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Travels & Tomatoes

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Es wird kalt draußen. Heute Früh habe ich die Mützensaison eingeläutet, um ohne schmerzende Ohren bei der Therapeutin anzukommen. Umso froher bin ich, dem Winter erstmal noch ein wenig entfliehen zu können – wenn alles gut geht, bin ich morgen um diese Zeit in Porto und nachmittags schon im Bus auf dem Weg nach Santiago.

Becci hat mich mit Panik infiziert, dass wir den Flug verpassen, weil ich recht knapp erst am Flughafen sein werde – aber besser quäle ich mich mitten in der Nacht zum Fernbus und komme kurz vor knapp erst an als heute Nachmittag schon mein ganzes Zeug zu Marthe mitzuschleppen und von dort aus erstmal zu Becci zu fahren, um mich dann mitten in der Nacht aus dem Bett in den Zug zum Flughafen zu quälen. Zumal wir bereits online eingecheckt sind, kein Gepäck aufgeben müssen und uns immerhin vom Zeitpunkt meiner Ankunft an eine halbe Stunde bleibt, um zum Gate zu kommen.

Ich habe zu großen Teilen bereits gepackt und kümmere mich nun um die letzten Erledigungen. Ein Rundgang über meine Terrasse hat dazu geführt, dass ich eine der letzten Chancen ergreifen konnte, endlich mal Fotos von meinen Tomaten zu machen. Die ganze Zeit war ich zu dumm, daran zu denken, bevor ich sie ernte.

Es ist doch zu ironisch: jetzt, wo ich weggehe, scheinen sich meine Pflänzchen zu einem letzten Aufbäumen vor der Kälte entschlossen zu haben. Diverse Nachzügler und Spätgesäte fangen an zu blühen, sogar der Zieringwer und die Physalis, von denen ich schon dachte, dass sie dieses Jahr einfach aussetzen. Und nun bin ich weg und muss es R aufs Dringlichste einschärfen, dass er meinen blühenden Zieringwer fotografieren muss und ebenso die Wildblumen, damit ich irgendwann noch erfahre, was ich da eigentlich gesät habe. Zum Glück habe ich in Anbetracht des sich fortwährend verschlimmernden Zustandes seines Handys neulich beschlossen, seinen Geburtstag vorzuziehen, und ihm sein Geschenk (sprich, sein neues Handy) schonmal überreicht. So dürfte dem wenig im Wege stehen, von einem gewissen Motivationsmangel mal abgesehen.

Da nun so schön viele Fotos von Tomaten existieren und ich mich vor Längerem schon entschieden habe, dass es mir unmöglich ist, diese zu bestimmen, folgen nun fünf Sorten ohne genaueren Plan.

61 – 65

Tomate 1 (Solanum lycopersicum – Solanaceae)
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Tomate 2 (Solanum lycopersicum – Solanaceae)
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Tomate 3 (Solanum lycopersicum – Solanaceae)
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Tomate 4 (Solanum lycopersicum – Solanaceae)
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Tomate 5 (Solanum lycopersicum – Solanaceae)
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Leider waren es dieses Jahr nicht so viele Tomaten wie das Jahr zuvor, und irgendwie kommt alles dieses Jahr etwas spät (insbesondere was sich die Physalis gedacht hat, würd‘ ich gern wissen; als hätte sie nun noch die Gelegenheit, gescheit Früchte auszubilden), aber ich möchte und kann mich nicht beklagen. Nicht nur schätze ich mich glücklich, überhaupt die Möglichkeit zu haben, einen Balkon von diesen Ausmaßen zu besitzen. Meine Lieblingsnachbarn haben sich in der Straße gegenüber ein Grundstück gekauft, auf dem sie langfristig ein Haus zu errichten planen, und ich habe schon das OK von Marketa bekommen, den Garten mitzubenutzen, den sie so bald wie möglich anlegen wollen. Das wird sensationell. Endlich Platz für Kürbisse, Melonen, Zwiebeln, Hülsenfrüchte und vielleicht sogar Mais! Whoop!

