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Mai?

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Ich werde schon wieder so nachlässig mit dem Blogschreiben, dass ich vermutlich die Once-a-day-Challenge wieder einführen sollte. Das hatte doch wirklich gut funktioniert, sogar in dieser furchtbarsten aller Zeiten; nach ein paar Wochen hatte ich mir so schön beigebracht, an Motivationsmangel und (oberflächlicher) Ereignislosigkeit vorbeizurauschen und einfach zu tippen anzufangen. Sicher, die sprachliche Qualität und vermutlich auch der Unterhaltungswert meiner Einträge werden darunter gelitten haben, aber darum soll es ja nicht gehen. Sondern um Dokumentieren und um Selbstheilung.

Seit einer knappen Woche, genauer gesagt, seit letztem Dienstag, bin ich (vorerst) wieder allein in meiner Wohnung. Jana hatte sich zum Zwecke ihres Therapiegesprächs, das in der Stunde nach meinem stattfand, in ihre Wohnung verzogen und es anschließend nicht mehr dort heraus geschafft. Seitdem steckt sie also wieder bei sich, während diverse Habseligkeiten von ihr noch in meiner Wohnung auf sie warten. Für ihre Diplomarbeit sehe ich keine nennenswerten Erfolgschancen, es sei denn, sie bekommt ihre Frist nochmals (erheblich) verlängert. Schade, aber ich kann da absolut nichts machen.

Zugegebenermaßen war ich heilfroh über die Möglichkeit, zumindest eine gewisse Zeit lang mal wieder ’nach Luft schnappen‘ zu können. Mittlerweile habe ich mich vom WG-Leben schon soweit erholt, dass ich es begrüßen würde, wenn sie mal wiederkäme. Beachtlich ist aber, dass in dieser ersten Zeit, wo die Gegenwart einer Mitbewohnerin in Form von Jana für mich wirklich essenziell war, ich mich augenscheinlich so immens stabilisieren konnte, dass ich das längere Alleinsein jetzt gerade wirklich gut verkrafte. Kein Vergleich zu dem Zustand, in dem ich mich befand, bevor sie kam.

Es ist alles etwas wackelig, aber dass es überhaupt so unglaublich weit schon ist, finde ich verblüffend. Die Medis ermöglichen sowas. Virtuelles Cards against Humanity mit Caro, Ricardo und Cocktails hilft. Besonders beachtliche Wirkung hat zudem ein Gespräch mit Basti am letzten Sonntag gezeigt, das anders verlief als geplant und (ungeachtet letztendlicher, noch offener Konsequenzen) wie kein anderes Ereignis dazu beigetragen hat, die Welt um mich herum schlagartig weniger hoffnungslos scheinen zu lassen. Seitdem habe ich keine suizidale Anwandlung mehr verspürt. Eine Art Grundvertrauen war mit einem Mal zurückgekehrt. Das steigert die Lebensqualität unermesslich.

Jetzt muss ich schauen, dass ich darauf aufbaue und etwas, irgendetwas aus mir und meinem komischen Leben mache.

Die Stimme aus dem Vakuum

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Wie praktisch jeden Abend denke ich mir, dass ich nichts zu sagen habe. Wozu soll das gut sein? Schreiben ist heilsam? Wenn ich mich durch Schreiben davon heilen könnte, dass mir jegliches Bedürfnis danach abhanden gekommen ist, müsste sich das doch langsam bemerkbar machen.

Wenn mir das Schreiben die Freude an Dingen wiederbringen könnte, die mir selbst zu elendsten Zeiten Freude bereitet haben.

Das tut es nicht, aber es hilft, mentale Barrieren zu überwinden. Auf diese Weise bin ich gezwungen, anzuerkennen, dass ich eine leere Schale wäre, würde man die zumeist sorgsam verdrängte Trauer um alles Verlorene herausnehmen.

Nun stehe ich vor dem Problem, dass derartige Eingeständnisse, sobald sie denn einmal gemacht sind, dazu tendieren, rasant anzuschwellen, mit all ihren emotionalen Implikationen lawinenartig herabzustürzen und mich darunter zu verschütten. Der Prozess mag notwendig und auf lange Sicht unumgänglich sein, aber ich fühle mich der Erstverschlimmerung nicht gewachsen. Vielleicht ist diese Abgelegenheit nicht der richtige Rahmen dafür.

