Schlagwort-Archive: Sinnlos

How we survive

Standard

Ich scheine mich nicht festlegen zu können, ob ich nun in Ordnung bin oder absolut am Abkacken.

(Gut. Ich setze also offenbar dazu an, Survive schreiben zu wollen; dann kann ich dieses Projekt an dieser Stelle beenden, denn das hat ja nunmal schon jemand vor mir getan. Ein Glück hab ich’s rechtzeitig bemerkt.)

Gefühlt entgleite ich momentan in die vollkommene Sinnlosigkeit. Ich bekomme kaum mehr mit, welche Katastrophen-Doku ich mir gerade reinziehe, weil ich nebenher nähe, esse oder am Handy spiele, um mich zusätzlich zu beschäftigen. Außerdem verschwimmen sie alle ineinander.

Das Sinnlosigkeitsgefühl ist nicht mehr so schlimm wie vorhin. Manchmal kommt so ein Tiefpunkt. Dann wird es mit etwas Glück nach einer Weile wieder besser.

Ich gehe mal schlafen. Weiter auszuführen wäre meiner Laune eh nicht zuträglich und noch dazu muss ich ja morgen früh aufstehen.

Parallelalpakas

Standard

Ja, es wäre ein traumhaftes Wetter für eine Alpakawanderung gewesen.

In Ermangelung derjenigen Lebensrealität, in der ich, noch dazu begleitet von meinem Lebenspartner, in den Genuss seines Geburtstagsgeschenkes gekommen wäre (Paralleluniversen sind vielleicht einfach doch ein Ding), habe ich heute andere Dinge getan: spontan meine ehemalige Kommilitonin Karina angerufen, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren (niemals wäre ich noch vor zweieinhalb Monaten auf diese Idee gekommen), meinen Balkon bewirtschaftet, mit Janas (angeblichem) Hochleistungsmixer Beccis Likör-Walnüsse zu Mus verarbeitet, das 1000. Level meines Candy-Crush-Verschnitts erreicht und somit das gesamte Spiel durchgezockt, R’s Post aus meinem Briefkasten gefischt (wie auch immer es angehen kann, dass sie dort noch immer landet, obwohl ich seinen Namen vor Wochen vom Schild entfernt habe?), erstmals in der Candidate-App ein paar Fragen von verschiedenen Menschen beantwortet, versucht, die Katze beim Vertilgen eines riesigen Brockens Hühnerrücken zu filmen (erfolglos), und mir in Erinnerung gerufen, dass ich mich nicht umbringen kann, solange ich noch unvollendete Dinge vor mir habe: ungelesene Bücher im Regal, undokumentierte Songs im Kopf, ungegessene Köstlichkeiten im Schrank, ungepflanzte Kürbisse im Anzuchttopf.

Jetzt, wo es Abend ist, Jana gleich zum Arbeiten fährt und ich mir vermutlich demnächst wider besseres Wissen ein (von Yannick abgestaubtes) Bier aus dem Kühlschrank hole, gewinnt diese Feststellung nochmal an Wichtigkeit.

Ich plane, mir ein Kräuterbaguette aufzubacken, meine aktuelle Doku-Serie (Terrorism Close Calls, ganz nett, aber erfordert kritisches Denken) zu Ende zu schauen und vielleicht eine nächste anzufangen. Wenn noch jemand mit mir reden möchte, umso besser.

Und morgen, wenn morgen und ich zusammenfinden, das gleiche Spiel von Neuem.

Mit dem Kopf voraus

Standard

Auf einer Facebook-Seite wurde neulich ein Meme gepostet, das besagt: „My spirit animal is a bull, because like me, it charges headfirst into red flags.“ Das fand ich ganz wunderbar relatable.

