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Ach so. Na dann..

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Also, kurz zur Schließung von blog.de.

Verständlicherweise (zumindest für Menschen, denen ich bekannt bin, wird es verständlich sein) bin ich wenig erfreut, um nicht zu sagen, ziemlich verstört. Gestern dachte ich darüber nach, was für eine wunderbare Konstante dieses Blögchen seit 2011 in meinem merkwürdigen Leben darstellt. Typisch, dass am Tag danach mir die Bekanntgebung in die Inbox geflattert kommt, dass es das die längste Zeit gewesen ist und ich mir wieder mal etwas Neues suchen kann. Ich komme mir vor wie so eine unfreiwilige Nomadin. Macrocarp bei SVZ, Macrocarp bei StudiVZ, spin.de, blog.de, und was meine nächste temporäre Unterkunft sein wird, stellt sich demnächst heraus. Zum Glück warnen sie einen mit ein bisschen Vorlauf, so habe ich wenigstens Zeit, mich darauf einzustellen.

Aber… Argh. Warum?

-.-„

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Handik gutxira, gaur.

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Also. Ich hocke in Daniels Büro und warte, bis er damit fertig ist, Basti und seiner neuen Euskera-Kollegin Vera ihren wöchentlichen Privatunterricht zu erteilen.

Das lief mal wieder anders als geplant. Zum Tutorium hat es nicht mehr gereicht – ich bin einzig und allein deswegen um 15.08 aufgewacht, weil Lisa sich diesen Moment ausgesucht hatte, mir eine SMS zu schreiben. Danke Gowai, dass mein Handy nicht auf lautlos war, sonst würde ich am Ende jetzt noch schlafen.

Dann machte ich mich ohne Umwege auf in die Uni, weil Lisa gesagt hatte, dass sie mit mir reden wollte. Ich habe bis jetzt genau eine Banane gegessen, und das auch nur widerwillig, weil sie Daniel gehörte und mir in ihrer festen, knallgelben Erscheinung fast schon unnatürlich unreif erschien. Alles untrügliche Indizien dafür, dass er sie ganz bestimmt nicht aus dem Container gefischt hat. Mal ganz davon abgesehen, dass Daniel vermutlich wenig ferner läge, als sein Essen durch Rettungsmaßnahmen im Stil meiner eigenen Lebensweise zu besorgen. Nunja, ich habe trotzdem eine gegessen. Wenn ich mich zuvor schon erfolgreich davon abgehalten hatte, mir hier in der „Arche“, dem in der Uni befindlichen Asien-Restaurant, eine riesige Box Frühlingsrollen zu holen.

Nachdem ich mit Lisa geredet hatte, wollte ich eigentlich mit Daniel meinen Text durchgehen, nur war er leider noch nicht im Büro. Dann machte ich mich auf die Suche nach dem Seezeit-Shop, um eine Geburtstagskarte für Oma zu kaufen (nachdem ich von Zuhause zu hektisch aufgebrochen war, um in den unergründlichen Tiefen meiner Regale noch eine aufzutun), musste aber feststellen, dass der, wohl im Zuge der gerade hier stattfindenden Umbaumaßnahmen, in mir unbekannte Räumlichkeiten umgesiedelt wurde. Okay, zumindest Briefmarken wollte ich mir aber schonmal holen, also ging ich mit Handy am Ohr (wenn ich schon noch eine Viertelstunde Zeit hatte, bis Daniel um 5 ganz sicher im Büro wäre, wollte ich die Zeit noch sinnvoll nutzen und mal nachhören, ob R noch lebt) in Richtung des Automaten. Der Automat war außer Betrieb – ich war nie eine Freundin von Murphys Hypothesen, aber manchmal gerät meine Überzeugung ins Schwanken – also ging ich mit R nach draußen und ließ mich auf der Bank an der Bushaltestelle von ihm über die neuesten Murat-Geschehnisse in Kenntnis setzen. Wer hat schon das Glück, in einer eigenen, privaten Miethai-Soap zu wohnen? Ach ja, R’s WG hat es. Und ich selbst komme mir vor wie der gebannte Zuschauer vor dem Fernseher, mit dem Hörer am Ohr – es ist eine interaktive Sendung.

Es ist schon eine Herausforderung, sich nicht permanent einzumischen, während direkt neben einem ein unfassbares Deutsch-Euskera-Gestümpere stattfindet, das zu beobachten irgendwas zwischen Verzweiflung, Glück und Belustigung hervorruft. Zehn Minuten noch, dann sind sie fertig, laut Daniel. Dann gehe ich nachher mit Basti nach Hause und habe natürlich genau NICHTS von alldem gemacht, was für heute auf meiner To-Do-Liste steht. Yaaay, so gehört sich das. Aber ich werde schon noch diszipliniert werden, irgendwann am Wochenende. Oder so.