Und on this wonderful note verlasse ich dich, um weiter meinen Urlaub vorzubereiten. Laister arte.

Botanischer Balkon

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Ich habe gerade nachgezählt – man hat ja sonst nichts zu tun, und von zu viel Gezubbele wachsen sie auch nicht schneller – und kam zu dem Ergebnis, dass auf meinen 20 Quadratmetern Balkon etwa 90 verschiedene Pflanzenarten wachsen, was ich durchaus beachtlich finde. Nächstes Ziel sollte sein, sie alle beim Namen zu kennen.

Was ich für Tomatensorten habe, finde ich heraus, wenn sie Früchte tragen. Ich hatte zwar von Beccis Mutter säuberlich beschriftete Töpfchen bekommen und die Etiketten entgegen meiner Natur auch an den Behältnissen angebracht, in denen die Pflanzen letztendlich gelandet sind, aber Sonne und Regen haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und die selbst gezogenen sind entweder aus Samen vom letzten Jahr – da habe ich gar keine Ahnung, was mich erwartet – oder von Ebay, in which case sie zwar fein säuberlich beschriftet ankamen, aber dann bei mir im namenlosen Chaos versenkt wurden.

Wie wär’s, ich bestimme einfach jeden Tag fünf meiner Pflanzen mit Namen und Familie. Fangen wir an:

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Fuchsschwanzagave (Agave attenuata – Asparagaceae)
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Kurzblatt-Aloe (Aloe brevifolia – Xanthorrhoeaceae)
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Eselsschwanz-Fetthenne (Sedum morganianum var. ‚burrito‘ – Crassulaceae)
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Pfennigbaum (Crassula ovata – Crassulaceae)
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Echeverie (Echeveria – Crassulaceae) – es gibt gefühlte dreitausend Arten und nach einer Stunde Bilderscannen habe ich beschlossen, damit zu warten, bis die Gute irgendwann vielleicht mal beschließt zu blühen. Das dürfte es einfacher machen.
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Falls mir in der Zwischenzeit jemand helfen mag, auch sehr gern. Ich bin mir auch mit der Aloe ziemlich unsicher.

Atzo da bihar

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So schnell kann es also Sommer werden. Gleich ein völlig anderes Lebensgefühl, die Terrassentür offen lassen zu können und auf die frisch bepflanzten Kübel draußen zu blicken, in denen sich Tomaten und Paprika, Salat und Chilis, Rucola und Wunderblumen dem Licht entgegenstrecken.

Dass R diese Woche Urlaub hat, ruft auch bei mir ein Urlaubsgefühl hervor, auch wenn ich gestern Abend wieder einen Auftrag angenommen habe, mit dem ich gleich beginne. Wir sind mehr als glücklich, von unserem Osterausflug zu seiner Familie zurück zu sein, und genießen unsere wiedererlangte Freiheit und Selbstbestimmung in vollen Zügen. Er, indem er zockt und lernt; ich, indem ich pflanze und lese. Wir zusammen, indem wir ausschlafen und gemütlich frühstücken, Carcassonne spielen, Filme schauen und wunderbares Essen kochen.

Ich freue mich schon jetzt auf den Moment, in dem er nicht mehr arbeiten muss und wir dieses Leben für immer haben können. Denn während ich bestrebt bin, oder vielmehr beim besten Willen nicht anders kann, als aus der Gegenwart das Meiste für mich herauszuholen und den Zwängen nur den nötigsten Raum zu geben, hat er erst Ruhe, wenn ihm seine Zukunft solide erscheint. Eigentlich ähneln wir uns da stark. Nur dass unsere Coping strategies gegenteilig ausfallen. Ich verdränge und beraube mich dadurch vermutlich einer sicheren Zukunft. Er nimmt sich – uns – mit seinem obsessiven Hinarbeiten auf zukünftige Sicherheit die Gegenwart weg.

