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Ruhe nach dem Sturm

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Es war das heftigste Gewitter meines bisherigen Lebens. R weckte mich auf, ich weiß gar nicht mit welcher Absicht, und ich, mir der Situation gewahr werdend, aber schlafentrissenerweise noch ohne viel Zugriff auf meine artikulatorischen Fähigkeiten, sagte „Der Flokati.“

-„Ist er draußen?!“

„Ja.“

„Also ich hol den nicht rein jetzt.“

„Nein! Aber unter den… das… Wie heißt das denn.. unter den Balkon, den von obendrüber, unters Dach!“

R machte unbegeisterte Geräusche. Dann musste ich halt selber ran. Entnervt schwang ich mich aus dem Bett – nenn mich sexistisch, aber während ich gut darauf verzichten kann, dass man mir Türen aufhält, Spinnen entfernt oder teure Geschenke macht, bin ich der Meinung, dass es zu den Dingen gehören sollte, die mein Freund für mich bereit ist zu tun, sich im schlimmsten Regen des Jahrtausends auf den Balkon zu bewegen und einen Teppich ins Trockene zu bringen. Aber nein, R meint dies nicht, also stürzte ich mich selbst in die Fluten und positionierte bei der Gelegenheit auch gleich die Eimer unterhalb des übernachbarlichen Balkonrandes (ich habe nie von dieser Fehlkonstruktion berichtet, aber dieses Haus ist auf eine solche Weise erbaut, dass bei Regen aus zentral im Rand angebrachten Abflüssen aller über uns liegenden Balkone kaskadenweise das Wasser auf den unsrigen herabströmt, welcher nicht mit einem derartigen Abfluss gesegnet ist, sondern Abflussmöglichkeiten besitzt, welche unter den Bodenplatten liegen und größtenteils blockiert sind, egal, wie gründlich man die Fugen reinigt. Go figure, wo sich das ganze Wasser demzufolge ansammelt). Durch die Blitze wurde es sekundenweise taghell; ich habe noch nie so helle Blitze erlebt.

Ich war durchnässt und zitterig, als ich wieder reinkam, legte mich zurück ins Bett und beobachtete mit R die auf der Straße bergabwärts strömenden Wassermassen, erfreute mich an der tropisch anmutenden Intensität des Gewitters, bewunderte die Blitze und sorgte mich um meine Pflanzen.

Dementsprechend groß war vorhin meine Erleichterung, als ich begeistert feststellte, dass keinem Pflänzchen auch nur ein Stielhaar gekrümmt worden war. Die Guten sind doch allesamt widerstandsfähiger, als ich sie eingeschätzt hatte; sogar die zarten Zimtbasilikumstängelchen waren unversehrt. Der Regen hat ihnen allen einfach nur gutgetan; man kann förmlich zusehen, wie sie in die Höhe schießen und gedeihen. Ich habe die prächtigsten Tomaten, die ich je besessen habe. Ringelblumen wuchern überall. Der Kürbis explodiert förmlich. (Es kann auch eine Melone sein. Ich weiß wirklich nicht, wie ich die beiden in diesem fruchtlosen Stadium auseinanderhalten soll, also warte ich einfach ab, was die jeweiligen Pflänzchen irgendwann so hervorbringen.) Die Zinnien fangen an zu blühen, rot und pink bislang. (Eine Zinnie fiel meiner viertägigen Abwesenheit zum Opfer, als es heiß wurde und R’s Vernachlässigung meine Balkonbepflanzung auf harte Proben stellte. Zum Glück war sie die einzige, die dran glauben musste.) Der Topinambur ist bald größer als ich, und die Kartoffelhecke macht sich hervorragend an der wenig dekorativen Balkonmauer. Die Azorenpflanzen entwickeln sich zu wahren Juwelen, und ich kann es nicht abwarten, bis sie blühen. Die Physalis mit ihren gesunden, samtweichen Blättern sieht genau so aus, wie sie sein soll. Pfefferminze wuchert wie ein Wald, die vom Brandt geschenkten Zucchini haben tausend Knospen, Schalen mit Genoveserbasilikum und Oregano treiben und grünen, Wildblumen sprießen in Scharen. Und zwischendrin tummeln sich Zitronenbasilikum und kleine Löwenmäulchen und warten auf ihre Chance, dem Schatten der Großen zu entwachsen. Noch keinen Junianfang hatte ich eine so vielversprechende Ansammlung an Pflanzen. Ich freue mich wahnsinnig auf den verbleibenden Sommer.

Mein Urlaub neigt sich dem Ende zu; Montag fängt die Schule wieder an und somit mein letzter Monat mit Sophi; die Noten des schriftlichen Abis werden am 18. verkündet und ich bin hochgespannt. Gleichzeitig natürlich verdränge ich weiterhin wie ein Weltmeister die Tatsache, dass ich ab Juli ohne Schüler dastehe und daran dringend etwas ändern müsste, denn auch wenn ich mir im letzten Dreivierteljahr ein beruhigendes finanzielles Polster erarbeitet habe, lähmt mich die Angst vor dem Mangel an Einkünften. Ich bin in der Therapie daran am Arbeiten, diesen Druck zu verstehen und zu bändigen. Und sie bietet mir zudem die Möglichkeit, nachzuvollziehen, wie Dramen der Sorte „letztes Wochenende“ entstehen und vielleicht, irgendwann, was ich tun kann, um dies zu verhindern. (Das Drama zog auch vorbei, ähnlich dem Gewitter. Bloß dass im Gegensatz zu den reinigenden Qualitäten des Letzteren von den Dramen immer eine Spur bleibt. Oder eher: eine Narbe. Es bleibt eine Narbe.)

