Signal-Gruppe zu ihrer Einweihungsparty einlud, erneut zuschlug. Wolfgang hat begeistert zugesagt. R wird da sein. Er hat in die Gruppe geschrieben, über Pläne und Uhrzeiten, von denen ich nichts weiß. Das Ausmaß an Schmerz, den es mir bereitete, das zu verfolgen, und die Spirale, die mich dabei aufsaugte, hat mir mehr als deutlich gemacht, dass ich nicht hingehen kann. So viel Schmerz.

Das wird noch richtig lustig, ich sag’s dir.

Sinn und Standards

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Keine Ahnung, wie ich das machen soll, aber ich gehe gleich mit Wolfgang auf Essenssuche. Ich muss das tun, weil es das letzte Mal sein wird, dass Wolfgang fährt, und ich das aus sentimentalen wie auch pragmatischen Gründen nicht ausfallen lassen kann. Vorbei die Zeiten des luxuriösen Abgeholtwerdens; demnächst darf ich für diese Zwecke erst wieder quer durch die Stadt zu Yannick tingeln.

Als wäre das nicht immer noch tausendmal luxuriöser als früher alleine mit Bus, Bahn und Füßen. Man gewöhnt sich so schnell an einen gehobenen Lebensstandard, und man meckert einfach immer weiter.

Ich wache auf und es rotiert. Es ist immer das Gleiche. Ein paar Sekunden braucht das Gefühl, um den Gedanken hinterherzuschwappen, und ich denke mir, „oh, wow, das geht ja!“. Und dann hat es aufgeholt, und dann haut es rein. Dann spielt Txoria txori in meinem Kopf, oder neulich war es Letzte Runde von Sarah Lesch. Dann zerfleischen mich Selbstvorwürfe, wie ich die Situation so immens falsch einschätzen konnte; wie ich ihm glauben konnte, wenn er sagte, ich sei ein Teil von ihm geworden, er könne sich ein Leben ohne mich nicht vorstellen, er würde depressiv, wenn ich weg bin. Wie ich annehmen konnte, er würde leiden, wenn dieses Szenario eintritt – weit mehr als ich. Dann spreche ich aus, woran sich mein Hirn in dem Moment aufhängt. „Panik, Panik, Panik, lalalaaa“ oder „Es hat alles keinen Sinn“ oder „Es tut mir weh, wie gut du zurechtkommst.“

Wie kann ich mich so verschätzt haben.

Ich muss wieder lebensfähig werden. Ich kann in diese Beziehung nicht zurückwollen, weil sie mich am Leben hält. Das ist nicht der Sinn, ich muss mich selbst erhalten. Ich muss mein eigener Sinn sein.

Wie schaffe ich das?

Point Z

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Der Ist-Zustand: Ich lebe. Im Moment sogar relativ panikfrei und immerhin so weit handlungsfähig, dass (wie festzustellen sein dürfte) ich sogar das Blogeintragtippen in Angriff nehmen kann.

Soeben habe ich mir meine ersten sechs Tropfen eines Mittels namens Trimipramin mit Kamillentee eingeflößt und denke mir, wenn dieses Zeug mein Inneres so taub macht wie meine Zunge, bin ich auf einem verdammt guten Weg.

Wie aber kam ich hierher?

Point A: Gestern Früh in Beccis Wohnung beschloss mein an sich ja derzeit schon nicht gerade allgegenwärtiger Verstand dann in Gänze zu versagen, was sich darin äußerte, dass (anderthalbfacher Dosis Baldrian zum Trotz) der Vormittag mich dummen Dramamensch vom Moment des Aufwachens um kurz vor sieben an faktisch hyperventilierend erlebte (und ich ihn leider ebenso).

Ablenkungsversuche durch Horrordokus (diesmal etwas über ein gewisses übles Wasser abpackendes Schweizer Monsterunternehmen) wollten in dem Zustand dann auch nicht mehr so recht Wirkung zeigen, und auch das einstündige Telefonat, das ich zwischendrin mit meiner Mutter führte, zählte nicht zu meinen stärksten Momenten.

