Schlagwort-Archive: Sommer

Atzo da bihar

Standard

So schnell kann es also Sommer werden. Gleich ein völlig anderes Lebensgefühl, die Terrassentür offen lassen zu können und auf die frisch bepflanzten Kübel draußen zu blicken, in denen sich Tomaten und Paprika, Salat und Chilis, Rucola und Wunderblumen dem Licht entgegenstrecken.

Dass R diese Woche Urlaub hat, ruft auch bei mir ein Urlaubsgefühl hervor, auch wenn ich gestern Abend wieder einen Auftrag angenommen habe, mit dem ich gleich beginne. Wir sind mehr als glücklich, von unserem Osterausflug zu seiner Familie zurück zu sein, und genießen unsere wiedererlangte Freiheit und Selbstbestimmung in vollen Zügen. Er, indem er zockt und lernt; ich, indem ich pflanze und lese. Wir zusammen, indem wir ausschlafen und gemütlich frühstücken, Carcassonne spielen, Filme schauen und wunderbares Essen kochen.

Ich freue mich schon jetzt auf den Moment, in dem er nicht mehr arbeiten muss und wir dieses Leben für immer haben können. Denn während ich bestrebt bin, oder vielmehr beim besten Willen nicht anders kann, als aus der Gegenwart das Meiste für mich herauszuholen und den Zwängen nur den nötigsten Raum zu geben, hat er erst Ruhe, wenn ihm seine Zukunft solide erscheint. Eigentlich ähneln wir uns da stark. Nur dass unsere Coping strategies gegenteilig ausfallen. Ich verdränge und beraube mich dadurch vermutlich einer sicheren Zukunft. Er nimmt sich – uns – mit seinem obsessiven Hinarbeiten auf zukünftige Sicherheit die Gegenwart weg.

Auf dem kurzen Spaziergang zum Altglascontainer und zurück überraschte mich der Gedanke, dass es mir vielleicht wirklich lieb wäre, wenn wir heiraten würden, nicht in der Erwartung eines festzementierten ‚Für immer‘, sondern um dem Warten auf diese ferne Zukunft eine konkretere Berechtigung zu geben, einfach mal festzuhalten, dass seine wenig geschätzte, viel auf Zukünftiges ausgerichtete Gegenwart auch mir nicht grundlos ungenutzt durch die Finger rinnt. Ich bin mir dessen sicher und er ist es auch, warum dem Ganzen nicht einen Namen geben.

Dachte ich mir gestern, aber es war nur ein Anflug; heute verstehe ich schon wieder kaum, wozu das Heiraten gut sein soll; als könnte man die Zukunft mit Papier und Tinte in Stein meißeln. Und andersherum: unser gegenseitiges Vertrauen ist so grundsolide, dass jeder Vertrag, jede Unterschrift dagegen lächerlich und wertlos wäre.

Aber genug von Gegenwart und Zukunft. Ich habe einen Auftrag zu erledigen.

Werbeanzeigen

Y tuyo será.

Standard

Unglaublich – der Himmel ist bedeckt; der Sonnenschirm, der seit Tagen unentwegt geöffnet auf der Terrasse steht, wirkt zum ersten Mal seit Langem überflüssig.

Ich denke in der Hitze dieses Monats ständig an Costa Rica, als würde ich nicht eh schon oft genug daran denken – und ich denke mir immer wieder, ich würde dieses Klima mehr schätzen, wenn nicht gleichzeitig der Gedanke an Regionen so hartnäckig nagen würde, die durch das, was für mich einen Segen bedeuten würde (hätte ich denn, wie es in Costa Rica der Fall war, einen Standventilator in meinem Schlafzimmer), gerade unendliches Leid erfahren. Wie immer; wir jammern und ächzen und stöhnen, aber wirklich ausbaden müssen es die Anderen.

Ich habe so viel zu sagen und schaffe es doch nicht. Ich arbeite vormittags meine Unbabel-Schicht für das Projekt, das noch bis zum 12. August läuft; danach fällt der Standby-Bonus von 6 respektive 3 Dollar die Stunde dann halt wieder weg und ich muss mir was Anderes suchen, denn auf Dauer habe ich nicht die Frustrationsgrenze, die es bräuchte, um mich für diesen Hungerlohn täglich mit diesen seelentötenden, monotonen Texten abzuplagen. Ich danke mir selbst und Gowai im Howai dafür, dass ich mich gegen ein Dasein als Übersetzerin entschieden habe, bevor es zu spät war.