Ich will dir mal was sagen. Ich habe es über weite Strecken der vergangenen Jahre vermieden (und vermeide nach wie vor), mich mit meinen innersten Zweifeln und Konflikten aktiv auseinanderzusetzen; ich vermeide es, so gut es geht, und nicht aus freiem Willen, sondern weil irgendein Teil von mir es mir so vorschreibt. Ich habe Schwierigkeiten, mein Blögchen zu betreiben, weil mir nicht einfällt, was ich schreiben könnte, während die Sachverhalte mir nicht zugänglich sind, die es wert wären, sich damit zu beschäftigen. Daraus ergibt sich dann die (berechtigte) Befürchtung, ein falsches Bild zu vermitteln, und daraus wiederum der Unwille, überhaupt etwas zu schreiben. Ich habe ewig gedacht, es läge daran, dass ich nicht mehr alleine wohne und die Zeit für Anderes aufwenden möchte, aber eigentlich ist es alles nur Teil eines gigantischen Verdrängungsmechanismus. Ich bin mir nicht sicher, was mit dieser Feststellung nun anzufangen ist, aber ich bin jedenfalls froh, sie gemacht zu haben.

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Dönerwetter.

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Okay, ich bin tatsächlich ziemlich erleichtert, dass Laura meine Paranoia, sie könnte sich mit R derart gut verstehen, dass eine Art Caro-Aspi-Sackratten-Drama daraus hätte entstehen können, endgültig und überzeugend zerschlagen hat. Wenn man von dieser Seite draufschaut, ist die Aussicht nämlich tatsächlich nicht sonderlich verlockend. Aber das ist sie im Grunde ja definitiv von keiner Seite.

Abgesehen davon: Meine Festplatte hat nach einer selbstverschuldeten unsanften Landung auf dem Parkettboden meiner Eltern den Geist aufgegeben, ich habe somit alles an darauf befindlichen Daten verloren und mich juckt’s noch kaum, muss der Schock sein und die Tatsache, dass ich genug Anderes um die Ohren habe (die gute Trudi lässt nichts mehr von sich hören, hat somit meine letzte versuchte Rettungsaktion in Form einer vorgefertigten Kündigung plus dem Vorschlag, ihr ihre Möbel gegen den Erlass aller Schulden bei mir abzunehmen nicht in Anspruch genommen und wird zeitnah – not unlike the previously mentioned landing of my late hard drive – unsanft aus ihrer ehemaligen Wohnung fliegen, alles, weil sie zu feige ist, sich den Konsequenzen ihres ekelhaften Verhaltens zu stellen, und sich dabei nochmal um einiges ekelhafter verhält, als ich es je für möglich gehalten hätte).

Da war es eine ziemlich glückliche Fügung, dass meine Eltern sich ob meines erfolgreich abgeschlossenen Studiums fast unverhältnismäßig großzügig gezeigt und mir eine solche Unsumme an Zahlungsmittel haben zukommen lassen, dass ich nicht nur meinen kompletten Urlaub wieder drinhabe, sondern dazu noch das verbleibende Geld für eine neue Festplatte ausgeben kann. Glück muss man haben. Fast schon schade, dass meine (Ex-)Mitbewohnerin sich als über alle Maßen erbärmliche Ausgeburt exorbitanter Feigheit erwiesen hat, sonst hätte man sich beinahe überlegen können, ihr mit diesem unerwarteten Geschenk ein bisschen unter die Arme zu greifen.

Hm. Hoffentlich habe ich Strom, bis mich Becci am 13. besuchen kommt. Das wäre ungünstig sonst. Aber es muss sich jetzt ja eigentlich innerhalb von ein paar Tagen klären, anders überleben wir das auch alle nicht mehr. Allein vom Nervenkostüm her nicht. Mir ist inzwischen ein Magengeschwür gewachsen, ich bin mir ziemlich sicher.

Oh well. Erstmal warten, bis R mit seiner TeKo fertig ist, und dann mit dem bereits kaltgestellten Sektchen ein wenig die schönen Nachrichten der bald vergangenen Woche feiern. Ich bin ein fertig studierter Mensch, das muss man auch erstmal schaffen.

Self-defense = self-destruction. Sometimes.

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Mir fällt es immer erst wieder im Sommer auf: Mein Zimmer und die Anziehungskraft, die ich auf Mosquitos ausübe, sind so inkompatibel wie nur irgend möglich. Okay, die Wände sind weiß. Aber der ganze Rest ist einfach so bunt, dass man praktisch keine Chance hat, die Dinger je zu erwischen, wenn sie einem nicht gerade direkt um die Ohren sausen. Überall ist Kruscht (entschuldige die vermutlich nicht wirklich korrekte Orthografie – mein Badisch ist zwar im passiven Bereich inzwischen ganz akzeptabel, aber es mangelt mir ganz eindeutig an aktiver Praxis), jeden Zentimeter füllt und bedeckt der ein oder andere entweder meines Erachtens optisch ansprechende, mit irgendeiner Geschichte und folglich wertvollen Erinnerung verbundene oder aber einen wirklichen Zweck erfüllende (oder im Idealfall alle drei Eigenschaften kombinierende) Gegenstand, an Wänden und Türen hängen Bilder, Poster und Instrumente, Schmuck und Schals und Fotos, Spiegel und Baskisch-Grammatik. Egal, wo du nun genau hinschaust. Du findest alles und nichts, kommst aus dem Finden wahrscheinlich gar nicht mehr raus, nur diese verdammte Mücke, die findest du nicht.

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viele Dinge ich auf so engem Raum unterbringe, ohne dass das Zimmerchen zu chaotisch wirkt. (Jetzt gerade ist es ein bisschen chaotisch, aber auch hier – kein Vergleich zu anderen Zeiten.)