In einer Woche bin ich wieder zu Hause. Eventuell sollte ich bis dahin die Konfrontation von Lebenskrisen vermeiden.

Para-Time Shifting

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Nach etlichen Jahren, die mein Blögchen inzwischen auf WordPress wohnt, ist es mir heute gelungen, tatsächlich mal die richtige Zeitzone einzustellen. So sollte jetzt der angezeigte Zeitpunkt der Veröffentlichung jedes Beitrags mit dem realen Veröffentlichungszeitpunkt übereinstimmen. Das hat mich gestern schon gewurmt, wie es auf einmal so aussah, als hätte ich mit meiner 2020-jeden-Tag-schreiben-Challenge schon gefailt, bevor ich überhaupt damit begonnen hatte.

Wie gut es tut, wieder daheim zu sein. Zwar war es in der Theorie eine tolle Idee, Silvester mit Becci und Cornelia in deren Wohnung zu verbringen. Praktisch jedoch erwies sich Beccis bislang von mir uneingeschränkt gern gemochte Schwester in ihren eigenen vier Wänden als eine überaus anstrengende Zeitgenossin. Besonders in der Konstellation, die wir abgaben. R, Becci und ich sind bereits jeder für sich neurotisch genug, aber unsere inneren Aliens schaffen es irgendwie trotzdem, im Zweifelsfall miteinander zu kooperieren. Das kann die nervtötende Kreatur, von der Cornelia offenbar gesteuert wird, nun nicht gerade von sich behaupten. Erträglicher wurde es auch dadurch nicht wirklich, dass im Zuge meiner Medi-Herunterdosierung auch meine Toleranzgrenzen dichtmachen. Aber da R gemeinschaftlich mit mir die Krise bekam, war ich mit meiner Wahrnehmung der Dinge offenbar nicht alleine.

Oh well, es war eine Erfahrung. Und wie solche Situationen es so mit sich zu bringen pflegen, ist meine Dankbarkeit und Wertschätzung für R’s und mein alltägliches Miteinander währenddessen wieder einmal ins Unermessliche gestiegen.

Nun denn. R unternimmt gegenwärtig mal wieder einen Versuch, das Rauchen aufzugeben. Nachdem es ihm gestern Abend vor und während der Heimfahrt so dreckig ging, dass er seine Rauchzeugvorräte direkt im Zugmülleimer entsorgte, und er zumindest heute noch nicht wieder arbeiten musste, gebe ich ihm mindestens bis Ende der Woche. Am Sonntag tummelt er sich dann auf einer Politveranstaltung mit all seinen Enabler-Genossen. Ich denke, dass das zu früh für eine derartige.. naja.. Feuerprobe ist, und nehme daher stark an, dass auch das frisch angebrochene Jahrzehnt R nicht nicht rauchend erlebt haben wird.

Ich selbst habe ja zum Glück nun schon etliche Wochen ohne AoE auf meinem Computer verbracht. Es wird so Mitte November gewesen sein, als ich R darum bat, mir die verbleibende Version endgültig vom Rechner zu entfernen, also die eine, die ich selbst auch nach mehreren Versuchen einfach nicht in der Lage war zu löschen – nicht wegen der Sucht, sondern weil ich zu dämlich dazu war und sich der Computer und das Spiel gegen mich verschworen hatten. Jedenfalls war es dann weg. Ich glaube, es war mitten in einer angefangenen Partie. Aber wann hatte ich nicht gerade eine Partie AoE angefangen, außer natürlich, wenn die gerade angefangene Partie schon ein paar Stunden lang ging.

Meine Ersatzsucht sind deshalb nun Serien. Ich habe den Dezember damit verbracht, Gilmore Girls zu gucken, was mir schonmal besser gefiel als Zocken. Zum Beispiel hat man während des Serienguckens die Hände frei und kann damit so lustige Dinge anstellen wie frühstücken, Körperbehaarung auszupfen, Kleidung reparieren. Das geht nicht, während man AoE zockt. Somit wird man produktiver, während man seiner Sucht frönt, als man es beim Zocken war.

Hilfe, ist das schlimm. Zuerst will man gar nicht anfangen zu schreiben, und dann hört man nicht wieder auf.