Ich halte mich, um den Verstand zu behalten, von allem ab, das Nachdenken erfordert oder Emotionen hervorruft. Gelingt mir das nicht, wird alles ganz komisch. Meine ganze Wahrnehmung verändert sich, und jedes Ding, auf das mein Blick fällt, und es fällt mir gerade wirklich unheimlich schwer zu beschreiben, enthüllt seine wahre Bedeutung, und ich sehe die Welt so, wie sie wirklich ist, so, als säße man im 3-D-Film und es würde einem mitten im Film von irgendwoher die passende Brille aufs Gesicht gesetzt. Aber das passt nicht wirklich; ich sehe ja alles immer klar, nur eben zweidimensional, und es ist vielleicht eher wie Trudi sagte, als sie auf LSD zu mir ins Zimmer kam und sagte, sie hätte im Wald die Bäume leuchten sehen, die gesunden Blätter hätten alle geleuchtet, die verdorrten dagegen nicht.

Und das ist mir zu viel; ich bin heute aufgewacht und hatte den Titelsong von Narcos in Kopf und das allein war irgendwie schon zu heftig, aber mir kam dann die Szene in den Sinn, die mich von all den Entsetzlichkeiten in dieser Serie am meisten mitgenommen hat, nämlich [Spoiler Alert, bitte nur lesen, wenn du nie beabsichtigst, Narcos zu gucken, oder dies bereits getan hast!] als er diesen unfassbar lieben, naiven Jungen beauftragt, in dem Flugzeug ein Gespräch aufzunehmen, und er und seine Frau so dankbar sind für diese Möglichkeit und die reichhaltige Bezahlung, und er ihr sagt, schau, Liebling, vamos a seguir adelante, und sich so sehr freut und sich in das Flugzeug setzt hinter die beiden Männer, und natürlich ist der Knopf, auf den er drückt, nicht dazu da, ein Gespräch aufzunehmen, sondern dazu, das Flugzeug zu sprengen.

Das fand ich mit Abstand die schrecklichste Szene, und als wäre das nicht genug, hatte ich plötzlich das merkwürdigste Szenario im Kopf, und zwar war es so, ich hatte nämlich mit dem Gedanken gespielt, mich aus dem Bett herüber zum Regal zu lehnen und das Baskisch-Wörterbuch herauszuholen, um das Wort ardi nachzuschlagen, das mir Kepa vor Tagen in einer Nachricht geschrieben hatte und ich seitdem in den Winkeln meines verschrumpelten Euskera-Gedächtnisses versucht hatte aufzutreiben, und ich habe mir auf einmal gedacht, dass, würde ich bei der Aktion vom Bett fallen und mir auf dem Weg den Kopf aufschlagen und sterben, R am Abend, wenn er mich fände, keine Möglichkeit haben würde zu wissen, dass ich gerade den Narcos-Titelsong im Kopf hatte, und das wiederum brachte mich auf die endlos entsetzlich traurige Szene in… diesem orangenen Buch mit den zwei Silhouetten von Gesichtern vorne drauf, das mich so fertiggemacht hat, dass ich sogar seinen Namen verdrängt habe, wo [Spoiler Alert; bitte nur weiterlesen, wenn du nicht vorhast, das ominöse orangene Buch mit den zwei Gesichtern vorne drauf je zu lesen, oder dies bereits getan hast!] die Protagonistin am Ende von einem Auto angefahren wird und stirbt, und der Satz, mit dem das Ganze beschrieben wird, war einfach (zumindest ist er so bei mir im Kopf hängengeblieben; keine Garantie): Then Emma [ich hab den Nachnamen des dazugehörigen Menschen vergessen und kam erst nach intensivem Nachdenken überhaupt auf ihren eigenen] died, and everything she had ever said or known was gone forever.

Und das war dann wirklich zu viel, und ich musste mich krampfhaft davon abhalten, weiter mein Hirn nach ihrem Nachnamen oder dem Vornamen ihres Co-Protagonisten zu durchforsten; leider ist mir dieser gerade eben beim Schreiben zumindest wieder eingefallen, Dexter nämlich, und ich suche weiter nach seinem Nachnamen, obwohl ich ihn eigentlich gar nicht wissen möchte.

Dann konnte ich nicht mehr schlafen, obwohl ich noch todmüde gewesen war, als der Wecker geklingelt hatte.