Auf dem kurzen Spaziergang zum Altglascontainer und zurück überraschte mich der Gedanke, dass es mir vielleicht wirklich lieb wäre, wenn wir heiraten würden, nicht in der Erwartung eines festzementierten ‚Für immer‘, sondern um dem Warten auf diese ferne Zukunft eine konkretere Berechtigung zu geben, einfach mal festzuhalten, dass seine wenig geschätzte, viel auf Zukünftiges ausgerichtete Gegenwart auch mir nicht grundlos ungenutzt durch die Finger rinnt. Ich bin mir dessen sicher und er ist es auch, warum dem Ganzen nicht einen Namen geben.

Dachte ich mir gestern, aber es war nur ein Anflug; heute verstehe ich schon wieder kaum, wozu das Heiraten gut sein soll; als könnte man die Zukunft mit Papier und Tinte in Stein meißeln. Und andersherum: unser gegenseitiges Vertrauen ist so grundsolide, dass jeder Vertrag, jede Unterschrift dagegen lächerlich und wertlos wäre.

Aber genug von Gegenwart und Zukunft. Ich habe einen Auftrag zu erledigen.

Winterzeit

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Der Übergang zum Winter gestaltet sich dieses Jahr (zumindest in meinem Kopf) überraschend fließend. Vielleicht einerseits, weil ich den Sommer über bereits wie eh und je von dem Wissen um diesen Moment begleitet wurde und es häufig genug vorkam, dass ich mir in der brütendsten Hitze Gedanken um das Kahlwerden meiner Terrasse, das Überwintern der Pflanzen und das Hervorkramen meiner Sonnenlichtlampe gemacht habe. Ich wäre nicht ich selbst, wäre das nicht so gewesen.

Dafür geht es mir gerade erstaunlich gut damit. Ich kann mich an andere Jahre erinnern, in denen es mir weniger leicht fiel, zu akzeptieren, dass man jetzt schon wieder halb erfriert, wenn man sich Kräuter fürs Frühstück holen geht oder die Katze wieder die Tür sperrangelweit aufschiebt, wenn sie, von einem ihrer sich rapide verkürzenden Balkonausflüge wiederkehrend, wieder ins Warme flüchtet. (À propos, ich sollte gerade mal aufstehen. Die Katze steht vor der durch mich in weiser Voraussicht geschlossenen Tür und verlangt Einlass.)

Soeben habe ich außerdem eine weitere Pflanze hereingeholt. Nach den vier azorischen Winden (von denen ich wirklich gern wüsste, was sie genau sind, aber solange sie nichts tun als immer die gleichen Blätter ausbilden und, naja, sich zu winden, wird das mit der Bestimmung schwierig), die ich neulich schon mit einer rabiaten Kürzungsaktion von ihrem Standort entfernt habe (sag mir nochmal einer, aus welcher bodenlosen Intelligenz heraus ich sie durch den Gitterzaun habe klettern lassen), steht nun auch eins der Annonenbäumchen (welches über den Sommer zu einem stattlichen Exemplar herangewachsen ist, mehrere Seitentriebe sowie riesige Blätter ausgebildet hat und mir mit dem Haupttrieb bis über die Hüfte reicht) wieder im Wohnzimmer. Letztes Jahr habe ich meine Bäumchen – dichtgedrängt auf den Fensterbänken des warmen Wohnzimmers – größtenteils über den Winter bekommen, ohne dass sie ihr prächtiges Laub abwerfen mussten. Das klappt hoffentlich dieses Mal wieder.

So. Damit habe ich meine Stunde Pause dann auch schon erfolgreich hinter mich gebracht. Gefrühstückt, Kaffee getrunken, Annone versorgt, Blögchen belebt. Das stumpfe Postediten anderer Leute Geschäftsmails kann weitergehen.

Sunshine, my old friend.

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Und schwupps, auf einmal ist es Sommer. Ich sitze in Top und kurzem Rock auf der Terrasse und schwelge in der Wiedervereinigung mit meiner Lebensspenderin Sonne. Schwer vorzustellen, dass vor so Kurzem die Welt noch kalt und finster war.

