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Der Zwiebel dienen

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So. Nachdem ich gestern leider arbeiten – Scorpion gucken – arbeiten – Scorpion gucken – arbeiten – zocken – Boggle spielen musste, blieb leider keine Zeit fürs tägliche Pflanzenauflisten. Dafür heute wieder:

11 – 15

Echter Thymian (Thymus vulgaris – Lamiaceae)
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Walderdbeere (Fragaria vesca – Rosaceae)
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Marokkanische Minze (Mentha spicata var. ‚Marokko‘ – Lamiaceae)
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Gewöhnliche Wiesen-Schafgarbe (Achillea millefolium – Asteraceae)
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Nelken-Leimkraut (Silene armenia – Carophyllaceae)
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Ich kann dahingehend außerdem berichten, dass heute die erste Blüte meiner Canna aufging und ich mich freue wie nur was – sie ist so prächtig, ich bin so froh, sie zu haben, und die Samen gehen bei Ebay weg wie warme Semmeln.

Ich bin allgemein ziemlich froh. So, wie’s grad läuft, kann es ruhig weiter laufen – ich komme mit meiner Arbeit klar, mit meiner Mutter, mit R sowieso, mit meinem Dasein im Allgemeinen. Der Therapeutin hatte ich vorhin jede Menge Positives zu berichten. Der Rest fällt kaum ins Gewicht. Meine Motivation für Tasks außerhalb des Notwendigen hält sich in Grenzen, aber (Achtung, Sarah-Lesch-Referenz) immerhin hält sie sich. Ich hab‘ von Şahin geträumt, aber das ist mir auch egal. Heute ist alles ganz ruhig.

Nun widme ich mich allerdings mal wieder meiner etablierten Routine: Scorpion gucken und dabei frühstücken – arbeiten – Scorpion gucken – arbeiten.

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Auferstanden aus Ruinen – Texte, Menschen.

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Noch gute zehn Seiten und ich bin fertig mit diesem Grottentext. Oh, wie ich Studenten mittlerweile verachte… zumindest diejenigen, deren Abschlussarbeiten ich praktisch neu schreiben darf, während sie im wahrsten Sinne die Credits dafür einheimsen. Worthülse für Worthülse fällt der unerbittlichen Zerstörungskraft meiner Delete-Taste zum Opfer. Satzruine um Satzruine baue ich um, werte ich auf, mache ich lesbar für Augen, die mindestens so empfindlich sind wie meine.

Das ist anstrengend, das ist frustrierend, das ist auch irgendwo einfach wahnsinnig ungerecht. Aber natürlich kann ich mich nicht beschweren – ich mache diese Arbeit gut, ich mache sie zumindest so gern, dass ich nicht dabei verkomme, und ich habe keine Alternative. Was ich habe, ist alle Flexibilität der Welt und – essenziell für mein Funktionieren in jeder Hinsicht – meine Selbstbestimmung. Und noch dazu, wenn das auch definitiv eine untergeordnete Rolle spielt bei dem Niveau, das diese Texte haben größtenteils, die Möglichkeit, in verschiedenste Themen Einblicke zu bekommen. Noch dazu – viel interessanter eigentlich – in die Leben und Köpfe verschiedenster Menschen.

Ja, im Großen und Ganzen will ich wirklich nicht meckern.

So nebenbei:

  • Basti ist Vater geworden; sein Sohn kam am 3. Mai auf die Welt. Alles gut soweit.
  • Ich hatte die letzte Woche über freundlichen Besuch von einer Blasenentzündung, die mittlerweile (ich hoffe!) kaum noch spürbar, aber auch noch nicht ganz verschwunden, in den allerletzten Zügen hängt.
  • Ich habe so absolut keine Lust auf diese Bolivienreise, aber ich weiß natürlich, dass sich das ändern wird, sobald ich sie antrete.
  • Ich werde zuvor zwei Tage in Konstanz verbringen, um Basti, Mats und Alina zu besuchen. Basti bringt mich von dort aus nach Frankfurt zum Flughafen.
  • Übermorgen bin ich ebenfalls in Frankfurt, ein Umstand, den ich gerne mal vergesse, weil alles, das nicht Gegenwart ist, momentan gnadenlos ausgeblendet wird. Aber es ist das Glen-Konzert in der alten Oper, zu dem ich mit Becci und Cornelia gehe, und ich sollte mich freuen. Freue dich gefälligst.
  • Nächste Woche treffe ich mich mit Caro, die auf Heimatbesuch nach Deutschland kommt, in Karlsruhe. Wir gehen im Hans im Glück essen und – tatsächlich – darauf freue ich mich. (Wahrscheinlich weil es weder genug Umstände macht noch – anders als das Glen-Konzert – nah genug bevorsteht, um Panik zu erwecken.)
  • R ist dem Programmierwahn in Gänze verfallen und stürzt sich praktisch auf den Computer, sobald er nach Hause kommt. Gleichzeitig gibt er sich allerdings alle erdenkliche Mühe, unser gemeinsames Leben dabei nicht zu vernachlässigen, und ich habe mich meinerseits daran gewöhnt. Es ist also nach und nach ein wunderbares Equilibrium entstanden, in dem sich alle Parteien wohlfühlen – zumindest empfinde ich das so.
  • Ich habe gemeinsam mit der Therapeutin beschlossen, die Medis herunterzudosieren, wenn ich aus Bolivien zurück bin. Davor habe ich Angst, aber ich bin fest überzeugt, dass es sein muss. Ich fühle mich, als hätte ich in der Therapie alles erreicht, was im Rahmen der Abschirmung durch die Medis möglich war – now let’s tackle the real issues.

