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Saving(s) – auf ein Neues

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Soeben kam ich aus der Stadt zurück, wo ich mich mit Marthe in einem zentral gelegenen Café zum Unterricht getroffen habe. Ihre Wohnung ist gerade belegt, aber sie wollte – was ich sehr löblich finde – nicht schon wieder einen Termin ausfallen lassen. Letztendlich saßen wir statt der üblichen Stunde anderthalb da, ich bekam die halbe Überstunde und meinen Kaffee bezahlt und wurde im Allgemeinen reichlich dafür kompensiert, dass ich auf dem Hinweg von Regenfällen überschüttet wurde. Oh, wenn mein Berufsleben doch nur aus Sophis, Ulrikes und Marthes bestünde. Ich könnte mir kein besseres Leben vorstellen.

Der Unterricht mit Marthe führte auch zu dem glücklichen Umstand, dass meine neulich bis auf den letzten Schein geplünderte Bargeldkasse wieder Geld enthält. Ich hatte beim letzten Schweizbesuch alles, was sich über Jahre dort angesammelt hatte, meinem Vater übergeben, damit er für mich Aktien kauft. Mein Vater kann sowas. Seitdem war ich cashmäßig pleite. Das war ein komisches Gefühl und ich bin froh, dass es vorbei ist – ich besitze nunmehr Bargeldersparnisse von 25 Euro und in meinem Portemonnaie befinden sich 4,48. (Nur falls jemand auf die Idee kommt, mich auszurauben – es lohnt sich zur Zeit ziemlich eindeutig nicht.)

R geht heute Abend nochmals mit Daniel trinken. Scheint, als täte die Tatsache, dass Daniel ihn nicht mehr mag, ihrem gemeinsamen Weggehen keinen Abbruch. Vielleicht wird das ja auch wieder. Trotzdem werde ich es nie verstehen, wie man in der Auswahl seiner Kontaktpersonen so anspruchslos sein kann, dass man jemanden zwar (und sei es nur temporär) nicht ausstehen kann, aber trotzdem mit ihm saufen geht. Oh well. Sollen sie mal.

Und nun zum chlorophylligen Teil:

26 – 30

(Ich verzweifle an den verschiedenen Salatsorten und habe ehrlich gesagt nicht die leiseste Spur einer Ahnung von Salat, daher mache ich es mir lieber einfach, statt am Ende eh alles falsch zu bestimmen. Hilfe von außen ist immer willkommen.)

Gartensalat – Sorte 2 (Lactuca sativa – Asteraceae)
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Gartensalat – Sorte 3 (Lactuca sativa – Asteraceae)
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Gartensalat – Sorte 4 (Lactuca sativa – Asteraceae)
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Schnittlauch (Allium schoenoprasum – Amaryllidaceae)
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Berg-Flockenblume (Centaurea montana – Asteraceae)
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Kleines Gerede

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Es ist jedes Mal ein Abenteuer, zu Marthe zu gehen. Marthe ist meine aktuelle Englisch-Konversationsschülerin und das Abenteuer besteht darin, dass wir auch nach etlichen Treffen noch immer nicht ganz den Draht zueinander gefunden haben, sodass es stets eine Herausforderung darstellt, die Unterhaltung am Laufen zu halten.

Das kannte ich so noch gar nicht. Reine Konversation habe ich bisher nur mit Ulrike betrieben, und die war ein so überaus grandioser Mensch, dass man nun wirklich nicht darüber nachdenken musste, was man mit ihr reden könnte. (Ich skype dieses Wochenende mit ihr. Freiwillig.) Marthe dagegen ist zweifellos sehr nett, aber ziemlich zurückhaltend, und wenn mir irgendetwas Schwierigkeiten bereitet, ist es nunmal, Menschen zum Reden zu bringen. Dafür bin ich selbst zu input-abhängig und respektiere vielleicht auch die Entscheidung meines Gegenübers zu sehr, mir Dinge eben nicht mitzuteilen.