Morgen, wie ich gerade feststelle, wäre ich unter anderen Umständen um 17 Uhr mit R, Becci, irgendeiner vierten Person und einem Haufen Alpakas durch die Gegend gezockelt. Idealstes Wetter wäre mit meinem Geburtstagsgeschenk jedenfalls einhergegangen. Schade nur, dass mein Schicksal beim Durchkreuzen der Rechnung offenbar ganz besonders sicher gehen wollte und letztendlich eine Pandemie und eine Trennung diesen an sich bezaubernden Plan vereitelt haben.

Ich habe mich den zweiten Abend in Folge mit der Candidate-App vergnügt und mich heute sogar mal dazu bewegen können, ein paar Menschen mit Herzen zu beehren. Ganz habe ich das Prinzip noch nicht durchschaut und bin dem Konzept Dating-App gegenüber auch generell skeptisch, aber schaden kann es kaum. Solange irgendeine Art menschlicher Interaktion dabei rumkommt, die mir den Glauben an meinen Lebenssinn nicht noch weiter schwinden lässt.

Ist der Ruf erst ruiniert…

Standard

…muss man auch nicht mehr jeden Tag Blog schreiben.

Wäre ja auch zu merkwürdig gewesen, wenn ich das geschafft hätte.

Jetzt weiß ich nicht mal mehr, was der Stand war, als ich zuletzt berichtete. Aber ich kann es mir ungefähr denken.

Seither wohnt Jana bei mir; ja, ich schätze, dass der Abend, an dem sie hierblieb, derjenige gewesen sein dürfte, an dem ich zu berichten aufgehört habe. Dienstag war’s, glaube ich, genau der Tag meiner letzten Therapiesitzung, bevor die Therapeutin Osterpause machte.

Ich habe wieder mit Arbeiten angefangen. Ironischerweise war es R, der mir den Auftrag vermittelte, welcher dazu führte (er wandte sich dafür an Jana, nicht etwa an mich); es handelt sich um die Doktorarbeit von Vidulas bester Freundin, die ich nun (in direkter Kommunikation mit dieser) kapitelweise durchgehe. Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können, denn nicht nur ist meine Auftraggeberin eine äußerst liebe Kundin, sondern die persönliche Natur des Auftrags macht mir das Herangehen an die Arbeit um einiges leichter, als dies ein Scribbr-Auftrag täte.

Zudem hat William über Facebook nach Hilfe beim Transkribieren von Interviews für seinen Podcast gefragt, wofür ich mich auch einfach mal gemeldet habe. Er ist sehr dankbar und hat mir zudem angeboten, mit mir zu reden, wenn ich das möchte.

Ostern haben wir mit Yannick und Fredi Hasen gegessen. Den, der seit Ewigkeiten eine ganze Gefrierschrankschublade blockiert hatte und den R und ich eigentlich schon zu diversen Gelegenheiten gemacht haben wollten, wozu es dann allerdings nie kam, und den, der aufgrund von Platzmangel noch bei Yannick für uns (beziehungsweise dann mich) zwischengelagert gewesen war. Zudem fahren wir regelmäßig auf Essenssuche – ich scheine die für Hamstern und Nachhaltigkeit nicht unempfängliche Jana zumindest für die Dauer ihres Hierseins erfolgreich angefixt zu haben.

Den Rest der Zeit verbringe ich auf der Terrasse (welche mittlerweile beinahe vollständig hergerichtet und mit zum Teil bereits in Blütenpracht erstrahlenden Gewächsen bestückt ist), auf dem Sofa oder im Bett. Die 15-mg-Dosis Medis hat nicht nur mein unmittelbares Fortbestehen gewährleistet und mein Gefühlsspektrum verlässlich abgestumpft, sondern auch mein Schlafbedürfnis wieder auf unvermeidliche 11 Stunden ausgeweitet. Ich bin schon wieder dabei, auf 10 mg herunterzustufen. Wobei ich nicht sicher bin, inwieweit ich dahingehend alles richtig mache, da ich mich über den Tag hinweg meistens zwar verhältnismäßig sicher fühle, abends jedoch seit mindestens einer Woche regelmäßig so krasse suizidale Anwandlungen erlebe, dass (ich bin mir relativ sicher) allein die Tatsache, dass ich genug Anstand besitze, um nicht Jana, die – wie es gestern der Fall war und heute wieder ist – zum Arbeiten nach Hause gefahren ist und zum Schlafen wiederkommt, mit dem unschönen Anblick einer (vermutlich vollgekotzten) Trimipraminleiche zu konfrontieren, mich davon abhielt, diesen nachzugeben. Jana kann ich das nicht antun; niemandem, der eben erst seine Mutter an Krankheit und seinen Bruder an Selbstmord verloren hat und in drei Wochen mit seiner Doktorarbeit fertig sein muss, kann man das zumuten. So viel Anstand habe ich.

