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Bevorstehende Busfahrten und schwer erziehbare Anteile

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Mein Bus in die Schweiz geht um 1.50 Uhr. Ich muss noch einige Sachen einpacken, aber im Großen und Ganzen bin ich für die Reise gerüstet. Entgegen meiner Gewohnheit habe ich mir vor zwei Stunden noch einen Kaffee einverleibt; mit meiner Geschichte riskiert man vor Nachtreisen am besten so wenig Müdigkeit wie möglich.

R ist, wie auch gestern schon, besonders entgegenkommend in seiner Abendplanung und hat sich lediglich die letzten zwei Stunden zum Lernen verkrümelt. Ich habe derweil einfach weiter Dark-Bingewatching betrieben und wenn ich ihm gleich bescheid gebe, dass ich mit der Folge fertig bin, kommt er und wir verbringen noch etwas Zeit zusammen. Dann wird er irgendwann ins Bett gehen und ich muss die letzte Stunde, bis ich losfahre, allein warten.

Die Therapeutin sagte heute, ich müsse die Moderatorenrolle gegenüber diversen meiner miteinander in Konflikt stehenden Anteilen wieder einnehmen, sonst würde alles aus dem Ruder laufen. Eine unangenehme Wahrheit, welcher mich zu stellen ich mir in der nächsten Zeit dringend zur Aufgabe machen sollte.

Unerhört…

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Das Bier hat mich angelogen. Ich habe am Nachmittag meine Welde-Flasche gefragt, ob ich im weiteren Verlauf des Tages noch motiviert werden würde, einen Blogeintrag zu schreiben, und der Deckel hat ‚ja‘ gesagt.

So ein Quatsch. Ich bin nicht motiviert, sondern müde und furchterfüllt angesichts der Tatsache, dass ich morgen früh aufwachen muss. Ein Glück ist der Kaffee schon fertig.

Und ich freue mich darauf, mit der Therapeutin zu reden. Meine Medi-Ausschleich-Aktion verläuft weiterhin erfolgreich, aber ich kann nicht behaupten, dass die mittlerweile 80-prozentige Reduzierung der Dosis sich nicht ab und an bemerkbar macht. Da jemanden zu haben, mit dem man sich kurzschließen kann, ist mir schon enorm wichtig.

Also dann, ich sollte schlafen gehen.

Gemächlich

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Meine To-Do-Liste ist gewaltig, aber ich lasse mir Zeit. Gestern und heute habe ich jeweils ein paar Punkte davon abgearbeitet: Menschen antworten, Dinge bestellen, aufräumen, Müll rausbringen, Weihnachtsdeko zurück in den Keller verbannen.

Arbeiten steht dagegen noch gar nicht auf der Liste, obwohl mir bewusst ist, dass ich demnächst auch damit wieder anfangen sollte. Die Therapeutin hat ein Wunder vollbracht – in Zusammenarbeit mit ihr habe ich eine ganz und gar veränderte Sichtweise darauf entwickelt, dass es mir streckenweise unmöglich ist, mich zum Arbeiten zu motivieren. Immer und immer wieder hat sie mir die gleichen Fragen gestellt, wenn ich ihr von der Lethargie berichtet habe, mit ihrer bestechenden, simplen Logik: Ob ich denn finanzielle Probleme hätte. Nein, die habe ich nicht. Ob ich denn nicht immer zuverlässig funktioniert hätte, wenn es wirklich drauf ankam. Doch, das habe ich. Ob ich denn zum Zufriedensein mehr bräuchte, als ich habe. Nein, eigentlich nicht.  Was dann mein Problem sei. Ich weiß es nicht. Ich habe das Gefühl, nicht genug zu tun. Alle Anderen arbeiten mehr als ich. Ob das denn ein Maßstab sei. Nein, natürlich nicht.

So einfach. Ich hätte natürlich gern mehr, als ich habe. Ein Haus, ein Grundstück. Aber das ist mit meinen momentanen Mitteln utopisch, weshalb ja auch die Motivation nicht da ist, darauf hinzuarbeiten. Da greift die Idee mit dem Psychologiestudium. Diese mir überhaupt zu erlauben ist mir auch nur dank der Therapeutin gelungen. Die Vorstellung, in diesem Leben nochmal einer sinnstiftenden Erwerbstätigkeit nachzugehen, die mich erfüllen und Anderen nützen könnte – faszinierend. Dafür darf ich zehn Jahre einplanen, bis es soweit ist. Aber so, wie R seine Berufung zum Informatiker halt auch nicht mit 20 gefunden hat, verläuft mein Dasein ebenso in eigenwilligen Windungen und Wendungen. Warum auch nicht. Besser spät als nie.