Big plans

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Neue Dekade, neuer Größenwahn: Ich habe mir überlegt, mir vorzunehmen, dieses Jahr jeden Tag einen Eintrag zu produzieren. Ganz schön ambitioniert, wenn ich mir meine Quote aus den letzten Jahren so anschaue. Aber da es mich so sehr wurmt, wie ich meine Lebensdokumentationsmaßnahmen verkommen lasse, versuche ich mit diesem Vorhaben, das Ruder herumzureißen.

Ab heute gilt demnach: Schreiben. Auch wenn mir nicht danach ist; auch wenn ich das Gefühl habe, nichts zu sagen zu haben; auch wenn ich das Gefühl habe, etwas nicht sagen zu können. Schreiben ist immer besser als Nichtschreiben. Schreiben ist therapeutisch, Schreiben ist Aufbewahren und Aufarbeiten und Lernen und Verstehen, Schreiben ist nie vergebens.

Mal sehen, wie lange ich es durchhalte.

Wirklich… zu viel Zeit.

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Seit sehr Langem musste ich gerade erstmals wieder an den absurden Zufall denken, dass die Person, deren Internetpräsenz mich damals dazu bewogen hat, mir einen blog.de-Blog zuzulegen, sich Jahre später als jemand herausstellen sollte, mit dem der Ukumensch über dieselbe Plattform einen regen Kontakt pflegte.

Vielleicht komme ich darauf, weil ich soeben spontan (aber nicht wirklich; ich habe neulich im Bus hierher schon einen ganz winzigen Versuch unternommen) der nicht minder absurden Tätigkeit nachging, den Ukumenschen erfolglos in den Weiten des Internets zu stalken. Das passiert, wenn du zu gut verdrängst. Weder erinnere ich mich an den Namen seines damaligen Blogs (wohingegen mir das dazugehörige gewollt-möchtegern-Hipsterfoto mit der Mütze bei mehr oder minder angestrengtem Nachdenken tatsächlich wieder ins Gedächtnis kam) noch an den fancy englisch-französisch-verwirrten Alter-Ego-Fakenamen (Henry.. etwas), den er auf Onlineplattformen so anzunehmen pflegte. Was bitter ist, weil ich damals tatsächlich sein Facebookprofil mal gefunden hatte, ich weiß es genau.

Ich weiß aber auch, dass mir der Name auf der Zunge liegt, dass blog.de (sag bloß) seit Jahren nicht mehr besteht, dass ich so oder so keine Ahnung habe, ob der Blog (oder der Mensch) danach mal umgezogen ist, und dass – wenn alle Stricke reißen – durchaus auch die Möglichkeit bestünde, ihm einfach bei Skype zu schreiben, wäre denn die Absicht hinter den Ganzen überhaupt, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Aber das war es gar nicht, viel lieber umgeb ich mich mit undefinierten Schatten und dem typischen solche Momente begleitenden Chaos aus bodenloser Nostalgie, altem Selbstmitleid und neuem Selbstrespekt, Selbsterkenntnis und dem Mangel daran, Zweifeln und Gewissheit und einer Prise aus dem unerschöpflichen Vorrat des ebenso schwammigen wie intensiven Wunsches, irgendwie in der Vergangenheit Dinge anders gemacht zu haben. Das ist das, was mich umtreibt. Konkret kann ja jeder. Gegenwart, wie lahm.

Meine Gegenwart gestaltet sich aktuell so: Ich befinde mich in der Wohnung meiner Eltern, welche sich wiederum im Urlaub befinden. Ich bin demzufolge alleine und dafür zuständig, dass die Balkonbepflanzung überlebt. Zu diesem Zwecke bin ich vorgestern also hierher gereist und habe nun Sehr. Viel. Zeit. – und Sehr. Wenig. zu Tun. Bisher habe ich gearbeitet, Musik gemacht, gegessen und gegammelt. Was soll man in einer fremden Wohnung auch sonst machen.

R derweil hat sich eine potenzielle Ausbildungsstelle an Land gezogen, bei der er heute zum Vorstellungsgespräch geladen war. Sein derzeitiger Chef war von der Aussicht, ihn ein Jahr früher als geplant zu verlieren, so überaus entsetzt, dass er ihm den Himmel auf Erden im Betrieb versprochen hat, falls er es sich anders überlegt. Das sieht also in jedem Fall gut aus.

