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Atzo baino gehiago

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Wie wahr, wie wahre Worte doch Berri Txarrak in die Welt gesetzt haben, als sie Ikasten schrieben: Gaur atzo baino gehiago dakit, baina bihar baino gutxiago.

So weiß ich heute zum Beispiel, dass ich gestern Abend ein relativ scheußliches Erlebnis hatte, welches als Suppendrama in meine persönliche Geschichte eingehen wird. Daran waren R und ich selbst, eine Schüssel Brühe und ein grippeinduzierter Fieber- und Entkräftungsanfall meinerseits involviert und wollten alle nicht so recht zueinanderfinden.

(Um das konkreter auszuführen, damit ich mich nicht in ferner Zukunft wieder über meine nutzlosen vagen Ausführungen aufrege:

Kennst du das? Du bist krank daheim und hast aus Mangel an Energie und Motivation dazu seit Tagen nichts Gescheites gegessen. Auf einmal wird dir kotzübel und schwummerig. Dir fällt eben beschriebener Umstand auf, das hilft dir nur leider jetzt auch nicht mehr. Du wankst in die Küche und holst dir einen Behälter zum Reinkübeln (genauer gesagt, deine bewährte Kotztasse aus Zeiten der Hyperemesis) und ein Glas Wasser. Du schleppst das alles und dich selbst zur Couch und lässt dich darauffallen. Dir ist kalt, aber so richtig. Du fängst an zu zittern. Die Tür ist auf und es kommt frische Luft rein, aber eigentlich sollte dir nicht so kalt sein bei dem schönen Wetter. Du breitest die Sofadecke über dir aus und verbrauchst dadurch wertvolle Energiereserven. Du weißt ziemlich genau, dass du am besten vorgestern irgendwelche Nährstoffe zu dir nehmen solltest. Die Erinnerung an deine kurze Schwangerschaft und die damit verbundenen Höllenkotzqualen fesselt dich an die Couch. Neben dir liegt dein Handy. Du überlegst, ob es den Kraftaufwand wert ist, es zu bedienen, und entscheidest dich dafür. Du rufst deinen langjährigen Partner an, der bereits aus der Arbeit rausgekommen sein müsste. Du stellst erfreut fest, dass du durch Anschalten der Lautsprecherfunktion den dazu benötigten Energieaufwand minimieren kannst. Er nimmt ab. Du fragst, ob er schon auf dem Heimweg sei. Er sagt, er wolle noch kurz bei einem Kumpel vorbeischauen, was besprechen. Du sagst „ach so“ und lässt dir schließlich entlocken, dass es dir nicht so sonderlich geht. Er fragt, ob er dir was Gutes tun könne. Du sagst „Suppe“. Er sagt, okay, dann werde er seinem Kumpel absagen und heimkommen. Du bist sehr erleichtert, bedankst dich und legst auf. Es wird dir unerträglich kalt. Deinen Körper durchdringen Gliederschmerzen. Besonders schlimm ist es im Rücken. Du willst dich alle paar Sekunden am liebsten anders hinlegen, aber das nimmt zu viel Kraft in Anspruch. Du brauchst diese Suppe. Du ziehst in Erwägung, deinen Partner nochmal anzurufen und ihn zu bitten, mit dir zu reden, während er nach Hause fährt und du auf die Suppe wartest, um das Rumliegen und Warten erträglicher zu machen. Du entscheidest dich dagegen, weil du nicht nerven möchtest. Eine halbe Stunde vergeht. Du hast es gerade geschafft, einzuschlafen, dann ertönt das Schlüsselgeräusch und dein Partner tritt ein. Deine Erleichterung ist so groß, dass du bei seinem Erscheinen gleich wieder ein Stück lebendiger wirst und mit ihm reden kannst, obwohl du gerade noch dachtest, du könntest gar nichts mehr. Du bleibst liegen, ohne dich zu bewegen, und weißt: eine halbe Minute noch, dann ist die Bouillon fertig und alles wird wieder gut. Dein Partner begibt sich in die Küche und setzt Wasser auf. Er fragt, ob du Flädle in die Brühe möchtest. Du sagst nein, einfach nur Brühe. Womit denn, fragt er. Brühwürfel, sagst du. Er sagt, dass es schon cool wäre, Flädle in die Brühe zu geben, dann hätte er auch etwas zu essen. Dir wird das langsam zu anstrengend, aber du antwortest ihm, er könne in seine Suppe ja Flädle machen, du hättest gern nur Brühe. Er steht in der Küche und tut etwas, das sich anhört wie Kartoffelnschälen. Dann fängt er mit etwas an, das dem Geräusch nach das Schneiden von Kartoffeln sein könnte. Ganz sicher bist du dir nicht, weil du ziemlich sicher nicht deinen Kopf hochheben und nachsehen wirst. Es sind Minuten vergangen. Du fragst, ob die Brühe fertig ist. Er sagt, er würde jetzt was Richtiges in die Brühe machen. Dann fragt er, ob du noch zehn Minuten aushalten würdest, bis es fertig ist. Du sagst NEIN. Du brauchst jetzt deine Suppe. Er wird laut und führt an, er könne nicht zaubern. Du entgegnest fassungslos, dass alles, was er tun müsste, wäre, einen Brühwürfel in eine Schüssel mit warmem Wasser zu geben. Er schreit dich an, die drei Minuten hättest du ja wohl noch und sein Tag sei ja auch nur verdammt stressig gewesen. Du wiederholst, du bräuchtest deine Brühe jetzt. Er weigert sich und schneidet ungerührt seine Kartoffeln weiter. Deine Hilflosigkeit und seine Unmenschlichkeit schicken sich an, dich in ungeahnte Sphären der Verzweiflung zu katapultieren. Du entziehst deinem Energiereservoir die letzte Ration und teilst ihm mit, wenn er es nicht schaffen würde, dir deine Brühe jetzt zu geben, würdest du ihn bitten, dass er ausziehe. Du vernimmst Geräusche der Boullionproduktion und dazu die Entgegnung, er werde sich das überlegen, sowas müsse ja echt nicht sein hier. Dann stellt er dir die Schüssel auf den Tisch und geht zurück in die Küche. Du kannst die Brühe riechen. Du machst dir einen Plan, wie an die Brühe heranzukommen ist. Aus der Küche ertönt der Hinweis, die Brühe würde auf dem Tisch stehen. Du setzt deinen Plan in die Tat um und bewegst deinen Körper mit einem Ruck in Richtung der Schüssel. Leider erfordert das mehr Energie, als du übrig hattest, und du klappst über der Schüssel in einer Mischung aus Nerven- und Körperkollaps zusammen. Du greifst nach dem Löffel. Leider zitterst du unkontrolliert und schlägst damit die heiße Suppe über deine Hände, ins Gesicht und auf den Tisch. Du kannst nicht aufhören zu zittern. Dein Partner kommt wieder und fragt, ob er dir jetzt die Suppe zum Mund führen soll. Seine Hand hält den Löffel ruhig und du kannst die ersten Schlucke lebensspendender Nahrung einnehmen. Mit zunehmendem Brühepegel kann dein Körper sich wieder beruhigen. Dein Partner hat inzwischen festgestellt, dass du deine Suppe ja augenscheinlich tatsächlich gebraucht hast, und sich entschuldigt, um dann wieder in die Küche zu seinen Kartoffeln zu entschwinden.