So viel Zeit habe ich ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr tagsüber am Computer verbracht. Was ist nur aus meinem Leben geworden; mittlerweile braucht es wirklich den Umstand, dass ich zwei Stunden an der Uni festsitze, um mich an den Computer zu treiben. Mein Leben tut mir gut. Selbst jetzt, wo ich dann doch wieder am Computer sitze, tue ich es in Daniels Büro, nicht zu Hause im Bett. Skurril.

Wenn ich nach Hause komme, muss ich meine Ohrhänger suchen, die mir aus der Tasche geflogen sein müssen, während ich zum Bus gerannt bin. So ein Scheiß, das waren welche von meinen allerliebsten selbstgemachten Ohrhängern. Sie dürfen nicht wegsein, das geht einfach nicht. Und sie hätten so grandios zu meinen Sachen gepasst heute, unfassbar grandios.

Jetzt sind sie gleich fertig! Wunderbar, ich bin dann mal weg.

Heimatkrise (aber nicht wirklich!): Auf ein Neues.

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So, irgendwie hatten wir jetzt Weihnachten und da steht ein Baum im Wohnzimmer, der wie jedes Jahr wunderschön geschmückt ist, aber, soweit ich das überblicke, niemandem von uns die passende Stimmung wirklich ins Herz zu holen schafft. Wir haben die meisten unserer heiligen Heiligabendstraditionen über Bord geworfen und während es sich dadurch einfach noch weniger wie Weihnachten angefühlt hat, bin ich irgendwo doch froh drum; es wäre zu geheuchelt gewesen. Die ganzen Jahre davor war es immer schon nicht mehr echt. Und dieser letzte Heiligabend in diesem Haus (es verzieht mir doch ganz schön den Brustbereich, wenn ich zu sehr drüber nachdenke) war einfach nochmal symbolisch dafür, dass Veränderungen unaufhaltsam sind. Man verändert sich und sein Leben ja meistens widerwillig oder zumindest schwerfällig – Materie ist faul; sie will sich nicht bewegen. Genau so ist unser Geist. Wir haben alle ein Haus im Kopf, das wir oftmals schon seit vielen Jahren bewohnen und das aufzugeben uns so voll und ganz widerstrebt, weil wir einfach nicht wissen, was draußen auf uns zukommt. Aber natürlich ist auch Veränderung die einzige Möglichkeit, überhaupt irgendwie voranzukommen.

Ich hab‘ Angst, so ein bisschen, dass die Nostalgie irgendwann doch noch zuschlägt. Mir wird immer mehr bewusst, dass der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, doch irgendwie zu mir gehört, jetzt, wo ich im Begriff bin, ihn wirklich hinter mir zu lassen. Auch wenn ich hier nie so wirklich das Leben kennengelernt habe, wie es sich mir viel später offenbart hat; irgendwo ist Oldesloe ein Teil meiner Heimat.

Umso dankbarer bin ich, mein Zuhause an anderer Stelle gefunden und aufgebaut zu haben. Man stelle sich nur vor, ich wäre einer von diesen Menschen, die studieren gehen und aber ihr Elternhaus nie wirklich im Geiste verlassen. Die sagen, „ich fahr heim“, und meinen, „ich fahr meine Eltern besuchen“. Dann wäre ich so tief getroffen von diesem Verlust jetzt – dann hätte ich ja praktisch (wieder einmal) kein richtiges Zuhause mehr. Eine Runde immense Dankbarkeit für mein Zuhause, wheey.

Mirakuluak

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Also. Ich habe soeben versucht, einer leeren Sagarnoa-Flasche den Kopf abzubrennen, was irgendwie schwieriger war, als es in der Videoanleitung aussah (wie so oft…) und zu einer erstaunlichen Ansammlung bunter Stofffadenreste in meiner Küche, einer zerklüfteten Flaschen-Montserrat und einer neuen Blessur an meiner linken Hand geführt hat. Na, wieso auch nicht. Ich hatte immerhin noch genau eins von WG-Sarahs Kinderpflastern in meiner Küchenschublade, und der Brandfleck von meinem Küchenlampendebakel am Abend unserer Einweihungsparty ist schließlich auch schon fast weg. Es wurde höchste Zeit für eine frische Wunde.

Davon abgesehen habe ich unerwartet einen freien Samstag geschenkt bekommen. Stellt sich heraus, nicht nur hatte Becci keine Ahnung mehr, dass wir Samstag zu ihr wollten, sondern auch niemand der restlichen Verdächtigen. Entweder war das eine Wahnvorstellung von mir oder aber ich bin von Dementen umgeben. (Übrigens Beccis angedachtes Bachelorarbeitsthema, Demenz. Wie passend.)