Kepa war entsetzt, als er das erste Mal hier war. Was mit mir verkehrt sei, meinte er. „Ja, ich bin jetzt ordentlich!“, sagte ich. Er entgegnete daraufhin, er könne doch nicht der letzte Chaot auf Erden sein.

Ihm war mein Zimmer hier immer zu aufgeräumt. Bei einem seiner darauffolgenden Besuche hat er ein Vermüllungsgesetz aufgestellt, dem zufolge ich keine andere Wahl hätte, als mein Zimmer allen Bemühungen zum Trotz langsam, aber sicher wieder dem Chaos anheimfallen zu sehen. Ich denke jedes Mal daran, wenn es wirklich mal wieder so weit kommt, dass ich mich selbst in meiner Unordnung nicht mehr wohlfühle. Zu stimmungstechnisch suboptimalen Zeiten passiert das schonmal.

Eigentlich wäre jetzt ein perfekter Zeitpunkt fürs Vermüllungsgesetz, mal wieder zuzuschlagen. Irgendwie war meine Laune heute grenzwertig, mit Tendenz zum Schlechteren gegen Tagesende. R bekam dies insoweit zu spüren, als ich mich standhaft geweigert habe, mit ihm ins Contrast zu gehen, obwohl ich merkte, wie unbedingt er nochmal raus wollte. Er hat aus Verzweiflung schon alles angeschrieben, was irgendwie „anschreibenswürdig“ war, aber niemand hatte wirklich was Konkretes zu tun. Nachdem ich ihm irgendwann sagte, dass ich heute einfach keine Menschen kann, hat er sich letzten Endes allein auf in Richtung seines Reviers gemacht. Mich natürlich mit einem monstermäßig schlechten Gewissen zurückgelassen und aber gleichzeitig mit der Erleichterung einer gerade nochmal so dem Tode (durch Socializing und Geldausgeben) Entronnenen.

Ich kann dir gar nicht sagen, dachte ich vorhin noch, wie leid es mir tut, dass ich so ungern weggehe. Selbst an schäbige, sympathische Orte wie das Contrast, das mir ja wirklich von allen Lokalitäten hier noch die liebste ist. Ich halte es trotzdem nicht wirklich aus. Gerade an solchen Tagen wie jetzt, an denen ich eh schon wieder vollkommen überzeugt bin, einfach nur unfähig und anstrengend zu sein. Je überzeugter ich bin, desto unfähiger und anstrengender werde ich. Und dann denke ich mir, ob ich das Recht habe, so sehr auf meinen Idealen zu beharren, und werde noch verzweifelter als vorher, weil von allen Seiten die Selbstvorwürfe auf mich einprasseln und zeitgleich das Unverständnis – wie kann es sein? Warum denke nur ich so? Warum kann es keine Selbstverständlichkeit sein, jemanden, dem der Konsum vom Grunde seines Herzens auf zuwider ist, einfach nicht zu fragen, ob man Billard spielen geht, oder ins Kula, oder ins Contrast. Aber es tut mir so leid. Wüsste ich nicht um die dreieinhalb Millionen Quirks, die ich von R’s Seite zu tolerieren habe, würden mich die Schuldgefühle bald auffressen. Das tun sie so schon. An solchen Tagen fehlt mir das ganze Vertrauen, das in mich selbst in erster Linie, das in die Gesamtsituation in zweiter. Ich muss einfach nur aufpassen, dass mein paranoides Selbstschutz-Alien nicht die Kontrolle übernimmt.

I’ll be damned if ignorance isn’t the purest kind of bliss.

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Allnächtliches Gespräch mit R beendet, ich geh‘ schlafen. Gestern war wunderbar, so viel Sonne und Wärme. Zwischendrin ein paar Stunden Drama-Episode mit Lisa und Daniel in der Uni, ansonsten die herrlichste Idylle überhaupt. Komplett mit Frühstück im Garten, ein bisschen Pflanzarbeit und fast schon elegantem Ignorieren der vor Dreck und abgeladenen gebrauchten Küchenutensilien bald überquellenden Arbeitsfläche meiner Küche. Aggressionen kann ich bekommen, wenn ich Trudi erstmal drauf angesprochen habe und sie und Hannes immer noch keine Anstalten machen, da für Ordnung zu sorgen, so lange bin ich eigentlich an dem Zustand noch selbst mit schuld. Überhaupt muss ich erstmal sehen, was für Überbleibsel sich von Bastis Mehlknödelaktion vom Abend noch dort finden, und diese dann selbst erstmal beseitigen.

Langsam werde ich mir gewahr über das so viel zu bald nahende Ende der Ferien.

Ich habe mit Robert geredet, bei dem die Uni heute schon anfängt. Es war überhaupt ganz wunderbar, mit ihm zu reden. So lange her.

Jetzt kam ich gar nicht mehr dazu, ihn nach Janine zu fragen, weil Basti zwischendrin reinkam und anfing, die Mehlknödel zu machen. Wir haben sie bei unserer obligatorischen Folge Fringe gegessen und danach noch eine Folge geguckt, während der er mich wieder mal als Kissen benutzte, was mir immer verkehrter vorkommt. Würde er nichts von mir wollen, wäre das kein Thema. So ist es einfach nur.. argh. Ich kann mich fast schon wieder freuen, dass R der Letzte auf dieser Welt wäre, der damit ein Problem hätte, sonst würde mir zu allem Überfluss auch noch mein Gewissen ihm gegenüber Schwierigkeiten machen. Würde er in München jeden Tag mit einer guten Freundin rumhängen, die ihren Crush auf ihn offen zugibt und ihn so hartnäckig mit Zuneigung und Zuwendung belagert, wie es in Bastis Fall mit mir aussieht, ich wäre vor Paranoia bald am Krepieren. Aber gut, ich bin auch diejenige mit der intakten Eifersuchtsdrüse. Er ist derjenige, der sein Polysein über den Gemütszustand seiner wider besseres Wissen und jede Vernunft aus zu hundert Prozent eigener Kraft und Entscheidung an Land gezogenen Mono-Freundin stellt. Wem wird da wohl was mehr wehtun, go figure.