Vierzig Grad

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Ein bisschen komme ich mir vor wie im Delirium. So, als hätte ich richtig hohes Fieber, so eines, in dem alles irgendwie vorbeizuziehen scheint, man nicht schläft und nicht wach ist und ab und an die Realität für einen Augenblick ganz deutlich wird, um einem im nächsten schon wieder in unerreichbare Ferne zu entgleiten.

So gestaltet sich mein Leben seit Jahren, vielleicht ist daher auch mein Detailgedächtnis so überaus grottig geworden. Vielleicht liegt darin auch die Tatsache begründet, dass ich nie weiß, was ich der Therapeutin erzählen soll, wenn sie wieder fragt, was dieses Mal dran ist. Ich vergesse alles und existiere nur im Moment. Nur die Sorge um die Zukunft bleibt verlässlich an meiner Seite und sorgt dafür, dass ich mir allzeit darüber im Klaren bin, dass dieser eine Moment, der mir erhalten bleibt, nicht ausreicht für alles, das noch kommt.

Und vielleicht habe ich auch einen Grund ausfindig gemacht, aus dem mir die Motivation zum Schreiben zu großen Teilen abhandengekommen ist (neben dem bedauerlichen Umstand, dass Motivation, egal für was, einfach Mangelware ist), dass nämlich dem, was eigentlich gesagt werden müsste, Wörter einfach nicht gerecht werden, so sorgfältig man sie auch wählen möge. Götz Widmann hat ein Wunder vollbracht, als er genau dies in Worte gefasst und eine der raren Gelegenheiten geschaffen hat, in denen es doch gelingt – indem er eine ganz grundsätzliche Wahrheit auf so vollkommene Weise verbalisiert hat, dass die Formulierung sich selbst durch ihre Existenz Lügen straft: Die Worte sind Hülsen für was, was nicht in Hülsen passt.

Mein Fieber ist die Lethargie, die Lähmung, wie man es auch nennen mag, die Taubheit, die völlige Abwesenheit von Willenskraft, Energie oder Motivation, die absolute Nichtteilhabe am Leben oder an dem, was ich mir unter Leben vorstelle. Meine klaren Momente sind die, in denen ich tätig bin, fühle, lerne oder entscheide, oder vielleicht auch einfach diejenigen, in denen ich mich zu alldem zumindest fähig wähne.

Demnach bin ich gerade wach. Ich habe leichte Panik, die wohl daraus resultiert, dass ich mir verschiedene Dinge für heute vorgenommen habe und diese erledigen muss, bevor Becci ankommt. Dazu zählt Duschen, Pfand wegbringen, Wäsche versorgen und staubsaugen, und wenn Becci dann da ist, bitte ich sie um Hilfe beim Handling meiner Essenssituation. (Die Situation gestaltet sich solcherart, dass ich bereits seit Längerem alles Essen, das ich anschleppe, einfach auf dem begehbaren Kühlschrank aka Terrasse fallen lasse und somit der Bereich hinter der Terrassentür über mehrere Quadratmeter mit Tüten und Taschen voll unsortiertem, ungewaschenem, generell unversorgtem Zeug steht und mich maßlos überfordert. Das kann so nicht weitergehen, aber um etwas daran zu ändern, brauche ich Hilfe. Die bekomme ich von R nicht, also muss Becci ran.)