Du kennst das nicht? Also, ich jetzt schon.)

Ich habe ferner aus dieser Begebenheit gelernt (abgesehen von der offensichtlichen Tatsache, dass es ein grober Fehler war oder wäre, R mein Leben in die Hand zu legen), dass ich wirklich daran zu arbeiten habe, rechtzeitig und deutlich um Hilfe zu bitten. Ohne Spielraum für „wenn du willst“ oder „wann du kannst“ oder „es wäre schön“. Ich muss mich nicht wundern, wenn eine Situation verkannt bzw. unterschätzt wird, wenn ich mein Möglichstes tue, um weniger hilflos dazustehen, als ich es bin. Das ist ein riesiger Knackpunkt von mir. Ich habe mich auch dafür bei R entschuldigt mit dem erklärenden Zusatz, dass ich es hasse, um Hilfe zu bitten, und es meistens zu spät tue. Insgeheim bin ich trotzdem verstört darüber, wie er es schafft, mich nach der langen Zeit so schlecht zu kennen. Ich bin wirklich sehr leicht kennenzulernen, wenn man möchte. Aber da haben wir es ja schon. Da liegt das Problem.

Heute geht es mir wieder besser. Ich habe den Abend dann mithilfe von zwei Paracetamol noch ganz gut über die Bühne bekommen. Nachts kam das Fieber wieder, aber ich wollte nicht noch eine Tablette nehmen. Der Bettbezug, den wir im Sommer als Decke benutzen, ist zu dünn für eine Person, und mir wurde ziemlich kalt darunter irgendwann. Aber R hatte gesagt, er würde nicht mehr lange machen, und natürlich fiel es mir nicht ein, ihn zu fragen, ob er ins Bett kommen möge. Zum Einen ist mir bei sowas meine eben erläuterte vollkommene Unfähigkeit im Weg. Zum Anderen das Alien, das mir seit jeher vorschreibt, zu warten, bis sich der Zustand von selbst ändert. Und zum Dritten hat meine Erfahrung gezeigt, dass R nicht der Mensch ist, der ins Bett kommt, weil seiner Freundin kalt ist. Ich bekomme einiges raus aus ihm und einiges hinein, aber das Fürsorge-Gen nicht, das fehlt ihm einfach. Und wenn ich es mal so sagen darf: darunter leide ich ziemlich.

The Dragon Without

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Wieder zwei Absätzchen weiter. Das geht schleppend, aber immerhin tut sich was.

Jetzt kurz containern fahren und dann keine Zeit mehr, ich muss zu Cihan. Ich bin gespannt, ob er schon irgendetwas dafür unternommen hat, sich die unregelmäßigen Subjonctif-Verbformen reinzupauken; he’d better know them oder ich sehe keine Chance für seine anstehende Arbeit.

R zieht es jetzt wirklich durch und arbeitet jeden Tag mit Arne am Aufbau ihres nunmehr offiziell gemeinnützigen Projektes. Ich wünschte mir, meine Bachelorarbeit würde mir im Entferntesten das gleiche Versprechen eines besseren Lebens als Lockmittel präsentieren, um ähnliche Motivation bei mir hervorzurufen. Aber ich fürchte, da kann ich lange warten. Was soll ich nur machen mit meinem Leben, was soll ich nur machen.

Mama vermittelte mir neulich einen Kontakt in Costa Rica, der sich offenbar bereiterklärt hatte, sich meine Eckdaten mal anzuschauen und mir Jobmöglichkeiten aufzuzeigen, falls ich Interesse hätte, nochmal für ein Weilchen nach dort drüben zu übersiedeln. In dem Zustand, in dem ich mich gerade befinde, bin ich fast schon wieder soweit, es in Erwägung zu ziehen. Ich hab‘ Hunger, ich bin sehr leicht angetrunken (gerade genug, um den Perfektionismus zu beseitigen, der mich blockiert ohne Ende und so davon abhält, mit meiner Arbeit voranzukommen) und R’s Bemerkung, ich solle mir doch Ersatz suchen für die Zeit, in der er nicht da ist, dann hätte ich zwei Kuscheltiere, hallt mir noch im Kopf nach. Joa, ich setz‘ mich nach Costa Rica ab, dort laufen zwar die übelsten Kreationisten und Kindesschänder rum, was sich dann Bildung und normale Erziehungsmethoden nennt und wo ich sicher mit meinen Vorstellungen gut reinpasse auf Dauer, aber wenigstens hab‘ ich die Gewissheit, dass R das Ganze super verschmerzen würde, denn Ersatz ist ja schnell gefunden. Yay, doesn’t that make me feel so incredibly loved and special.