Schlafen, back to oblivion. Die blaue Pille, bitte. Schlafen.

Lichtwissen und Nichtwissen

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So war ich also gestern vielerseits beschäftigt: Fürchterliche Mandelentzündung. Unmengen an Brot von der Tafel abgeholt, dabei Marie begegnet und mich spontan für den Abend mit ihr verabredet, Uni (ja! Ich war tatsächlich mal wieder bei Türkisch, man sollte es kaum glauben. Und ich kam sogar noch hinterher, auch wenn ich das r-Präsens bei Gelegenheit nochmal gründlich verinnerlichen sollte), spontanes Kochen und Essen mit Peruaner-Pedro und der noch spontaner dazugekommenen Sarah, dann schneite Rini rein, um sich was von dem abgeholten Essen zu holen, und dann ab zu Marie, wo ich bis kurz vor eins nicht wegkam, weil es einfach zu spannend war, mit ihr und ihrem Mitbewohner – Nik, auch ein äußerst interessanter Mensch, sozialfähig, intelligent und eloquent, so eine Mischung findest du nicht oft – über die Doku zu diskutieren, die Marie und ich soeben gesehen hatten, Am Anfang war das Licht.

Nach vier Stunden Schlaf dann vorhin ab zu Sprachkontakt, was ein Akt. (Und was ein Reim.) Ich kam zwar zu spät, aber es grenzte für mich an ein Weltwunder, dass ich überhaupt dawar – noch dazu wach und aktiv im Kursgeschehen involviert, wie immer. Dieser Kurs gibt mir so ein gutes Gefühl. Hoffentlich wird die Klausur zumindest halb so gut, das würde mir schon reichen. Hauptsache, ich blamiere mich nicht komplett, dann kann ich die Bachelorarbeit beim Kaiser gleich knicken. Oh, welch ein Druck. Nicht dass mich das dazu bewegen könnte, schonmal anzufangen zu lernen oder derartig Abstruses. Why, oh why.

Gleich zu Sanskrit. Unvorbereitet, natürlich. Wie ich das immer durchziehe, knallhart. Ich bin das konstanzerische Äquivalent zu Mamas allseits geliebtem Ex-Kommilitonen Benjamin. Schon hart. Aber immerhin studiere ich nicht Sanskrit, ich belege es nur.
Und dann Euskera. Whoopie!

Und später noch Probe bei Moritz. Ich habe keine Lust drauf und bin auch nicht überzeugt davon, dass ich Sarah heute schon wieder sehen will; momentan finde ich den Umgang mit ihr so schwierig, dass es mir fast schon lieber wäre, wir hätten noch weniger davon miteinander. Könnte an mir liegen oder auch nicht, zer dakit nik. Was weiß ich. Andererseits bin ich mit großer Wahrscheinlich nur auf emotionaler Distanz zu ihr, weil ich das Gefühl habe, sie würde mich selbst nicht mehr mögen. Nichtmal in Ansätzen. Sie weiß es vielleicht nur noch nicht. Wie tragisch, wenn Menschen sich so sehr verändern. Jedenfalls aber hieße das, hätten wir mal wieder einen Kontakt ähnlich unserem früheren, würde es vielleicht alles besser werden. Vielleicht, sag‘ ich. Zer dakit nik.

Finger essen (man gönnt sich ja sonst nichts)

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Konzert fiel aus – ich bin froh. Horizonterweiterung ist schön und alles, aber 67 Euro zurückbekommen ist noch wesentlich schöner.

Wochenende war eigentlich ganz schön. Sarahs Eltern sind mehr wie Großeltern, wie meine zumindest – ich verstehe langsam, warum sie Mamas und meinen Umgang miteinander schockierend gefunden haben muss. Da fliegt ja kein einziges Wort in die falsche Richtung, das wäre mir auf Dauer um ein Vielfaches zu erzwungen harmonisch. Aber gut. Für ein Wochenende ist so etwas durchaus auszuhalten.

Ich vermisse Kepa unheimlich, und erst recht, wenn ich wieder mal ein ganzes Wochenende Sarah und Peruaner-Pedro zusammen ertragen muss. Allerdings vermisse ich natürlich nicht nur den Mensch selbst, sondern in erster Linie eine Einstellung seinerseits, die es uns ermöglichen würde, uns gegenseitig den Grad an Erfüllung zukommen zu lassen, den die beiden ineinander finden. Es gibt nichts Furchtbareres, als Pärchen zu beobachten, wenn man selbst gern mit jemandem eins wäre. Umso unbegreiflicher ist es, wie sie bei diesem wunderbaren, kommunikativen, aufmerksamen, warmen, vor Zuneigung förmlich überquellenden Mann, den sie da hat, an den egozentrischen, fast schon unterkühlten, ewig unentschlossenen Kerl, bei dem man nur an dritter Stelle in der Prioritätenliste aufzutauchen überhaupt erst eine Chance hat, den ich ihr nun irgendwie abgenommen habe (man könnte fast sagen, dumm, wie ich nunmal bin), überhaupt noch einen Gedanken verschwenden kann. Aber sie sagt ja selbst (und weiß es folglich auch, besser als ich in jedem Fall), es ist gut so, wie es jetzt ist. Ha, für sie vielleicht. Ich häng‘ in der Luft und darf mal wieder so tun, als wäre ich damit völlig in Ordnung. Oh herrliches Leben.