Also habe ich eben mit entsetzlich schlechtem Gewissen meiner Mitfahrgelegenheit abgesagt und mir gleich für Sonntag eine neue gesucht. Bzw es versucht; meine einzige Hoffnung war jemand, der mir gerade eben mitteilte, dass sein Auto kaputtgegangen ist und er daher doch nicht fährt. Herrlich. Das heißt, mir stehen sechs Stunden Busfahrt bevor. Wie gut, dass ich zumindest noch Zeit habe, mir das letzte Rise Against-Album auf den iPod zu ziehen, dann kann ich die Fahrt sinnvoll zur Konzertvorbereitung nutzen.

Hach. Wäre Pedros Absturzparty nun morgen und nicht heute, hätte ich doch noch bei ihm vorbeischauen können. Wobei, das hatten wir doch schon alles, dann würd‘ ich mich bei RA am Ende noch vor Energielosigkeit kaputtmoshen lassen. Außerdem kommt er nächste Woche her und wir veranstalten unsere euskal afaria. Mit Rini. Einer der Beiden könnte Simón noch dazuzitieren. Und Lisa kommt auch. Marc muss ich auch fragen. Und ich hoffe, ich bekomme Elke und Gloria überzeugt. Daniel sollte ich eigentlich auch dazuholen. Falls es spät wird (was zu hoffen wäre), sitzen wir dann am nächsten Tag zumindest alle vier zermatscht im Euskera-Training.

Wieso auch immer, aber mir fällt auf einmal wieder ein, was Mama vor drei Jahren und ein paar Zerquetschten zu mir sagte. „Du hast in einer Scheinwelt gelebt.“
Natürlich fing ich damals an zu heulen.
Meine Güte, was ist das lang her.

Ich bin dafür, dass alles, was ich heute bin und habe, ein Wunder ist. Ich bin mal wieder für jeden letzten Fetzen meines Lebens dankbar.

Der Stand der Dinge.

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Ich versuche, es so kompakt wie möglich zu machen.
Also, die letzten paar Tage. Unterteilt in ein paar Stichwörter.

1. FFM.

JO begrüßte mich am Hauptbahnhof mit Lippenstift drauf und sah aus wie ein komplett fremder, ungewohnter Mensch. Aber nicht übel. Sie hatte ihn allerdings nicht mehr ganz freiwillig drauf; offenbar war ihr ein paar Stunden zuvor langweilig gewesen und der Lippenstift war einer der Sorte Killer-Everlasting. Genauer gesagt so everlasting, dass sie ihn nichtmal mit Makeup-Entferner wieder runterbekam und sogar am Tag danach noch mit roten Punkten auf dem Mund herumlief.

Als wäre das nicht genug Schock für einen Abend, bekam ich gleich den nächsten beim Eintreten in ihre Wohnung. Sie hatte Bernd von seinen langen Haaren und dem Bart befreit, nachdem sie aus Argentinien wiederkam – das erste Mal, dass ich etwas von seinem Gesicht gesehen habe; er sieht vierzig Jahre jünger aus. Mindestens. (Dementsprechend waren genau das meine ersten seit einem knappen Jahr in dieser Wohnung ausgesprochenen Worte – bei seinem Anblick blieb mir sogar das ansonsten im Hause von JOs Familie obligatorische „Huhu!“ im Hals stecken.)

Ich habe mich so sehr gefreut, wieder mal bei den Beiden zu sein. JOs Mutter lebt mittlerweile praktisch permanent bei ihrer mehr oder minder dem Rest der Welt bekannten Affäre, einem Transvestiten namens Tina, den sie vor ein paar Jahren durch JO kennengelernt hat. Sie hat – was ich persönlich dann doch mal wieder verstörend fand, auch wenn wir alle mit der Situation inzwischen vertraut sind – nicht einmal mehr eine Zahnbürste in ihrer und Bernds eigenen Wohnung. Aber Bernd ist nicht anzumerken, dass ihm etwas an der Sache zu schaffen macht. Er ist ein durchweg wunderbarer Mensch, der so viel Freude und Ruhe ausstrahlt, dass ich beim besten Willen in diesem Leben nicht mehr verstehen werde, wie Michaela ihm etwas Derartiges antun kann.

JOs Zimmer war wie immer. Ihre nach Farben sortierten Bücher in der Regalwand, der Staub, das Chaos. (Wobei sie aufgeräumt hatte und der Zustand demzufolge sogar ganz okay war.) Die zentrale Rolle ihres Computers in ihrem Leben. Tumblr und Flight Rising konnten die zehn Monate Reisen nichts anhaben; sie ist süchtig wie eh und je. Mein Schlafplatz auf der Wandseite des Bettes war auch wie immer. Gestern weckten mich ein Mal mehr die Kirchturmglocken. Es wird sehr merkwürdig werden, sie demnächst statt in dieser Wohnung in Berlin oder Stuttgart zu besuchen.

Ich wollte eigentlich, dass wir uns mit Robert und Becci treffen, aber da Robert Nachhilfe geben musste, hat es nicht geklappt diesmal. Janine habe ich nichtmal gefragt; sie wird eh bis zum Hals in Abschlussprüfungschaos stecken.