„Ein Seil wird doch nicht dadurch dünner, dass man daneben ein zweites Seil spannt.“

Ich sag‘ dir, was das Problem daran ist, wenn du ein zweites Seil spannst, du Intelligenzbestie. Dein erstes Seil wird nicht dünner, da hast du Recht. Es wird einfach überflüssig. WEIL EIN VERFICKTES SEIL REICHT. Vorausgesetzt, es ist stabil. Vorausgesetzt, du traust ihm zu, dich aufzufangen. Wenn das natürlich nicht gegeben ist, stellt sich die Frage, was du überhaupt damit willst. Dein Seil kann dich nicht halten? Ach so, dann ist es nur logisch, es weiter mit sich herumzuschleppen, während man sich ans nächste hängt. Da freuen sich alle, die daran zu tragen haben, dein zweites Seil bestimmt auch. Wirklich?! Nichtmal ich wüsste einen Verwendungszweck für ein kaputtes Seil. Wenn auf mein Seil kein Verlass ist, steig‘ ich auf Freeclimbing um und schmeiß‘ das unnütze Ding irgendwo in den Abgrund. Vorausgesetzt es besteht aus Naturfasern. Sonst hoffe ich einfach, dass mir irgendwo in den luftigen Höhen eine Mülltonne begegnet.

Artikulationsproblem, ich seh’s auch so.

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Vielleicht ist der Grund, aus dem ich mir gerade leicht ineffizient vorkomme (um nicht zu sagen, relativ unnütz), der, dass R in der Küche sitzt und Politik macht, draußen die wunderbarste Herbstsonne scheint und ich im Bett hänge. Ich bin unzufrieden; warum bin ich nicht in der Lage, wenigstens nebenbei noch die Welt zu retten, während ich mein Leben faile?

Letzte Nacht eröffnete sich mir ein Mal mehr die Tatsache, dass Alkohol mich um Längen in meiner Entwicklung zurückwirft. Der sehr geringen Menge, die ich gestern davon zu mir genommen hatte, zum Trotz habe ich mich mal wieder von Dingen fertigmachen lassen, die mich im nüchternen Zustand kaum dermaßen hätten verstören können, und einen Verzweiflungsanfall mittelschweren Ausmaßes geschoben. Was war los? Ich kann mich nichtmal wirklich an den Auslöser erinnern, aber spätestens zu dem Zeitpunkt, als R auf seine nicht im Geringsten überdramatische Art verkündete, ob er sich mir im Bezug auf schriftstellerische Tätigkeiten offenbaren könne, auch wenn es harter Stoff wäre mit Potenzial, etwas zwischen uns zu ändern, hat sich bei mir die blanke Panik breitgemacht. Ich konnte ewig nicht aufhören zu heulen. Wie es halt so ist. Auch als sich herausstellte, dass er einfach vorhat, über die letzte Frau, die ihn traumatisiert hat, ein Drehbuch zu schreiben, was selbst in dem Moment meine instantly auftretenden Szenarien unaussprechlichen Horrors um ein Vielfaches unterbot.

Wir haben im Büro eine Küche. Eigentlich besteht das Büro aus zwei Zimmern, einer diese verbindenden Küche und einem Badezimmer, welches ebenfalls von der Küche abgeht. Der Punkt ist aber eigentlich, dass der Wasserhahn in der Küche mich an mein Heulverhalten erinnert; du drehst ihn einmal ganz kurz auf und machst ihn wieder zu, aber es kommt noch ewig Wasser heraus, sodass du schon genau weißt, wenn du dir ein Glas Wasser einschütten willst, reicht es völlig aus, auf der Hälfte schon wieder abzudrehen.

Das Allerabsurdeste aber, was bei dem Drama gestern herauskam, war unbestreitbar R’s Aussage, ich sei für ihn der wichtigste Mensch auf der Welt, auch wenn er das nicht immer so rüberbringen würde; er habe diesbezüglich ein Artikulationsproblem. Wenn du ahnen könntest, wie ich diese Person vom allerersten Moment an für ihre unvergleichliche Fähigkeit bewundert habe, ihre Empfindungen zu artikulieren. (Natürlich kannst du das nicht; das muss man erlebt haben.) Artikulationsproblem? Ich glaube, ich muss nachher die Aufnahme mal durchwühlen, die ich noch gestern Nachmittag gemacht habe, die das exakte Gegenteil zum Inhalt hat. Wenn er meint, das, was er denkt, nicht ordentlich artikulieren zu können, was genau habe ich dann? Schaffe ich es etwa, ihn alles wissen zu lassen, das ins Gesicht gesagt zu bekommen er unzweifelhaft verdient hätte? Angefangen mit einem simplen „Ich liebe dich“, über „Ich freu mich unendlich, dass du da bist, wenn ich nach Hause komme“, bis hin zu eben diesem „Deine offen mitgeteilte Zuneigung ist ein Segen für meine Seele“, das mir oft genug im Kopf herumschwirrt, auch wenn ich den Teufel tun würde, es je zu artikulieren.

Abstrus.

Nun gehe ich und treffe mich mit Mama in der Stadt. Sie rief eben an und beorderte mich zum Bahnhof, wo sie um halb zwei auf mich wartet. Yay, ich geh‘ raus! Pensative gloomy mood over – at least for now.

Edit: So viel zu R’s Mitteilungsproblemen.

Genugsein. Eine Utopie.

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Nachdem ich heute festgestellt habe, dass ich zu benebelt für die Welt war.. nimm dir als Erklärung dazu lieber das hier. Eine gegen Ende wirklich beeindruckende Dokumentation einer zu wenig dokumentierten Welt, der zwischen Wachsein und Schlafen nämlich, ich habe noch genau eine ähnliche Aufnahme aus Vitoria, aber diese hier ist eigentlich, was das angeht, unparalleled.

Am Einschlafen 20.6.15

Ich konnte mich im Übrigen auch erst wieder daran erinnern, die Aufnahme überhaupt angefertigt zu haben, als ich das AG heute Früh bei mir im Bett liegen sah. Es hingen noch vier Stunden Schlaf dran, welche ich dir hier erspare.