Ein kleineres Drama mit R gestern Abend brachte mich zu der Erkenntnis, dass es um R’s Geisteszustand nicht besser bestellt ist als um meinen, was einerseits (im ersten Moment könnte dies paradox wirken) auf mich beruhigend wirkt (aber wenn man bedenkt, dass somit die Hoffnung besteht, dass er es schaffen könnte, sich irgendwann aktiv um mich zu kümmern, wenn es ihm besser geht, und ich von der ganzen emotionalen Arbeit einfach mal Pause hätte, wird deutlich, warum ich erleichtert bin zu erfahren, dass dies gerade nicht sein Top-Zustand ist), andererseits allerdings Grund zu großer Sorge darstellt, weil er den Eindruck machte, als seien seine Sicherungen permanent kurz vor dem Durchbrennen. Meines Erachtens braucht er Hilfe, die ich ihm nicht geben kann, weil er sie nicht möchte. Wie bekommt man jemanden dazu, sich professionellen Beistand beim eigenen Seelemanagement zu holen, wenn sein Problem gerade darin besteht, dass er sich aus Angst vor Überforderung weigert, sich mit sich selbst auf die dafür notwendige intensive Art auseinanderzusetzen? Vielleicht frage ich mal die Therapeutin.

Ja, ich frage sie definitiv mal.

Year of the Finger

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Ach, ich Riesendepp. Ein Glück habe ich nochmal in meinen Kalender geguckt, bevor ich rausgehen wollte. So habe ich gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass ich nicht heute um drei bei Marthe sein muss, sondern nur morgen. Dodged a bullet there.

Das heißt also, dass ich umsonst zwei Schlucke Ouzo getrunken habe (Konversationsunterricht macht man – wobei ich ausdrücklich über mich selbst spreche und das kein allgemeiner Ratschlag sein soll – am besten ganz minimal alkoholisiert, zumindest mit denjenigen Schülern, mit denen es einem schwerfällt, auf andere Art einen Gesprächs-Flow zu entwickeln) und auch meine Bemühungen, mich öffentlichkeitsfähig zu gestalten (Lippenstift, dezentes Augenmakeup) nun eben meinem Computerbildschirm zugutekommen.

Das heißt dann wohl auch, dass ich weiter fleißig sein muss. Ich habe mir vorhin wieder mal ein Kapitel der Lerntherapieunterlagen vorgeknöpft, das ich dann jetzt zu Ende lesen kann. Neunzehn Unbabel-Tasks warten auch noch auf mich (beziehungsweise ich auf sie; vorhin war sehr zum Leidwesen des disziplinierten Teils meiner Persönlichkeit nur ein einziger Auftrag verfügbar), und eventuell ruft mich Malte später noch an, der gerade wohl ein paar Schicksalsschläge mittelschweren Ausmaßes erlitten hat und ganz mitgenommen mir heute Früh mitteilte, er hätte jetzt erstmal genug von Menschen.

Insgesamt werde ich heute also unfassbar produktiv gewesen sein. Die erste Hälfte des Tages konnte sich nämlich auch schon sehen lassen, da ich um neun bei der Therapeutin war, um halb elf (diesmal wirklich) aus der Kirche ausgetreten und um kurz vor schon wieder daheim – und zwischendrin noch schnell einen weiteren Eimer Altglas weggefahren habe.

Ich bin nämlich heute von der Therapeutin darauf gebracht worden, wie ich vielleicht der Lähmung entkommen kann. Daraufhin kam ich unsagbar motiviert da raus und habe mir auf dem Nachhauseweg Gedanken darüber gemacht, ob und wie das umzusetzen ist. Die Idee ist folgende:

Gelähmt werde ich durch eine Art Zwang, der mir vorschreibt, wie die Dinge zu tun sind und in welcher Reihenfolge. Tue ich eins der Dinge nicht und der Zwang (verbildlicht durch einen erhobenen Zeigefinger, der unter Anderem auch für das schlechte Gewissen, den Perfektionsanspruch, die Selbstkritik etc. zuständig ist) stuft es als besonders wichtig ein, blockiert dies alle dahinter wartenden anderen Dinge, die auch erledigt werden wollen. Ich komme nicht an der Blockade vorbei, renne gegen Wände, tue schließlich gar nichts und fühle mich als Verliererin gegen den Zeigefinger, welcher das wiederum fröhlich aufgreift. Ich soll nun daran arbeiten, den Zeigefinger nicht unbedingt bekämpfen zu wollen. Wenn ich nicht gegen ihn arbeite, nur weil seine Methoden mir nicht gefallen, sondern ihn als Teil meiner selbst ernst nehme und auch mal kompromissbereit auf ihn zugehe, fühlt er sich vielleicht akzeptiert und hört seinerseits auf, mich so zu drangsalieren. Ich soll also begreifen, dass wir uns auch gut tun könnten gegenseitig, der Finger und ich. Wie sagte die Therapeutin so zutreffend: „Es ist überhaupt nicht schlimm. An Zwanghaftigkeit ist noch keiner gestorben.“

Und da das eine Einstellungssache ist, an der man tatsächlich ganz einfach selbst arbeiten kann, halte ich es für umsetzbar und habe das nächste Jahr probehalber zum Jahr des Zeigefingers erklärt. Wenn er mich so nervt, wird er schon seine Gründe haben. Solange er nicht wieder anfängt, mir das Laufen auf der Rolltreppe verbieten zu wollen, oder ähnlichen Humbug anstellt, kann es vielleicht gar nicht schaden, dieser Seite von mir einfach mal Beachtung zu schenken.