Aber es wird langsam. Mittwoch haben wir angefangen, über Bücher zu reden. Ein dankbares Thema, das ich ebenso dankbar aufgegriffen und so weit wie möglich ausgeschöpft habe, den es galt noch zehn Minuten vom leicht verkürzten vorherigen Termin nachzuholen. Nun bin ich heute schon wieder bei ihr und wie immer gespannt, wie wir uns heute schlagen. Ich möchte im Anschluss an die Unterrichtsstunde zum Friseur gehen, vielleicht können wir ja über Haare reden.

R erzählte mir neulich, dass Yannick (sein Kumpel, mit dem ich containern fahre) geäußert hat, er wüsste nicht, worüber er mit mir sprechen sollte – er habe halt keine Smalltalk-Fähigkeiten. Da haben sich ja zwei gesucht und gefunden. Aber ich habe mich dran gewöhnt, dass wir auch mal eine Weile nicht reden, während wir im Auto sitzen. Sicher ist das etwas, was man erst lernen muss – die Stille zu ertragen – , weil wir darauf konditioniert werden, immer zu reden, auch wenn wir nichts zu sagen haben. Während ich das Konzept von Smalltalk schon immer dubios fand (gerade bevor ich es selbst halbwegs durchdrungen hatte, was immerhin einen Großteil meiner bisherigen Existenz ausmacht), habe ich trotzdem zeit meines Lebens zu den Menschen gehört, die für diese Art Stille zu unsicher sind.

Ich musste vorhin daran denken, wie mich Şahin mal vom Bruchsaler Bahnhof abholte. Nachdem vielleicht eine halbe Minute lang niemand von uns etwas gesagt hatte, verkündete er: „Fuck small talk, let’s listen music.“ (woraufhin ich innerlich zusammenzuckte, aber natürlich nichts erwiderte – ich kann mich ganz gut zurücknehmen und lasse den inneren Sprachnazi nur in ausgewählten Situationen von der Leine) – und dann wurde es warm und laut und wir konnten uns voll und ganz darauf konzentrieren, in atemberaubendem Tempo über die Landstraße zu brausen.

So now you know – exactly what it feels like…

 

Indeed, I can.

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Anderthalb Stunden, dann fahre ich los zur ersten Stunde mit meiner neuen Spanischnachhilfeschülerin. Wie immer bei solchen Gelegenheiten habe ich Panik. Sie ist diesmal nicht so schlimm, aber reicht aus, dass ich nichts anderes Sinnvolles mehr tun kann bis dahin.

Eigentlich bin ich (abgesehen von dem Teil von mir, der die Panik generiert) sehr zuversichtlich. Was sollte auch passieren. Und ich freue mich ja auch.

Jetzt muss ich gerade nochmal nachsehen, was für einen Stundenlohn ich auf der Plattform, über die sie mich gefunden hat, eigentlich veranschlagt hatte.

Okay, das freut mich jetzt aber, ich habe tatsächlich 25€ angegeben und nicht, wie ich fast befürchtet hatte, 18. Yes, 100€ mehr im Monat – das hilft. Und ich freue mich, weil mein Profil wirklich gut aussieht und bestimmt 90 Prozent der anderen KandidatInnen hinsichtlich Erfahrung, Ausbildung und Qualifikation überbietet. Konkurrenzsystem Kapitalismus, du kannst mich mal – ich kann das.

Long Live Big Brother

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Die Partei, die Partei, die hat immer Recht
Ja, Genossen, es bleibt dabei
Denn wer für das Recht kämpft, hat immer Recht
Gegen Lügen und Ausbeuterei.

Wer das Leben beleidigt, ist dumm oder schlecht
Wer die Menschheit verteidigt, hat immer Recht
Denn aus Lenin’schem Geist wächst von Stalin geschweißt
Die Partei, die Partei, die Partei!

Ich habe einen Ohrwurm.