Ich würd‘ einfach gern mit was Warmem zum Anziehen am Flughafen warten, wenn er wiederkommt, is all.

Ich scheine es so an mir zu haben, Leuten Sachen zum Anziehen zu geben, wenn ihnen kalt ist, obwohl sie zu hundert Prozent selbst dran schuld sind, dass ihnen kalt ist. Siehe Şahin damals in der Nacht auf dem Parkplatz. Ich war so intelligent, mir noch was Langes anzuziehen und meine Strickjacke mitzunehmen. (Wahnsinn, jetzt denke ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten an diese Strickjacke. Die muss oben in dem Koffer liegen, wo noch ein Großteil meiner Wintersachen drinsteckt und der damit mein Regal an Ort und Stelle hält. Mal sehen, ob ich diesen Winter noch auf eine Idee komme, wie ich die Wintersachen aus dem Koffer kriege, ohne dass das Regal runterfällt.) Er dagegen war weniger intelligent und nahm sich einfach nichts mit. Jedenfalls endete das Ganze so, dass ich die Hälfte der Zeit bibbernd im Kreis sprang, weil ich ihm alle paar Minuten diese Strickjacke ausgeliehen habe und dabei selber halb erfror. Kepatto nun hatte offenbar auch nichts Besseres zu tun, als sich in México-Garderobe bei -3 Grad und Nebel zum Flughafen zu begeben und sich hinterher zu beschweren, ich könne mir nicht vorstellen, wie kalt das gewesen sei. Demzufolge blüht ihm das gleiche Schicksal nochmal, wenn er wiederkommt. Um das zu vermeiden, denke ich mir, na gut. Wenn er der Depp ist, der ohne warme Sachen durchs Land tingelt, bin ich eben der Dödel, der mit ner Jacke am Flughafen wartet. So ist das nunmal.

Laura hatte nicht mitbekommen, dass ich zu dem Zeitpunkt in Oldesloe sein werde, war ganz entsetzt und sagte, „du willst extra runterfahren?“ (Sie meinte natürlich „hoch“, aber mit ihrer unfassbar lustigen geographischen Oben-Unten-Schwäche komme ich inzwischen gut klar.) Daraufhin war ich natürlich auch entsetzt. Man hält mich für verwirrt genug, durch das gesamte Land zu fahren, um dem Menschen ein paar kalte Minuten zu ersparen? Ouh, nicht gut. Wobei ich vermutlich wenig tue, um dem Eindruck entgegenzuwirken, aber heey. (Wahrscheinlich wäre ich sogar noch dazu fähig, es tatsächlich zu machen, aber Wahnsinnigkeiten dieser Sorte bleiben dann doch Leuten vorbehalten, die ihrerseits Unternehmungen der gleichen Art für mich abziehen würden. Also doch wieder Entwarnung; in diesem Leben sind die Menschen, glaube ich, allgemein noch nicht soweit. Peruaner-Pedro vielleicht. Aber Sarah würde niemals ohne gescheite Jacke bei -3°C am anderen Ende des Landes herumlaufen, was ihm selbst hypothetisch gesehen die zwölfstündige Fahrt erspart.)
Zu viel gedacht, schon wieder – das ist ja fürchterlich. Armes Blögchen, bekommt den nicht-löslichen Teil der Brausetablette ab, den Bodensatz, die homogene Schicht Sirup, die sich mit dem Rest einfach nicht vermischen will. Ich habe mal wieder den Eindruck, ein falsches Bild zu vermitteln. Zumindest würde ich ein falsches Bild vermitteln, wäre es meine Aufgabe, das Leben in seiner Gesamtheit in mein Blögchen zu quetschen. Ist es natürlich nicht, deswegen kann auch das Bild nicht falsch sein. Hauptsache, wenn ich mal zurückblicke, erinnere ich mich selbst daran, dass dieses Gedenke und Gejammere selbst genau jetzt nur einen Teil meines Daseins ausmacht und sich durchaus noch außerhalb dieser merkwürdigen Geschichte Sachen ereignen. Der Unterschied ist, dass ich wohl mehr Möglichkeiten habe, diese dann außerhalb meines Computers irgendwie zu prozessieren.
Zum Beispiel bin ich aktuell dabei, meine Finger zu essen. Das ist fürchterlich, ich sag’s dir. Ich habe gerade innerhalb einiger weniger Minuten die gesamte Unterseite meines oberen Daumengliedes um eine Hautschicht ärmer gemacht. Der rechte Daumen sieht schon seit Tagen genau so aus, und um meinem linken Mittelfinger klebt ein Pflaster, damit ihm diese Behandlung erspart bleibt (und ich weiterhin ohne großartige Schmerzen Gitarre stümpern kann). Sag mir mal jemand, wie man damit wieder aufhört. Vielleicht sind das jetzt Entzugserscheinungen, die nach jahrelangem Vegetariertum doch noch einsetzen und mich dazu verleiten, mein eigenes Fleisch zu verzehren. Autokannibalismus. War eh immer schon die einzige Art von Fleischkonsum, die ich ethisch vertretbar finde.
Das würde ich gerne denken. Die Zeichen würde ich gern sehen. Das Vertrauen in mein Schicksal hätte ich gerne.

Muss ich mit der Hand durch den Horizont?

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..sagte ich heute Vormittag im Schlaf, während ich mich im Gemeinschaftsraum der Linguistik noch für ein paar Minuten auf dem Sofa langstreckte und Schlaf tankte, um in Syntax nicht das Bewusstsein zu verlieren.