Jetzt bin ich am Arbeiten, aber da es heute mit den Aufgaben schleppend läuft, kann ich der Welt und allen Bots zwischendrin mitteilen, dass mein Hirn merkwürdig ist. Das wusstet ihr alle bestimmt noch gar nicht.

Creepy Comeback

Standard

Kepa muss ein noch fähigerer Gedankenleser sein, als ich sowieso schon dachte. Seit der Nacht neulich, wo ich fast durchgedreht bin vor Trauer um die alten Zeiten, meldet er sich regelmäßiger und geballter als die ganzen letzten zwei Jahre zusammen, was latent unheimlich ist, wirklich jetzt.

Lissabon hält uns Tag für Tag mit Sonne, mehr Sonne und immer neuen Möglichkeiten auf Trab, uns die Füße wundzulaufen. Bei Caro und Ricardo zu sein ist wunderbar, und es mit Becci zu sein noch mehr. R denkt daheim an meine Pflanzen und hat mir bestätigt, dass mir ein mit meiner Rückkehr von den Azoren Anfang des Jahres vergleichbares Drama nicht erneut bevorsteht. Caro hat Tomaten auf dem Balkon, in viel zu kleinen Kästchen und Töpfen, um die ich mich ersatzweise kümmere.

Ich bin zufrieden.

Sunshine, my old friend.

Standard

Und schwupps, auf einmal ist es Sommer. Ich sitze in Top und kurzem Rock auf der Terrasse und schwelge in der Wiedervereinigung mit meiner Lebensspenderin Sonne. Schwer vorzustellen, dass vor so Kurzem die Welt noch kalt und finster war.

Die Terrasse ist präpariert für den Einzug der Pflanzen, obschon der natürlich noch einen guten Monat hin ist. Die Komposteimer sind wieder in Betrieb genommen, Kübel teilweise mit Erde befüllt, die Überlebenden des Winters ausgemacht und versorgt. Die Pfefferminze sprießt schon fröhlich; der Schnittlauch macht den Eindruck, nie weggewesen zu sein; Petersilie habe ich aus dem Kasten in ein Töpfchen und Rucola zum Topinambur in den Eimer verfrachtet. Hallelujah, ich kann wieder leben.

R ist arbeiten und wird sich nachher das Qualifying ansehen; ich könnte zum Großhandel fahren oder es bleiben lassen. Man wird sehen. Vielleicht fahre ich nachher zum neuen Spot und schaue beim Großmarkt auf dem Rückweg vorbei. Oder nicht. Zuerst einmal lasse ich es mir gut gehen, trinke mein Bier, solange es kalt ist, lese mein Buch und sauge den Sommer auf.

Wenn der Therapeut gestört ist…

Standard

Whoa. Ich habe gerade die erste Runde Therapeuten für Becci abtelefoniert und bin heilfroh, das selbst gemacht zu haben. Nicht auszudenken, was diese Odyssee mit Leuten machen soll, die eh schon kaum in der Lage sind, überhaupt irgendetwas zu tun, geschweige denn von zigtausend potenziellen Helfern abgewiesen zu werden.

Am besten war ein gewisser Dr. Martin Jost (volle Namensnennung in voller Absicht!), welcher mir Folgendes zu schlucken gab: „Ach, für eine Freundin? Also, so über Dritte mache ich das normalerweise nicht. “ Und auf meine Entgegnung hin, dass die Frau seit einem knappen Jahr in einer schweren depressiven Episode steckt und so etwas einfach gerade nicht kann, dann mit der Einfühlsamkeit eines intergalaktischen Highways: „Dann sollte sie sich vielleicht mal in der Psychiatrie vorstellen, wenn es so schlimm ist. Wie soll sie denn zu mir kommen, wenn sie nichtmal anrufen kann? Also, das läuft hier nicht über Hausbesuche. Da muss sie sich schon persönlich vorstellen und selbst anrufen.“

Hallo? Also erstmal: Was, erinnern Sie mich bitte, ist eigentlich normal – gerade in Ihrem Berufsfeld? Und außerdem: Sie sind der Therapeut von uns beiden, oder verstehe ich das falsch? Sollte man sich als fertig ausgebildeter Psychologe nicht eventuell mal mit dem Gedanken befasst haben, dass Leute nicht gleich völlige Krüppel sein müssen, nur weil sie eine an sich leichte Sache nicht gebacken kriegen? Und dass man selbst dazu da ist, Leuten diese Ängste zu nehmen, statt ihnen verständnislos den Rücken zuzuwenden?