Die Terrasse ist präpariert für den Einzug der Pflanzen, obschon der natürlich noch einen guten Monat hin ist. Die Komposteimer sind wieder in Betrieb genommen, Kübel teilweise mit Erde befüllt, die Überlebenden des Winters ausgemacht und versorgt. Die Pfefferminze sprießt schon fröhlich; der Schnittlauch macht den Eindruck, nie weggewesen zu sein; Petersilie habe ich aus dem Kasten in ein Töpfchen und Rucola zum Topinambur in den Eimer verfrachtet. Hallelujah, ich kann wieder leben.

R ist arbeiten und wird sich nachher das Qualifying ansehen; ich könnte zum Großhandel fahren oder es bleiben lassen. Man wird sehen. Vielleicht fahre ich nachher zum neuen Spot und schaue beim Großmarkt auf dem Rückweg vorbei. Oder nicht. Zuerst einmal lasse ich es mir gut gehen, trinke mein Bier, solange es kalt ist, lese mein Buch und sauge den Sommer auf.

Wenn der Therapeut gestört ist…

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Whoa. Ich habe gerade die erste Runde Therapeuten für Becci abtelefoniert und bin heilfroh, das selbst gemacht zu haben. Nicht auszudenken, was diese Odyssee mit Leuten machen soll, die eh schon kaum in der Lage sind, überhaupt irgendetwas zu tun, geschweige denn von zigtausend potenziellen Helfern abgewiesen zu werden.

Am besten war ein gewisser Dr. Martin Jost (volle Namensnennung in voller Absicht!), welcher mir Folgendes zu schlucken gab: „Ach, für eine Freundin? Also, so über Dritte mache ich das normalerweise nicht. “ Und auf meine Entgegnung hin, dass die Frau seit einem knappen Jahr in einer schweren depressiven Episode steckt und so etwas einfach gerade nicht kann, dann mit der Einfühlsamkeit eines intergalaktischen Highways: „Dann sollte sie sich vielleicht mal in der Psychiatrie vorstellen, wenn es so schlimm ist. Wie soll sie denn zu mir kommen, wenn sie nichtmal anrufen kann? Also, das läuft hier nicht über Hausbesuche. Da muss sie sich schon persönlich vorstellen und selbst anrufen.“

Hallo? Also erstmal: Was, erinnern Sie mich bitte, ist eigentlich normal – gerade in Ihrem Berufsfeld? Und außerdem: Sie sind der Therapeut von uns beiden, oder verstehe ich das falsch? Sollte man sich als fertig ausgebildeter Psychologe nicht eventuell mal mit dem Gedanken befasst haben, dass Leute nicht gleich völlige Krüppel sein müssen, nur weil sie eine an sich leichte Sache nicht gebacken kriegen? Und dass man selbst dazu da ist, Leuten diese Ängste zu nehmen, statt ihnen verständnislos den Rücken zuzuwenden?

Weißt du, wie kurz ich vor dem Heulen war, immer noch bin, vor Hilflosigkeit angesichts eines solchen menschlichen Totalversagens? Als Psychologe?! Wie will er bitte Leuten helfen, die es nicht schaffen, von allein sich bei ihm „vorzustellen“, wenn er nichtmal erlaubt, dass der Kontakt zustandekommt? Wie weit ist es mit der Welt gekommen, dass solche Menschen erfolgreiche Therapeuten sind, von Patienten überschwemmt bis Ende des Jahres?!

Dazu kommt ja noch, dass ich natürlich praktisch selbst nicht in der Lage bin, Gespräche dieser Art am Telefon zu initiieren, und dies überhaupt nur getan habe, weil ich unbedingt Becci helfen möchte, sodass dieses geballte Unverständnis sich im Grunde gegen mich genausosehr richtet – was es nochmal umso verletzender macht.