Der Zwiebel dienen

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So. Nachdem ich gestern leider arbeiten – Scorpion gucken – arbeiten – Scorpion gucken – arbeiten – zocken – Boggle spielen musste, blieb leider keine Zeit fürs tägliche Pflanzenauflisten. Dafür heute wieder:

11 – 15

Echter Thymian (Thymus vulgaris – Lamiaceae)
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Walderdbeere (Fragaria vesca – Rosaceae)
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Marokkanische Minze (Mentha spicata var. ‚Marokko‘ – Lamiaceae)
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Gewöhnliche Wiesen-Schafgarbe (Achillea millefolium – Asteraceae)
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Nelken-Leimkraut (Silene armenia – Carophyllaceae)
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Ich kann dahingehend außerdem berichten, dass heute die erste Blüte meiner Canna aufging und ich mich freue wie nur was – sie ist so prächtig, ich bin so froh, sie zu haben, und die Samen gehen bei Ebay weg wie warme Semmeln.

Ich bin allgemein ziemlich froh. So, wie’s grad läuft, kann es ruhig weiter laufen – ich komme mit meiner Arbeit klar, mit meiner Mutter, mit R sowieso, mit meinem Dasein im Allgemeinen. Der Therapeutin hatte ich vorhin jede Menge Positives zu berichten. Der Rest fällt kaum ins Gewicht. Meine Motivation für Tasks außerhalb des Notwendigen hält sich in Grenzen, aber (Achtung, Sarah-Lesch-Referenz) immerhin hält sie sich. Ich hab‘ von Şahin geträumt, aber das ist mir auch egal. Heute ist alles ganz ruhig.

Nun widme ich mich allerdings mal wieder meiner etablierten Routine: Scorpion gucken und dabei frühstücken – arbeiten – Scorpion gucken – arbeiten.

Auferstanden aus Ruinen – Texte, Menschen.

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Noch gute zehn Seiten und ich bin fertig mit diesem Grottentext. Oh, wie ich Studenten mittlerweile verachte… zumindest diejenigen, deren Abschlussarbeiten ich praktisch neu schreiben darf, während sie im wahrsten Sinne die Credits dafür einheimsen. Worthülse für Worthülse fällt der unerbittlichen Zerstörungskraft meiner Delete-Taste zum Opfer. Satzruine um Satzruine baue ich um, werte ich auf, mache ich lesbar für Augen, die mindestens so empfindlich sind wie meine.

Das ist anstrengend, das ist frustrierend, das ist auch irgendwo einfach wahnsinnig ungerecht. Aber natürlich kann ich mich nicht beschweren – ich mache diese Arbeit gut, ich mache sie zumindest so gern, dass ich nicht dabei verkomme, und ich habe keine Alternative. Was ich habe, ist alle Flexibilität der Welt und – essenziell für mein Funktionieren in jeder Hinsicht – meine Selbstbestimmung. Und noch dazu, wenn das auch definitiv eine untergeordnete Rolle spielt bei dem Niveau, das diese Texte haben größtenteils, die Möglichkeit, in verschiedenste Themen Einblicke zu bekommen. Noch dazu – viel interessanter eigentlich – in die Leben und Köpfe verschiedenster Menschen.

Ja, im Großen und Ganzen will ich wirklich nicht meckern.

So nebenbei:

  • Basti ist Vater geworden; sein Sohn kam am 3. Mai auf die Welt. Alles gut soweit.
  • Ich hatte die letzte Woche über freundlichen Besuch von einer Blasenentzündung, die mittlerweile (ich hoffe!) kaum noch spürbar, aber auch noch nicht ganz verschwunden, in den allerletzten Zügen hängt.
  • Ich habe so absolut keine Lust auf diese Bolivienreise, aber ich weiß natürlich, dass sich das ändern wird, sobald ich sie antrete.
  • Ich werde zuvor zwei Tage in Konstanz verbringen, um Basti, Mats und Alina zu besuchen. Basti bringt mich von dort aus nach Frankfurt zum Flughafen.
  • Übermorgen bin ich ebenfalls in Frankfurt, ein Umstand, den ich gerne mal vergesse, weil alles, das nicht Gegenwart ist, momentan gnadenlos ausgeblendet wird. Aber es ist das Glen-Konzert in der alten Oper, zu dem ich mit Becci und Cornelia gehe, und ich sollte mich freuen. Freue dich gefälligst.
  • Nächste Woche treffe ich mich mit Caro, die auf Heimatbesuch nach Deutschland kommt, in Karlsruhe. Wir gehen im Hans im Glück essen und – tatsächlich – darauf freue ich mich. (Wahrscheinlich weil es weder genug Umstände macht noch – anders als das Glen-Konzert – nah genug bevorsteht, um Panik zu erwecken.)
  • R ist dem Programmierwahn in Gänze verfallen und stürzt sich praktisch auf den Computer, sobald er nach Hause kommt. Gleichzeitig gibt er sich allerdings alle erdenkliche Mühe, unser gemeinsames Leben dabei nicht zu vernachlässigen, und ich habe mich meinerseits daran gewöhnt. Es ist also nach und nach ein wunderbares Equilibrium entstanden, in dem sich alle Parteien wohlfühlen – zumindest empfinde ich das so.
  • Ich habe gemeinsam mit der Therapeutin beschlossen, die Medis herunterzudosieren, wenn ich aus Bolivien zurück bin. Davor habe ich Angst, aber ich bin fest überzeugt, dass es sein muss. Ich fühle mich, als hätte ich in der Therapie alles erreicht, was im Rahmen der Abschirmung durch die Medis möglich war – now let’s tackle the real issues.

Vierzig Grad

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Ein bisschen komme ich mir vor wie im Delirium. So, als hätte ich richtig hohes Fieber, so eines, in dem alles irgendwie vorbeizuziehen scheint, man nicht schläft und nicht wach ist und ab und an die Realität für einen Augenblick ganz deutlich wird, um einem im nächsten schon wieder in unerreichbare Ferne zu entgleiten.

So gestaltet sich mein Leben seit Jahren, vielleicht ist daher auch mein Detailgedächtnis so überaus grottig geworden. Vielleicht liegt darin auch die Tatsache begründet, dass ich nie weiß, was ich der Therapeutin erzählen soll, wenn sie wieder fragt, was dieses Mal dran ist. Ich vergesse alles und existiere nur im Moment. Nur die Sorge um die Zukunft bleibt verlässlich an meiner Seite und sorgt dafür, dass ich mir allzeit darüber im Klaren bin, dass dieser eine Moment, der mir erhalten bleibt, nicht ausreicht für alles, das noch kommt.

Und vielleicht habe ich auch einen Grund ausfindig gemacht, aus dem mir die Motivation zum Schreiben zu großen Teilen abhandengekommen ist (neben dem bedauerlichen Umstand, dass Motivation, egal für was, einfach Mangelware ist), dass nämlich dem, was eigentlich gesagt werden müsste, Wörter einfach nicht gerecht werden, so sorgfältig man sie auch wählen möge. Götz Widmann hat ein Wunder vollbracht, als er genau dies in Worte gefasst und eine der raren Gelegenheiten geschaffen hat, in denen es doch gelingt – indem er eine ganz grundsätzliche Wahrheit auf so vollkommene Weise verbalisiert hat, dass die Formulierung sich selbst durch ihre Existenz Lügen straft: Die Worte sind Hülsen für was, was nicht in Hülsen passt.

Mein Fieber ist die Lethargie, die Lähmung, wie man es auch nennen mag, die Taubheit, die völlige Abwesenheit von Willenskraft, Energie oder Motivation, die absolute Nichtteilhabe am Leben oder an dem, was ich mir unter Leben vorstelle. Meine klaren Momente sind die, in denen ich tätig bin, fühle, lerne oder entscheide, oder vielleicht auch einfach diejenigen, in denen ich mich zu alldem zumindest fähig wähne.