Weißt du, wie kurz ich vor dem Heulen war, immer noch bin, vor Hilflosigkeit angesichts eines solchen menschlichen Totalversagens? Als Psychologe?! Wie will er bitte Leuten helfen, die es nicht schaffen, von allein sich bei ihm „vorzustellen“, wenn er nichtmal erlaubt, dass der Kontakt zustandekommt? Wie weit ist es mit der Welt gekommen, dass solche Menschen erfolgreiche Therapeuten sind, von Patienten überschwemmt bis Ende des Jahres?!

Dazu kommt ja noch, dass ich natürlich praktisch selbst nicht in der Lage bin, Gespräche dieser Art am Telefon zu initiieren, und dies überhaupt nur getan habe, weil ich unbedingt Becci helfen möchte, sodass dieses geballte Unverständnis sich im Grunde gegen mich genausosehr richtet – was es nochmal umso verletzender macht.

Also, ich weiß ja nicht, wie es dir damit geht, aber mir vermittelt das Ganze ein ziemlich mieses Gefühl im Bezug auf die Gesundheit des Gesundheitssystems. (Davon mal ganz abgesehen, dass eh ein absurder Mangel an kassenzulässigen Therapeuten herrscht, einfach weil die Menge der zugelassenen Ärzte sich an Statistiken aus dem letzten Jahrhundert orientiert. Facepalm hoch neunundneunzig.)

Ich habe gerade versucht, Becci zu erreichen, um sie über das Wenige, das ich tatsächlich für sie herausfinden konnte, zu informieren, aber sie scheint nicht die Zeit oder die Lust zu haben, auf ihr Handy zu schauen. Macht auch nichts. Was ist schon ein weiterer nicht erreichbarer Mensch nach diesem ganzen Debakel.

Ich habe mir daraufhin einen Irish Coffee mit Beccis epischstem Kaffeelikör zubereitet, den sie nicht mag, weil er zu sehr nach Kaffee schmeckt, und sitze jetzt hier ohne großartigen Plan, was ich noch tun könnte. Draußen scheint die Sonne, meinen Keimlingen auf den Fensterbänken geht es gut, aber es ist zu kalt, um nach draußen zu gehen.

Wenn es nur endlich warm wäre. Du machst dir keine Vorstellungen, wie ich mich auf die Zeit freue, wenn ich endlich die Terrasse wieder mit Pflanzen bestücken kann. Wenn ich aus dem Urlaub komme, kann ich Petunien vorziehen und Ringelblumen und Basilikum; die Kürbisse und Melonen werden schon richtig ansehnlich gesprossen sein und die Tomaten so prächtig, dass ich sie alle in größere Gefäße hinein werde pikieren müssen. Und noch einen Monat später kann alles schon ab nach draußen. Die Morning Glory ist bereits jetzt am Entwickeln kleiner Blättchen und streckt sich munter dem Fenster entgegen; dieses Jahr wird sie rechtzeitig blühen. Ich habe vom Sperrmüll einen wunderschönen Obelisken mitgebracht, um den sie sich ranken wird. Was freue ich mich auf den Sommer!

Every Day is a Fail Day

Standard

Was für ein typischer Tag. Ich gehe in die Uni, wo ich erstmal dem Dozenten über den Weg laufe, für dessen Terminologieprojekt ich mit zwei Einträgen im Rückstand letzten Mittwoch dem Gruppentreffen ferngeblieben war – yes, genau dem Menschen wollte ich begegnen. Nicht. Aber da Juan ein sehr, sehr guter Mensch ist (was den einzigen Grund darstellt, aus dem ich mich freiwillig in sein Projekt begeben habe, kombiniert mit den grottigen Alternativen), wurde das Gespräch nicht zu einem der Sorte Standpauke, sondern fand auf Augenhöhe statt und ließ mich mit dem Gefühl zurück, es gut schaffen zu können, sofern ich mich mal am Riemen reiße.

Solchermaßen beglückt tuckerte ich weiter in den Seminarraum des Kurses, den ich besuchen wollte, nur um mir gewahr zu werden, dass ich die Einzige war. Ich hatte extra noch den Unterrichtsplan konsultiert, auf dem für heute definitiv kein Ausfall vermerkt war, aber wenigstens macht es jetzt Sinn, dass keine Lektüre für heute hochgeladen worden war. Die ich pflichtbewusst gestern noch ausdrucken und lesen wollte, bis ich dann sah: Es gab keine. Hm.