Aber ich habe mich schon geärgert, ich war genervt, richtig wütend, wenn man’s genau nimmt, darüber, dass mir das verwehrt blieb, und ich kann nicht behaupten, im Nachhinein sonderlich dankbar dafür zu sein, auch wenn die Zeitspannen, in denen ich wohl tatsächlich akut gefährdet wäre, völlig am Rad zu drehen und etwas Derartiges durchzuziehen, immer recht kurz sind. Aber wirklich Sinn macht meine Existenz halt auch in den übrigen Momenten nicht. Von einem Tag zum nächsten leben kann ich noch (oder eher wieder), ich mache genug schöne Dinge jeden Tag, Pflanzen pflegen, Euskera lernen, containern, Katze bedienen, tolle Sachen essen, mit Menschen reden, Nägel lackieren, so Sachen, aber eine Zukunft sehe ich nicht, das nicht, zumindest keine, in der ich gerne sein möchte.

Surviving Somehow

Standard

Heftig. Wie in Situationen dieser Art üblich, war die Panik von einem Moment auf den anderen weg. An ihre Stelle ist nahtlos eine so überwältigende, allumfassende Trauer und generelle Hoffnungslosigkeit getreten, dass die schiere Tatsache, dass ich noch hier bin, um dies zu tippen, allein der lebensrettenden Kombination aus Caro, Chachi und meiner Antriebslosigkeit zu verdanken ist.

Um mal ganz bescheiden mich selbst zu zitieren: My past is gone, so is my future, so are you.

Keine Ahnung, ob ich hier irgendwann noch Details aus den vergangenen fünf Jahren rauskramen und auf die Weise vielleicht aufarbeiten kann oder überhaupt nur will. Ich habe das Gefühl, über die Dauer meiner Beziehung mit R sowohl zu Verdrängungszwecken als auch aus Angst, mir durch Lautausschreiben die eigene Verletzlichkeit einzugestehen, wesentliche Teile meiner selbst verleugnet und meines Lebens unterschlagen zu haben, aber gerade ist jedenfalls nicht der Zeitpunkt, in der Richtung etwas nachzuholen. Solange ich mit anderen Menschen in Kontakt bin, erscheint es mir denkbar, dieses Elend irgendwann hinter mir zu lassen und meine eigene Zukunft zu erleben. Sobald ich aber allein bin und unweigerlich daran denke, selbst ohne irgendetwas aktiv hervorzukramen, verschwindet diese Hoffnung abrupt vom Horizont meiner Möglichkeiten.

Ich habe einen kleinen Auftrag angenommen, den ich morgen bearbeiten muss. Neun Seiten, das sollte doch irgendwie gehen. Wenn nicht, muss es trotzdem gehen, schließlich habe ich ihn nunmal angenommen. So werde ich morgen wohl auch überleben, denn man kann nicht gleichzeitig krepieren und einen Auftrag bearbeiten.

Immer einen Tag nach dem anderen.

Atzo baino gehiago

Standard

Wie wahr, wie wahre Worte doch Berri Txarrak in die Welt gesetzt haben, als sie Ikasten schrieben: Gaur atzo baino gehiago dakit, baina bihar baino gutxiago.