Episode Zigtausend: My Random Rumfass

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Vieles ist passiert. Ich war auf Martinique. Ich kam wieder zurück. Mike hat eine Woche hier gewohnt. Es wurde kalt. Ich habe meine beiden Scribbr-Probeaufträge geschafft. Ich war auf dem Konzert von Frank Turner in Wiesbaden. Ich hatte einen furchtbaren Durchhänger, der in einem kleineren Stimmungstief / Heulanfall kulminierte. Ich habe sehr viel Scrubs in sehr wenig Zeit geguckt. Ich habe mich zusammengerissen, geduscht und Staub gesaugt. Mir wurde von Seiten der Therapeutin geraten, die Medis etwas hochzudosieren. Ich habe eine Mail an das Finanzamt geschrieben.

Das war jetzt halbwegs chronologisch, die letzten beiden Punkte haben sich gerade erst ereignet.

Was noch? Bei mir im Wohnzimmer steht jetzt ganz random ein enormes halbes Holzfassregal. Die andere Hälfte hat Yannick, was hätte ich mit einem ganzen Fass auch anfangen sollen. Es gehörte wohl mal zur Inneneinrichtung eines unserer Containerspots, ist mit „Campo Viejo“ bedruckt und eignet sich allerbestens als Alkoholregal (worauf mich allerdings erst Becci bringen musste). Problem: es fehlt der Platz. Die Umräumaktion steht eh an, wenn wir endlich das Klavier von R’s Eltern bekommen, was hoffentlichst im Januar der Fall sein wird. Dann sollte sich auch für das Fass ein Platz finden. Bis dahin muss es wohl weiter random im Raum stehen.

Ich habe außerdem weiter fleißig auf dem Keyboard geübt, um für den Fall gewappnet zu sein, dass das Klavier tatsächlich mal auftauchen sollte. Damit habe ich in meiner letzten Down-Phase angefangen und es seither weitestgehend beibehalten. Ich habe mir bereits etliche Stücke wieder aufgewärmt und sogar schon eines „gelernt“, an das ich mich gar nicht mehr erinnern konnte, eine Prélude von Chopin. Mein letzter Neuzugang war das Wächterlied von Grieg. Nun arbeite ich am Titelsong von Forrest Gump.

Die beste Nachricht überhaupt aber kommt jetzt erst: Murat wird gepfändet. Seitdem er seinen Prozess gegen R verloren hat, hat er weder reagiert noch gezahlt, sodass nun sein Konto geplündert wird. Oh, wie ist das herrlich. So lange hat man sich gefragt, wie die Welt so gowaiverdammt ungerecht sein kann, dass Menschen wie Murat darin unbehelligt ihre krummen Dinger drehen können. Und nun, endlich, endlich. Justice.

Ich gehe mich mal um meine Pflanzen kümmern. Das können sie gut gebrauchen, nachdem ich die ganze letzte Woche nichts für sie getan habe. Ach, schön ist das, mal wieder etwas produktiv zu sein.

After Work

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Seit Jahren habe ich kein Buch mehr gekauft. (Wozu, wenn es öffentliche Bücherregale gibt.) Tatsächlich waren die letzten Bücher, die ich mich erinnere wirklich bestellt zu haben, ein fehlgeleiteter (und -geschlagener, wenn man der Tatsache ins Auge sieht, dass ich über ein-zwei Kapitel bis jetzt noch nicht hinausgekommen bin) Versuch, mich als zukünftige Linguistin irgendwie auch mal in die Materie einzufühlen, in Form von ein paar Büchern. Von Ebay.

Und, wie mir eben wieder einfiel und ich der Wahrheit zuliebe nicht unterschlagen möchte, Ende letzten Jahres auf dem Hausflohmarkt habe ich „Hija de la fortuna“ von Isabel Allende mitgenommen. Also gut, ein Buch zwischen 2014 und jetzt.

Jetzt allerdings haue ich dafür richtig rein, immerhin habe ich dasjenige Buch, das mir Dienstag Abend in die Hände fiel, heute bereits zum dritten Mal gekauft. Das erste für mich. Das zweite für meine Mutter. Und das dritte für Becci, die gestern Geburtstag hatte.

Es handelt sich um Tobis Buch, und es ist (um es mit der PARTEI zu sagen) sehr gut.