Ich war auch um zehn nach Kursanfang noch die Einzige. Also ging ich Katzenfutter holen. Neben dem Tierbedarfsladen ist ein riesiger türkischer Supermarkt, wo man theoretisch auch super containern kann, allerdings schließt der natürlich auch erst, wenn der Katzenfutterladen schon zu hat. Zudem ist das Ganze ewig weit weg von mir daheim, sodass ich nie dort containern gehe.

Jetzt hatte ich mir aber vor Kurzem vorgenommen, es einfach mit dem Containern mal tagsüber zu wagen, sodass man es doch mit dem Katzenfutterholen verbinden kann. Also ging ich frohen Mutes am Supermarkt vorbei und warf von Weitem einen Blick auf die Beladungszone. Wo selbstverständlich gerade Dinge verladen wurden. Ich machte kehrt und holte Katzenfutter, mit dem Vorhaben, es im Anschluss nochmal zu versuchen. Ich kam aus dem Laden, machte ein-zwei Schritte in Richtung des Türkenmarktes und sah meinen Bus in die Gegenrichtung. Angesichts des tiefgefrorenen Fleisches in meinem Besitz entschied ich mich dann doch spontan zum Rennen und erwischte gerade noch so besagten Bus, hatte dann auch beim Umsteigen Glück – der nächste Bus hatte fünf Minuten Verspätung, was es mir ermöglichte, das Fleisch relativ gekühlt zu Hause zu verstauen.

Dann musste natürlich schnell das Material für das Terminologieprojekt an Juan gesendet werden. Ich musste den zweiten Begriff noch fertig machen und verkünstelte mich daran nochmal eine Stunde, dann war es endlich geschafft. Nicht davon zu reden, dass ich meinen allerersten Begriff zur Hälfte nochmal machen darf, weil die Version, die ich letztendlich erarbeitet hatte, durch meine unermessliche Intelligenz mit dem zweiten Begriff überschrieben und unter demselben Namen gespeichert wurde. Das hat mich gestern hart fertiggemacht, vor allem, weil der „Tatentschluss“ derjenige Terminus war, an dem zu arbeiten ich mich über Wochen nur mit der allergrößten Willenskraft zwingen konnte, und dann gehe ich und überschreibe einfach die Endversion. Natürlich. R kommentierte das Desaster lapidar mit „Das wäre mir heute auch fast passiert“ und überließ mich meinem Schicksal. Anteilnahme ist etwas, das man ihm noch beibringen könnte.

Ein kleiner Terrassenrundgang, das letzte Beypazarı – stilvoll zelebriert mit Veilchensirup und einer entsprechenden Nachricht an Becci – dann fiel mir auf, dass meine Wohnung aussah wie Sau, also wurden fünfzig Sachen aufgeräumt und einmal gründlich durchgesaugt. Ich hatte zwar nicht im Entferntesten Lust drauf und bin umso glücklicher, es trotzdem so gründlich gemacht zu haben.

Dann endlich wieder sitzen, mit einer Schüssel des köstlichsten Gratins, das ich jemals fabriziert habe (dürfte an der Menge des verwendeten Käses liegen; Becci und ich haben letztes Wochenende nach dem Flohmarkt noch beim Großhandel vorbeigeschaut und dort den ultimativen Gouda-Fang gemacht), und mit der Katze zusammen auf der Couch die Beine ausstrecken. Fünf Uhr. Mir war selbstredend entfallen, dass ich mich mit JO zum Skypen verabredet hatte. Die wartete indes seit einer Stunde und vertröstete mich dann auf nachher, da sie jetzt erstmal mit ihrem Kumpel in Mexico redet.

Auch gut. Ich könnte mich bis dahin noch ein bisschen auf der Terrasse herumtreiben. Tue ich das doch.

When Awim Makes Dinner

Standard

Halben Tag regelwidrig verzockt (mich mit „es ist langes Wochenende“ rausgeredet), nichts für die Uni getan. Großartig. Ich hab’s so drauf.