2. Luxembourg.

Wir sind ganz schön herumgekommen in den paar Tagen. Ich noch mehr, natürlich, durch die Fahrten von Zuhause bis FFM und andersherum. Aber der Ausflug ins Nachbarland war wirklich alles an Reisestrapazen wert. Ein neues Land! Wie aufregend. Ich habe meinen Ohrwurm von Zea Mays‘ Negua joan da ta aus Deutschland mit dorthin verschleppt (und JO im Übrigen gestern halb unbeabsichtigt auch noch davon begeistern können), zusammen mit dem hastig vor der Hinfahrt ausgedruckten Text, um es am Wochenende fertig lernen zu können. Es hat funktioniert. Die ganze Stadt hat dieses Lied als Soundtrack, und dabei war unser Aufenthalt nicht gerade unmusikalischer Natur. Dazu später mehr. Wir haben die Stadt durchkämmt und den Bockfelsen beklettert und die dramatischen Schluchten bestaunt und sind diversen City Sightseeing-Bussen begegnet, deren Touren ich dank meiner Arbeit ja mittlerweile sehr gut kenne. Wir haben herausgefunden, dass das Benutzen öffentlicher Toiletten in Luxembourg doppelt so viel kostet wie im Rest der Welt, und dass über 40% seiner Einwohner aus dem Ausland kommen. Wir sind vor Hitze halb geschmolzen, während wir uns die Berge rauf- und wieder runtergekämpft haben. Ich habe schon wieder vergessen, wie diese Dinger heißen, auf die man sich stellen kann und die einen dann einfach tragen – ein Brett mit Rädern und einer Stange vorne zum Festhalten. Nein, kein City-Roller – es hört mit „way“ auf und ich habe JO bestimmt viermal nach dem Wort gefragt, weil es sich in meinem mentalen Lexikon einfach nicht manifestieren will. Die Sprachen an sich sind in Luxembourg ja auch ein Erlebnis. Oder sollte man „Lëtzebuerg“ sagen… Was für ein interessantes Verständnis diese Menschen von „Deutsch“ haben.
Sie haben aber allgemein interessantes Verständnis von vielen Dingen. In meinen zwei Tagen dort wurde mir zwei Mal hochenthusiastisch verkündet, wie grandios mein Stil wäre – davon zehre ich dann jetzt wohl die nächsten zehn Jahre. Trust my home country to be the one I get ignored in most of the time – die Menschen, denen ich beachtenswert erscheine, halten sich offenbar als geschlossene Front im Ausland auf. Eine Verschwörungstheorie? Wer oder was will mich zum Auswandern bewegen?

3. Musik.

Das Konzert – der eigentliche Grund unseres Zusammenfindens – war definitiv in vielen Hinsichten ein besonderes. Ich nominiere es für Awards in den Kategorien „beste Vorband“ (die Luxembourger „All The Way Down“ allein waren es wert, den Ausflug durch ein halbes Land hin zu diesem Konzert zu unternehmen), „Weirdest Vocalist“ (die Sängerin von Against Me! war irgendwann mal ein Mann und hat ihre Stimme keinerlei Operationen unterzogen, was zwar bei den Risiken, die das mit sich bringt, absolut verständlich ist, aber trotzdem dem Ganzen ein einfach unvereinbares Wesen verleiht – immerhin war der Sound so schlecht eingestellt, dass man sie kaum gehört hat), „most crowdsurfers“ (es waren mehrere pro Song, es waren viele Songs und natürlich mussten sie alle, allesamt – unserer erstreihigen, mittig gelegenen Position sei Dank – über meinen Kopf hinweg hinter die Security-Barriere den dafür angestellten Sicherheitsmenschen in die Arme fallen. Wurdest du je von einem herabfallenden Crowdsurfer erschlagen? Lass dir gesagt sein – ein-zweimal pro Konzert reicht. Du willst das nicht drei Mal pro Song verkraften. Ich hatte Todesangst wie nichts Gutes, war aber natürlich selbst schuld, weil mein Schädel, obschon malträtiert von den massiven Schuhen, Körpern und Gliedmaßen unzähliger Fallender, immer noch zu dick ist, um mir zu erlauben, meinen Platz aufzugeben und mich damit für defeated zu erklären. I’m not a quitter, dachte ich mir und versuchte weiter Taktiken zu entwerfen, wie dem von oben kommenden Unheil noch halbwegs schadensbegrenzend zu entgehen war – und hatte Erfolg, was du daran siehst, dass ich hier sitze und dieses Romänchen tippe) und „most deafening“ (der Tinnitus scheint sich in meinem linken Ohr häuslich eingerichtet zu haben, und als wir vorletzte Nacht ins Hostel kamen, konnten wir beide kaum schlafen, weil unsere Ohren der nächtlichen Stille zum Trotz ihr eigenes Konzert inklusive Rauschen veranstalteten. Es wird langsam wieder besser, aber es ist ganz eindeutig noch da). All in all, ein gelungenes Konzert, ich stand nur leider am falschen Ort. Mir wurde mal wieder bewusst, was es eigentlich ausmacht, die Band, die spielt, nicht zu kennen. Das ganze Adrenalin hat mir gefehlt, das einen diese ganzen an sich unmenschlichen Bedingungen nicht nur aushalten, sondern sogar als exhilerierend ansehen lässt. JO neben mir war völlig aus dem Häuschen und sprang herum wie nichts Gutes. Ich ebenso, mehr aus schierer Notwendigkeit als alles Andere. Du kannst nicht einfach nicht springen, wenn um dich herum die Menge wie ein brutales Meer in ihrem eigenen Rhythmus wogt. Das lernt man schnell auf Konzerten, das weiß ich nicht erst seit vorgestern.