Der Ohrwurm kommt daher, dass ich seit Montag mit Sophi an ihrer Präsentation für das mündiche Abi arbeite, mit der Leitfrage „Die DDR – ein totalitärer Staat?“ Und da ich seit einiger Zeit, was SED-Propaganda betrifft, für meinen eigenen Geschmack zu gebildet bin, konnte ich Sophi zur wohl passendsten Einleitung aller Zeiten verhelfen. (Sie sollen „kreativ“ sein bei der Einleitung. Nicht: „Ich halte heute mein mündliches Abi über…“ – sondern: „Ich werde einen Ausschnitt aus dem „Lied der Partei“ nutzen, um meine Präsentation einzuleiten.“ … „Den vollständigen Text finden Sie auf meinem Handout.“ Und, unter Einblenden der Titelfolie: „Ich habe mich mit der Frage beschäftigt, ob die DDR ein totalitärer Staat ist.“ Und so weiter.)

Im Lied der Partei kann man natürlich hervorragend schon die Hälfte dessen erkennen, was danach in der Präsentation ausgeführt wird. Zu Göttern erhobene Herrschende, quasi-religiöse Zustände. Führerkult und -idealisierung. Absolute Unkritisierbarkeit des Regimes. Aufgebauschte Feindbilder. Schwarz-Weiß-Denken. Vorgegebene Meinungen. Indoktrination. Ach, ich bin glücklich, dass ich ihr das Lied zeigen konnte. Und ich bin hochzufrieden mit der Präsentation und würde sie am liebsten selbst halten. Mal wieder. Warum kann man nicht das Abi zu einem Zeitpunkt im Leben machen, an dem man auch versteht, was man da labert. An dem man schon ein bisschen gelebt hat und irgendwie Vergleichswerte da sind für das, was einem in der Schule erzählt wird.

Aber nein, lieber stecken sie einen in die Uni, wo man auf die Stufe der Planlosigkeit erneut zurückgeworfen wird und sich fragt, was die Wissenschaftler mit ihrem Pseudointellekt bitte von einem wollen. Or maybe that’s just me. I guess it is. There are people out there that actually enjoy university. I guess.

Ich habe so sehr gefailt heute wie schon lang nicht mehr, und es war alles eine Sache von einer Stunde. Eigentlich fanden Teile des Fails gestern statt, als ich mir den Wecker auf nach neun statt nach acht stellte, was dazu führte, dass ich heute um nach neun Uhr seelenruhig aufstand und mich fertigmachte und sogar noch ein paar Bissen von dem Amerikaner frühstückte, der gestern bei den geretteten Brötchen dabei war, und mich sogar noch auf der Terrasse herumtrieb und die Pflanzen begutachtete und mich wunderte, warum ich eigentlich so wach war. Bis ich auf mein Handy guckte und den entgangenen Anruf der Therapeutin sah, von kurz nach neun.

Es war 9.47 Uhr; ich sah mich gezwungen, die Therapeutin anzurufen und ihr völlig schockiert unter tausend Entschuldigungen zu erklären, dass ich, ohne es auch nur zu bemerken, mich um eine Stunde verrechnet und sie ganz bestimmt nicht mit Absicht versetzt hatte. Sie versuchte mich zu beruhigen (mit mittelmäßigem Erfolg) und sagte, sie hätte sich Sorgen gemacht, ob mir vielleicht etwas passiert sei oder es mit der letzten Stunde zu tun hätte. Nein, natürlich nicht, sagte ich voller Inbrunst, ich habe einfach nur geschlafen. Das ist mir ja noch nie passiert, sowas – zumindest habe ich es sehr gut verdrängt, falls doch.

Also war ich genau pünktlich, um zu Sophi zu fahren. Dort war es schön, wie immer, und danach kam ich nach Hause und machte Spanisch mit Malte. (Er schafft es mittlerweile meistens, die Adjektive ihren Substantiven anzugleichen und die Artikel ebenso, und er hat seit Neuestem eine Technik entwickelt, eine Art gerolltes R hinzubekommen. Ein richtiges [r] ist es jetzt noch nicht, aber es könnte mal eins werden.) Wir haben das aufgenommen, nachdem er sich entschieden hat, demnächst auf Teneriffa Urlaub zu machen. Du kennst mich ja. Wenn ich jemandem Sprachen beibringen kann, ist die Welt in Ordnung. Malte fehlt zwar die natürliche Begabung, aber das kompensiert er durch Begeisterung und Motivation. Also arbeiten wir momentan fast täglich an seiner Teneriffatauglichkeit.