Ich hatte es vorbestellt, weil ich Tobi mal kennengelernt habe und seitdem davon überzeugt bin, dass er grandios ist. (Er darf das niemals erfahren, weil unsere Begegnung aus einer einzigen Unterhaltung beim 2013er Foodsharing-Bundestreffen bestand und es wahrscheinlich leicht creepy wirkt, wie ich über ihn rede.) Er hatte zu dem Zeitpunkt gerade mit dem geldlosen Leben angefangen, reiste durch die Gegend, hielt Vorträge und leuchtete. Ich beschreibe ihn seit diesem Zeitpunkt als einen leuchtenden Menschen, und ich werde es weiter tun, und sei es noch so creepy. Der Mensch hat mich nachhaltig beeindruckt, mit einem Wesen, das dich umwirft, weil man solche Menschen auf dieser Welt fast nicht erwartet. Naja, seitdem habe ich auf Facebook am Rande mitbekommen, was er alles so tut, und das ist eine Menge, und unter Anderem fing er irgendwann an, „After Work“ zu schreiben. Und da das mit der Arbeit bei mir im Kopf ja auch so eine Sache ist…

Es war wundervoll – ich bin vorhin damit fertiggeworden – und ich habe mich dabei gefühlt, als hätte er mein Hirn in seinen Stift gefüllt und damit geschrieben, wenn man das nun versteht und nicht ganz makabere Bilder davon in den Kopf bekommt. (Wenn doch, gern geschehn.) Ich befinde mich an einem Umbruchpunkt gerade, an dem ich erstmals im Leben in Erwägung ziehe, mit meinen Gefühlen vielleicht Recht zu haben. Die Therapiestunde heute Früh war extrem wertvoll und hat dazu ebenfalls beigetragen. (Und die Therapeutin meinte, sie würde sich ebenfalls für das Buch interessieren. Vielleicht habe ich Tobi und dem Verlag also schon 60€ Einnahmen beschert, von denen mit hundertprozentiger Sicherheit genau so viele Prozent in Sinnvolles fließen.) Es kommt alles zusammen.

Ich habe heute von der Existenz solidarischer Krankenversicherungen erfahren.

Warum sagt einem sowas niemand?

Oh, und ich habe tatsächlich Einsichten erhalten, warum ich „so“ bin.

Und die Bilder haben tatsächlich dabei geholfen.

Talk to the hand

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Ohne mich noch großartig zu nötigen, wirklich etwas Inhaltsvolles von mir zu geben, möchte ich trotzdem schnell meine To-Dos für morgen manifestieren:

  • Nähzeug zurück in die Schränke befördern
  • Rausfinden, was mit meiner Nähmaschine los ist
  • Briefmarken runterladen und ausdrucken
  • Ebay-Sendung und Handytasche auf den Weg bringen (letztere gesetzt den Fall, dass der Mensch, der sie in Auftrag gegeben hat, bis dahin das Geld hat rüberwachsen lassen)
  • mindestens 50 Sachen aufräumen
  • Unbabel-Stunden ausrechnen und Camila schreiben
  • saubere Wäsche verstauen
  • staubsaugen
  • Bild vom Chrysler Building reparieren
  • Restliche Containerreste aus der Garage räumen (außer natürlich den Schrank)
  • Keyboard spielen
  • Keller für den Schrank präparieren
  • Chillen und Scrubs gucken

…und wenn ich das alles schaffe, kann ich stolz auf mich sein.

Und wenn ich nichts davon schaffe und nur gelähmt rumhänge, dann.. meine Güte, dann ist das halt so.

Ich wurde heute Früh von der Therapeutin dazu aufgefordert, die Lähmung zu konkretisieren. Beziehungsweise den Druck, den ich mir mache, der zu der Lähmung führt. Das Gewissen, das kaum einen Augenblick Ruhe gibt und gefühlt immer schlimmer wird, das mir nicht erlaubt, ein Leben in einem Zustand innerer Ruhe zu leben, bis ich es nicht „auf die Reihe bekomme“, bis ich keine „Arbeit“ habe und keinen „Beruf“.

Ich halte vom Konkretisieren wenig und vom Verbildlichen überhaupt nichts und habe dies auch die Therapeutin wissen lassen. Diese war heute allerdings sehr gefangen in ihrer Therapeutenwelt und wollte nicht davon ablassen, ich solle dem Ding einen Namen geben und mit ihm kommunizieren. Ich nannte es dann „die Hand“, einfach weil es sich wie ein Klammergriff um meinen Brustkorb schnürt oder mich von oben erdrückt oder wahlweise beides, you get the picture. Ich habe irgendwann stumpfsinnigerweise dazu noch einen Eiskaltes-Händchen-Witz gemacht, der daher stumpfsinnig war, weil die Therapeutin ganz offensichtlich in ihrem Leben keine Folge Addams Family gesehen hat.