Wobei ich ja schon glücklich darüber bin, den Rest des Tages zumindest pseudoaktiv gewesen zu sein; wie gestern schon hatte die Terrasse meine volle Aufmerksamkeit und oh ja, man sieht es. Ich bin tatsächlich zufrieden. Jetzt muss nur noch alles ein bisschen wachsen und ich kann die nächsten vier Monate ein richtiges Paradies mein Zuhause nennen. Jeden Tag treibe ich mich stundenlang dort herum und begutachte die Fortschritte. Und ab und an klaue ich mir Erde aus dem Garten, den eh niemand nutzt, und schaffe so noch ein bisschen mehr Platz für die hungrigsten unter meinen Zöglingen. Außerdem konnte ich es am Ende doch nicht lassen und habe mit einem Monat Verspätung noch ein paar Melonen gesät, welche dann später in einer riesigen Tüte voller Erde wohnen dürfen.

R macht Essen. Er wollte unbedingt etwas mit den restlichen grünen Bohnen machen, die ich in dem epischen Bohnen-Kartoffel-Käse-Sahne-Gemisch von neulich nicht mehr unterbekommen hatte. Ich bin drauf gespannt und kann mich kaum auf das Schreiben konzentrieren, weil es so unfassbar gut nach Kichererbsen riecht. Was für eine Hülsenfruchtbombe.

Wofür ich sehr dankbar bin, übrigens: mein Immunsystem scheint mal wirklich top in Form zu sein. Becci war letztes Wochenende hier und hat eigentlich bis auf Samstag, als wir den Flohmarktstand hatten, nur flachgelegen mit einer Monstererkältung. Die ich natürlich zwei Tage nach ihrer Abfahrt dann ebenfalls ausgebrütet hatte, aber bis auf Halsschmerzen, ein fiebriges Gefühl und eine verstopfte Nase habe ich es souverän überstanden. R war auch kurz krank, hat sich aber schnell wieder berappelt, und Becci hängt wahrscheinlich immer noch zu Hause rum und freut sich ihres kofschmerz- und grippegeplagten Daseins. Die Arme. Jedenfalls war ich einfach überglücklich, dass ich gerade am Dienstag davor einen ordentlichen Beutel Zitronen eingestrichen hatte. Und während die eindrückliche Warnung meiner Mutter, um Himmels Willen keinen Honig mehr in meinen Tee zu machen (denn wie ayurvedisch versierten Menschen bekannt ist, verändert sich die Stuktur des Honigs beim Erwärmen bis zur Ungenießbarkeit: „das ist Gift!“), überraschenderweise tatsächlich den gewünschten Effekt hatte und ich diese Angewohnheit praktisch komplett aufgegeben habe, musste er diese Woche wieder als Süßungsmittel für all die heißen Zitronen herhalten, die ich in deren Verlaufe so zubereitet habe. Es geht einfach nicht anders. Was soll denn eine heiße Zitrone ohne Honig.

Jetzt ist mein stolzer Vorrat an Zitronen wieder auf zwei geschrumpft (eine fiel dem Schimmel zum Opfer und ich bin bei aller Liebe noch nicht soweit, mir aus Zitronenschimmel selbst Penicillin herstellen zu wollen) und ein gesunder Zustand wieder in Sichtweite. Das war knapp!

So. R fragt mich alle drei Minuten nach einer neuen Zutat. „Haben wir noch Mais?“ (I wish. Ich habe so lange keinen Mais mehr gegessen, dass ich schon fast verdrängt hatte, dass es sowas gibt.) „…ein ganz kleines Glas Tomatensauce?“ (Nein, sie waren ihm alle zu groß.) „Erbsen?“ (Hättest du mal was gesagt – ich hätte sie dir zusammen mit den von dir requesteten Kichererbsen eingeweicht.) „Kidneybohnen?“ (Ja, eine ganze Dose, aber die möchte ich ungern deinen experimentellen Anwandlungen opfern, sondern warte lieber religiös auf den Tag, an dem dann doch mal wieder Mais da ist, um meinen weltepischsten Salat daraus zu machen. Natürlich hätte ich trockene Kidneybohnen dagehabt, aber… siehe Erbsen.) „Nudeln?“ (Ja, tatsächlich, aber nur noch eine Portion…)

Es ist schon nicht leicht, in diesem Haushalt zu kochen. Für Awim – anyone who isn’t me.

Jetzt befand er seine Kreation gerade mit dem vielversprechenden Ausruf „Oh mein Gott, es ist so komisch!“ für großartig und verschwand daraufhin in den unendlichen Tiefen der Wohnung. Komm wieder. Ich habe so einen Hunger.

Essen, Pflanzen, Sonne – glücklich.