Becci wollte um 12 zurück sein und erschien auch so um den Dreh. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen tat auch ihre Ankunft meinem äußerlichen Durchdrehen keinen Abbruch. Sie schaute sich das eine halbe Stunde lang hilflos an und fragte schließlich, ob es die Aussicht darauf sei, tags drauf nach Hause zu müssen, die mich so plagte. Nein, nein, im Gegenteil, ich will nach Hause. Ich halte es nicht aus, ich kann das nicht überleben, ich muss die Entscheidung ohne die Pause von ihm verlangen, und das wird unweigerlich dazu führen, dass die Beziehung direkt beendet wird. Das könne ich doch nicht wissen. Doch, doch, das ist so, das weiß ich.

So sehr war ich davon überzeugt, nach meiner nächsten Begegnung mit R weder eine Pause noch einen Partner mehr zu haben, dass die schier rückwärts verstreichende Zeit, bis ich endlich, endlich klare Verhältnisse würde geschaffen haben, mir unerträglich schien und jeden letzten Rest Fassung geraubt hatte.

Becci, die übermüdet und angeschlagen von der Arbeit gekommen war, fing neben mir an zu weinen. Sie hätte schon gedacht, sie hätte einen schlechten Tag gehabt. Weiter hyperventilierend, aber betroffen von dieser Äußerung versuchte ich die Umstände ihres Tages zu erfragen. Ihr Freund, den sie nach der Arbeit getroffen hatte, war merkwürdig drauf gewesen, was sie sich wider besseres Wissen stets zu Herzen nimmt. Ich hörte es mir an, während ich weiter vor mich hin heulte.

Dann bot sie sich an, mich nach Hause zu fahren.

Nicht bevor sie jedoch gegen meinen ausdrücklichen Willen ihrem stressenden Freund, der meiner Ansicht nach erstmal runterkommen sollte, eine Nachricht schrieb, ob er (in seiner Funktion als Krankenhaus-FSJ-ler) spontan an irgendwelche beruhigenden Medikamente kommen könnte, derart beunruhigt war sie von meinem Zustand.

Ich nahm ihr Angebot an und ließ mich von dieser zu guten Seele nach Hause kutschieren. Drei zusätzliche Baldriantabletten verhalfen mir auf der Fahrt zu verhältnismäßiger Ruhe und teils sogar Schlaf.

Leider hatten sie aufgehört zu wirken, als wir zwei Stunden später meine Wohnung betraten und mich eine entsetzliche Leere begrüßte, die R bei der offenbar am Wochenende durchgeführten Umzugsaktion in Schuhschrank und Regalen hinterlassen hatte.

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An diesem Punkt muss ich nun dummerweise unterbrechen, weil 1) sich der Computer gerade drei Stunden lang aufgehängt und mir ein Weiterschreiben unmöglich gemacht hat und 2) ich jetzt schlafen muss. Dringend. Ich gebe mir Mühe, morgen weiter zu berichten. Dadurch, dass ich mittlerweile immerhin mit zwei Sorten Antidepressiva und noch dazu einem Beta-Blocker gegen das Herzrasen ausgestattet bin, sollte das doch wohl möglich sein.

Was beim Zerstörtsein alles so passiert

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Ich habe mit Simone geredet und von ihr bereits die vierte wahnsinnig liebe Einladung einer hilfsbereiten Person bekommen, sie doch zu besuchen.

Ich habe mir die durchweg schlüssigen Weisheiten dieses Typs bei Youtube angehört, der Caro aus ihrer Trennungszeit noch im Gedächtnis war, und mir auf den Kopf zusagen lassen, dass mein jetziges Mindset somit das Schlimmste ist, was ich mir und meiner Beziehung antun kann (duh).

Ich habe die Rezeptur aus Solitaire und Meditationsmusik so weit überreizt, dass sie nicht nur kaum noch wirkt, sondern im Gegenteil habe ich den Eindruck, dass mittlerweile eine Art pavlovsche Konditionierung eingetreten ist, der gemäß die Meditationsmusik nun mehr Panik hervorruft, als sie abbaut.

Ich habe schubweise jede Selbstbeherrschung verloren und mich, Schmerzenslaute von mir gebend, von Verzweiflung überrollen lassen, während ich mich zum wiederholten Male fragte, wie viel von dieser furchterregenden Geräuschkulisse bei den Nachbarn ankommt.

Ich zahle einen entsetzlichen Preis für die jahrelange unmenschliche Anstrengung, jemanden lieben zu lernen, der mich niemals hätte bekommen dürfen.