Manchmal kommt R nach Hause und gibt seinen Senf dazu. Er weigert sich zwar, mich sein Spanisch auffrischen zu lassen (immerhin war er mal für Spanisch Lehramt eingeschrieben – aber andererseits, wofür war R nicht irgendwann mal eingeschrieben), trotzdem – unter Beweis stellen, dass seines immer noch besser als das von Malte ist, muss er dann doch und ruft „tengo ojos verdes“ dazwischen, während ich noch dabei bin, Malte zu erinnern, dass „ocho“ und „ojo“ unterschiedliche Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen und unterschiedlicher Aussprache sind. Das freut mich aber mehr, als es mich nervt, denn würde ich R direkt damit konfrontieren, würde ich nur Widerwillen ernten.

Jetzt aber zurück zu Unbabel; vielleicht sind ja wieder Aufgaben verfügbar. Wenn nicht, nenne ich es einen Tag und gehe Richtung Bett. Dort könnte ich Huckleberry Finn zu Ende lesen; ich müsste bald damit durch sein. Ein schöner Plan. Gute Nacht.

Eichhörnchennahrung

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Juhu, ich fühle mich gut. Ich habe mir soeben meine ersten 60 Dollar von Unbabel auszahlen lassen, und das macht mich glücklich. Unbabel ist ein internetbasierter Postediting-Dienst, den ich seit ein paar Wochen dazu nutze, mich zu Hause beim Nichtstun weniger ertraglos zu fühlen. Jetzt kann ich auf der Couch sitzen, nichts tun und dabei postediten. Wenn ich das ein paar Stunden am Tag mache, kommt zwar nicht die Welt zusammen, aber ich bekomme lieber 20 Dollar am Tag als gar nichts. Leider sind nicht immer Aufgaben verfügbar, sonst würde ich vermutlich den ganzen Tag davorsitzen.

Aber yay, 60 Dollar. Es sind auch nur 60, weil das die Höchstsumme war, die man sich auszahlen lassen konnte. 80 hatte ich insgesamt, und jetzt sind es schon wieder drei Dollar mehr. Das geht schnell. Ich bin bei 15 die Stunde, 18 können es maximal werden, anfangen tut man bei 8. Das hilft dabei, zumindest der Tatsache ins Auge sehen zu können, dass ich nächste Woche Sophi los bin, diese dann hoffentlich ihr Abi hat und ich mir neue Schüler suchen darf. Warum nur muss ich gerade mit Abiturienten so gerne arbeiten, das wirkt der Dauerhaftigkeit meiner Kundenbindung halt leider latent entgegen.

R sitzt draußen mit Daniel. Ich würde gerne weiter unbabeln, aber die Aufgaben sind mir ausgegangen. Vielleicht gibt es schon neue.

And it begins.

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Sodele, ab heute habe ich wieder etwas in meinem Leben, das ich prokrastinieren kann: soeben erhielt ich meine Zugangsdaten für die Lernmaterialien meines Onlinekurses. Ich hoffe so sehr, dass ich es gebacken kriege, auch nur halb so diszipliniert daran zu arbeiten wie R an seinen C-Kenntnissen.

Mein halber Arbeitstag ist bereits um. Heute Früh war ich so todmüde, dass ich auf eine fast schon unmögliche Aufstehzeit hin snoozen musste, um dann ohne viel Aufhebens mich umzuziehen und los zu Ulrike zu fahren. Mit dem Pedelec brauche ich zwanzig Minuten zu ihr, inklusive Berg, was ein ziemlicher Luxus ist im Vergleich zu der Dreiviertelstunde, die ich vorher für den Weg einkalkulieren musste. Ich kam trotzdem etwas zu spät, aber sie war eh noch am Telefonieren. Es geht so wunderbar stressfrei, wenn man sich nicht an Minuten klammert. Noch kann ich mir das erlauben und die verlorene Zeit einfach hintendranhängen, mein nächster Termin ist ja erst um halb drei. Ich wünschte, es würde sich nie ändern.