Demnach bin ich gerade wach. Ich habe leichte Panik, die wohl daraus resultiert, dass ich mir verschiedene Dinge für heute vorgenommen habe und diese erledigen muss, bevor Becci ankommt. Dazu zählt Duschen, Pfand wegbringen, Wäsche versorgen und staubsaugen, und wenn Becci dann da ist, bitte ich sie um Hilfe beim Handling meiner Essenssituation. (Die Situation gestaltet sich solcherart, dass ich bereits seit Längerem alles Essen, das ich anschleppe, einfach auf dem begehbaren Kühlschrank aka Terrasse fallen lasse und somit der Bereich hinter der Terrassentür über mehrere Quadratmeter mit Tüten und Taschen voll unsortiertem, ungewaschenem, generell unversorgtem Zeug steht und mich maßlos überfordert. Das kann so nicht weitergehen, aber um etwas daran zu ändern, brauche ich Hilfe. Die bekomme ich von R nicht, also muss Becci ran.)

Ein kleineres Drama mit R gestern Abend brachte mich zu der Erkenntnis, dass es um R’s Geisteszustand nicht besser bestellt ist als um meinen, was einerseits (im ersten Moment könnte dies paradox wirken) auf mich beruhigend wirkt (aber wenn man bedenkt, dass somit die Hoffnung besteht, dass er es schaffen könnte, sich irgendwann aktiv um mich zu kümmern, wenn es ihm besser geht, und ich von der ganzen emotionalen Arbeit einfach mal Pause hätte, wird deutlich, warum ich erleichtert bin zu erfahren, dass dies gerade nicht sein Top-Zustand ist), andererseits allerdings Grund zu großer Sorge darstellt, weil er den Eindruck machte, als seien seine Sicherungen permanent kurz vor dem Durchbrennen. Meines Erachtens braucht er Hilfe, die ich ihm nicht geben kann, weil er sie nicht möchte. Wie bekommt man jemanden dazu, sich professionellen Beistand beim eigenen Seelemanagement zu holen, wenn sein Problem gerade darin besteht, dass er sich aus Angst vor Überforderung weigert, sich mit sich selbst auf die dafür notwendige intensive Art auseinanderzusetzen? Vielleicht frage ich mal die Therapeutin.

Ja, ich frage sie definitiv mal.

Year of the Finger

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Ach, ich Riesendepp. Ein Glück habe ich nochmal in meinen Kalender geguckt, bevor ich rausgehen wollte. So habe ich gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass ich nicht heute um drei bei Marthe sein muss, sondern nur morgen. Dodged a bullet there.

Das heißt also, dass ich umsonst zwei Schlucke Ouzo getrunken habe (Konversationsunterricht macht man – wobei ich ausdrücklich über mich selbst spreche und das kein allgemeiner Ratschlag sein soll – am besten ganz minimal alkoholisiert, zumindest mit denjenigen Schülern, mit denen es einem schwerfällt, auf andere Art einen Gesprächs-Flow zu entwickeln) und auch meine Bemühungen, mich öffentlichkeitsfähig zu gestalten (Lippenstift, dezentes Augenmakeup) nun eben meinem Computerbildschirm zugutekommen.

Das heißt dann wohl auch, dass ich weiter fleißig sein muss. Ich habe mir vorhin wieder mal ein Kapitel der Lerntherapieunterlagen vorgeknöpft, das ich dann jetzt zu Ende lesen kann. Neunzehn Unbabel-Tasks warten auch noch auf mich (beziehungsweise ich auf sie; vorhin war sehr zum Leidwesen des disziplinierten Teils meiner Persönlichkeit nur ein einziger Auftrag verfügbar), und eventuell ruft mich Malte später noch an, der gerade wohl ein paar Schicksalsschläge mittelschweren Ausmaßes erlitten hat und ganz mitgenommen mir heute Früh mitteilte, er hätte jetzt erstmal genug von Menschen.

Insgesamt werde ich heute also unfassbar produktiv gewesen sein. Die erste Hälfte des Tages konnte sich nämlich auch schon sehen lassen, da ich um neun bei der Therapeutin war, um halb elf (diesmal wirklich) aus der Kirche ausgetreten und um kurz vor schon wieder daheim – und zwischendrin noch schnell einen weiteren Eimer Altglas weggefahren habe.