So weiß ich heute zum Beispiel, dass ich gestern Abend ein relativ scheußliches Erlebnis hatte, welches als Suppendrama in meine persönliche Geschichte eingehen wird. Daran waren R und ich selbst, eine Schüssel Brühe und ein grippeinduzierter Fieber- und Entkräftungsanfall meinerseits involviert und wollten alle nicht so recht zueinanderfinden.

(Um das konkreter auszuführen, damit ich mich nicht in ferner Zukunft wieder über meine nutzlosen vagen Ausführungen aufrege:

Kennst du das? Du bist krank daheim und hast aus Mangel an Energie und Motivation dazu seit Tagen nichts Gescheites gegessen. Auf einmal wird dir kotzübel und schwummerig. Dir fällt eben beschriebener Umstand auf, das hilft dir nur leider jetzt auch nicht mehr. Du wankst in die Küche und holst dir einen Behälter zum Reinkübeln (genauer gesagt, deine bewährte Kotztasse aus Zeiten der Hyperemesis) und ein Glas Wasser. Du schleppst das alles und dich selbst zur Couch und lässt dich darauffallen. Dir ist kalt, aber so richtig. Du fängst an zu zittern. Die Tür ist auf und es kommt frische Luft rein, aber eigentlich sollte dir nicht so kalt sein bei dem schönen Wetter. Du breitest die Sofadecke über dir aus und verbrauchst dadurch wertvolle Energiereserven. Du weißt ziemlich genau, dass du am besten vorgestern irgendwelche Nährstoffe zu dir nehmen solltest. Die Erinnerung an deine kurze Schwangerschaft und die damit verbundenen Höllenkotzqualen fesselt dich an die Couch. Neben dir liegt dein Handy. Du überlegst, ob es den Kraftaufwand wert ist, es zu bedienen, und entscheidest dich dafür. Du rufst deinen langjährigen Partner an, der bereits aus der Arbeit rausgekommen sein müsste. Du stellst erfreut fest, dass du durch Anschalten der Lautsprecherfunktion den dazu benötigten Energieaufwand minimieren kannst. Er nimmt ab. Du fragst, ob er schon auf dem Heimweg sei. Er sagt, er wolle noch kurz bei einem Kumpel vorbeischauen, was besprechen. Du sagst „ach so“ und lässt dir schließlich entlocken, dass es dir nicht so sonderlich geht. Er fragt, ob er dir was Gutes tun könne. Du sagst „Suppe“. Er sagt, okay, dann werde er seinem Kumpel absagen und heimkommen. Du bist sehr erleichtert, bedankst dich und legst auf. Es wird dir unerträglich kalt. Deinen Körper durchdringen Gliederschmerzen. Besonders schlimm ist es im Rücken. Du willst dich alle paar Sekunden am liebsten anders hinlegen, aber das nimmt zu viel Kraft in Anspruch. Du brauchst diese Suppe. Du ziehst in Erwägung, deinen Partner nochmal anzurufen und ihn zu bitten, mit dir zu reden, während er nach Hause fährt und du auf die Suppe wartest, um das Rumliegen und Warten erträglicher zu machen. Du entscheidest dich dagegen, weil du nicht nerven möchtest. Eine halbe Stunde vergeht. Du hast es gerade geschafft, einzuschlafen, dann ertönt das Schlüsselgeräusch und dein Partner tritt ein. Deine Erleichterung ist so groß, dass du bei seinem Erscheinen gleich wieder ein Stück lebendiger wirst und mit ihm reden kannst, obwohl du gerade noch dachtest, du könntest gar nichts mehr. Du