Aber es muss sich ändern, außer natürlich, ich finde eine Möglichkeit, um für ewig eingeschrieben zu bleiben und mietfrei zu wohnen. I don’t think so.

Daher stürze ich mich nachher, wenn ich von Sophi wiederkomme, fröhlich auf meine Lerntherapeutenausbildung. Und fange irgendwann an, mich nochmal intensiv mit dem Aufbau eines Kleingewerbes auseinanderzusetzen. Man wird sehen.

Like vampires from a thousand burning suns

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17.11. Jahrestag meines dritten Billy-Talent-Konzerts. Aber ich bekomme das Jahr nicht mehr zusammen. 09? 10? War es im gleichen Jahr wie die erste Green-Day-Welle? Oder eben doch das Jahr drauf? Ich komm nicht mehr drauf, das macht mir Angst. Alles verschwimmt, ich bin alt geworden.

Ich bin mir nicht sicher. Die von R so betitelte Mid-Twenties-Krise hat dieses Jahr zugeschlagen, und ich bin dafür relativ dankbar, denn immerhin kann ich mich so schonmal darauf vorbereiten, was mich in der Mitte des Lebens wahrscheinlich erneut überfällt. Wobei ich in dem Sinne auch glücklich sein kann, dass Krisen für mich kein völliges Neuland sind. Ich glaube, wenn man mit psychischer Instabilität zu tun hat, verbringt man das Leben in einem nicht endenden Zyklus aus Hochphasen, Krisen und Aufräumaktionen. Permanentes Hinterfragen bestehender Beziehungen, die Suche nach dem Sinn und, noch wichtiger, der eigenen Identität und das immer wieder aufwallende Bedürfnis nach Veränderung in der Hoffnung auf Selbsterfüllung sind doch alles zentrale Themen der Midlife-Crisis, wenn ich das richtig durchblicke.

Einig können wir uns jedenfalls darüber sein, dass die Zeit fliegt. Ich habe mir meinen kleinen Acht-Wochenstunden-Arbeitsalltag zurechtgefriemelt und mich darin häuslich eingerichtet, was kein Dauerzustand sein soll und auch keiner sein kann, da mir meine erste Schülerin bereits im Januar wieder abhanden kommt und meine zweite im Mai, wenn sie ihr Abi macht. Und, wie ich neulich schon zynisch feststellte, wohl auch, wenn sie es nicht schafft.

Aber ich laufe trotzdem Gefahr, mich auf diesen leicht verdienten Lorbeeren auszuruhen. Solange ich eingeschrieben bin, reichen mir die 750€ im Monat zum Leben, mehr als genug ist das, wenn man bedenkt, dass ich meinen Eltern noch immer keine Miete zahlen muss. Ich habe mich für dieses Fernseminar angemeldet, um eine Qualifikation als Lerntherapeutin zu erlangen, aber erhalte meine Materialien erst, wenn ich das Geld überweise. Und dann dauert es noch ein Jahr. Dann bin ich fertig und es sollte wirklich mal losgehen.

R kam nach einem knappen Monat des Dialogens frustriert ohne Ende nach Hause, statt die geplanten drei Monate durchzuziehen. Ich hatte die ersten drei Wochen gebraucht, um auf seine Abwesenheit (beziehungsweise mein damit verbundenes Alleinesein) irgendwie klarzukommen, und mir, als ich soweit war, dass ich wieder handeln konnte, alles Mögliche an Besuch eingeladen – Becci und JO waren hier, dann kam Barbara aus Bielefeld zurück zum Semesteranfang und musste hier wohnen, bis sie ihre frisch renovierte Wohnung vom gröbsten Chaos befreit hatte, und Becci kam gleich nochmal, weil wir noch einmal dieses Jahr einen Flohmarktstand machen wollten. Und im Zuge dieser letzten Fuhren an Besuch, am Tag nach Beccis und meinem Flohmarkt, kam dann R wieder. Ich war fast ein bisschen enttäuscht, dass mir die Chance, mein eigenes Leben neu zu erlernen, auf diese Weise verwehrt blieb. Und wie R so ist, brachte er nicht gerade die reine Freude mit ins Haus, sondern verpestete alles mit seiner Grottenlaune. Es war anstrengend.