Ich bin nämlich wieder da. Das war schön. Anstrengend und schön und das beste Rise Against-Konzert, das ich bisher das Vergnügen hatte zu erleben. Unfassbar grandiose Setlist. Meine Güte, was sie alles gespielt haben, ich komm‘ kaum darauf klar. Alive and Well. Last Chance Blueprint. Behind Closed Doors. Hero of War, Swing Life Away und das neue Akustische, People Live Here. Hintereinander.

Und es war toll, mit den Anderen dazusein. Janine, Becci und Robert, und dazu Beccis Schwester Cornelia und Roberts Kumpel Jan, der irgendwie kaum ein Wort mit uns geredet hat, was schade war, denn er wirkte eigentlich ziemlich sympathisch. Aber allein von Robert glückselig angestarrt zu werden, als Give It All kam – und ihn glückselig zurück anzustarren – war diese ganze Reise wert. Inklusive das nächtliche Herumlungern in diversen McDonald’s von Süddeutschland, wo ich, wie nicht anders zu erwarten, einige interessante Bekanntschaften machte. So geht das nämlich. Andere haben vielleicht ausgeklügeltere Methoden entwickelt, Kontakt zu neuen Menschen zu knüpfen; ich hocke mich einfach um zwei bzw. 6 Uhr morgens todesfertig zu McDonald’s und lasse den Dingen ihren natürlichen Lauf. Der da wäre, dass ich im Laufe der Nacht mit einem Besoffenen, einem schwarzen Dreadhead (Jeli – der wollte, dass ich meine Busfahrt verschiebe und den Tag über in Freiburg bleibe, um mit ihm wer weiß was zu machen – er hat es nicht weiter spezifiziert, aber ich kann es mir denken) und einem obdachlosen Juristen (Bernhard – der mich durch das Fenster hindurch so lieb angrinste, dass ich nicht anders konnte, als zurückzugrinsen, woraufhin er reinkam und sich mit den Worten „Ich hab‘ dir nen Kalender mitgebracht – und hier, noch mehr, für deine Freundinnen, damit ihr euch nicht streitet“ zu mir setzte) geredet habe – auf so eine Quote komme ich tagsüber selten. Ich passe einfach furchterregend gut in diese Szene. Bahnhofs-McDonald’s bei Nacht, da bist du umgeben von den skurrilsten und faszinierendsten, heruntergekommensten Gestalten, bei denen du dich einfach nicht verstellen musst. Das ist endlich mal eine Welt, in der ich normaler bin als der Durchschnitt und trotzdem akzeptiert werde.

Ich übrigens weiß ziemlich genau, was Donnerstag gegen halb acht Uhr passieren wird. Da kommen Leute zu mir und – oh, gute Idee; ich sollte grad mal die Rundmail schreiben, damit auch wirklich außer Lisa und Kepatto noch jemand kommt.

So, dann wäre das geschafft. Marc, Elke, Gloria und Simón sind also auch über die Euskal Afaria informiert – allerspätestens, wenn sie meine Einladungsmail aufmachen. Ich bin gespannt, ob sie sich alle blicken lassen. Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl dabei, Simón einzuladen, weil ich außerhalb von Morfología kaum je einen Satz mit ihm gewechselt habe, andererseits kann es schlecht angehen, ihn außenvorzulassen, wenn der Rest von Enaras in der Stadt anwesenden ehemaligen Original-Vacas sich hier zusammentut. Immerhin kennen sie sich ja untereinander, und wir „möchtegern-euskaldun berriak“ kennen uns. Und ein bisschen haben sich die Gruppen ja auch schon vermischt, in Form von Kepas und meiner, äh, Freundschaft und seiner und Lisas Bekanntschaft, und Rini ist ja auch sowohl Lisa als auch mir nicht gerade die fremdeste Person aller Zeiten.

Ich sollte irgendwie doch wirklich mal mit ihm reden. Ich weiß zwar auch nicht konkret, wie, und über was überhaupt, aber wenn ich es nicht mache, bleibt mir nur die herrliche Aussicht, zu einer Mischung aus Sarah und Trudi zu mutieren. Zwei Formen der Akzeptanz entsetzlichster Ohnmacht und Hilflosigkeit, die ich mir beim besten Willen eigentlich nicht erlauben kann. Das Problem ist, wenn ich erstmal rausfinde, was das nun eigentlich sein soll hier, habe ich nicht mehr die Ausrede, es einfach nicht zu wissen, und kann eigentlich nur vom Regen in die Traufe kommen, sprich, ich bin jetzt Sarah (die sich einfach die ganze Zeit Hoffnungen macht und wartet, dass es irgendwann doch noch was wird) und werde dann zu Trudi (die einfach wie Dreck behandelt wird, das ganz genau weiß und trotzdem nicht aufhören kann, sich dran zu klammern).

Mein Nacken. Wie weh er tut. Wie weh überhaupt meine Oberkörpermuskulatur tut. Es war wirklich ein gutes Konzert.

Mitgenommen

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Also, ich war ein paar Stunden bei Sara, zum Zwecke ihrer kinesiologischen Übung. Habe heute auch ihre Tochter mal kennengelernt, eine ganz Süße (was schon mehr ist, als ich von den meisten Kleinkindern behaupte).