bleibst liegen, ohne dich zu bewegen, und weißt: eine halbe Minute noch, dann ist die Bouillon fertig und alles wird wieder gut. Dein Partner begibt sich in die Küche und setzt Wasser auf. Er fragt, ob du Flädle in die Brühe möchtest. Du sagst nein, einfach nur Brühe. Womit denn, fragt er. Brühwürfel, sagst du. Er sagt, dass es schon cool wäre, Flädle in die Brühe zu geben, dann hätte er auch etwas zu essen. Dir wird das langsam zu anstrengend, aber du antwortest ihm, er könne in seine Suppe ja Flädle machen, du hättest gern nur Brühe. Er steht in der Küche und tut etwas, das sich anhört wie Kartoffelnschälen. Dann fängt er mit etwas an, das dem Geräusch nach das Schneiden von Kartoffeln sein könnte. Ganz sicher bist du dir nicht, weil du ziemlich sicher nicht deinen Kopf hochheben und nachsehen wirst. Es sind Minuten vergangen. Du fragst, ob die Brühe fertig ist. Er sagt, er würde jetzt was Richtiges in die Brühe machen. Dann fragt er, ob du noch zehn Minuten aushalten würdest, bis es fertig ist. Du sagst NEIN. Du brauchst jetzt deine Suppe. Er wird laut und führt an, er könne nicht zaubern. Du entgegnest fassungslos, dass alles, was er tun müsste, wäre, einen Brühwürfel in eine Schüssel mit warmem Wasser zu geben. Er schreit dich an, die drei Minuten hättest du ja wohl noch und sein Tag sei ja auch nur verdammt stressig gewesen. Du wiederholst, du bräuchtest deine Brühe jetzt. Er weigert sich und schneidet ungerührt seine Kartoffeln weiter. Deine Hilflosigkeit und seine Unmenschlichkeit schicken sich an, dich in ungeahnte Sphären der Verzweiflung zu katapultieren. Du entziehst deinem Energiereservoir die letzte Ration und teilst ihm mit, wenn er es nicht schaffen würde, dir deine Brühe jetzt zu geben, würdest du ihn bitten, dass er ausziehe. Du vernimmst Geräusche der Boullionproduktion und dazu die Entgegnung, er werde sich das überlegen, sowas müsse ja echt nicht sein hier. Dann stellt er dir die Schüssel auf den Tisch und geht zurück in die Küche. Du kannst die Brühe riechen. Du machst dir einen Plan, wie an die Brühe heranzukommen ist. Aus der Küche ertönt der Hinweis, die Brühe würde auf dem Tisch stehen. Du setzt deinen Plan in die Tat um und bewegst deinen Körper mit einem Ruck in Richtung der Schüssel. Leider erfordert das mehr Energie, als du übrig hattest, und du klappst über der Schüssel in einer Mischung aus Nerven- und Körperkollaps zusammen. Du greifst nach dem Löffel. Leider zitterst du unkontrolliert und schlägst damit die heiße Suppe über deine Hände, ins Gesicht und auf den Tisch. Du kannst nicht aufhören zu zittern. Dein Partner kommt wieder und fragt, ob er dir jetzt die Suppe zum Mund führen soll. Seine Hand hält den Löffel ruhig und du kannst die ersten Schlucke lebensspendender Nahrung einnehmen. Mit zunehmendem Brühepegel kann dein Körper sich wieder beruhigen. Dein Partner hat inzwischen festgestellt, dass du deine Suppe ja augenscheinlich tatsächlich gebraucht hast, und sich entschuldigt, um dann wieder in die Küche zu seinen Kartoffeln zu entschwinden.