Aber es wurde auch sehr schnell wieder besser. Er hat sich dann erstmal beim Amt gemeldet, aber gleich nach neuen Jobs gesucht und jetzt auch direkt wieder etwas bekommen. Nun fährt er jeden Tag eine Stunde mit dem Rad zur Arbeit und wieder zurück, teilweise zu den abstrusesten Zeiten. Schichtarbeit halt. Seine restliche Zeit verbringt er mit der Vorbereitung auf das in der Ferne hoffnungverbreitend schimmernde Informatikstudium. Und selbstredend beschäftigt ihn das alles so sehr, dass sich weiterhin die Welt um ihn drehen muss. Aber ich hole ihn da raus. Ganz graduell, ich bin schon unfassbar weit gekommen bisher, und es wird der Zeitpunkt kommen, an dem er aus eigenem Antrieb seine Aufmerksamkeit auf Details richtet, die mir wichtig sind und ihn nicht direkt betreffen. Dauert noch eine Weile, aber ich werde das schaffen. Die Therapeutin, zu der ich jetzt gehe, wird mir auch dabei helfen. Sie hatt genau anderthalb Sitzungen zu der Erkenntnis gebraucht, dass ich zwar das Bedürfnis, nicht jedoch die Fähigkeit dazu habe, mich auch mal in den Vordergrund zu stellen.

So arbeitet man also an sich. In einer Stunde fahre ich los zu Sophi, auf meinem frisch motorisierten Fahrrad, mit dem ich selbst die schlimmsten Berge (aka Sophis Berg und den Weg zur Therapeutin) ohne größere Probleme hochkomme.

Manisch ist besser als panisch

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Zwanzig Minuten, dann mache ich mich zum zweiten Mal auf zu meiner zweiten Schülerin. Dort werde ich jetzt öfter sein; sie möchte drei Mal die Woche für je zwei Stunden gecoacht werden. Wie Kepa so treffend formulierte: Und sie ist Oligarchentochter. Ihre Eltern müssen so unwahrscheinlich reich sein, da wird mir schwindelig. Sie wohnt in einer gigantischen Villa auf der anderen Neckarseite, wahrscheinlich eine von der Sorte mit zwei Küchen, von denen uns der Küchenmonteur letztes Jahr erzählte, eine zum Kochen und eine zum Vorzeigen. Ihre Eltern sind auch nicht gerade das unmerkwürdigste Paar Menschen, die mir je unter die Augen kamen. Aber was soll ich mich beklagen; sie selbst ist vollkommen normal und super in Ordnung.

Ich habe Panik, weil ich gleich losmuss, und weiß nicht, was ich dagegen tun soll. Beziehungsweise weiß, dass dagegen kein Kraut gewachsen ist, und muss damit jetzt wohl so lange leben, bis ich bei Sophi am Monstertisch sitze und mit ihr über das Hexenjagddenkmal in der norwegischen Einöde rede. Es gibt absolut nichts, vor dem ich Panik haben muss, und ich hatte schon so lange keine mehr, dass mich das bisschen jetzt schon richtig zermürbt. Mein Kopf und mein Körper sind komische Dinge.

Davon ab habe ich gestern so mir nichts, dir nichts dann wirklich AoE von diesem Computer entfernt und werde so ab jetzt hoffentlich wieder mehr Zeit in mein Leben als ins Zocken investieren. Es hat mich nur noch angekotzt, diese zahllosen Stunden Zeitverschwendung. Der Moment, in dem es ein Fortschritt ist, wenn du dich überredest, jetzt einfach mal aufzuhören, um stattdessen Serien zu schauen… das ist dann wohl der, in dem du handeln solltest.