Jedenfalls wollte sie dann, dass ich mit der Hand kommuniziere, und fragte mich, angetrieben von ihrem Symbolisierungs- und Konkretisierungsschub, ob ich eigentlich gerne male. Ich habe sie bei der Gelegenheit wissen lassen, dass ich seit sieben Jahren schon mal einen Quetzal malen wollte. Sie wusste nicht, was das ist. Ich bin dafür, dass jedem Menschen irgendwann beigebracht werden sollte, was ein Quetzal ist. Mission für die Therapeutin erfüllt.

Ich kann jedenfalls nicht mit der Hand reden. Ich wüsste nicht wie. Aber vielleicht erfahre ich es ja nächste Woche, wenn ich eine Hand und einen Vogel gemalt habe.

Was lange währt

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Etwas Unglaubliches ist geschehen. Eigentlich ja schon am Anfang des Monats, aber gerade hat es nochmal besonders gut funktioniert: Ich kann Eva Cassidys Version von Kathy’s Song spielen.

Das hat nun ein halbes Jahr gedauert, was einiges über die Anzahl und Dauer meiner Motivationsschübe diesbezüglich aussagen dürfte, aber jetzt ist es soweit. Es hat unendlich Geduld gebraucht, bis ich das ganze Gezupfe so weit auswendig konnte und richtig verinnerlicht hatte, dass ich auch nur daran denken konnte, dazu mit Text zu singen. Aber ich bin glücklich: es ist vollbracht.

Überhaupt bin ich zufrieden mit mir. Ich habe gestern an diesem langen, grauen freien Tag nicht nur weitere 30 Dollar bei Unbabel verdient (wo ich Anfang der Woche nach langer Überwidungszeit angefangen habe, aktiv zu werden), sondern auch, statt zu versacken, ganz viel aufgeräumt, gesaugt und sogar die Fensterscheiben in der Wohnzimmer-/Terrassentür geputzt und später, während ich mit Malte telefoniert habe, ein paar Löcher in diversen Kleidungsstücken zugenäht und mein Haarbänder-Band repariert, welches mir die Tage auseinandergefallen war (wie es das alle Jubeljahre mal tut, weil der Druckknopf irgendwann vom Band abreißt).

Und heute habe ich mich in der Therapiesitzung ganz gut angestellt, glaube ich, und auch das macht mich froh. Ich musste (bzw, ich wollte) mich in das letzte Drama mit meiner Mutter hineinversetzen und die Therapeutin hat eine Art Rollenspiel mit mir veranstalten wollen, in dem ich meine Mutter darstellen sollte. Das Problem (und das Frustrierende) war dann, dass ich beim besten Willen das Gespräch nicht mehr zusammenbekommen habe, und selbst das, woran ich mich erinnert habe, nur sehr oberflächlich wiedergeben konnte. Sie meinte, ich würde es gut machen, aber ich wusste ja (da ich leider auch Zeugin des Original-Ereignisses war), dass da so einiges auf der Strecke blieb und ich nicht gerade eine schauspielerische Glanzleistung vollbrachte. Erst als ich zu dem Punkt mit der Weinflasche kam, habe ich Zugriff auf (zumindest mal) meine eigenen Emotionen bekommen. Sie machte mir erneut Komplimente für meine Verdrängungsskills und ließ mich die Situation von außen analysieren. Das konnte ich besser. Wer hätte es gedacht.

Nun soll ich es irgendwie hinbekommen, Dinge, die ich verdränge, ans Tageslicht zu befördern. Ich würde das sehr gerne tun. Es ist halt nur nicht so einfach, wenn du nicht weißt, wie du drankommen sollst. Aber da ich es wirklich schon ein paarmal geschafft habe mittlerweile, sogar während der Sitzungen manchmal in Tränen auszubrechen (was, so idiotisch sich das anhört, für mich ein gutes Zeichen ist), hege ich die Hoffnung, das in Zusammenarbeit mit der Therapeutin hinzubekommen. Und eine Möglichkeit zu erarbeiten, mit dem, was sich dann zeigt, gescheit umzugehen.

Nächstes Thema: Ominöse Nachricht von Basti, die ich heute erhalten habe. Ich könne ihn nicht besuchen diesen Monat, aber er würde gern zu mir kommen. Das sei nicht möglich, solange er noch bei Vivi in der WG wohne. Er sei in eine doofe Lage geraten. Er hätte vielleicht einfach auf Niklas und mich hören sollen.