So viel zur Momentaufnahme. Nun muss ich noch etwas berichten, das sich gestern ereignet hat und für mich einen nicht unerheblichen Lichtblick darstellt: Ich habe mit Basti telefoniert. Das an sich war erstmal gar nicht als Lichtblick gedacht, sondern ich hatte am Samstag in einem Anfall von ‚Ich bekomme jetzt Dinge gebacken‘ mit Alina Kontakt aufgenommen, um über sie an Basti heranzukommen, welcher seit meiner Rückkehr aus der Schweiz und der überaus wütenden Nachricht, die ich während dieser Fahrt an ihn abgesetzt hatte, auf keine meiner Kontaktaufnahmen mehr reagiert hatte.

(Kurz zum Hintergrund: er schuldet mir einen Haufen Geld, das ich gefühlt seit Jahrzehnten versuche wiederzubekommen. Das Ganze geht mit der Tatsache einher, dass unsere ehemals außergewöhnliche Freundschaft aufgrund diverser seiner Lebensentscheidungen und meines Wegzugs seit mindestens ebensolanger Zeit am seidenen Faden hängt und eigentlich nur noch röchelnd am Boden lag, was umso mehr dazu führte, dass ich das Geld wiederhaben möchte.)

Nun hatte ich in dieser besagten Nachricht ihm verkündet, dass mir an seiner Person nichts mehr gelegen ist, was unter Anderem daher kam, dass er es wieder einmal nicht geschafft hatte, während meiner Zeit in der Schweiz für ein Treffen zur Verfügung zu stehen oder auch nur daran zu denken, mir dies mitzuteilen. Wir hatten uns seit über einem Jahr nicht gesehen und ich ging eigentlich auch nicht davon aus, dass dieses Treffen zustandekommen würde, habe ihn dafür aber an meinem letzten Abend in Winterthur nochmal an unsere Schuldensituation erinnert und bekräftigt, dass mir das zu doof wird. Er schrieb daraufhin (nachdem er sein Erstaunen ausdrückte, dass ich schon wieder fahre – ist ja nicht, als hätte ich ihm das Datum vorher genannt) eine Nachricht, die wörtlich besagte: „Ich mach des schon, aber nach und nach bitte“.

Und so kam meine Absägeaktion auf der letzten Sitzreihe eines Flixbusses irgendwo in Süddeutschland zustande, die mir bei allem (vielleicht gerechten) Zorn nicht leicht fiel, denn immerhin handelte es sich dabei um den Menschen, der einmal mein Seelenbruder gewesen war. Es war in jeder Hinsicht ein katastrophaler Kommunikationsakt, der, hätte ich denn auch nur eine Sekunde über mein verletztes Ego hinwegsehen können, völlig offensichtlich kein Deut dazu beitragen würde, dass ich mein Geld jemals wiedersehe. Auf den Kern reduziert lautete die Mitteilung: Du widerlicher, dreister Mensch, seit Jahren warte ich auf das Scheißgeld, während du gemütlich Auto fährst, Kinder machst und dir was weiß ich für Dinge kaufst. Das ist respektlos und unverschämt. Mit dir bin ich sowieso durch, aber gib gefälligst die Kohle wieder, damit ich nichts mehr mit dir zu tun haben muss.“ Nur eloquenter und ganz latent gewaltärmer verpackt.

Nachdem auf diese Nachricht keine Antwort kam, habe ich etwa eine Woche später noch hinterhergeschoben, er möge mir bitte bescheidgeben, wenn er die Überweisung getätigt hätte. Und noch einen Tag später (hauptsächlich um für den Fall, es würde eine Anwältin ins Spiel kommen, mir kein Mangel an gutem Willen und Kooperationsbereitschaft unterstellt werden könnte), er möge sich bitte mal melden, um zu Not einen Ratenplan auszuarbeiten.

All das blieb nicht nur unquittiert, sondern schien (Häkchen zufolge) nicht mal mehr bei ihm anzukommen – er hatte mich blockiert? Gelöscht? Sein ganzes Whatsapp deaktiviert, um nicht mit meiner Geldwut konfrontiert zu werden?

Ich beschloss – dies bereits nachdem meine Beziehung kollabiert war – ihn nicht damit davonkommen zu lassen, und rief ihn an. Mailbox. Tags drauf erneut. Mailbox. Tags drauf wieder. Gleiches Spiel. Tag 4 der Jagd war dann der Moment, in dem ich Alina kontaktiert habe. Ob sie Basti bitten könne, mich mal anzurufen, ganz unschuldig.