So. Nun bin ich einfach mal froh, dass ich den Fluch brechen konnte, der sich vor mein Schreiben geschoben hat, seitdem ich mit der Pflanzenbestimmung nicht mehr hinterherkam (du hast keine fünf Pflanzen fertig? Dann denk gar nicht erst dran.) – jetzt bin ich eindeutig nicht mehr in Reichweite meines Balkons und somit jeglicher selbstauferlegter Pflanzenbestimmungspflicht fürs Erste enthoben.

Und was alles Andere an selbstauferlegten Komplikationen meines Daseins angeht – um die kümmern wir uns irgendwann auch noch. Aber nicht mehr heute.

Ruhe nach dem Sturm

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Es war das heftigste Gewitter meines bisherigen Lebens. R weckte mich auf, ich weiß gar nicht mit welcher Absicht, und ich, mir der Situation gewahr werdend, aber schlafentrissenerweise noch ohne viel Zugriff auf meine artikulatorischen Fähigkeiten, sagte „Der Flokati.“

-„Ist er draußen?!“

„Ja.“

„Also ich hol den nicht rein jetzt.“

„Nein! Aber unter den… das… Wie heißt das denn.. unter den Balkon, den von obendrüber, unters Dach!“

R machte unbegeisterte Geräusche. Dann musste ich halt selber ran. Entnervt schwang ich mich aus dem Bett – nenn mich sexistisch, aber während ich gut darauf verzichten kann, dass man mir Türen aufhält, Spinnen entfernt oder teure Geschenke macht, bin ich der Meinung, dass es zu den Dingen gehören sollte, die mein Freund für mich bereit ist zu tun, sich im schlimmsten Regen des Jahrtausends auf den Balkon zu bewegen und einen Teppich ins Trockene zu bringen. Aber nein, R meint dies nicht, also stürzte ich mich selbst in die Fluten und positionierte bei der Gelegenheit auch gleich die Eimer unterhalb des übernachbarlichen Balkonrandes (ich habe nie von dieser Fehlkonstruktion berichtet, aber dieses Haus ist auf eine solche Weise erbaut, dass bei Regen aus zentral im Rand angebrachten Abflüssen aller über uns liegenden Balkone kaskadenweise das Wasser auf den unsrigen herabströmt, welcher nicht mit einem derartigen Abfluss gesegnet ist, sondern Abflussmöglichkeiten besitzt, welche unter den Bodenplatten liegen und größtenteils blockiert sind, egal, wie gründlich man die Fugen reinigt. Go figure, wo sich das ganze Wasser demzufolge ansammelt). Durch die Blitze wurde es sekundenweise taghell; ich habe noch nie so helle Blitze erlebt.

Ich war durchnässt und zitterig, als ich wieder reinkam, legte mich zurück ins Bett und beobachtete mit R die auf der Straße bergabwärts strömenden Wassermassen, erfreute mich an der tropisch anmutenden Intensität des Gewitters, bewunderte die Blitze und sorgte mich um meine Pflanzen.

Dementsprechend groß war vorhin meine Erleichterung, als ich begeistert feststellte, dass keinem Pflänzchen auch nur ein Stielhaar gekrümmt worden war. Die Guten sind doch allesamt widerstandsfähiger, als ich sie eingeschätzt hatte; sogar die zarten Zimtbasilikumstängelchen waren unversehrt. Der Regen hat ihnen allen einfach nur gutgetan; man kann förmlich zusehen, wie sie in die Höhe schießen und gedeihen. Ich habe die prächtigsten Tomaten, die ich je besessen habe. Ringelblumen wuchern überall. Der Kürbis explodiert förmlich. (Es kann auch eine Melone sein. Ich weiß wirklich nicht, wie ich die beiden in diesem fruchtlosen Stadium auseinanderhalten soll, also warte ich einfach ab, was die jeweiligen Pflänzchen irgendwann so hervorbringen.) Die Zinnien fangen an zu blühen, rot und pink bislang. (Eine Zinnie fiel meiner viertägigen Abwesenheit zum Opfer, als es heiß wurde und R’s Vernachlässigung meine Balkonbepflanzung auf harte Proben stellte. Zum Glück war sie die einzige, die dran glauben musste.) Der Topinambur ist bald größer als ich, und die Kartoffelhecke macht sich hervorragend an der wenig dekorativen Balkonmauer. Die Azorenpflanzen entwickeln sich zu wahren Juwelen, und ich kann es nicht abwarten, bis sie blühen. Die Physalis mit ihren gesunden, samtweichen Blättern sieht genau so aus, wie sie sein soll. Pfefferminze wuchert wie ein Wald, die vom Brandt geschenkten Zucchini haben tausend Knospen, Schalen mit Genoveserbasilikum und Oregano treiben und grünen, Wildblumen sprießen in Scharen. Und zwischendrin tummeln sich Zitronenbasilikum und kleine Löwenmäulchen und warten auf ihre Chance, dem Schatten der Großen zu entwachsen. Noch keinen Junianfang hatte ich eine so vielversprechende Ansammlung an Pflanzen. Ich freue mich wahnsinnig auf den verbleibenden Sommer.