Standard

Unglaublich. Ich habe mir soeben den besten Brotaufstrich aller Zeiten zusammengemischt, und zwar allein aus dem Grund, dass es zunächst so aussah, als hätte ich nichts, was ich auf mein Laugenbrötchen hätte drauftun können. Aber oh, das Leben ist so schön, wenn man nur kreativ (und Containertarier) ist, und so hatte ich im Handumdrehen eine Packung Nordseekrabben mit einer klein geschnittenen halben Petersilienwurzel, fünf zerstückelten Champignons und Knoblauchpaste in dem altbewährten Öl- und Kräutergemisch brutzeln, in dem einst die riesigen Mengen Antipasti vom Konstanzer Großmarkt eingelegt waren. Dazu noch frische Petersilie und Dill, welche ich letzte Woche zusammen mit den Krabben beim hiesigen Großmarkt ergattert hatte, Salz und Pfeffer und Paprika und einmal drüber mit dem Pürierstab. Was für ein Traum.

Das Wetter ist auch ein Traum. Gestern habe ich mir noch in der unfassbarsten Sintflut die Haare unter dem Regenrohr der Über-Nachbarn gewaschen und ein ganzes riesiges Arsenal an Plastikeimern darunter aufgestellt, damit es uns nicht den Balkon flutet. (Unsere Neben-Nachbarn haben keine Eimer unter dem Balkon über ihnen; denen läuft auch schonmal das Wasser in die Wohnung rein.)

Und meine Pflänzchen. Langsam, aber sicher sprießt und grünt es in meinen zahlreichen Kübeln und Töpfchen und Kästen; mir ist mittlerweile die Erde ausgegangen und ich konnte längst nicht all meine Behältnisse bepflanzen, geschweige denn die riesige Terrasse mit so viel Grünzeug füllen, wie ich gerne hätte. Aber es ist ein Anfang. Ein guter. Ich habe fast alles aus Samen gezogen, sodass es ewig gedauert hat, bis sich da mal etwas blicken ließ, und der Prozess des Sich-blicken-lassens ist auch noch lange nicht abgeschlossen, aber ich habe das vollste Vertrauen in meine Bepflanzung. Bisher zeigen sich Schnittlauch, Kichererbsen, Rucola, Babyleaf-Salat, Tomätelchen, Kohl, Sonnenblumen, Kerbel (oder Petersilie – ich kann es noch nicht erahnen und habe vergessen, auf welche Seite des Kastens ich was gesät hatte), Ringelblumen, Dahlien, Jungfer im Grünen und ein paar Nachkommen des letztes Jahr aus Norditalien mitgebrachten Indischen Springkrauts.

Außerdem habe ich ein paar Kräutertöpfchen gerettet: Salbei, Estragon und Waldmeister sowie zwei Sorten Minze erfreuen sich nun endlich eines halbwegs pflanzengerechten Daseins. Noch hinzu kommen diverse Keimlinge von Getreide und Hülsenfrüchten, die ich als Sprossen letzte Woche containert und kurzerhand unter die Erde gebracht habe.

Noch auf sich warten lassen Rittersporn, Löwenmäulchen, Petersilie (oder Kerbel, s. o.), Erbsen, Morning Glory, Kapuzinerkresse, Traubenkopf-Leimkraut und die gelb blühende Pflanze, deren Samen ich bei Waltraud im Garten gesammelt und die ich bis heute nicht identifiziert habe. (Nicht dass ich mir große Mühe gegeben hätte. Vielleicht wird es ja dieses Jahr was, vorausgesetzt, sie kommt noch zum Vorschein.) Aber selbst wenn das jetzt alles ist, das sich dieses Jahr einen Weg ans Licht gesucht hat – ich bin hochzufrieden und freue mich unendlich darauf, wenn es soweit ist und alles anfängt zu blühen. Bzw. so groß ist, dass man es essen kann. Herrliches Leben!

Heftig.

Standard

Habe mit Neuro angefangen. Habe meinem Körper zu viel Koffeein zugeführt. Bin Basti unendlich dankbar für seine Bereitschaft, mir beim Lernen zuzuhören. Werde Klausur so oder so failen, aber fühle mich jetzt schon besser, rein gewissenstechnisch.

Nachher wieder Elli um zwei Uhr. Werde um vier ihre gesamte GFS in vier Tagen geschrieben haben, inklusive Handout. Ich kann dir alles über Hermann Hesse und sein „Unterm Rad“ erzählen, das du nur wissen möchtest. Vermutlich sogar um einiges mehr.