Mir ging’s noch nicht wieder richtig gut, als ich aufwachte heute Morgen. Um ein Haar hätte ich meine Laune als Ausrede benutzt, mich einfach ganz wieder hinzuhauen heute an meinem komplett freien Tag. Zum Glück habe ich mir selbst entgegengewirkt und war lieber im Garten produktiv, bevor mich dann doch die Lethargie wieder packte und ich mich zurück ins Bett begab. Zu viel Vortex gezockt heute, eindeutig zu viel. Ich fühle mich unerfüllt.

R kommt Montag Früh schon. Meine Begeisterung darüber wird in erster Linie von dem Wissen getrübt, dass er Montag und Dienstag vier WG-Besichtigungen vor sich hat und sich das frühere Aufschlagen vor allem darin begründet, sowie von seiner grenzenlosen Egozentriertheit, mit der er es tatsächlich schafft, nicht zu begreifen, dass man betrunkenes Aspi bitte nicht mit Poly-Bemerkungen behelligt. Beziehungsweise von dem entsetzlichen Gefühl, das das schon wieder ausgelöst hat. (Es ist immer noch da, wenn auch nicht mehr so schrecklich doll.) Wie um alles in der Welt soll ich denn meine Mauerabbauarbeit leisten, wenn er alle paar Sekunden von vorne mit Bemerkungen in diese Richtung aufwartet. Ich dachte, ich könnte die Arbeit weitestgehend unbemerkt und ohne viel Theater vonstattengehen lassen, aber wie’s aussieht, sollte ich ihm doch nochmal explizit mitteilen.. ach, was soll’s. Mitteilen hin oder her, das wird doch nichts. Wieso geb‘ ich’s nicht gleich komplett auf. Ich könnte auch einfach weiter auf der erfolglosen Suche nach jemandem vor mich hinvegetieren, dem ich schlicht und ergreifend und ganz ohne Aufopferung fragwürdiger Prinzipien genug bin.

Weil die baskische Kultur ein Hirngespinst ist und ich als bedingter Anti-Spe faschistoid… Welcome to politics.

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Erstmal die Arbeit, die ich eh schon habe, effizient ausschöpfen. Wozu habe ich einen 450€-Job und gehe dann nur 20 Stunden im Monat arbeiten, wenn überhaupt. Diese Woche seit Langem wieder zweimal gearbeitet. Sarah ging früh nach Hause, weil sie dieses Wochenende am Umziehen ist (sie zieht mit Pedro in die Altstadt), also musste ich nach 5 Stunden 15 auch schon wieder heim. Aber in diesen fünf Stunden habe ich acht Touren übersetzt, was unglaublich produktiv ist für meine Verhältnisse. Vor allem wenn man bedenkt, dass beim Erstellen der Touren immer mehr zu beachten ist. Anfangs war man nach der Detailseite fast schon fertig, mittlerweile muss der Vouchertext auch noch übersetzt werden, und die Merkmale werden ebenfalls mit ihren deutschen Entsprechungen neu zugeordnet. Das raubt eigentlich am meisten Zeit, dieses ganze Drumherum.

Aber ich übe mich jetzt in Geschwindigkeit und hoffe, mich weiter zu steigern, möglichst natürlich bei gleichbleibender Accuracy (wobei es in dem Saftladen auch niemanden jucken würde, wenn man sich nur halb so viel Mühe gibt. Aber so desillusioniert bin ich noch nicht, even though I’ve already come quite a long way).

Ja, ich gehe also Dienstag wieder arbeiten.

Nebenbei ist Laura auf dem besten Wege, sich in die dritte nutzlose Diskussion der Woche hereinzusteigern. Nach Containern (falsch motiviert) und Antispeziesismus (faschistoid) hat sie es jetzt auf meine Intentionsethik abgesehen. Es ist so anstrengend. Gut, dass ich keine echten Feinde habe, da kommt die gelegentliche Attacke aus dem engsten Freundeskreis nicht ganz so schnell dazu, dich in Verzweiflung zu stürzen. Manche Menschen sind so, die brauchen zum Scheitern verurteilte Diskussionen wie Luft zum Atmen.

Schrieb ich gestern und klappte irgendwann mittendrin einfach den Computer zu, als mir die Unterhaltung mit Laura zu viel wurde. Und machte ihn nicht wieder auf bis jetzt, einen ganzen Tag später.

Jetzt habe ich mich schon wieder in Rage geschrieben, diesmal tatsächlich ausnahmsweise nicht in persönlichen Belangen, sondern in einer Mail an meine Mutter bezüglich eines Artikels aus ihrer geliebten FAZ (woher sonst), den sie mir neulich geschickt hat. Den möchte ich dir nicht vorenthalten.

Beim Fußball hört der Spott auf

Wie sich eine Nation selbst erfunden hat: Ibon Zubiaur kennt die befremdlichen Landschaften der baskischen Identität und weiß, welche wichtige Rolle darin die gemeinsame Schultoilette spielt.

Im Kellerregal, wo die nicht mehr gebrauchten Bücher schlummern, lese ich noch einmal die alten Titel: „Die Geschichte von Eta“. „Führer durch das baskische Labyrinth“. „Die bleiernen Jahre“. „Schrei nach Frieden“. Die fetten Ordner mit der Aufschrift „Eta“, in denen Zeitungsausschnitte aus fast fünfzehn Jahren gesammelt sind, rühre ich lieber nicht an. Es ist gut, dass das Allermeiste davon metaphorisch schon zu Staub zerfallen ist, bevor die materielle Zersetzung beginnt. Denn der baskische Terrorismus ist glücklicherweise aus den Nachrichten verschwunden.