3.1. Play Me I’m Yours.

Überall in der Stadt stehen Klaviere. Wunderschöne. Man kann darauf spielen; natürlich habe ich JO an beiden Tagen in den Bahnhof gezogen, um mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen und die von dem dort befindlichen Exemplar ausgehende magnetische Anziehungskraft auf mich wirken zu lassen. Das resultierte letztendlich darin, dass ich auf Tausenden von Touristenvideos zu sehen und hören bin, sowie in einer Bekanntschaft mit einem Typen, der irgendwie fand, dass ich toll bin, und meinte, ob ich nicht Lust hätte, ein Konzert zu spielen – er hat Connections. Ich hab‘ Sarah alarmiert, dass sie sich mal Anfang August oder Ende September freihalten soll für unseren Gig in Luxembourg. Jetzt brauchen wir nur noch Equipment, einen Namen und einen Tourbus. Ich war sehr, sehr kurz vorm Hyperventilieren, als wir da weggefahren sind, ich sag‘ es dir.

4. Ich überspringe ein paar Punkte, weil ich langsam müde werde und nachher um halb elf in der Arbeit sein will.

5. Wohnung.

Es sieht so aus, als könnte es diesmal etwas werden. Man wird sehen – heute. Wenn das klappt, liebe ich Trudi. SEHR.

6. Medis.

Heute 4. mediloser Tag; es ist okay, ich muss viel machen und wenig allein sein. Busfahren gestern war grenzwertig, aber alles vollkommen im erträglichen Bereich. Ich arbeite dran.

7. Haare.

Es saß vor mir auf der Fahrt von FFM nach Stuttgart ein Mensch mit so unwahrscheinlich wunderbaren Haaren, dass es eine Qual war, hinter ihm zu sitzen. Ich habe zweieinhalb Stunden lang mit dem Verlangen kämpfen müssen, ihm auf den Kopf zu grabschen. So eine Hülle und Fülle wunderbarer dunkler, fingerlanger, weich aussehender, leicht gelockter Haare. Ich wollte ihn fast schon fragen, ob er sich kurz umdrehen könnte, um herauszufinden, ob der Rest von seinem Kopf so schön war wie die Hinterseite. Aber ich habe es gelassen – immerhin bestand das Risiko, dass sein Gesicht nicht mit seiner Haarpracht hätte mithalten können, und was hätte ich ihm dann sagen sollen? „Nee, schon in Ordnung, dreh dich wieder um“? Maybe not. Langsam muss ich wirklich einsam und verzweifelt sein, diesem Geschehnis nach zu urteilen.

8. Mehr Klempnerei.

Dafür spricht auch (und das spricht andersherum auch dafür), worüber ich wieder verstärkt nachdenke, nämlich dass ich einfach mal eine Therapie anfangen sollte, mit deren Hilfe ich mich vielleicht von diversen meiner Issues (Sexualität, Fallenlassangst, Selbstwahrnehmung, diese Geschichten) befreien könnte, statt mich in der Hinsicht einfach wie bisher als hoffnungslos abzustempeln und sie auf immer mein Denken und Dasein so überaus unvorteilhaft kontrollieren zu lassen. Ich glaub‘ nämlich fast, die Menschen sind einfach nicht so, wie ich sie bräuchte (und wie sie vermutlich noch einige andere Exemplare der menschlichen und nichtmenschlichen Spezies bräuchten) – niemand wird mich, auch jetzt nicht, wo es wirklich nicht schaden könnte, wie ein rohes Ei behandeln, also muss ich weiter und weiter daran arbeiten, mich einfach selbst nicht wie ein rohes Ei zu sehen und – um alles in der Welt – auch keins zu sein. Damit ich lerne, wie man das macht, wenn man nicht gerade auf Medikamenten ist, hätte ich gern ein neues mentales Framework.

9. Schlafen.

Jetzt wird geschlafen.

Hell on Earth, oder What happens when your Indian friend is almost done with their Masters studies and about to move out of the country.

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I dread the moment that you leave here because it will mean losing you, in a way.