Ich bin nämlich heute von der Therapeutin darauf gebracht worden, wie ich vielleicht der Lähmung entkommen kann. Daraufhin kam ich unsagbar motiviert da raus und habe mir auf dem Nachhauseweg Gedanken darüber gemacht, ob und wie das umzusetzen ist. Die Idee ist folgende:

Gelähmt werde ich durch eine Art Zwang, der mir vorschreibt, wie die Dinge zu tun sind und in welcher Reihenfolge. Tue ich eins der Dinge nicht und der Zwang (verbildlicht durch einen erhobenen Zeigefinger, der unter Anderem auch für das schlechte Gewissen, den Perfektionsanspruch, die Selbstkritik etc. zuständig ist) stuft es als besonders wichtig ein, blockiert dies alle dahinter wartenden anderen Dinge, die auch erledigt werden wollen. Ich komme nicht an der Blockade vorbei, renne gegen Wände, tue schließlich gar nichts und fühle mich als Verliererin gegen den Zeigefinger, welcher das wiederum fröhlich aufgreift. Ich soll nun daran arbeiten, den Zeigefinger nicht unbedingt bekämpfen zu wollen. Wenn ich nicht gegen ihn arbeite, nur weil seine Methoden mir nicht gefallen, sondern ihn als Teil meiner selbst ernst nehme und auch mal kompromissbereit auf ihn zugehe, fühlt er sich vielleicht akzeptiert und hört seinerseits auf, mich so zu drangsalieren. Ich soll also begreifen, dass wir uns auch gut tun könnten gegenseitig, der Finger und ich. Wie sagte die Therapeutin so zutreffend: „Es ist überhaupt nicht schlimm. An Zwanghaftigkeit ist noch keiner gestorben.“

Und da das eine Einstellungssache ist, an der man tatsächlich ganz einfach selbst arbeiten kann, halte ich es für umsetzbar und habe das nächste Jahr probehalber zum Jahr des Zeigefingers erklärt. Wenn er mich so nervt, wird er schon seine Gründe haben. Solange er nicht wieder anfängt, mir das Laufen auf der Rolltreppe verbieten zu wollen, oder ähnlichen Humbug anstellt, kann es vielleicht gar nicht schaden, dieser Seite von mir einfach mal Beachtung zu schenken.

Episode Zigtausend: My Random Rumfass

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Vieles ist passiert. Ich war auf Martinique. Ich kam wieder zurück. Mike hat eine Woche hier gewohnt. Es wurde kalt. Ich habe meine beiden Scribbr-Probeaufträge geschafft. Ich war auf dem Konzert von Frank Turner in Wiesbaden. Ich hatte einen furchtbaren Durchhänger, der in einem kleineren Stimmungstief / Heulanfall kulminierte. Ich habe sehr viel Scrubs in sehr wenig Zeit geguckt. Ich habe mich zusammengerissen, geduscht und Staub gesaugt. Mir wurde von Seiten der Therapeutin geraten, die Medis etwas hochzudosieren. Ich habe eine Mail an das Finanzamt geschrieben.

Das war jetzt halbwegs chronologisch, die letzten beiden Punkte haben sich gerade erst ereignet.

Was noch? Bei mir im Wohnzimmer steht jetzt ganz random ein enormes halbes Holzfassregal. Die andere Hälfte hat Yannick, was hätte ich mit einem ganzen Fass auch anfangen sollen. Es gehörte wohl mal zur Inneneinrichtung eines unserer Containerspots, ist mit „Campo Viejo“ bedruckt und eignet sich allerbestens als Alkoholregal (worauf mich allerdings erst Becci bringen musste). Problem: es fehlt der Platz. Die Umräumaktion steht eh an, wenn wir endlich das Klavier von R’s Eltern bekommen, was hoffentlichst im Januar der Fall sein wird. Dann sollte sich auch für das Fass ein Platz finden. Bis dahin muss es wohl weiter random im Raum stehen.

Ich habe außerdem weiter fleißig auf dem Keyboard geübt, um für den Fall gewappnet zu sein, dass das Klavier tatsächlich mal auftauchen sollte. Damit habe ich in meiner letzten Down-Phase angefangen und es seither weitestgehend beibehalten. Ich habe mir bereits etliche Stücke wieder aufgewärmt und sogar schon eines „gelernt“, an das ich mich gar nicht mehr erinnern konnte, eine Prélude von Chopin. Mein letzter Neuzugang war das Wächterlied von Grieg. Nun arbeite ich am Titelsong von Forrest Gump.