Die Terrorgruppe Eta – um nicht spießig und moralisierend zu wirken, benutzten deutsche Medien für sie gern den neutralen Begriff „Separatistenorganisation“ – hat zwar noch nicht die Waffen abgeliefert, im Herbst 2011 aber „das definitive Einstellen der bewaffneten Aktivität“ verkündet. Auch ihre schwerfällig-bürokratische Rhetorik ist damit verweht. Zurück bleiben: eine traumatisierte Gesellschaft; verurteilte Menschen in Gefängnissen, die auf die Chance zur Wiedereingliederung warten; Tausende Angehörige von mehr als achthundert Mordopfern, darunter Politiker, Unternehmer, Militärs, Polizisten, Personenschützer, Journalisten, zufällige Passanten. Wer den Ideologen hinter den Pistoleros das Handwerk legen wollte, musste bereit sein, den Preis dafür zu bezahlen, wenn nicht durch Tod, dann durch Depression und Exil. Viele alte Bücher, die davon künden, haben sich in nutzlose Erinnerung verwandelt, in Müll, der kaum einen der Heutigen mehr interessiert.

Ibon Zubiaur, Jahrgang 1971 und wohnhaft in Berlin, ehemaliger Direktor des Cervantes-Instituts in München, schafft es, sechzig Seiten lang über seine baskische Heimat und ihre Kuriositäten zu schreiben, ohne den Namen Eta zu erwähnen. Es ist eine bewusste Geste, und sie hat etwas Befreiendes. Wenn einer in seinem Berufsleben nicht zur Propaganda für die eine oder andere Seite zwangsverpflichtet wurde, kann er es sich leisten, die Geschichte aus radikal persönlicher Perspektive zu erzählen: wie es etwa war, in eine Schule zu gehen, in der per Dekret Baskisch gesprochen wurde, obwohl alle – Schüler wie Lehrer – besser Spanisch sprachen und das verordnete Schulfach hinter sich ließen, sobald sie den Fuß wieder nach draußen setzten.

Hintergrund dieser Maßnahme ist der Baskisierungsversuch durch die fast ununterbrochen regierende Baskisch-Nationalistische Partei (PNV), die nach Francos Tod die demokratischen Wahlen in der neuen Autonomen Region gewann und daranging, die Gesellschaft umzukrempeln. In diesem Sinn war der Autor Teilnehmer eines soziologischen Experiments. Seine Eltern fanden, es sei eine gute Idee, der Junge wachse zweisprachig auf. Nur dass er die Sprache nicht wie etwas Natürliches lernen konnte, weil eben kaum jemand sie „natürlich“ sprach.

Denn einen Traditionszusammenhang durch autochthone Literatur gibt es im spanischen Norden bis heute nicht – der erste baskisch geschriebene Roman stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert. Viele Wörter existierten also nicht und mussten neu geprägt werden. Darunter das lustige Wort „komuna“, welches die Toilette bezeichnet, jedoch mit ideologischem Hintersinn: „Statt das Verborgene, das Schamhafte, das Private zu unterstreichen, betont man umgekehrt das Allgemeine, die Tatsache, dass es sich bei einer Schultoilette um einen Ort handelt, den viele besuchen, der gemeinschaftlich ist.“ Der Plural heißt „komunak“.

Auftritt Sabino Arana (1865 bis 1903), der Chefideologe des frühen baskischen Nationalismus, der die Region mit einer eigenen Fahne ausstattete, der die baskischen Wörter für das Baskische („Euskera“) und das Baskenland („Euskadi“) erfand und seinerseits längst nicht perfekt Baskisch sprach. Mit leichter Hand, aber gehörigem Kopfschütteln führt Zubiaur den Leser durch das Absurditätenkabinett eines Nationalismus, der nicht eine verschüttete Geschichte bergen will, sondern sich eine neue Vergangenheit als unabhängige Nation erfindet. Dazu gehören abwegige Etymologien, abenteuerliche Vorschriften zur Bildung „authentisch“ baskisch klingender Namen und eine völkische Propaganda, die nicht weit von der Blut-und-Boden-Mythologie der Nazis entfernt ist. In dieser rückwärtsgewandten Konstruktion zur Sicherung unverfälschten Baskentums sind „Rasse“ und „Geschichte“ Schlüsselbegriffe einer unmissverständlich xenophoben Mission.

Dass Ibon Zubiaur diesen Zusammenhang nicht als schwerleibiges Manifest formuliert, sondern in die Form des entspannten Essays und eines über drei Banden gespielten Kulturvergleichs kleidet, dürfte sich aus seinem Werdegang erklären. Denn einerseits besitzt er den doppelten Blick durch seine spanisch-baskische Identität, andererseits kommen noch seine deutsche Erfahrung und die deutsche Sprache hinzu, in der das Buch geschrieben ist. In Spanien kennt man Zubiaur vor allem als Übersetzer von Brigitte Reimann, Irmtraud Morgner und anderen DDR-Autoren – eine Leidenschaft, die sich nicht mit dem Erledigt-Votum durch den Mauerfall zufriedengibt, sondern den verschwundenen deutschen Staat als Kulturlandschaft neu kartographiert. Dahinter steht der Glaube, es wäre besser um die Zivilkultur bestellt, „wenn wir weniger nationale Ermahnungen und mehr Autobiographien geschrieben hätten“.

Nur ein Objekt entgeht der Spottlust des Autors, der Fußballverein Athletic Bilbao. Ihm ist die Liebeserklärung des letzten Kapitels gewidmet. Zubiaur entdeckt hinter dem heroischen Entschluss des Klubs, nur Spieler aus dem Baskenland (Navarra und das französische Baskenland jenseits der Pyrenäen eingeschlossen) zu verpflichten und daraus eine erstligataugliche Truppe zu formieren, eine bemerkenswerte Integrationsleistung: „Für Athletic Bilbao konnten sich (zumindest in Biskaia, der bevölkerungsreichsten Provinz) zu jeder Zeit Nationalisten wie Nichtnationalisten, Linke wie Rechte, Bischöfe wie Punks erwärmen.“ Hier darf also mitspielen, wer die entsprechende Leistung bringt und nach Ansässigkeit oder Herkunft Baske ist. Sprache, Rasse oder Gesinnung spielen keine Rolle, eher die weichen Kriterien der Gemeinschaftsfähigkeit. Ein Beweis dafür, dass Fußball dem Nationalismus nicht nur Ausdruck verschafft, sondern ihn manchmal segensreich ersetzt. PAUL INGENDAAY

Der blanke Hohn.