Both of us are internet people, computer people, and with most of my close friends scattered all over this country, I’m perfectly used to, and happy with, internet-based friendships. Still, you, for me, are not a Skype friend. You’re a real-life friend, a here-and-now person. I won’t be satisfied talking to you with each syllable we say traversing a 4 to 5-hour time difference, cutting the realness out of it all. Being with you, to me, means more than talking. It means persuading you to take a couple of hours off your tedious studying. It means seeing the sunlight reflected in your hair, making the mysteriously shimmering red dye visible. I want to live life with you, not just tell you about mine and hear about yours. I want to cook Indian food with you, not by myself trying to figure out some recipe you sent me. It will never be the real thing with you away, not even close.

I want to open my door to you and have you walk around in the apartment knowing it like the back of your hand. I’ve missed having you as a flatmate since the day I moved out, I miss it so bad at times already. You know, I really loved living with you. The way we would both use cutlery and dishes economically so we’d have to wash less of them. The way our schedules were so perfectly complementing each other we’d never need to use the bathroom when the other one was using it. Overfeeding you with chocolate mousse until you’d be almost desperate when confronted with another bowl. Hearing you screaming through the wall when you were skyping. (You’d get so mad with yourself about it, but couldn’t stop it either.) Never having to fear to wake you up because you always stay up way late skyping or watching movies. Watching you make your giant pancakes because you’re too lazy to make several thin ones.

You won’t be able to do make-up on me and Trudi when you’re back home, which is bad. I’ll miss that. And getting drunk together, and all that. Your life lessons that are always so believable. (I recommend them to everyone, you know, even the ones who’ll probably never get to hear one for themselves.) Your stories about people, some that I know and others I don’t. Your views on things. Your ringing-Skype paranoia. The inquiring look on your face when you ask my opinion on something. The quality of your voice, undistorted. A zillion other things that will sure as hell surface early enough, in one particular situation or the other.

I’ll make sure to get my fair share of time with you until September. I’ll try to make it worthwhile, too, to be useful to you as a friend and generally as a person so that you’ll feel as loved and appreciated around here as you have always been. And I’ll try not to be too sad when that time is up. It’s unavoidable though, because, basically, there’s this undeniable issue I have with you: You are one damn missable person, dearest friend Susmita.

Das Konzept von schlechter Laune

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Es scheint sich ein Pattern herauszukristallisieren.

Ich finde eine Wohnung.
Ich organisiere einen Besichtigungstermin.
Trudi und ich gehen hin.
Ich bin begeistert und will einziehen.
Trudi fängt an zu jammern und zu meckern und sich an dem einen scheißunwichtigen Mangel der Wohnung aufzuhängen.
Wir gehen nach Hause und ich habe für den Rest des Abends so katastrophale Laune, wie ich sie fast schon gar nicht mehr kannte.

Wirklich, ich bin schlechte Laune nicht mehr gewohnt. Sowas hatte ich einfach nicht zu haben, seitdem ich positiv war.

Wie es mich abfuckt. Ich bin zwar immer noch positiver, als ich es früher je hätte sein können, und bilde mir immerhin noch ein Stück weit Kontrolle über meine Stimmungen ein, aber leicht ist es nicht, das Kontrollieren. Ich war so privilegiert das letzte Jahr. Warum nur, warum nur muss das aufhören? Kann ich nicht weiter dieser sonnige Strahlemensch sein, den nichts umhaut short of a tragedy of apocalyptical dimension? Was mache ich jetzt mit dem unmenschlich hohen Anspruch an meine Selbstbeherrschung, der von der rapide verblassenden kurzweiligen Fähigkeit herrührt, immer gelassen zu sein, niemals in Gegenswart Anderer auszurasten, niemals Frustration über Ungerechtigkeiten, die mir widerfahren sind, an jemandem auszulassen, der nichts dafür kann? Ich war so weltfremd auf Cipralex, ich war richtiggehend erstaunt, dass andere Menschen so etwas tun. Warum machen die das? Warum?

Ich bin nach wie vor jede Sekunde um meine positive Grundeinstellung bemüht. Ich lasse sie nicht aus den Augen, und wenn sie mir zu entgleiten droht, lese ich ihre Spuren, da, wo sie eigentlich hingehört. Das ist anders; das ist jetzt besser. Es ist gut, dass ich sekündlich arbeite, aber besorgniserregend, dass ich die Einzige zu sein scheine. Ich kann niemanden zwingen, positiv zu sein, bewusst zu sein, aber wie soll ich mit Trudi zusammenziehen, wenn sie einfach überhaupt nicht stark genug ist, zu einer nur ansatzweise in die richtige Richtung tendierenden Einstellung zu gelangen?