Also, ich weiß ja nicht, wie es dir damit geht, aber mir vermittelt das Ganze ein ziemlich mieses Gefühl im Bezug auf die Gesundheit des Gesundheitssystems. (Davon mal ganz abgesehen, dass eh ein absurder Mangel an kassenzulässigen Therapeuten herrscht, einfach weil die Menge der zugelassenen Ärzte sich an Statistiken aus dem letzten Jahrhundert orientiert. Facepalm hoch neunundneunzig.)

Ich habe gerade versucht, Becci zu erreichen, um sie über das Wenige, das ich tatsächlich für sie herausfinden konnte, zu informieren, aber sie scheint nicht die Zeit oder die Lust zu haben, auf ihr Handy zu schauen. Macht auch nichts. Was ist schon ein weiterer nicht erreichbarer Mensch nach diesem ganzen Debakel.

Ich habe mir daraufhin einen Irish Coffee mit Beccis epischstem Kaffeelikör zubereitet, den sie nicht mag, weil er zu sehr nach Kaffee schmeckt, und sitze jetzt hier ohne großartigen Plan, was ich noch tun könnte. Draußen scheint die Sonne, meinen Keimlingen auf den Fensterbänken geht es gut, aber es ist zu kalt, um nach draußen zu gehen.

Wenn es nur endlich warm wäre. Du machst dir keine Vorstellungen, wie ich mich auf die Zeit freue, wenn ich endlich die Terrasse wieder mit Pflanzen bestücken kann. Wenn ich aus dem Urlaub komme, kann ich Petunien vorziehen und Ringelblumen und Basilikum; die Kürbisse und Melonen werden schon richtig ansehnlich gesprossen sein und die Tomaten so prächtig, dass ich sie alle in größere Gefäße hinein werde pikieren müssen. Und noch einen Monat später kann alles schon ab nach draußen. Die Morning Glory ist bereits jetzt am Entwickeln kleiner Blättchen und streckt sich munter dem Fenster entgegen; dieses Jahr wird sie rechtzeitig blühen. Ich habe vom Sperrmüll einen wunderschönen Obelisken mitgebracht, um den sie sich ranken wird. Was freue ich mich auf den Sommer!

Every Day is a Fail Day

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Was für ein typischer Tag. Ich gehe in die Uni, wo ich erstmal dem Dozenten über den Weg laufe, für dessen Terminologieprojekt ich mit zwei Einträgen im Rückstand letzten Mittwoch dem Gruppentreffen ferngeblieben war – yes, genau dem Menschen wollte ich begegnen. Nicht. Aber da Juan ein sehr, sehr guter Mensch ist (was den einzigen Grund darstellt, aus dem ich mich freiwillig in sein Projekt begeben habe, kombiniert mit den grottigen Alternativen), wurde das Gespräch nicht zu einem der Sorte Standpauke, sondern fand auf Augenhöhe statt und ließ mich mit dem Gefühl zurück, es gut schaffen zu können, sofern ich mich mal am Riemen reiße.

Solchermaßen beglückt tuckerte ich weiter in den Seminarraum des Kurses, den ich besuchen wollte, nur um mir gewahr zu werden, dass ich die Einzige war. Ich hatte extra noch den Unterrichtsplan konsultiert, auf dem für heute definitiv kein Ausfall vermerkt war, aber wenigstens macht es jetzt Sinn, dass keine Lektüre für heute hochgeladen worden war. Die ich pflichtbewusst gestern noch ausdrucken und lesen wollte, bis ich dann sah: Es gab keine. Hm.

Ich war auch um zehn nach Kursanfang noch die Einzige. Also ging ich Katzenfutter holen. Neben dem Tierbedarfsladen ist ein riesiger türkischer Supermarkt, wo man theoretisch auch super containern kann, allerdings schließt der natürlich auch erst, wenn der Katzenfutterladen schon zu hat. Zudem ist das Ganze ewig weit weg von mir daheim, sodass ich nie dort containern gehe.