Den Autor dieses Buches, um den es da geht, kann ich übrigens gut nachvollziehen. Problematisch wird es, wenn man die Auffassung dieses Einzelnen (der dazu berechtigt ist, wie jeder zu seiner Meinung berechtigt ist) als die Denkweise eines ganzen Volkes hinstellt. Dass einem einzelnen Basken seine Kultur und Nationalität nichts bedeuten, sollte nicht den Kampf eines ganzen Volkes um Identität und Anerkennung in den Dreck ziehen. Das ist der Grund, aus dem sich der Artikel für mich anfühlte wie ein Schlag ins Gesicht Zigtausender, an allererster Stelle die Angehörigen von achthundert Mordopfern (danke, ETA) und von toten, verurteilten oder untergetauchten ETA-Mitgliedern, die bestimmt auch gern hören, dass das ihre Geliebten für eine Sache ihr Leben gelassen haben, gefoltert, misshandelt und eingesperrt wurden, die eigentlich ja kein Schwein interessiert und eh nur von Politikern dem Volk aufgedrückt wird. ETA ist nicht ohne Grund ein zentraler Aspekt der baskischen Geschichte. Natürlich ist es erfreulich, mal abzuschalten und den Blick vom Terrorismus zu nehmen, aber warum gab es denn die ETA nochmal? Bestimmt, weil jeder Baske es unnötig findet, seine Sprache in der Schule zu lernen, nachdem sie von der Straße schon zu riesigen Teilen verdrängt wurde. Wodurch? Sicher aus freiem Willen und Desinteresse an der eigenen Kultur. Da schreib‘ ich mich schon wieder in Rage, es ist doch nicht zu glauben. Widerlich.

Allein schon der Vergleich „Nazis“. Die Nazis sagen, von ihrer Nationalität, die sie ja haben, ausgehend, „wir sind was Besseres und alle Anderen sollen raus.“ Die Basken sagen, „wir sind gleichwertig, und wir wollen rein [in einen Staat für unsere Nation].“ Inwieweit ist das bitte xenophob? Dahinter steht schlicht und ergreifend die Forderung nach Anerkennung der eigenen, sehr realen und sicher nicht eines schönen Tages aus Lust an der Freud erfundenen Identität.

Schrieb ich übrigens auch Mama – mit ein paar Tagen Verzögerung, weil mich das Ganze zuerst doch ein bisschen zu fertig gemacht hat, um sofort eine Reaktion, die über „das ist harter Tobak“ hinausging (woraufhin mir Mama erstmal freundlich in Erinnerung rief, dass es eigentlich „starker Tobak“ hätte heißen müssen – so entsetzt war ich ob des Artikels, dass ich glatt meine eigene Sprache vergaß darüber), zurückzuschicken.

Kepa sollte ich den Text da oben auch mal zukommen lassen. Wobei, andererseits, wozu ihm das antun, ich vergesse das Ganze jetzt lieber schnell wieder, rege mich ab und beruhige meinen Blutdruck. Zu viele Vergleiche mit Nazis in dieser Woche, zu viele davon. Das machen meine Nerven nicht mit. Haben sie alle nichts Besseres zu tun, als abwegige Vergleiche mit Nazis zu Hilfe zu nehmen, wenn sie einen Punkt rüberbringen wollen?

So. R ist in einer Stunde [mittlerweile 20 Minuten!] schon hier, wenn alles gut geht. Kein Wunder, dass der Mensch so ein cholerisches Nervenbündel ist, wenn man bedenkt, dass er sich sein halbes Leben mit Politik befasst und im Zuge dessen ungefähr das getan hat, was mich nach einer Woche schon an den Rande des Wahnsinns treibt. Basti machte sich gerade aus dem Staub, und jetzt berede ich kurz mit Kepa das oben angeführte Meisterschriftstück. Er sagt, ich solle spanischer Regierungschef werden, es könne nur besser werden. Wo er wohl Recht hat. Ich würde das Land kurzerhand in seine Einzelteile zerlegen und aus den weniger als 50%, die danach von Spanien noch übrigbleiben, ein foodsharendes, recyclendes, in erneuerbare Energien und Cradle-to-Cradle investierendes Öko-Land machen, in dem Containern zur Pflicht (und, so bald es nur geht, ganz überflüssig) wird und Flüchtlinge nicht in Schiffen vor der Küste ertrinken.

Elefantenstunde

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Ich bin mir sicher, dass es relativ normal ist, die Lieder aus seiner frühesten Kindheit das ganze Leben lang nicht zu vergessen. Ich bin mir weniger sicher, ob es normal ist, regelmäßig davon Ohrwürmer zu haben. Was genau macht Benjamin Blümchen mit so einer entsetzlichen Regelmäßigkeit in meinem Kopf? Ich habe genau eine Benjamin-Blümchen-Kassette besessen (vermutlich besitze ich sie immer noch, bei meinem Wegschmeißverhalten), und das einzige Lied davon, das sich davon in meinem Gedächtnis eingenistet hat, ist das allereste.

Aber (das ist ja das Schlimme) eigentlich weiß ich genau, was er macht.

„Ich bin der Lehrer Benjamin, ich stell mich vor die Klasse hin. Ich brüll nicht ‚Aufstehn!‘ und nicht ‚Setzen!‘ – ich schimpfe nicht, wenn Schüler schwätzen.“

Okay, also weiß ich im Grunde eher, was er nicht macht.

Was für ein grottiger Lehrer.

Und was für utopische Schüler. Kein Wunder, dass er die nicht disziplinieren muss; sie werden von einem riesigen sprechenden Elefanten unterrichtet und wollen alles einfach freiwillig lernen und machen. Da wär‘ ich auch gerne Lehrerin. Aber vielleicht sind sie nur so diszipliniert, weil er sie am Ende auf sich reiten lässt. Schlechte Karten für meinen Rücken. Besonders wenn man meine, äh, athletische, kräftige, muskulöse und hochstabile Statur mal so betrachtet, die ganz bestimmt nicht von übergewichtigen Grundschulkindern zum Durchbrechen gebracht werden würde. Ganz bestimmt nicht.