Der Fluss hat die unglaublichste Farbe diese Woche. Diese in etwa. Unbeschreiblich. Ein ganzer Riesenfluss in dieser unfassbaren Farbe, satt und exotisch. Wenn man über die Fahrradbrücke fährt, riecht es nach Urlaub. Ich fühle mich jedes Mal aufs Neue überwältigt während der paar Sekunden.

Mein Basilikum ist vollständig pikiert; ich habe den Rest gestern Abend erledigt. Dann bin ich lernen gegangen. Nicht bevor ich eine Stunde lang sinnloserweise ein Webinar über neurolinguistisches Programmieren angehört hatte, sollte dazugesagt werden. Aber ich habe angefangen.

Es war wunderbar, vorgestern mit R und Basti Lasagne zu machen und diese anschließend mit seinem neuen Mitbewohner zu essen. Er ist Russe und hat uns beigebracht, wie man Vodka trinkt. (Einatmen, exen, ausatmen, an saurer Gurke riechen. Spread the word; es funktioniert.)

Kaffeeloch. Hektisch und kaputt zugleich. Aber keine Panik, immerhin.

Too many plan(t)s, too little time.

Standard

So. In zwei Stunden bin ich auf dem Weg in die Uni. Heute gehe ich zum Neuro-Tutorium; ich schaff‘ das, ich mache es wirklich. Jawoll.

R ist in seiner Wohnung und redet mit seinem Kollegen aus der Flüchtlingshilfe, nachdem er letzten Freitag keinen Nerv auf TeKo hatte. Wir hatten Donnerstag Abend gegrillt und es wurde etwas später (wunderbarer Abend, auch wenn von meinen Eingeladenen außer Rini niemand auftauchte – das hat vollkommen gereicht; mit ihr und Basti zusammen hatte ich eine wundervolle Zeit und es hätte noch besser gar nicht werden können).

Ich freue mich auf Freitag, da macht R Lasagne bei sich zu Hause und ich lerne tatsächlich mal die Wohnung kennen. Dann gehe ich einfach nachmittags schon hin und gewöhne mich ein bisschen ein. Eigentlich sollte ich jede Minute mit Neuro verbringen. Aber vorhin wurde ich auch noch von einer Foodsharingbekannten zu ihrem Geburtstag am Wochenende eingeladen und ich muss hin; Manu ist so eine unglaublich Liebe. Plus, sie war auf meiner und Trudis Einweihungsfeier und hat mein Olivenbrot in den allerhöchsten Tönen gelobt. Noch Wochen später! Ich fühle mich ihr verpflichtet.

Das Wetter ist umwerfend. Im wahrsten Sinne. Wenn das meinen Tomaten und den kleinen Melonenpflanzen mal nicht gefällt. Basilikum pikiert habe ich auch gestern Abend. Es ist noch so viel mehr zum Pikieren da, aber mir gehen die Töpfe aus. Ich freue mich so arg auf das ganze Basilikum. Und die Melonen. Wie gespannt ich einfach bin, ob irgendeine der Pflänzchen es schafft, dieses Jahr noch eine Frucht zu produzieren. Und dann sind hier die ganzen Paprikakeimlinge, der Ingwer, die Süßkartoffel und der Senf. Und die random Sprosse, bei der ich nicht weiß, was rauskommt.

Nach der Uni muss ich zu Elli. Nach Elli muss ich zur Wegwarte. Und nach der Wegwarte gehe ich Billard spielen, weil R es nunmal so sehr liebt und ich das Gefühl habe, ihm auch mal wieder in irgendwas entgegenkommen zu müssen. Also wird Geld ausgegeben und Bier getrunken und Billard gespielt. Vielleicht kommen ja Trudi und Basti mit, das wär‘ doch schön. Ich frag sie gleich mal.

Edit: Wie’s aussieht, hab‘ ich zumindest bis 22 Uhr Zeit, mein Gewissen zufriedenzustellen und ein bisschen was zu lernen; R rief grad an und verkündete seine heutige Teilnahme an so einer Flüchtlingsdingsveranstaltung, bei der er was verteilen wird (dass er Flyerverteilungsspezialist ist, ist ja schon ohne Schwierigkeiten von der Tatsache abzuleiten, dass wir uns kennenlernten, indem er mir einen davon in die Hand drückte. Gegen TTIP, man erinnere sich), sodass ich jetzt froh bin, dass Basti morgen Spätschicht hat, sonst hätte er bestimmt keine Lust mehr gehabt mitzukommen um die Uhrzeit.