Die beste Nachricht überhaupt aber kommt jetzt erst: Murat wird gepfändet. Seitdem er seinen Prozess gegen R verloren hat, hat er weder reagiert noch gezahlt, sodass nun sein Konto geplündert wird. Oh, wie ist das herrlich. So lange hat man sich gefragt, wie die Welt so gowaiverdammt ungerecht sein kann, dass Menschen wie Murat darin unbehelligt ihre krummen Dinger drehen können. Und nun, endlich, endlich. Justice.

Ich gehe mich mal um meine Pflanzen kümmern. Das können sie gut gebrauchen, nachdem ich die ganze letzte Woche nichts für sie getan habe. Ach, schön ist das, mal wieder etwas produktiv zu sein.

After Work

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Seit Jahren habe ich kein Buch mehr gekauft. (Wozu, wenn es öffentliche Bücherregale gibt.) Tatsächlich waren die letzten Bücher, die ich mich erinnere wirklich bestellt zu haben, ein fehlgeleiteter (und -geschlagener, wenn man der Tatsache ins Auge sieht, dass ich über ein-zwei Kapitel bis jetzt noch nicht hinausgekommen bin) Versuch, mich als zukünftige Linguistin irgendwie auch mal in die Materie einzufühlen, in Form von ein paar Büchern. Von Ebay.

Und, wie mir eben wieder einfiel und ich der Wahrheit zuliebe nicht unterschlagen möchte, Ende letzten Jahres auf dem Hausflohmarkt habe ich „Hija de la fortuna“ von Isabel Allende mitgenommen. Also gut, ein Buch zwischen 2014 und jetzt.

Jetzt allerdings haue ich dafür richtig rein, immerhin habe ich dasjenige Buch, das mir Dienstag Abend in die Hände fiel, heute bereits zum dritten Mal gekauft. Das erste für mich. Das zweite für meine Mutter. Und das dritte für Becci, die gestern Geburtstag hatte.

Es handelt sich um Tobis Buch, und es ist (um es mit der PARTEI zu sagen) sehr gut.

Ich hatte es vorbestellt, weil ich Tobi mal kennengelernt habe und seitdem davon überzeugt bin, dass er grandios ist. (Er darf das niemals erfahren, weil unsere Begegnung aus einer einzigen Unterhaltung beim 2013er Foodsharing-Bundestreffen bestand und es wahrscheinlich leicht creepy wirkt, wie ich über ihn rede.) Er hatte zu dem Zeitpunkt gerade mit dem geldlosen Leben angefangen, reiste durch die Gegend, hielt Vorträge und leuchtete. Ich beschreibe ihn seit diesem Zeitpunkt als einen leuchtenden Menschen, und ich werde es weiter tun, und sei es noch so creepy. Der Mensch hat mich nachhaltig beeindruckt, mit einem Wesen, das dich umwirft, weil man solche Menschen auf dieser Welt fast nicht erwartet. Naja, seitdem habe ich auf Facebook am Rande mitbekommen, was er alles so tut, und das ist eine Menge, und unter Anderem fing er irgendwann an, „After Work“ zu schreiben. Und da das mit der Arbeit bei mir im Kopf ja auch so eine Sache ist…

Es war wundervoll – ich bin vorhin damit fertiggeworden – und ich habe mich dabei gefühlt, als hätte er mein Hirn in seinen Stift gefüllt und damit geschrieben, wenn man das nun versteht und nicht ganz makabere Bilder davon in den Kopf bekommt. (Wenn doch, gern geschehn.) Ich befinde mich an einem Umbruchpunkt gerade, an dem ich erstmals im Leben in Erwägung ziehe, mit meinen Gefühlen vielleicht Recht zu haben. Die Therapiestunde heute Früh war extrem wertvoll und hat dazu ebenfalls beigetragen. (Und die Therapeutin meinte, sie würde sich ebenfalls für das Buch interessieren. Vielleicht habe ich Tobi und dem Verlag also schon 60€ Einnahmen beschert, von denen mit hundertprozentiger Sicherheit genau so viele Prozent in Sinnvolles fließen.) Es kommt alles zusammen.

Ich habe heute von der Existenz solidarischer Krankenversicherungen erfahren.

Warum sagt einem sowas niemand?

Oh, und ich habe tatsächlich Einsichten erhalten, warum ich „so“ bin.

Und die Bilder haben tatsächlich dabei geholfen.