Aber ich habe trotz exzessivem Zocken noch sinnvolle Sachen gemacht – die Terrasse für den Winter bereitgemacht und aufgeräumt; die Unmengen Pfifferlinge gedörrt, die noch im Kühlschrank waren; die getrockneten Kräuter endlich verarbeitet, die hier noch überall herumhingen; im Haus aufgeräumt und gesaugt; 90°-Wäsche gewaschen und gestern Abend sogar etwas Warmes gegessen. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Ich habe kaum mehr gekocht, seitdem R weg ist. Ich muss mich in das Alleinsein erst wieder reinfuchsen.

Aber es wird; spätestens heute bin ich wieder soweit, dass ich unentwegt vor mich hinbrabbele, während ich Dinge erledige und in der Wohnung herumwusele – eine Angewohnheit, die ich so gut wie abgelegt hatte – und es ist sauber hier, das glaubst du gar nicht. Natürlich muss noch einiges geschafft werden, bis es wirklich mal wieder meinen Standards entspricht, aber ich sage dir, es tut unheimlich gut, richtig zum Saubermachen motiviert zu sein, weil du die Einzige bist, die es nachher wieder einsauen könnte.

Und jetzt ist meine Panik zwar nicht weg, aber ich muss trotzdem los.

Bienensterben

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Ich bin eine Biene.

Es scheint in der Arbeitswelt des Kapitalismus verschiedene Sorten Coping strategies zu geben, welchen sich einzelne Menschen zuordnen lassen. Ich kann unter der einkommensschwachen Bevölkerung bisher Milchkühe und Bienen unterscheiden. Ich bin eine Biene, weil ich wohl zu der etwas schwieriger auszubeutenden Sorte Mensch gehöre. Die Milchkühe kannst du um ein Vielfaches schlimmer misshandeln und quälen, sie liefern trotzdem. Mit Bienen musst du anders umgehen, weil sie so eng an ihre Bedürfnisse gefesselt sind, dass sie einfach sterben, wenn du ihnen zu viele Freiheiten nimmst. (Ein Grund, aus dem ich den Honigkonsum immer noch weniger verwerflich finde als den Milchkonsum.)

Ich schaffe es nicht, mir Arbeit aufzwingen zu lassen, die mir Dinge abverlangt, die für mich keinen höheren Sinn haben. Ich fühle mich immer noch wahnsinnig schlecht deswegen, sogar noch mehr, seitdem ich begonnen habe zu durchschauen, dass dieses ganze System nichts weiter ist als eine Riesenmatrix, und schaue mit einer Mischung aus Bewunderung, Verachtung und Unverständnis in diese gigantische Milchfabrik hinein, die die Welt zu sein scheint. Warum kann das jeder?

Ich sehe jeden einzelnen Menschen auf der Straße und denke mir, sie schaffen es alle, sich irgendwo hineinzuzwängen. Die Straße müsste blutrot glänzen unter all den abgehackten Zehen und Fersen, die Schuhe müssten triefen und langsam zerfallen. Jeder außer mir scheint in der Lage sein, sich versklaven zu lassen. Einige sogar freiwillig. Manche sogar gerne. Und ich, von all den dummen Menschen auf der Welt, ich bin der dümmste, weil ich es nicht schaffe.

Mein Schüler-Imperium ist von einer auf zwei angewachsen und ich kann mir endlich wieder gewahr werden, dass es wirklich existiert, mein ideales Arbeitsfeld. Eines, das nichts mit Essenretten und Marmeladekochen und Waschmittelmachen und Basilikumpikieren und Maronensammeln und Staubsaugen zu tun hat. Wo mir meine Leistungen mit Geld bezahlt werden, das ich auf die Deckung meiner Grundbedürfnisse verwenden kann. Ein Dach über dem Kopf und Elektrizität zum Beispiel. Und vielleicht bald ein neues Paar Kopfhörer, womit ich schon seit Ewigkeiten liebäugele. Das reicht mir ja schon völlig. Da kann ich einer meiner Berufungen nachgehen und bekomme noch etwas zurück. Solange ich noch eingeschrieben bin, wird das auch zum Leben reichen.