Wenn Basti sich von Vivi trennt, mache ich drei Kreuze im Kalender. Sie hat zwar einerseits auf ihn einen ausgezeichneten Einfluss – er ist inzwischen Veganer, hat sich Dreads machen lassen, denkt über Umwelt und Nachhaltigkeit nach, tobt sich in der WG mit Bauprojekten aus, raucht weniger Tabak, hängt weniger bis gar nicht mehr im Contrast. Aber die andere Seite ist gruselig: Die WG ist von militanten Veganern bevölkert, die kein nicht-veganes Essen in den Kühlschrank lassen – ob gerettet oder nicht. Vivi stellt ihre Depression offen zur Schau und scheint sich kein bisschen Mühe zu geben, ihn damit nicht zu belasten. (Okay, dieser Punkt ist meinerseits der blanke Neid. Wie gerne hätte ich dieses Leben. Mir geht’s nicht gut und die ganze Welt dreht sich sofort um mich. Ich geb‘ es ja zu. Ich will das auch. Stattdessen bin ich mit R und meiner Mutter gesegnet und nichtmal in der Lage, vernünftig bescheidzusagen, wenn ich gleich abkratze.) Sie wird zickig, wenn sie kein Gras mehr hat. Aber noch schlimmer: Sie ist der eifersüchtigste Mensch unter der Sonne und macht Basti ein schlechtes Gewissen, wenn er mit weiblichen Menschen rumhängt. Nichtsdestotrotz war sie es, die direkt am Anfang der Beziehung vor seinen Augen im Contrast mit einem anderen Typen rummacht. YAY, ich sag’s dir. Und natürlich, ihre Eltern sind stinkreich. Ja, natürlich, auch hier schlägt der Neid durch. Aber pass auf. Während sie also zu Hause den Hippie raushängen lässt, hat sie kein Problem damit, sich von ihren Eltern ein Auto finanzieren und Urlaube bezahlen zu lassen (sagt diejenige, die mietfrei in der Wohnung ihrer Eltern wohnt und deren Großeltern ihr die Elektrifizierung ihres Fahrrads ermöglicht haben, I know) und, jetzt kommt’s, sich regelmäßig mit ihrer Mutter in einem Zürcher 5-Sterne-Hotel einzuquartieren und erstmal ein Wochenende shoppen zu gehen. Ehrlich gesagt ist das für mich fast von allen Punkten der schlimmste. Shoppen in der Schweiz. Whoa. Die Schaumkrone der Dekadenz. Weil man als vermeintlich nachhaltig orientierter Mensch sonst nichts mit seinem Geld anfangen kann.

Genug gerantet. Erstmal abwarten, was los ist.

Ruhe nach dem Sturm

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Es war das heftigste Gewitter meines bisherigen Lebens. R weckte mich auf, ich weiß gar nicht mit welcher Absicht, und ich, mir der Situation gewahr werdend, aber schlafentrissenerweise noch ohne viel Zugriff auf meine artikulatorischen Fähigkeiten, sagte „Der Flokati.“

-„Ist er draußen?!“

„Ja.“

„Also ich hol den nicht rein jetzt.“

„Nein! Aber unter den… das… Wie heißt das denn.. unter den Balkon, den von obendrüber, unters Dach!“

R machte unbegeisterte Geräusche. Dann musste ich halt selber ran. Entnervt schwang ich mich aus dem Bett – nenn mich sexistisch, aber während ich gut darauf verzichten kann, dass man mir Türen aufhält, Spinnen entfernt oder teure Geschenke macht, bin ich der Meinung, dass es zu den Dingen gehören sollte, die mein Freund für mich bereit ist zu tun, sich im schlimmsten Regen des Jahrtausends auf den Balkon zu bewegen und einen Teppich ins Trockene zu bringen. Aber nein, R meint dies nicht, also stürzte ich mich selbst in die Fluten und positionierte bei der Gelegenheit auch gleich die Eimer unterhalb des übernachbarlichen Balkonrandes (ich habe nie von dieser Fehlkonstruktion berichtet, aber dieses Haus ist auf eine solche Weise erbaut, dass bei Regen aus zentral im Rand angebrachten Abflüssen aller über uns liegenden Balkone kaskadenweise das Wasser auf den unsrigen herabströmt, welcher nicht mit einem derartigen Abfluss gesegnet ist, sondern Abflussmöglichkeiten besitzt, welche unter den Bodenplatten liegen und größtenteils blockiert sind, egal, wie gründlich man die Fugen reinigt. Go figure, wo sich das ganze Wasser demzufolge ansammelt). Durch die Blitze wurde es sekundenweise taghell; ich habe noch nie so helle Blitze erlebt.