Du kennst das nicht? Also, ich jetzt schon.)

Ich habe ferner aus dieser Begebenheit gelernt (abgesehen von der offensichtlichen Tatsache, dass es ein grober Fehler war oder wäre, R mein Leben in die Hand zu legen), dass ich wirklich daran zu arbeiten habe, rechtzeitig und deutlich um Hilfe zu bitten. Ohne Spielraum für „wenn du willst“ oder „wann du kannst“ oder „es wäre schön“. Ich muss mich nicht wundern, wenn eine Situation verkannt bzw. unterschätzt wird, wenn ich mein Möglichstes tue, um weniger hilflos dazustehen, als ich es bin. Das ist ein riesiger Knackpunkt von mir. Ich habe mich auch dafür bei R entschuldigt mit dem erklärenden Zusatz, dass ich es hasse, um Hilfe zu bitten, und es meistens zu spät tue. Insgeheim bin ich trotzdem verstört darüber, wie er es schafft, mich nach der langen Zeit so schlecht zu kennen. Ich bin wirklich sehr leicht kennenzulernen, wenn man möchte. Aber da haben wir es ja schon. Da liegt das Problem.

Heute geht es mir wieder besser. Ich habe den Abend dann mithilfe von zwei Paracetamol noch ganz gut über die Bühne bekommen. Nachts kam das Fieber wieder, aber ich wollte nicht noch eine Tablette nehmen. Der Bettbezug, den wir im Sommer als Decke benutzen, ist zu dünn für eine Person, und mir wurde ziemlich kalt darunter irgendwann. Aber R hatte gesagt, er würde nicht mehr lange machen, und natürlich fiel es mir nicht ein, ihn zu fragen, ob er ins Bett kommen möge. Zum Einen ist mir bei sowas meine eben erläuterte vollkommene Unfähigkeit im Weg. Zum Anderen das Alien, das mir seit jeher vorschreibt, zu warten, bis sich der Zustand von selbst ändert. Und zum Dritten hat meine Erfahrung gezeigt, dass R nicht der Mensch ist, der ins Bett kommt, weil seiner Freundin kalt ist. Ich bekomme einiges raus aus ihm und einiges hinein, aber das Fürsorge-Gen nicht, das fehlt ihm einfach. Und wenn ich es mal so sagen darf: darunter leide ich ziemlich.

The Dragon Without

Standard

Wieder zwei Absätzchen weiter. Das geht schleppend, aber immerhin tut sich was.

Jetzt kurz containern fahren und dann keine Zeit mehr, ich muss zu Cihan. Ich bin gespannt, ob er schon irgendetwas dafür unternommen hat, sich die unregelmäßigen Subjonctif-Verbformen reinzupauken; he’d better know them oder ich sehe keine Chance für seine anstehende Arbeit.

R zieht es jetzt wirklich durch und arbeitet jeden Tag mit Arne am Aufbau ihres nunmehr offiziell gemeinnützigen Projektes. Ich wünschte mir, meine Bachelorarbeit würde mir im Entferntesten das gleiche Versprechen eines besseren Lebens als Lockmittel präsentieren, um ähnliche Motivation bei mir hervorzurufen. Aber ich fürchte, da kann ich lange warten. Was soll ich nur machen mit meinem Leben, was soll ich nur machen.

Mama vermittelte mir neulich einen Kontakt in Costa Rica, der sich offenbar bereiterklärt hatte, sich meine Eckdaten mal anzuschauen und mir Jobmöglichkeiten aufzuzeigen, falls ich Interesse hätte, nochmal für ein Weilchen nach dort drüben zu übersiedeln. In dem Zustand, in dem ich mich gerade befinde, bin ich fast schon wieder soweit, es in Erwägung zu ziehen. Ich hab‘ Hunger, ich bin sehr leicht angetrunken (gerade genug, um den Perfektionismus zu beseitigen, der mich blockiert ohne Ende und so davon abhält, mit meiner Arbeit voranzukommen) und R’s Bemerkung, ich solle mir doch Ersatz suchen für die Zeit, in der er nicht da ist, dann hätte ich zwei Kuscheltiere, hallt mir noch im Kopf nach. Joa, ich setz‘ mich nach Costa Rica ab, dort laufen zwar die übelsten Kreationisten und Kindesschänder rum, was sich dann Bildung und normale Erziehungsmethoden nennt und wo ich sicher mit meinen Vorstellungen gut reinpasse auf Dauer, aber wenigstens hab‘ ich die Gewissheit, dass R das Ganze super verschmerzen würde, denn Ersatz ist ja schnell gefunden. Yay, doesn’t that make me feel so incredibly loved and special.