Warum aber ist es ständig in meinem Kopf?!

Abgesehen davon ist alles gut bei mir. Okay, ich habe meinen Geldbeutel inklusive Reisedokumenten und allem an Bank- und Versichertenkarten und Identitäts- und Mitgliedschaftsnachweisen, das man sich nur vorstellen kann, und eine Lunchbox inklusive meinem gesamten Reiseproviant in Frankfurt im Zug verloren – meine Tasche ist unterm Sitz umgekippt und ich dachte, ich hätte alles wieder eingesammelt, war dann aber offensichtlich doch nicht so. Daraufhin gestaltete sich der Rest meiner Reise natürlich weniger geregelt und mehr meinem üblichen Reisestil entsprechend, aber – was ebenfalls bei mir Gewohnheit ist – am Ende kam ich trotz allem Chaos wohlbehalten, nur eben geld- und busticketlos (sodass ich schwarz zur Wohnung fahren musste, denn mit dem ganzen Gepäck zu laufen wäre Selbstmord gewesen) und ein wenig verspätet zu Hause an.

Es ist wundervoll hier. Ich kam an, todesfertig von der Herumreiserei und den ganzen letzten Wochen. Susmita kam auf einen Tee vorbei, Trudi kam nach Hause, Susmita ging nach Hause, Trudi und ich machten uns Calamus-Tee und gingen in mein Zimmer. Es hat wunderbar gewirkt bei ihr; ich habe einfach nichts gemerkt und war unendlich neidisch auf ihre Wahrnehmungsveränderungen. Sie konnte auf einmal unglaublich hören. Wir saßen bei mir auf dem Boden; hinter mir lehnte Night, die Gitarre, an ihrem üblichen Platz und Trudi stellte auf einmal fest, dass jedes Mal, wenn wir redeten, ihre Saiten anfingen zu schwingen und Geräusche machten. Wohlgemerkt über die Musik aus den Laptopboxen hinweg. Ich habe sie so beneidet. Und am Morgen erzählte sie mir noch, sie wäre mitten in der Nacht plötzlich aufgewacht und hätte ihr schwarz-weißes Poster an der Wand in Farbe gesehen. Warum genau bin ich einfach nur zombiemäßig geschlaucht ins Bett gegangen, habe mit JO ihre Praktikumsbewerbung durch den Fleischwolf gedreht und dann bis elf Uhr wie ein Stein geschlafen, wohlgemerkt ohne aufzuwachen und Farben zu sehen, wo keine waren?

Aber ich habe schon wieder von Containern geträumt. Das ist doch merkwürdig. Willst du mir wirklich sagen, dass mein ganzes Unbewusstes so auf Containern fixiert ist? Letzte Tage der Container-Traum war bislang der heftigste von allen; ich war in Russland und wurde dort erwischt, musste mit Laura und zwei Polizisten auf die Polizeiwache fahren und alle Eintretenden wurden erstmal mit Gewehrfeuer begrüßt und durchlöchert. Es schien dort normal zu sein. Einer der Russen beschwerte sich noch darüber, „immer diese Mücken“. Für ihn waren die Schusswunden offenbar gar nichts Besonderes mehr.

Natürlich habe ich auch noch Besseres zu tun, als von Containern zu träumen. Kaum zu glauben, aber eine Nacht, bevor ich den russischen Polizisten völlig aufgelöst beteuerte, dass ich überhaupt „nichts entwendet“ hätte, saß ich mit Şahin vor einer Glaswand und dachte auf einmal, wie merkwürdig das war, ihn zu sehen und zu wissen, „er ist mit niemandem zusammen“. Verständlich; ist mir traum-extern auch nie untergekommen, der Zustand. Aber die Einsicht kommt ja früh, liebes Unbewusstes. Es ist doch schon wieder über einen Monat her.
Überhaupt, was sucht der Mensch in den ganzen Träumen. Seinem Dasein bringe ich zwar mehr Verständnis entgegen als dem schrecklichen Benjamin-Blümchen-Lied, aber im Endeffekt ist es kein Deut weniger sinnlos. Wüsste ich nur, was er sucht; ich würd’s ihm einfach schicken, vielleicht lässt er mich dann in Ruhe schlafen.

Embracing solitude (but reading weird stuff about how some people need other people to be).

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Nun bin ich allein. Such bliss. Sie kommen Silvester wieder, aber bis dahin werde ich mich erholen und dann einfach nur hoffen, dass die Kombination von meiner Mutter und Pfirsichbowle nicht im ultimativen Disaster endet. (Aber ich habe schon den Plan aufgestellt, mir einfach selbst so viel davon einzuverleiben, das mir ihr mit jedem Schluck mehr von ihrer rohen Verzweiflung zum Vorschein kommen lassender Zustand nicht mehr als unerträglich auffällt. Wobei das in die Hose gehen könnte, da ja bekanntlich meine eigene Reaktion auf Alkohol ähnlich aussieht. Ich wäre ja dafür, es einfach allgemein bei einer schönen Flasche Sekt zu belassen, dann käme man ganz ungeschoren davon, aber dazu müsste man ihr erstmal zu verstehen geben, dass alles Andere übel enden könnte, dazu wiederum müsste sie verstehen, dass sie keinen Alkohol mehr verträgt, dazu wiederum müsste sie sich ihrer mentalen Instabilität in ihrem vollen Ausmaße bewusst sein und dazu braucht es ein Weltwunder.)

Nun zu meinem Werk des Tages. Und zwar habe ich diesen wunderbaren Artikel über wünschenswerte Qualitäten eines Lebenspartners gefunden, den eine Freundin bei Facebook geteilt hat – zumindest dachte ich, er wäre wunderbar, bis ich mich daran gemacht habe, ihn zu übersetzen. (Ein Semester lang nichts mehr bewusst in meine Muttersprache übersetzt; es wurde Zeit.) Dann stellte sich heraus, der Inhalt ist nach wie vor gut, aber der Text ist eigentlich ziemlich entsetzlich geschrieben. Sogar so furchtbar, dass ich nach Punkt sieben schlicht und ergreifend keinen Nerv hatte, damit weiter zu arbeiten, und das freiwillige Übersetzeramt für heute niedergelegt habe. Was für eine sinnfreie Aktion.