Jetzt hatte ich mir aber vor Kurzem vorgenommen, es einfach mit dem Containern mal tagsüber zu wagen, sodass man es doch mit dem Katzenfutterholen verbinden kann. Also ging ich frohen Mutes am Supermarkt vorbei und warf von Weitem einen Blick auf die Beladungszone. Wo selbstverständlich gerade Dinge verladen wurden. Ich machte kehrt und holte Katzenfutter, mit dem Vorhaben, es im Anschluss nochmal zu versuchen. Ich kam aus dem Laden, machte ein-zwei Schritte in Richtung des Türkenmarktes und sah meinen Bus in die Gegenrichtung. Angesichts des tiefgefrorenen Fleisches in meinem Besitz entschied ich mich dann doch spontan zum Rennen und erwischte gerade noch so besagten Bus, hatte dann auch beim Umsteigen Glück – der nächste Bus hatte fünf Minuten Verspätung, was es mir ermöglichte, das Fleisch relativ gekühlt zu Hause zu verstauen.

Dann musste natürlich schnell das Material für das Terminologieprojekt an Juan gesendet werden. Ich musste den zweiten Begriff noch fertig machen und verkünstelte mich daran nochmal eine Stunde, dann war es endlich geschafft. Nicht davon zu reden, dass ich meinen allerersten Begriff zur Hälfte nochmal machen darf, weil die Version, die ich letztendlich erarbeitet hatte, durch meine unermessliche Intelligenz mit dem zweiten Begriff überschrieben und unter demselben Namen gespeichert wurde. Das hat mich gestern hart fertiggemacht, vor allem, weil der „Tatentschluss“ derjenige Terminus war, an dem zu arbeiten ich mich über Wochen nur mit der allergrößten Willenskraft zwingen konnte, und dann gehe ich und überschreibe einfach die Endversion. Natürlich. R kommentierte das Desaster lapidar mit „Das wäre mir heute auch fast passiert“ und überließ mich meinem Schicksal. Anteilnahme ist etwas, das man ihm noch beibringen könnte.

Ein kleiner Terrassenrundgang, das letzte Beypazarı – stilvoll zelebriert mit Veilchensirup und einer entsprechenden Nachricht an Becci – dann fiel mir auf, dass meine Wohnung aussah wie Sau, also wurden fünfzig Sachen aufgeräumt und einmal gründlich durchgesaugt. Ich hatte zwar nicht im Entferntesten Lust drauf und bin umso glücklicher, es trotzdem so gründlich gemacht zu haben.

Dann endlich wieder sitzen, mit einer Schüssel des köstlichsten Gratins, das ich jemals fabriziert habe (dürfte an der Menge des verwendeten Käses liegen; Becci und ich haben letztes Wochenende nach dem Flohmarkt noch beim Großhandel vorbeigeschaut und dort den ultimativen Gouda-Fang gemacht), und mit der Katze zusammen auf der Couch die Beine ausstrecken. Fünf Uhr. Mir war selbstredend entfallen, dass ich mich mit JO zum Skypen verabredet hatte. Die wartete indes seit einer Stunde und vertröstete mich dann auf nachher, da sie jetzt erstmal mit ihrem Kumpel in Mexico redet.

Auch gut. Ich könnte mich bis dahin noch ein bisschen auf der Terrasse herumtreiben. Tue ich das doch.

When Awim Makes Dinner

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Halben Tag regelwidrig verzockt (mich mit „es ist langes Wochenende“ rausgeredet), nichts für die Uni getan. Großartig. Ich hab’s so drauf.

Wobei ich ja schon glücklich darüber bin, den Rest des Tages zumindest pseudoaktiv gewesen zu sein; wie gestern schon hatte die Terrasse meine volle Aufmerksamkeit und oh ja, man sieht es. Ich bin tatsächlich zufrieden. Jetzt muss nur noch alles ein bisschen wachsen und ich kann die nächsten vier Monate ein richtiges Paradies mein Zuhause nennen. Jeden Tag treibe ich mich stundenlang dort herum und begutachte die Fortschritte. Und ab und an klaue ich mir Erde aus dem Garten, den eh niemand nutzt, und schaffe so noch ein bisschen mehr Platz für die hungrigsten unter meinen Zöglingen. Außerdem konnte ich es am Ende doch nicht lassen und habe mit einem Monat Verspätung noch ein paar Melonen gesät, welche dann später in einer riesigen Tüte voller Erde wohnen dürfen.