Die Arbeit mit ihr war heute voll von erstaunlichen Ergebnissen. Ich kam mit Panik bei ihr an, und es hat erstmal ewig gedauert, bis wir vernünftig anfangen konnten, aber sobald das erstmal gedämpft war und wir ein paar Tests durchgeführt hatten, stellte sie unverarbeitete Emotionen bei mir fest. Dann war ich erstmal kurz wieder von Panik blockiert, aber wir haben es nochmal versucht. Und dann kam von ihr erstmal aus heiterem Himmel: „Es geht um unterdrückte Sexualität. Das gibt dem Ganzen ja nochmal nen ganz neuen Blickwinkel.“

Ihrer Meinung nach wurde mir in der Vergangenheit von einem falschen Sexpartner tiefes Leid zugefügt, das mich durch die nächsten neun Leben bis hin zum jetzigen nicht mehr losgelassen hat. Wir haben dann ein bisschen daran gearbeitet, herauszufinden, ob ich ihm vergeben kann. Ich saß einfach nur verwirrt rum und habe abartig geheult und dann versucht, einem unbekannten Menschen von vor neun Leben eine Tat zu vergeben, an die ich keine Erinnerung habe. Es ist zwar völlig abstrus und vor allem ist mir klar, dass ich nicht wirklich rüberbringen kann, was wir während dieser Arbeit genau durchmachen, aber es hat so einen Nerv bei mir getroffen, dass ich einfach nur mitgemacht und bereitwillig kooperiert und mich darauf eingelassen habe. Was für ein Chaos. Was für eine abstruse Situation. Sie sagt mir auf den Kopf zu, worüber ich kaum je in meinem Leben auch nur zu sprechen geschafft habe. Ich hatte ihr ganz am Anfang gesagt, dass es ein paar Sachen gibt, die glaube ich einfach zu riesig sind, um überhaupt damit anzufangen. Das war eine von ihnen.

Als wir fertig waren, war meine Panik komplett weg.

Langsam kommt sie wieder, abgeschwächt. Sara meinte, ich sollte etwas Gutes für mich machen, nach dem, was ich heute geschafft habe. Ich weiß nur nicht, was. Eigentlich tue ich permanent gute Sachen für mich. Zumindest kurzweilig gute. Oh, die Sonne. Ist das wirklich die Sonne? Ich hab‘ sie schon so lang nicht mehr gesehen.

Sara sagte auch, ich würde die Welt erhellen. Und sie würde bei mir fast keine Maske sehen. Sie hat gestern über Masken nachgedacht, genau dann, als ich über Transparenz nachdachte. Sie ist ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Ganz, ganz außergewöhnlich.

Das Konzept von schlechter Laune

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Es scheint sich ein Pattern herauszukristallisieren.

Ich finde eine Wohnung.
Ich organisiere einen Besichtigungstermin.
Trudi und ich gehen hin.
Ich bin begeistert und will einziehen.
Trudi fängt an zu jammern und zu meckern und sich an dem einen scheißunwichtigen Mangel der Wohnung aufzuhängen.
Wir gehen nach Hause und ich habe für den Rest des Abends so katastrophale Laune, wie ich sie fast schon gar nicht mehr kannte.

Wirklich, ich bin schlechte Laune nicht mehr gewohnt. Sowas hatte ich einfach nicht zu haben, seitdem ich positiv war.

Wie es mich abfuckt. Ich bin zwar immer noch positiver, als ich es früher je hätte sein können, und bilde mir immerhin noch ein Stück weit Kontrolle über meine Stimmungen ein, aber leicht ist es nicht, das Kontrollieren. Ich war so privilegiert das letzte Jahr. Warum nur, warum nur muss das aufhören? Kann ich nicht weiter dieser sonnige Strahlemensch sein, den nichts umhaut short of a tragedy of apocalyptical dimension? Was mache ich jetzt mit dem unmenschlich hohen Anspruch an meine Selbstbeherrschung, der von der rapide verblassenden kurzweiligen Fähigkeit herrührt, immer gelassen zu sein, niemals in Gegenswart Anderer auszurasten, niemals Frustration über Ungerechtigkeiten, die mir widerfahren sind, an jemandem auszulassen, der nichts dafür kann? Ich war so weltfremd auf Cipralex, ich war richtiggehend erstaunt, dass andere Menschen so etwas tun. Warum machen die das? Warum?

Ich bin nach wie vor jede Sekunde um meine positive Grundeinstellung bemüht. Ich lasse sie nicht aus den Augen, und wenn sie mir zu entgleiten droht, lese ich ihre Spuren, da, wo sie eigentlich hingehört. Das ist anders; das ist jetzt besser. Es ist gut, dass ich sekündlich arbeite, aber besorgniserregend, dass ich die Einzige zu sein scheine. Ich kann niemanden zwingen, positiv zu sein, bewusst zu sein, aber wie soll ich mit Trudi zusammenziehen, wenn sie einfach überhaupt nicht stark genug ist, zu einer nur ansatzweise in die richtige Richtung tendierenden Einstellung zu gelangen?

Anders als früher gebe ich mir jetzt Mühe, nicht zu viel Energie auf diesen entsetzlichen Zustand zu verschwenden. Ich habe drüber nachgedacht, Blossom geguckt und zwanzig Ferrero-Küsschen gefrustgessen, das muss jetzt reichen. Ich darf keine schlechte Laune haben. Wegen solcher Lappalien doch nicht. Vielleicht könnte ich mir Gedanken um meine Mutter machen, die mir letztens nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder eröffnet hat, dass ihr ach-so-tolles Leben in Wirklichkeit ein einziger Albtraum und sie selbst ein posttraumatisch gestörtes Wrack ist. Das wäre doch mal ein akzeptabler Grund für eine suboptimale Stimmung.

„Ich kann kein Buch lesen. Ich kann keinen Film gucken.
Ich kann meine Augen nicht zumachen.“

Wenn sie wegsei, würde es ihr gut gehen. Richtig, richtig gut.
„Aber das willst du doch nicht, oder?“, sagte ich, nachdem die Attacke halbwegs vorüberwar.
„Nein“, sagte sie.