Ich war durchnässt und zitterig, als ich wieder reinkam, legte mich zurück ins Bett und beobachtete mit R die auf der Straße bergabwärts strömenden Wassermassen, erfreute mich an der tropisch anmutenden Intensität des Gewitters, bewunderte die Blitze und sorgte mich um meine Pflanzen.

Dementsprechend groß war vorhin meine Erleichterung, als ich begeistert feststellte, dass keinem Pflänzchen auch nur ein Stielhaar gekrümmt worden war. Die Guten sind doch allesamt widerstandsfähiger, als ich sie eingeschätzt hatte; sogar die zarten Zimtbasilikumstängelchen waren unversehrt. Der Regen hat ihnen allen einfach nur gutgetan; man kann förmlich zusehen, wie sie in die Höhe schießen und gedeihen. Ich habe die prächtigsten Tomaten, die ich je besessen habe. Ringelblumen wuchern überall. Der Kürbis explodiert förmlich. (Es kann auch eine Melone sein. Ich weiß wirklich nicht, wie ich die beiden in diesem fruchtlosen Stadium auseinanderhalten soll, also warte ich einfach ab, was die jeweiligen Pflänzchen irgendwann so hervorbringen.) Die Zinnien fangen an zu blühen, rot und pink bislang. (Eine Zinnie fiel meiner viertägigen Abwesenheit zum Opfer, als es heiß wurde und R’s Vernachlässigung meine Balkonbepflanzung auf harte Proben stellte. Zum Glück war sie die einzige, die dran glauben musste.) Der Topinambur ist bald größer als ich, und die Kartoffelhecke macht sich hervorragend an der wenig dekorativen Balkonmauer. Die Azorenpflanzen entwickeln sich zu wahren Juwelen, und ich kann es nicht abwarten, bis sie blühen. Die Physalis mit ihren gesunden, samtweichen Blättern sieht genau so aus, wie sie sein soll. Pfefferminze wuchert wie ein Wald, die vom Brandt geschenkten Zucchini haben tausend Knospen, Schalen mit Genoveserbasilikum und Oregano treiben und grünen, Wildblumen sprießen in Scharen. Und zwischendrin tummeln sich Zitronenbasilikum und kleine Löwenmäulchen und warten auf ihre Chance, dem Schatten der Großen zu entwachsen. Noch keinen Junianfang hatte ich eine so vielversprechende Ansammlung an Pflanzen. Ich freue mich wahnsinnig auf den verbleibenden Sommer.

Mein Urlaub neigt sich dem Ende zu; Montag fängt die Schule wieder an und somit mein letzter Monat mit Sophi; die Noten des schriftlichen Abis werden am 18. verkündet und ich bin hochgespannt. Gleichzeitig natürlich verdränge ich weiterhin wie ein Weltmeister die Tatsache, dass ich ab Juli ohne Schüler dastehe und daran dringend etwas ändern müsste, denn auch wenn ich mir im letzten Dreivierteljahr ein beruhigendes finanzielles Polster erarbeitet habe, lähmt mich die Angst vor dem Mangel an Einkünften. Ich bin in der Therapie daran am Arbeiten, diesen Druck zu verstehen und zu bändigen. Und sie bietet mir zudem die Möglichkeit, nachzuvollziehen, wie Dramen der Sorte „letztes Wochenende“ entstehen und vielleicht, irgendwann, was ich tun kann, um dies zu verhindern. (Das Drama zog auch vorbei, ähnlich dem Gewitter. Bloß dass im Gegensatz zu den reinigenden Qualitäten des Letzteren von den Dramen immer eine Spur bleibt. Oder eher: eine Narbe. Es bleibt eine Narbe.)

Ich will dir mal was sagen. Ich habe es über weite Strecken der vergangenen Jahre vermieden (und vermeide nach wie vor), mich mit meinen innersten Zweifeln und Konflikten aktiv auseinanderzusetzen; ich vermeide es, so gut es geht, und nicht aus freiem Willen, sondern weil irgendein Teil von mir es mir so vorschreibt. Ich habe Schwierigkeiten, mein Blögchen zu betreiben, weil mir nicht einfällt, was ich schreiben könnte, während die Sachverhalte mir nicht zugänglich sind, die es wert wären, sich damit zu beschäftigen. Daraus ergibt sich dann die (berechtigte) Befürchtung, ein falsches Bild zu vermitteln, und daraus wiederum der Unwille, überhaupt etwas zu schreiben. Ich habe ewig gedacht, es läge daran, dass ich nicht mehr alleine wohne und die Zeit für Anderes aufwenden möchte, aber eigentlich ist es alles nur Teil eines gigantischen Verdrängungsmechanismus. Ich bin mir nicht sicher, was mit dieser Feststellung nun anzufangen ist, aber ich bin jedenfalls froh, sie gemacht zu haben.