Wärme in Koffern. Kälte im Raum. Leben im Nebel.

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Wir haben es doch wieder hingekriegt. Unfassbar ist das, wie machen wir das?
Ein weiterer Heiligabend mit einer dramatisch-versöhnlichen Bescherung. Das Gefühl, dass es solide sein könnte, ist natürlich seit Jahren nicht mehr da, aber geschafft ist es trotzdem. Wieder.

Wie? Und warum überhaupt die Mühe, uns immer aufs Neue zusammenzuklauben? Wir funktionieren doch alle nicht. Warum nicht es endlich einsehen und allen Schein fallenlassen. Uns ergeben, uns aufgeben. Die absolute Hoffnungslosigkeit dieses letzten Tages sollte doch besser anhalten, um es nicht alles immer wieder noch schmerzhafter zu machen. Das Allesverlorenhaben, das Wahrscheinlichniewirklichetwasgehabthaben. Das Fehlen von Wärme, von echter Wärme, nicht gesprochener Wärme, nicht materialisierter Wärme. Von gefühlter, gelebter Wärme. Wärme ohne Worte, ohne Demonstrativität. „Wie kannst du wagen, zu sagen, ich wäre nicht warm. Schau doch, wie warm ich bin. Ich tue dies und jenes, das es beweist.“ Aber gefühlt ist es kalt, nicht sicher. Warm ist sicher.

Ein Koffer voller Wärme. Sie sagte, sie hätte einen ganzen Koffer voller Wärme mitgebracht. Gestern Mittag, nachdem selbst mein versuchter Ansatz eines klärenden Gespräches genug war, um sie wegzubefördern. Dann sagte sie, sie müsse doch zu mir fahren. Mein Vater daneben. „Und dafür musst du erstmal zurückkommen. Schätzchen, komm zurück“. Ich in der Ecke ihres Bettes, die zusammengesunkene Gestalt beobachtend, die wirres Zeug von sich gibt, sie hätte mir doch einen ganzen Koffer voller Wärme mitgebracht. Eine Unterhaltung mit meinem Vater, der sagt, ich wäre zu hundert Prozent egozentrisch, als ich ihm zu erklären versuche, dass ich das nicht mehr lange aushalte. Dass sie sich helfen lassen muss und ich sie so nicht in meinem Leben haben kann. Weil ich nicht kann. Wäre ich selbst stabil, müsste ich können; ich dachte früher, ich müsste können, vor allem als ich noch da gewohnt habe, aber eigentlich kann ich doch überhaupt nicht. Das versteht er natürlich nicht, weil er keine Ahnung hat, wie es bei mir drinnen aussieht. Dazu müsste ich es erstmal zeigen können, nicht nur verbalisieren. Ich verbalisiere ruhig, distanziert und gelassen, dass ich irre am Rad drehe innerlich. Es wird mir nicht abgenommen, solange ich es artikuliere, ohne dabei in Trancezustände zu verfallen. Ich müsste erst zusammenklappen; das lenkt erfahrungsgemäß seine Aufmerksamkeit ganz gut auf einen. Wäre ich einfach einen Tick schwächer und würde immer zusammenklappen, wenn ich das Bedürfnis dazu habe, so wie sie es tut. Wie viel einfacher wäre alles; warum kann ich denn das nicht. Oh, wahrscheinlich weil nichtmal dann ich verstanden werden würde. Dann ist es wahrscheinlich Aufmerksamkeitsuchen, Melodramatik, fast schon Nebensache; das Zusammenklappen ist zu sehr Teil der Familientradition. Es ist ja auch alles nicht mein Problem, wie ich zwischendurch immer mal zu hören bekomme. Wenn meine Familie ein lebender Albtraum ist und ich nicht weiß, wie ich drei Tage in diesem Umfeld je geistig unbeschadet überleben soll, natürlich ist das nicht mein Problem, wieso sollte es. Mein „Ich kann nicht mehr“ wird nicht gehört; ich kann aber nicht mehr, ich kann nicht mehr so funktionieren.

Du hast keine Ahnung, keine.

Ikasten

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Es ist einfach so wahr.
[Lyrics und Übersetzung]

Man kann gar nicht aufhören. Es kommt immer mehr dazu, jeden Moment. Ich hab‘ heute noch darüber nachgedacht und werde noch tausenddreihundertmal darüber nachdenken, wenn nicht noch öfter – aufhören zu lernen ist wie sich selbst lebendig begraben.
Lernen ist irre anstrengend. Deshalb sage ich zu dem Lernen auch meistens Arbeit. Man kann unmöglich alles lernen, habe ich beschlossen – nur aufhören darf man nicht. Ich will die wichtigen Sachen lernen. Das, was mich besser sein lässt. Nicht alle Aufmerksamkeit darauf richten, was mich besser scheinen lässt. Davon nebenbei etwas aufzusammeln, dass es gerade so zum Leben reicht, ist mir genug. Die harte Arbeit muss in den wichtigen Teil fließen. Sodass ich selbst für mich weiß, ich bin heute besser als gestern, vollständiger. Ich muss nur herausfinden, was wichtig ist, was gut ist, und dann wie es funktioniert. Arbeiten ist irre anstrengend.

Ich habe manchmal keine Motivation mehr zu lernen und falle dann umgehend in schreckliche Löcher und jammere, statt zu lernen. (Oder vielleicht andersrum. Wenn ich in einem Loch stecke, sieht es auf einmal so aus, als wäre alle Arbeit sinnlos. Irgendwo ist da jedenfalls ein Zusammenhang.) Ich stecke seit einigen Monaten in einem. Es ist aber allerhöchstens ein mitteltiefes, nicht das ultimative Horrorsumpfloch. Und ich erwarte von meiner eigenen Hand, mich an den Haaren herauszuziehen. Genau wie wir es gelernt haben.