„Ein Seil wird doch nicht dadurch dünner, dass man daneben ein zweites Seil spannt.“

Ich sag‘ dir, was das Problem daran ist, wenn du ein zweites Seil spannst, du Intelligenzbestie. Dein erstes Seil wird nicht dünner, da hast du Recht. Es wird einfach überflüssig. WEIL EIN VERFICKTES SEIL REICHT. Vorausgesetzt, es ist stabil. Vorausgesetzt, du traust ihm zu, dich aufzufangen. Wenn das natürlich nicht gegeben ist, stellt sich die Frage, was du überhaupt damit willst. Dein Seil kann dich nicht halten? Ach so, dann ist es nur logisch, es weiter mit sich herumzuschleppen, während man sich ans nächste hängt. Da freuen sich alle, die daran zu tragen haben, dein zweites Seil bestimmt auch. Wirklich?! Nichtmal ich wüsste einen Verwendungszweck für ein kaputtes Seil. Wenn auf mein Seil kein Verlass ist, steig‘ ich auf Freeclimbing um und schmeiß‘ das unnütze Ding irgendwo in den Abgrund. Vorausgesetzt es besteht aus Naturfasern. Sonst hoffe ich einfach, dass mir irgendwo in den luftigen Höhen eine Mülltonne begegnet.

Artikulationsproblem, ich seh’s auch so.

Standard

Vielleicht ist der Grund, aus dem ich mir gerade leicht ineffizient vorkomme (um nicht zu sagen, relativ unnütz), der, dass R in der Küche sitzt und Politik macht, draußen die wunderbarste Herbstsonne scheint und ich im Bett hänge. Ich bin unzufrieden; warum bin ich nicht in der Lage, wenigstens nebenbei noch die Welt zu retten, während ich mein Leben faile?

Letzte Nacht eröffnete sich mir ein Mal mehr die Tatsache, dass Alkohol mich um Längen in meiner Entwicklung zurückwirft. Der sehr geringen Menge, die ich gestern davon zu mir genommen hatte, zum Trotz habe ich mich mal wieder von Dingen fertigmachen lassen, die mich im nüchternen Zustand kaum dermaßen hätten verstören können, und einen Verzweiflungsanfall mittelschweren Ausmaßes geschoben. Was war los? Ich kann mich nichtmal wirklich an den Auslöser erinnern, aber spätestens zu dem Zeitpunkt, als R auf seine nicht im Geringsten überdramatische Art verkündete, ob er sich mir im Bezug auf schriftstellerische Tätigkeiten offenbaren könne, auch wenn es harter Stoff wäre mit Potenzial, etwas zwischen uns zu ändern, hat sich bei mir die blanke Panik breitgemacht. Ich konnte ewig nicht aufhören zu heulen. Wie es halt so ist. Auch als sich herausstellte, dass er einfach vorhat, über die letzte Frau, die ihn traumatisiert hat, ein Drehbuch zu schreiben, was selbst in dem Moment meine instantly auftretenden Szenarien unaussprechlichen Horrors um ein Vielfaches unterbot.

Wir haben im Büro eine Küche. Eigentlich besteht das Büro aus zwei Zimmern, einer diese verbindenden Küche und einem Badezimmer, welches ebenfalls von der Küche abgeht. Der Punkt ist aber eigentlich, dass der Wasserhahn in der Küche mich an mein Heulverhalten erinnert; du drehst ihn einmal ganz kurz auf und machst ihn wieder zu, aber es kommt noch ewig Wasser heraus, sodass du schon genau weißt, wenn du dir ein Glas Wasser einschütten willst, reicht es völlig aus, auf der Hälfte schon wieder abzudrehen.