R macht Essen. Er wollte unbedingt etwas mit den restlichen grünen Bohnen machen, die ich in dem epischen Bohnen-Kartoffel-Käse-Sahne-Gemisch von neulich nicht mehr unterbekommen hatte. Ich bin drauf gespannt und kann mich kaum auf das Schreiben konzentrieren, weil es so unfassbar gut nach Kichererbsen riecht. Was für eine Hülsenfruchtbombe.

Wofür ich sehr dankbar bin, übrigens: mein Immunsystem scheint mal wirklich top in Form zu sein. Becci war letztes Wochenende hier und hat eigentlich bis auf Samstag, als wir den Flohmarktstand hatten, nur flachgelegen mit einer Monstererkältung. Die ich natürlich zwei Tage nach ihrer Abfahrt dann ebenfalls ausgebrütet hatte, aber bis auf Halsschmerzen, ein fiebriges Gefühl und eine verstopfte Nase habe ich es souverän überstanden. R war auch kurz krank, hat sich aber schnell wieder berappelt, und Becci hängt wahrscheinlich immer noch zu Hause rum und freut sich ihres kofschmerz- und grippegeplagten Daseins. Die Arme. Jedenfalls war ich einfach überglücklich, dass ich gerade am Dienstag davor einen ordentlichen Beutel Zitronen eingestrichen hatte. Und während die eindrückliche Warnung meiner Mutter, um Himmels Willen keinen Honig mehr in meinen Tee zu machen (denn wie ayurvedisch versierten Menschen bekannt ist, verändert sich die Stuktur des Honigs beim Erwärmen bis zur Ungenießbarkeit: „das ist Gift!“), überraschenderweise tatsächlich den gewünschten Effekt hatte und ich diese Angewohnheit praktisch komplett aufgegeben habe, musste er diese Woche wieder als Süßungsmittel für all die heißen Zitronen herhalten, die ich in deren Verlaufe so zubereitet habe. Es geht einfach nicht anders. Was soll denn eine heiße Zitrone ohne Honig.

Jetzt ist mein stolzer Vorrat an Zitronen wieder auf zwei geschrumpft (eine fiel dem Schimmel zum Opfer und ich bin bei aller Liebe noch nicht soweit, mir aus Zitronenschimmel selbst Penicillin herstellen zu wollen) und ein gesunder Zustand wieder in Sichtweite. Das war knapp!

So. R fragt mich alle drei Minuten nach einer neuen Zutat. „Haben wir noch Mais?“ (I wish. Ich habe so lange keinen Mais mehr gegessen, dass ich schon fast verdrängt hatte, dass es sowas gibt.) „…ein ganz kleines Glas Tomatensauce?“ (Nein, sie waren ihm alle zu groß.) „Erbsen?“ (Hättest du mal was gesagt – ich hätte sie dir zusammen mit den von dir requesteten Kichererbsen eingeweicht.) „Kidneybohnen?“ (Ja, eine ganze Dose, aber die möchte ich ungern deinen experimentellen Anwandlungen opfern, sondern warte lieber religiös auf den Tag, an dem dann doch mal wieder Mais da ist, um meinen weltepischsten Salat daraus zu machen. Natürlich hätte ich trockene Kidneybohnen dagehabt, aber… siehe Erbsen.) „Nudeln?“ (Ja, tatsächlich, aber nur noch eine Portion…)

Es ist schon nicht leicht, in diesem Haushalt zu kochen. Für Awim – anyone who isn’t me.

Jetzt befand er seine Kreation gerade mit dem vielversprechenden Ausruf „Oh mein Gott, es ist so komisch!“ für großartig und verschwand daraufhin in den unendlichen Tiefen der Wohnung. Komm wieder. Ich habe so einen Hunger.