Anders als früher gebe ich mir jetzt Mühe, nicht zu viel Energie auf diesen entsetzlichen Zustand zu verschwenden. Ich habe drüber nachgedacht, Blossom geguckt und zwanzig Ferrero-Küsschen gefrustgessen, das muss jetzt reichen. Ich darf keine schlechte Laune haben. Wegen solcher Lappalien doch nicht. Vielleicht könnte ich mir Gedanken um meine Mutter machen, die mir letztens nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder eröffnet hat, dass ihr ach-so-tolles Leben in Wirklichkeit ein einziger Albtraum und sie selbst ein posttraumatisch gestörtes Wrack ist. Das wäre doch mal ein akzeptabler Grund für eine suboptimale Stimmung.

„Ich kann kein Buch lesen. Ich kann keinen Film gucken.
Ich kann meine Augen nicht zumachen.“

Wenn sie wegsei, würde es ihr gut gehen. Richtig, richtig gut.
„Aber das willst du doch nicht, oder?“, sagte ich, nachdem die Attacke halbwegs vorüberwar.
„Nein“, sagte sie.

„Dann müssen wir – musst du; ich helf dir, aber du musst es eigentlich allein machen – einen Weg finden, wie wir – oder du, wie du es schaffst, dass du dich in der echten Welt gut fühlst. Du weißt, was ich will, das du tust. Du weißt es ja, und du weigerst dich, also musst du es alleine schaffen.“

Mir ging’s nicht gut an dem Tag. Ihr auch nicht, offenbar.

Wenn doch nur alles weniger schlimm wäre.

Oh erhab’ne Morgenstund.

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Hah. Wie immer, wenn ich es ausnahmsweise mal vor zwölf Uhr aus dem Haus schaffe, fühle ich mich phänomenal. Es ist ironisch eigentlich. Einerseits habe ich mir im Laufe der letzten Jahre eine ausgesprochene Unfähigkeit angeeignet, früh aufzustehen (fast als hätte ich sie von Şahin übernommen, dessen (bei mir) berühmter Ausspruch, wenn er schlafe, sei er „… nicht Şahin“ – man konnte praktisch anstellen, was man wollte, er wurde und wurde nicht wach. Bis zu dem Moment, als ich darauf kam, ihm Disturbed in voller Lautstärke ausschüttende Kopfhörer aufzusetzen – das wirkte. Blendend. Und noch dazu wachte er auf diese Art mit wunderbarer Laune auf.) – aber immer, wenn ich es doch schaffe, denke ich mir, dass es eine einzige Verschwendung ist, nicht jeden Tag vor acht Uhr aufzuwachen. Besonders wenn die Sonne scheint, wie heute.

Ich war also vorhin beim Arzt und habe ganz locker-flockig verkündet, dass ich meine Medis gern absetzen würde. Er war damit einverstanden – jetzt nehme ich für acht Wochen noch die halbe Dosis, dann kann ich probeweise ganz aufhören und einmal feststellen, ob ich eigentlich selbständig lebensfähig bin.

Ein wenig skeptisch war er, unerwarteterweise, muss ich sagen. Dafür, dass ich das Zeug schon so übertrieben lange nehme, hätte ich eigentlich vollste Zustimmung erwartet; eigentlich dachte ich, er würde überzeugter sein als ich von dem Vorhaben. Stattdessen hat er mich nochmal gefragt, wie ich mich noch gleich vor Oktober 2011 gefühlt habe, woraufhin ich natürlich dann zugeben musste, dass es davor auch nicht unbedingt so herrlich lief, die ganzen 19 Jahre – und habe ihm wie schon so oft gesagt, dass ich erst mit den Medis eigentlich das Gefühl hatte, ich selbst zu sein. Ich selbst zu sein und zu leben. Ich bin ja noch im Aufbau. Das dauert auch noch eine ganze Weile, ich weiß ja, aber einfach versuchshalber würde ich es eben nun mal auf mich allein gestellt probieren.

Die Ratten schlafen. Bei Alnatura gab’s heute wieder nichts abzuholen; das dritte Mal schon, dass ich dort angerufen habe. Die Tafel scheint nicht wählerisch zu sein diese Woche.

Ich bin auch nicht wählerisch. Rajas Hirse-Möhren-Mus schmeckt eigentlich nicht so dolle, aber ich packe es nichtsdestotrotz auf mein Brot. Es kann ja nicht sein, dass sie sich die Mühe umsonst gemacht hat. Und überhaupt, die gute Hirse. Ich mache auf dem Brot eine Grundlage aus Mus, lege dann Salat drauf und darauf noch ein-zwei Streifen eingelegte Paprika oder Pilze. Gestern erst habe ich wieder ein Riesenglas Pilze und Zucchini eingelegt. Was gibt es Köstlicheres… Und den Ratten gebe ich die Reste; Hälfte Ratten, Hälfte Kompost, und in die Erde aus dem Kompost pflanze ich meine Morning Glory-Keimlinge. Mittlerweile kann man ja schon fast Pflänzchen dazu sagen. Vierzehn Stück habe ich; das wird aussehen bei mir im Sommer, oh je, ich sag’s dir. Wie gut, dass ich gerade noch zwei kleine Plastiktöpfchen gefunden habe (zusammen mit einer alten Klappmatratze, die konnte ich wirklich sehr gut gebrauchen).. jede zusätzliche Kapazität ist mir willkommen.