Das Allerabsurdeste aber, was bei dem Drama gestern herauskam, war unbestreitbar R’s Aussage, ich sei für ihn der wichtigste Mensch auf der Welt, auch wenn er das nicht immer so rüberbringen würde; er habe diesbezüglich ein Artikulationsproblem. Wenn du ahnen könntest, wie ich diese Person vom allerersten Moment an für ihre unvergleichliche Fähigkeit bewundert habe, ihre Empfindungen zu artikulieren. (Natürlich kannst du das nicht; das muss man erlebt haben.) Artikulationsproblem? Ich glaube, ich muss nachher die Aufnahme mal durchwühlen, die ich noch gestern Nachmittag gemacht habe, die das exakte Gegenteil zum Inhalt hat. Wenn er meint, das, was er denkt, nicht ordentlich artikulieren zu können, was genau habe ich dann? Schaffe ich es etwa, ihn alles wissen zu lassen, das ins Gesicht gesagt zu bekommen er unzweifelhaft verdient hätte? Angefangen mit einem simplen „Ich liebe dich“, über „Ich freu mich unendlich, dass du da bist, wenn ich nach Hause komme“, bis hin zu eben diesem „Deine offen mitgeteilte Zuneigung ist ein Segen für meine Seele“, das mir oft genug im Kopf herumschwirrt, auch wenn ich den Teufel tun würde, es je zu artikulieren.

Abstrus.

Nun gehe ich und treffe mich mit Mama in der Stadt. Sie rief eben an und beorderte mich zum Bahnhof, wo sie um halb zwei auf mich wartet. Yay, ich geh‘ raus! Pensative gloomy mood over – at least for now.

Edit: So viel zu R’s Mitteilungsproblemen.

Genugsein. Eine Utopie.

Standard

Nachdem ich heute festgestellt habe, dass ich zu benebelt für die Welt war.. nimm dir als Erklärung dazu lieber das hier. Eine gegen Ende wirklich beeindruckende Dokumentation einer zu wenig dokumentierten Welt, der zwischen Wachsein und Schlafen nämlich, ich habe noch genau eine ähnliche Aufnahme aus Vitoria, aber diese hier ist eigentlich, was das angeht, unparalleled.

Am Einschlafen 20.6.15

Ich konnte mich im Übrigen auch erst wieder daran erinnern, die Aufnahme überhaupt angefertigt zu haben, als ich das AG heute Früh bei mir im Bett liegen sah. Es hingen noch vier Stunden Schlaf dran, welche ich dir hier erspare.

Mir ging’s noch nicht wieder richtig gut, als ich aufwachte heute Morgen. Um ein Haar hätte ich meine Laune als Ausrede benutzt, mich einfach ganz wieder hinzuhauen heute an meinem komplett freien Tag. Zum Glück habe ich mir selbst entgegengewirkt und war lieber im Garten produktiv, bevor mich dann doch die Lethargie wieder packte und ich mich zurück ins Bett begab. Zu viel Vortex gezockt heute, eindeutig zu viel. Ich fühle mich unerfüllt.

R kommt Montag Früh schon. Meine Begeisterung darüber wird in erster Linie von dem Wissen getrübt, dass er Montag und Dienstag vier WG-Besichtigungen vor sich hat und sich das frühere Aufschlagen vor allem darin begründet, sowie von seiner grenzenlosen Egozentriertheit, mit der er es tatsächlich schafft, nicht zu begreifen, dass man betrunkenes Aspi bitte nicht mit Poly-Bemerkungen behelligt. Beziehungsweise von dem entsetzlichen Gefühl, das das schon wieder ausgelöst hat. (Es ist immer noch da, wenn auch nicht mehr so schrecklich doll.) Wie um alles in der Welt soll ich denn meine Mauerabbauarbeit leisten, wenn er alle paar Sekunden von vorne mit Bemerkungen in diese Richtung aufwartet. Ich dachte, ich könnte die Arbeit weitestgehend unbemerkt und ohne viel Theater vonstattengehen lassen, aber wie’s aussieht, sollte ich ihm doch nochmal explizit mitteilen.. ach, was soll’s. Mitteilen hin oder her, das wird doch nichts. Wieso geb‘ ich’s nicht gleich komplett auf. Ich könnte auch einfach weiter auf der erfolglosen Suche nach jemandem vor mich hinvegetieren, dem ich schlicht und ergreifend und ganz ohne Aufopferung fragwürdiger Prinzipien genug bin.