Mein Urlaub neigt sich dem Ende zu; Montag fängt die Schule wieder an und somit mein letzter Monat mit Sophi; die Noten des schriftlichen Abis werden am 18. verkündet und ich bin hochgespannt. Gleichzeitig natürlich verdränge ich weiterhin wie ein Weltmeister die Tatsache, dass ich ab Juli ohne Schüler dastehe und daran dringend etwas ändern müsste, denn auch wenn ich mir im letzten Dreivierteljahr ein beruhigendes finanzielles Polster erarbeitet habe, lähmt mich die Angst vor dem Mangel an Einkünften. Ich bin in der Therapie daran am Arbeiten, diesen Druck zu verstehen und zu bändigen. Und sie bietet mir zudem die Möglichkeit, nachzuvollziehen, wie Dramen der Sorte „letztes Wochenende“ entstehen und vielleicht, irgendwann, was ich tun kann, um dies zu verhindern. (Das Drama zog auch vorbei, ähnlich dem Gewitter. Bloß dass im Gegensatz zu den reinigenden Qualitäten des Letzteren von den Dramen immer eine Spur bleibt. Oder eher: eine Narbe. Es bleibt eine Narbe.)

Ich will dir mal was sagen. Ich habe es über weite Strecken der vergangenen Jahre vermieden (und vermeide nach wie vor), mich mit meinen innersten Zweifeln und Konflikten aktiv auseinanderzusetzen; ich vermeide es, so gut es geht, und nicht aus freiem Willen, sondern weil irgendein Teil von mir es mir so vorschreibt. Ich habe Schwierigkeiten, mein Blögchen zu betreiben, weil mir nicht einfällt, was ich schreiben könnte, während die Sachverhalte mir nicht zugänglich sind, die es wert wären, sich damit zu beschäftigen. Daraus ergibt sich dann die (berechtigte) Befürchtung, ein falsches Bild zu vermitteln, und daraus wiederum der Unwille, überhaupt etwas zu schreiben. Ich habe ewig gedacht, es läge daran, dass ich nicht mehr alleine wohne und die Zeit für Anderes aufwenden möchte, aber eigentlich ist es alles nur Teil eines gigantischen Verdrängungsmechanismus. Ich bin mir nicht sicher, was mit dieser Feststellung nun anzufangen ist, aber ich bin jedenfalls froh, sie gemacht zu haben.

Grenzenlose Unmöglichkeiten

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Was habe ich eigentlich immer gemacht im Internet?

Meine Situation ist die folgende: Ein dumpfes Dröhnen belagert meinen Kopf, die arme Katze tut dasselbe mit meinem rechten Arm (ich habe ihr vorhin ein Tröpchen Schmerzmittel ins Maul geträufelt, woraufhin sie sich wenig später in eine weitaus bequemere Lage hinein entspannte und ich mir erstmal eine Stunde lang das Handgelenk verrenkte, um mit der Computermaus weiter navigieren zu können), mir ist ein wenig zu warm, mein Hintern tut vom Sitzen weh wie schon die vergangenen Tage immer (AoE II lässt grüßen; dank R bin ich jetzt ein hilfloser Suchti), und die Fülle von Möglichkeiten hinter der zuvor so lange verschlossenen Tür meines Browsers überfordert mich. Maßlos.