Das könne er grad nicht, sein Touchscreen sei kaputt und er würde nicht in die Pötte kommen, das Handy mal einzuschicken.

Oh, okay. Klingt leider glaubhaft, da ich Basti ja doch trotz allem noch ein bisschen kenne.

Da sie es nicht von allein vorschlug – hey, I know you kind of despise me simply for existing, but… really? – musste ich es selbst tun: Ob er denn vielleicht ihr Handy kurz benutzen könnte.

Während auf die erste Nachricht die Antwort Sekunden später erfolgte, ließ eine Reaktion nun auf sich warten. Etliche Stunden später, gegen Abend, schob ich noch hinterher, dass „irgendwann morgen“ perfekt wäre. Sie schrieb zurück, er würde nachher noch anrufen. Das tat er nicht. Ich ließ es erstmal gut sein und schrieb nicht nochmal hin.

Gestern Abend, während R in der Küche (was im Falle unserer Wohnung durchreichenbedingt Hör- und Sehweite impliziert) sein Abendessen machte (da ich momentan für Essen nur sporadisch zu haben bin, ist er diesbezüglich weitestgehend auf sich gestellt; ich profitiere ab und an von den Überresten seines Kochwerks) rief mich Basti von Alinas Handy an. Er zeigte sich (wie er selbst sagte, zum zehntausendsten Mal) bereitwillig, die Schulden zu begleichen. Die ganzen Nachrichten hatte er nicht gelesen, selbst die mit dem Absägen nicht in ihrer Gänze. Ich war davon emotional überfordert (to be fair, dafür braucht es grad nicht sonderlich viel).

Es tat unsagbar gut, Basti zu hören. Er fragte mich, wie es mir geht, aber da R in der Küche war, wollte ich ihm nicht antworten und brachte gar kein Wort heraus außer „schäbig“. Statt sich von meinem Schweigen entmutigen zu lassen, begann Basti – der mich halt auch kennt – nach und nach die Ursachen meines komischen Verhaltens zu eruieren. Es war mindblowing, wie er beharrlich dieses Ja-Nein-Spiel durchgezogen hat. Ob ich mich sammeln müsse; ich solle nicht wieder überdenken, wie ich etwas formulieren soll; ich könne ihm alles an den Kopf werfen; schließlich, ob jemand im Raum sei. Ob R im Raum sei. Warum R nichts davon hören sollte, er würde doch vermutlich über die Situation bescheid wissen.

An dem Punkt kam ich nicht mehr weiter, denn auf Warum-Fragen kann schlecht mit Ja oder Nein geantwortet werden. Glücklicherweise suchte sich R einen zeitnahen Moment aus, um nach hinten in die Wohnung zu verschwinden, sodass ich Basti über die Situation aufklären konnte sowie eben auch darüber, dass ich vermeiden wollte, in R’s Gegenwart weiter zusammenzuklappen, weshalb ich damit warten musste, bis dieser weg war.

Ihm das sagen zu können, in aller Zerstörtheit mich akzeptiert zu fühlen, wie er mich in jeder Lebenslage immer akzeptiert hat, damit hatte ich nicht gerechnet – das war ich der Überzeugung mir verbaut zu haben, als ich mich in meinem Leben noch sicher fühlte und mir dachte, es wäre eine gute Idee, meinen besten Freund aus dem Fenster zu schmeißen. Hätte er diese Nachricht gelesen, wäre mir vermutlich das Gefühl vorenthalten geblieben, mich gestern für diesen kurzen Moment fallen lassen zu können. Ich kann nur hoffen, dass er meiner Bitte nachkommt und nicht nachschaut, wenn sein Handy wieder funktioniert.

Er hat dann verkündet, er würde mich heute oder morgen nochmal anrufen. Das Fenster wäre jeweils zwischen 16 Uhr, wenn er Zeit hat, und 19 Uhr, wenn R nach Hause kommt. Ich bin nicht sicher, ob ich davon ausgehen soll, dass der Anruf wirklich kommt. Dafür hat er mich zu oft versetzt. Es wird sich zeigen.

20 Grad draußen. Eiskalt drinnen.

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Nein, oh nein, genau so sollte es nicht laufen.