„Dann müssen wir – musst du; ich helf dir, aber du musst es eigentlich allein machen – einen Weg finden, wie wir – oder du, wie du es schaffst, dass du dich in der echten Welt gut fühlst. Du weißt, was ich will, das du tust. Du weißt es ja, und du weigerst dich, also musst du es alleine schaffen.“

Mir ging’s nicht gut an dem Tag. Ihr auch nicht, offenbar.

Wenn doch nur alles weniger schlimm wäre.

Gesegnete Gelassenheit

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Da haben wir also wieder mal ein „wtf“-Blogeintrag, der mir so vorkommt, als hätte ich ihn noch nie gelesen, geschweige denn selbst verfasst. Aber ich freu mich drüber; so lernt man sich selbst und seine halb verdrängten, halb unbewussten Gefilde immer wieder stückchenweise kennen. Ich liebe Drogen. Gestern war wundervoll.

Und heute ebenso. Sarah und Lisa waren hier, um zusammen mit Trudi und mir einen Klamottentausch gigantischer Ausmaße zu veranstalten. Ich bin immerhin eine halbe Riesentüte voll Zeug an die drei losgeworden und außerdem jetzt stolze Besitzerin vierer neuer Jeans von Trudi. Unglaublich, wie mir ihre Hosen passen. Als wären sie für mich gemacht.
Und dabei hasse ich eigentlich Jeans. Zu eng und einschnürend und unflexibel. Nicht so aber Trudis Jeans. Sie sind einfach wunderbar bequem. Und da es jetzt, wo meine Haare auch noch bunt sind, eh Zeit wird, dass ich zur gewohnten Rock-über-Leggins-Manier zumindest ab und an eine weniger stoffige, flatternde, farbenfrohe Alternative finde, kamen die wie gerufen.

Jetzt fiel mir gerade auf, ich hätte schon wieder fast mein halbes Medi vergessen. Ich bin schon so sehr daran, mich mental davon abzuspalten, dass ich die Einnahme schon von morgens auf nachmittags verlegt habe und (offensichtlich) manchmal fast vergesse. Es läuft ja auch sehr gut bis jetzt. Wie lange noch, bis ich es absetze? Ha, noch genau einen Monat. Elfter Juni ist Stichtag.

Im Nachhinein erkenne ich viel besser, was ich für Befürchtungen habe im Bezug auf die Medilosigkeit. Bis jetzt hat sich keine davon bewahrheitet: Meine sozialen Fähigkeiten habe ich behalten (und baue weiter daran herum), darum scheine ich umsonst gebangt zu haben. Es sieht auch bis jetzt so aus, als würde sich die Panik in Grenzen halten. Ganz weg war sie ja nie, und das bisschen, was wieder aufkommt manchmal, ist zwar nicht toll, aber harmlos. Ich hab‘ ja den Vergleich. Die Lebensfreude und das innere Strahlen habe ich auch noch.

Eigentlich alles, was damals neu war, scheine ich behalten zu dürfen. Zuversicht. Das Glücklichsein. Das Schreckliche ist, dass ich wieder anfange, Anflüge von Aggression zu merken. Da habe ich erst festgestellt, wie entsetzlich die eigentlich ist. Nach so langer Pause. Jetzt habe ich Angst, dass ich schreckliche Dinge anstellen könnte, wenn ich wieder aggressiv werde. Vorher hatte immer mein Introvertiertsein die überwältigende Mehrheit aller Menschen davor bewahrt, mit meiner Aggression in Berührung zu kommen. Wenn ich jetzt aber so ganz anders mit Menschen umgehe inzwischen, kann ich mich trotzdem soweit kontrollieren, dass ich nicht in den entsprechenden Gegebenheiten diese ekelhafte blinde Zerstörungswut an ihnen auslasse? Falls sie zu dem Ausmaß wiederkommt, was ich nicht hoffe, was ich wirklich nicht hoffe, denn das war immer das abscheulichste Gefühl der Welt.

Ich muss mich wirklich mal in den Griff kriegen jetzt, solange es noch nicht völlig ausgebrochen ist. Vielleicht sollte ich ein paar der wichtigsten Menschen einfach auch vorwarnen. Ich meine, wenn es so wird, wie ich mich erinnere, brauche ich nur ein Mal durchdrehen und kann damit die engsten Freundschaften aufs Leben zerstören. Krass, was für eine Aussicht.

Und wie genau ist so etwas anzukündigen? Wie ich mich benehme in so einem Moment, was ich dann sage oder tue, ist unverzeihlich. Das ist das Absurde – ich beschwere mich am laufenden Bande darüber, nicht bedingungslos geliebt zu werden. Aber liebe du mich mal bedingungslos. In dem Moment, in dem bei mir das Vertrauen da ist, dass – was ich auch mache – man mich nicht als Konsequenz meines Verhaltens aus dem Fenster schmeißt, setzt die Gefahr ein, dass ich mein Durchdrehen nicht mehr kontrolliere. Deswegen haben meine Eltern alles abbekommen. Sie sind (welch zweifelhaftes Privileg) die Einzigen, denen ich dieses Vertrauen entgegenbringe. Falls – das meinte ich eben – ich nicht inzwischen zu viel davon habe und demnächst anfange, random Leuten die volle Dosis Aggression, eventuell stilvoll kombiniert mit ein paar materiellen Gegenständen, ins Gesicht zu knallen. Ich hoffe, es lässt sich vermeiden. Ich hoffe einfach, es kommt gar nicht so stark wieder.

Zumindest habe ich ja inzwischen eine Zeit ohne das Gefühl gelebt und weiß, worauf ich achten muss. Gesegnete Gelassenheit, oh bleibe mir doch erhalten.