So etwas Uninspiriertes hat die Welt noch nicht gesehen. Ich muss erstmal die ganzen Schranken in meinem Kopf wieder abbauen und die Überwindung aufbringen, die ganzen Menschen zu kontaktieren. Ein paar habe ich schon geschafft heute (sonst würde mich auch meine Mikrowellenkatzenkollegin morgen nicht besuchen kommen), aber so viele stehen noch aus. Und natürlich packe ich das nicht alles auf einmal. Wo kämen wir denn da hin. Zeit nutzen war dieses Jahr nicht unbedingt meine größte Stärke, obwohl ein entsprechender Ausriss aus irgendeiner Zeitschrift im Flur an meiner Tafel hängt („jetzt Zeit nutzen…“). Der hängt seit Jahren an dieser Tafel, mit Ausnahme der Taborweg-Zeit, die das gute Stück im Keller verbringen musste, aber viel genützt hat er mir nicht. Oder eher: Viel genutzt habe ich ihn nicht. Meine Güte, was bin ich abgesackt in Untätigkeit dieses Jahr.

Ich setze, wie mir gerade aufgeht, eine stille Hoffnung in diese meine endlich mögliche Wiederaufnahme des regelmäßigen Schreibens. (Sicher, schreiben hätte ich auch offline können, aber um Himmels Willen, woher die Motivation nehmen, wenn am Ende kein Abschicken-Button gedrückt werden kann. Ich tue das hier ja nicht umsonst vor (hypothetischem) Publikum. Und es erstaunt mich immer wieder, was für Selbstheilungskräfte im Veröffentlichen meiner wirren Gedanken stecken. Wobei es absolut Sinn macht, wenn ich bedenke, dass es mir selten genug in den Sinn kommt, etwas für mich zu erreichen, wenn es sonst niemand mitbekommt. Das Gefühl, mich selbst nicht enttäuschen zu können, habe ich erst, wenn jemand Anderes involviert ist. Konfrontation mit den Dingen, die getan werden müssen, ist also um Einiges möglicher, nachdem der Welt verkündet wurde, dass sie getan werden müssen. Und somit letzten Endes auch endlich mir selbst.

An entry a day keeps the doctor away.

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Auch wenn ich im Moment mal wirklich nicht dazu komme (lo and behold, meine Bachelorarbeit ist fertig, jetzt hänge ich an der Bibliographie und den kleinen, größeren und ganz großen Feinheiten):

Ich wusste doch schon immer, dass Schreiben was Tolles ist. Du solltest es ausprobieren.

Hallo, hier bin ich! Hier oben!

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Du glaubst nie, was passiert ist. Es ist schon ein paar Stündchen her (genauer gesagt, über einen Tag), dass R zu eher fortgeschrittener Nachtstunde mein Zimmer betrat und mich mit den Worten „Du hast einen phänomenalen Schreibstil. Und du solltest weitermachen.“ und der anschließenden Bemerkung „Jetzt weiß ich, warum ich immer bei Boggle verliere“ aus dem Schlaf holte. Ich hatte beim Exportieren meines Zweitblogs „Save the Lettuce“ festgestellt, dass den letzten Eintrag ein echter Mensch außerordentlich positiv kommentiert hatte, was mich so freute, dass ich postwendend diesen Artikel zu Facebook stellte, wo ihm R über den Weg lief und so erstmals dazu kam, sich etwas Geschriebenes von mir anzusehen.

Wahrscheinlich ist die schiere Exhileration, die das bei mir auslöste, nicht hundertprozentig nachvollziehbar, solange man außer Acht lässt, 1) dass R das Lesen und Verfassen von Texten selbst nicht unbedingt fern liegt, er dem geschriebenen Wort keine geringere Bedeutung beimisst, als ich das selber tue, und ich weiß, wie viel er auf sich und seine eigenen Fähigkeiten diesbezüglich gibt, 2) dass es ihm eigen ist, jedes Gespräch, jeden noch so kleinen Wortwechsel ohne Rücksicht auf Verluste an sich zu reißen, sodass diese Möglichkeit, zu erfahren, dass ich im Bereich Eloquenz und Mitteilungsbedürfnis durchaus auch so meine Aufenthaltsberechtigung habe, für ihn eine äußerst wertvolle und dazu rare war, 3) wie glücklich ich bin, dass er sich dafür überhaupt interessiert hat, was ich da verzapft habe, und 4) wie wichtig mir seine Meinung ist, selbst in diesen Gefilden, wo ich mich zu Hause fühle wie ein Fisch im Wasser.