Essen, Pflanzen, Sonne – glücklich.

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Unglaublich. Ich habe mir soeben den besten Brotaufstrich aller Zeiten zusammengemischt, und zwar allein aus dem Grund, dass es zunächst so aussah, als hätte ich nichts, was ich auf mein Laugenbrötchen hätte drauftun können. Aber oh, das Leben ist so schön, wenn man nur kreativ (und Containertarier) ist, und so hatte ich im Handumdrehen eine Packung Nordseekrabben mit einer klein geschnittenen halben Petersilienwurzel, fünf zerstückelten Champignons und Knoblauchpaste in dem altbewährten Öl- und Kräutergemisch brutzeln, in dem einst die riesigen Mengen Antipasti vom Konstanzer Großmarkt eingelegt waren. Dazu noch frische Petersilie und Dill, welche ich letzte Woche zusammen mit den Krabben beim hiesigen Großmarkt ergattert hatte, Salz und Pfeffer und Paprika und einmal drüber mit dem Pürierstab. Was für ein Traum.

Das Wetter ist auch ein Traum. Gestern habe ich mir noch in der unfassbarsten Sintflut die Haare unter dem Regenrohr der Über-Nachbarn gewaschen und ein ganzes riesiges Arsenal an Plastikeimern darunter aufgestellt, damit es uns nicht den Balkon flutet. (Unsere Neben-Nachbarn haben keine Eimer unter dem Balkon über ihnen; denen läuft auch schonmal das Wasser in die Wohnung rein.)

Und meine Pflänzchen. Langsam, aber sicher sprießt und grünt es in meinen zahlreichen Kübeln und Töpfchen und Kästen; mir ist mittlerweile die Erde ausgegangen und ich konnte längst nicht all meine Behältnisse bepflanzen, geschweige denn die riesige Terrasse mit so viel Grünzeug füllen, wie ich gerne hätte. Aber es ist ein Anfang. Ein guter. Ich habe fast alles aus Samen gezogen, sodass es ewig gedauert hat, bis sich da mal etwas blicken ließ, und der Prozess des Sich-blicken-lassens ist auch noch lange nicht abgeschlossen, aber ich habe das vollste Vertrauen in meine Bepflanzung. Bisher zeigen sich Schnittlauch, Kichererbsen, Rucola, Babyleaf-Salat, Tomätelchen, Kohl, Sonnenblumen, Kerbel (oder Petersilie – ich kann es noch nicht erahnen und habe vergessen, auf welche Seite des Kastens ich was gesät hatte), Ringelblumen, Dahlien, Jungfer im Grünen und ein paar Nachkommen des letztes Jahr aus Norditalien mitgebrachten Indischen Springkrauts.

Außerdem habe ich ein paar Kräutertöpfchen gerettet: Salbei, Estragon und Waldmeister sowie zwei Sorten Minze erfreuen sich nun endlich eines halbwegs pflanzengerechten Daseins. Noch hinzu kommen diverse Keimlinge von Getreide und Hülsenfrüchten, die ich als Sprossen letzte Woche containert und kurzerhand unter die Erde gebracht habe.

Noch auf sich warten lassen Rittersporn, Löwenmäulchen, Petersilie (oder Kerbel, s. o.), Erbsen, Morning Glory, Kapuzinerkresse, Traubenkopf-Leimkraut und die gelb blühende Pflanze, deren Samen ich bei Waltraud im Garten gesammelt und die ich bis heute nicht identifiziert habe. (Nicht dass ich mir große Mühe gegeben hätte. Vielleicht wird es ja dieses Jahr was, vorausgesetzt, sie kommt noch zum Vorschein.) Aber selbst wenn das jetzt alles ist, das sich dieses Jahr einen Weg ans Licht gesucht hat – ich bin hochzufrieden und freue mich unendlich darauf, wenn es soweit ist und alles anfängt zu blühen. Bzw. so groß ist, dass man es essen kann. Herrliches Leben!