Ich kann mich nicht zusammennehmen, mir fehlt die Kraft dafür. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass mit jeder Minute Nervenkoller, die ich R von mir miterleben lasse, dieser zunehmend genervt und alles nur immer schlimmer wird. Laut meiner Mutter ist allen Männern diese Eigenschaft gemein, „egal, was sie einem zufügen, man soll immer lächeln.“

Ich habe mir nach dem Aufwachen eine 5-mg-Escitalopramtablette einverleibt und dabei nur umso unkontrollierter geheult, weil mein stets auf der Suche nach zugrundeliegenden Prinzipien befindliches Hirn in diesem Akt der Resignation das erneut verlorene halbe Jahr Ausschleich- und fünf verlorene Jahre Beziehungsarbeit mit allen in deren Rahmen errungenen Fortschritten und erlittenen Rückschlägen gleichermaßen betrauerte.

Wenn ich nur wüsste, wie ich es anstellen soll, dass R für seine Entscheidungsfindung nicht dieses Kollabieren von mir, sondern die Person in Erinnerung behält, die ich bis Dienstag in den letzten fünf Jahren häufig war und ansonsten zu sein versucht habe. Ich bin zu schwach, um einfach wegzugehen, damit er keine Chance hat, mich bis zum Monatsende weiter so zu erleben. Ich bin auch zu schwach, um mich gefasst zu geben. Ich versuche es immer wieder, aber es gelingt mir kaum. Ich kann nur immer ein Stückchen des Elends für mich behalten, das sich in mir festgesetzt hat, nie aber das ganze. Ich bin ein unfassbar schwacher Mensch, den seine Emotionen hin- und herschleudern ohne jegliche Handhabe.

I’m tired, so let me be broken.

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Wow, das wird heftig. Aus irgendeinem Grund meint meine Psyche genauso zusammenklappen zu müssen, wie sie es in einer entfernt ähnlichen Situation vor bald einer Dekade schon einmal getan hat, und ich kann nur hoffen, dass sie sich dieses Mal schneller und weniger mühsam wieder berappelt.

Ich stehe nunmehr vor der Herausforderung, den Totalschaden irgendwie zu minimieren und mich jedem Trauma-Trigger zum Trotz den aktuellen Tatsachen angemessen zu verhalten.

Tatsache 1: Ich wurde (noch) nicht verlassen.
Tatsache 2: I made this bed. I choose to lie in it. Live with my regret, sleep with what I said.
Tatsache 3: Was hier passiert, ist unumgänglich.
Tatsache 4: Ich habe mir schon immer mehr von R gewünscht, als er in der Lage war zu geben.
Tatsache 5: Mit Kollabieren ist mir nicht geholfen.
Tatsache 6: Ich brauche ein Leben, um mich über Wasser zu halten.

Es gestaltet sich denkbar schwierig.

Solange R hier wohnt, ist damit zu rechnen, dass weiterhin jede Interaktion mit ihm von unkontrollierbaren Heulattacken meinerseits begleitet ist. Das ist mir nicht nur hochgradig unangenehm, sondern leider unvermeidlich.

Heulend einzuschlafen und mit Panik aufzuwachen ist mir zwar zur Genüge bekannt, aber dadurch nicht leichter zu ertragen. Ich habe letzte Nacht besser geschlafen, indem ich mich einerseits in dieser zweiten Nacht etwas an die harte Matratze im kleinen Zimmer gewöhnt und andererseits die Baldrian-Tabletten für mich entdeckt habe, die ich irgendwann mal für R geholt, welche er jedoch verschmäht hatte.

Immense Konzentrationsschwierigkeiten sowie gelegentliche Episoden überwältigender Verzweiflung verhindern, dass ich arbeiten oder lesen könnte. Jedoch habe ich mit Caro und mit Becci telefoniert und dabei erneut festgestellt, dass es wahnsinnig gut tat, sie um mich zu haben. Das kennt man ja schon.

I’m a mess, that’s the best way to describe it; having no time to myself’s the only way I can fight it
When I’m alone, it’s like I’m staring into a mirror; don’t know the person inside and that’s never been any clearer.