Ich schwebe bald aus dem offenen Fenster raus, so sehr freue ich mich, wenn ich daran denke. Jetzt habe ich natürlich gleich das Bedürfnis, ihm alles, was ich je geschrieben habe, unter die Nase zu halten, um noch mehr von dieser wundervollen Anerkennung zu bekommen, sie aufzusaugen und mich davon zu ernähren, wie ich es so an mir habe. Halt, nicht gut; das ist nicht gerade, was ich erreichen wollte, als ich mir neulich sagte, ich sollte Dinge mehr für mich selbst tun als für Andere. Aber ich bin irgendwie eh zur Hälfte Wolpertingerwelpe, die leben auch ausschließlich von Zuneigung. Mein anderer Elternteil ist dann wohl, den Umständen entsprechend, ein Heliumballon.

Natürlich habe ich so oder so manchmal mit dem Gedanken gespielt, ihm den Blog zu geben; es wäre dann das erste Mal, dass ich die Adresse selbst und freiwillig herausrücke. Trust Issues und ungerechtfertigte Zurückhaltung könnte ich mir dann jedenfalls definitiv keine mehr vorwerfen. Und zumindest müsste ich mich nie wieder darum sorgen, irgendein besonders grauenerregender Teil von mir würde irgendwann aus einer Ecke hervorkommen, wenn man es am wenigsten erwartet, ihn aus dem Hinterhalt überfallen und in die Flucht schlagen, nur weil ich versäumt hätte, ihn darüber in Kenntnis zu setzen, dass sich so etwas in meiner Welt herumtreibt. Wie ich mich kenne, wäre die Kreatur eh nicht besonders furchteinflößend, sondern eher unermesslich fremdschäm- oder facepalmerregend, irgendetwas Erbärmliches aus Şahin-Zeiten oder Post-Şahin-Zeiten, was weiß ich denn, was sich in den Tiefen meiner hier verschriftlichten Seele vergangener Jahre noch alles an schrecklichen Dingen verbirgt.

Oh, ich bin ratlos.

Es ist nicht so, als hätte ich sonst nichts, worüber ich mir Gedanken machen könnte, aber da ich die aktuellen Uni-Probleme lieber verdränge als alles Andere, bleibst du an dieser Stelle davon verschont. Ich werde mich trotzdem vorsichtshalber daran machen, an der Hausaufgabe fürs Kolloquium zu arbeiten.

Writer’s Eyes

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Uxue Apaolaza. Seitdem ich mit Daniel das eine Mal pro Woche einen ihrer Texte durchackere, habe ich wieder Ambitionen zu schreiben. Nicht beschreiben, blogmäßig, tagebuchmäßig, sondern so richtig, stilistisch wertvoll, kreativ, poetisch, metaphorisch, alles. Seitdem sehe ich die Welt wieder mit ganz anderen Augen. Schreiberaugen, könnte man fast meinen. Auf einmal erscheint mir jedes kleine Facettchen wie eine Inspiration. Da sieht man mal wieder, was für ein psychologisches Gefudel eigentlich das Schreiben ist. Was auch immer du schreibst, es ist nichts Besonderes; es war schon in aller Leute Augen. Alles, was du machst, ist eigentlich, zu schreiben, was jeder sieht, nur mit anderen Wörtern, welchen, die sie alle nicht sehen. Manchmal. Und manchmal ist es auch anders, und selbst das funktioniert.

Ich habe einen atemberaubenden Satz heute hinbekommen in meinem privaten Euskera-Unterricht:

„Allí se ven cosas que normalmente no se ven.“

Natürlich habe ich jetzt wieder vergessen, wie man das sagt. Han, normalean ikusten ez dituen gauzak ikusten da? Ditut? Dituzte? Oh je. Mein Kopf wird schwammig und fordert mich zum Schlafengehen auf. Es war auch nicht gerade der unanstrengendste Tag meines Lebens. (Aus Hamburg wiederkommen, Euskera, kurz nach Hause, in die alte Wohnung zur Vorabnahme, kurz nach Hause, eine Wand der alten Wohnung streichen, Zimmer und Terrasse zu Ende leerräumen, zum Zähringer fahren, Tasche verloren haben, zurück zur alten Wohnung, Tasche suchen (erfolglos), kurz nach Hause, zur Polizei mit Trudi und ihrem Bruder, nach Hause, EC-Karte sperren, Schokofondue mit Film (Charlie & the Chocolate Factory, was gibt es Passenderes) und ab ins Zimmer. Ruhe. Googlen, wie man mit wenig Platz im Kleiderschrank viele Anziehsachen unterbringt (Kopenhagen war erfolgreich). Schlafen.) Ade, gabon.