Aber ich habe auch gemerkt, dass mir alles leichter fällt, wenn ich funktionieren muss. Mich hat jemand von Foodsharing angerufen, die ich nicht kenne, und wie das so ist, fake it ‚til you make it, habe ich mein Heuldrama unterbrochen, um den Anruf entgegenzunehmen, und geschlagene neunzehn Minuten mit dieser Anette telefoniert, als wäre es der sonnigste Nachmittag, den die Welt je gesehen hat.

Was mich in der Annahme bestätigt, dass ich mich unter Menschen zwingen muss, so viel wie möglich, um einfach nicht zusammenbrechen zu können und dabei im besten Fall an sozialen Kontakten zu gewinnen, die die Bezeichnung auch verdienen.

Siehst du mal. Telefonieren hat geholfen, Schreiben hat geholfen, sogar dieses überaus deprimierende Lied hat geholfen. So sehr, dass ich in der vergangenen Stunde vollends von dem Gefühl verschont blieb, an unerträglichen Schmerzen zu verrecken.

Me vs. Mensies

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Absurd entsetzliche Regelschmerzen, wie ich sie seit Anbeginn der Spiralen-Ära nicht mehr verspürt habe, machen es mir gerade schwer, in den heute noch verbleibenden 20 Minuten einträgeschreibenderweise so produktiv zu sein, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber das kommt schubweise und gerade flaute es wieder ein bisschen ab, was mir zumindest die Möglichkeit gibt, zu verkünden, dass ich meinem Vater etwas Gutes getan und ihm für seinen bevorstehenden Langstreckenflug Plants vs. Zombies empfohlen habe. Die letzten anderthalb Stunden lang habe ich auf der Couch gesessen und ihm beim Zocken zugeschaut – herrlich.

Mehr schaffe ich aber nicht mehr, weil 1) mir die Zeit ausgeht und 2) die Schmerzen wieder da sind.

Blaue Katzen

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Himmels Willen, was ist denn hier passiert? Da ist man ein paar Wöchelchen nicht da und sie ändern im Backend einfach die Farben. Hat fast was von SchülerVZ, dieses Weiß-Rosa.

Nun gut, damit kann ich leben. Noch besser lebe ich allerdings, weil ich heute zum ersten Mal dieses Jahr, zwecks Therapeutentermin, das Haus verlassen habe und mir das gutgetan hat. Rauskommen ist generell immer ganz super, nur es bis dahin zu schaffen stellt eine enorme Hürde dar, der ich mich aktuell ganz gut entziehe. Aber ich hoffe, dass es bald wieder besser wird. Kann eigentlich nur.

Irgendeinen magischen Einfluss scheinen allerdings meine Therapiesitzungen auf das Finanzamt zu haben. Als ich heute wiederkam und den Briefkasten aufmachte, befand sich darin, man höre und staune – meine Umsatzsteueridentifikationsnummer. Genau wie das Schreiben mit der Aufforderung, mich beim Elster-Portal anzumelden, letztes Jahr auch an einem Donnerstag ins Haus geflattert kam, als ich schon ganz und gar überzeugt war, mich nochmal selbst beim Finanzamt melden zu müssen.

Somit kann ich nun also, vorausgesetzt, sie behalten mich bei Scribbr, das Geld, das ich mir dort erarbeite, auch tatsächlich ausgezahlt bekommen.

Mein Kalender kam auch heute an. Dies wird mein drittes Jahr als bekennende Paperblankssüchtige. Ein Glück fliegen diese kleinen Buchkalender bei Ebay nach Weihnachten überall herum. Ich habe dieses Mal einen mit blauen Katzen abgestaubt und würde mich nun daran freuen, wären denn meine Emotionen momentan für mich erreichbar.

Ich habe die Medis zurück auf 10 mg herunterdosiert, nachdem der erhoffte Motivationsschub auch auf der höheren Dosis ausblieb und mir dafür der klägliche Rest meiner Gefühlswelt auch noch abhandenkam. Dann doch lieber wieder nichts gebacken bekommen und dabei wenigstens ein schlechtes Gewissen haben, statt einfach nur stumpf vor mich hinzuexistieren und dabei, wenn überhaupt, höchstens noch weniger zu schaffen.

Gleich wird jedenfalls erstmal mit Caro geredet. R kommt spät wegen Solid. Donnerstags sollte die Pflege sozialer Kontakte zur Außenwelt ins Pflichtprogramm gehören – wenn ich denn eines hätte.