Pechphoenix

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Glück muss man haben.. mir wurde irgendwann zwischen vorvorgestern und gestern Abend mein Leihfahrrad vor der Haustür weggeklaut. Somit bin ich jetzt geld-, busticket- und fahrradlos. Hoffentlich nicht für lange; Serj hat mir geschrieben, dass ich meins am Wochenende bei seiner alten Wohnung abholen kann. Na wollen wir’s hoffen.

Was ist das für ein entsetzlicher Font hier auf einmal, es ist alles so.. anders. Ih. Ich mag es nicht, wenn sich Sachen so ändern. Und dann noch grundlos.

Es gibt zu viele Sachen, die ich tun muss. Meine Bankkarte ist zwar gesperrt, aber ich habe die Bank noch nicht informiert. Meinen Perso und die Versichertenkarte muss ich als verloren melden und jeweils neue beantragen. Einen neuen Studenten-, Foodsharing- und sogar einen verfickten neuen Organspendeausweis brauche ich. Bei der Gelegenheit könnte man dann gleich auch mal seinen 2011 abgelaufenen Reisepass erneuern – schaden kann’s ja nie, denke ich mir einfach mal so. Einen Psychiatertermin muss ich machen. Und ich war seit Jahren nicht mehr beim Zahnarzt; ich sollte Mama bitten, mir das Bonusheftchen runterzuschicken, und mir endlich mal hier einen suchen. Langsam kann ich nicht mal mehr vor mir selbst mein Nichthingehen mit einem vorgeschobenen Mangel an Belastbarkeit rechtfertigen.

Vorhin habe ich mit meiner costarricanischen Familie geredet; es war sehr, sehr lange her und es war Zeit.. und schön war es, so schön, und vor allem kann ich ganz anders mit ihnen reden seit diesem letzten Jahr. Da ist es mir fast schon egal, ob ich mal einen Fehler mache. Und überhaupt, was ich sage. Nicht wie damals, als ich dawar. Bis hin zum Schluss habe ich es einfach nicht gelernt, das angstlose Reden, und mehr noch, das angstlose Sein. Ein umso größeres Wunder ist es daher für mich, dass sie mich immer noch genauso lieben wie ich sie. Sich an alles erinnern und mir mit jedem Wort das Gefühl geben, nach wie vor Teil der Familie zu sein. Selbst wenn ich mich nur im Halbjahrestakt dazu überwinden kann, mit ihnen zu reden. Wieso auch immer. Ich bin merkwürdig und habe ein paar ganz dämliche Probleme, ich weiß schon.

Aber trotzdem. Sollte ich auch manchmal merkwürdig sein, vergiss einfach nicht, du redest mit einer Einjährigen. Dafür mache ich mich doch eigentlich schon ganz ordentlich.

Böse Pflanzen, wenig Zeit und der Kampf gegen die Wüste.

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Sebis BA-Thesis überfordert mich. Nicht wirklich natürlich, aber da ich die ganze Zeit hier praktisch nicht an den Computer kam, werde ich jetzt in Belgien das Vergnügen haben, sie zu ende zu korrigieren. Was tut man nicht alles für seinen unmusikalischen, ahnungslosen Kumpel, dem man nur trotzdem ganz zufällig einen nicht unwesentlichen Teil seines heutigen wunderbaren Daseins verdankt. Ich glaube, wenn ich Sebi nicht mein halbes Leben zu verdanken hätte, hätte ich ihn nicht nur mittlerweile aus seiner eigenen Band mit einem riesigen frustrierten Arschtritt und der Unterstützung der anderen beiden Mitglieder herausbefördert, sondern würde auch ganz bestimmt nicht seit Wochen jede freie Minute damit verbringen, seine MUS-Patienten und ihre Reaktion auf Schmerzsignale im Vergleich zu gesunden.. jetzt hätte ich um ein Haar „Patienten“ geschrieben, ich bin wirklich nicht mehr so ganz bei der Sache – hoffentlich hat sich die schlaflose Verwirrtheit nicht auf die Qualität meiner Korrekturarbeit ausgewirkt – zu gesunden Leuten jedenfalls fehlerausrottenderweise zu analysieren. Immerhin bin ich jetzt mit dem ersten großen Punkt der Diskussion fertiggeworden und habe somit nur noch den zweiten Punkt und dann den allerletzten Teil vor mir und werde das hoffentlich innerhalb der nächsten paar Tage schaffen.

Was mich halb wahnsinnig macht, ist, dass meine Eltern im Zuge der Renovierungsarbeiten hier oben das Wasser haben abdrehen lassen – offenbar ist die Leitung so voller Schadstoffe, dass der Mangel eines regelmäßigen Wasserdurchflusses sie zu gefährlich gemacht hat – und ich demzufolge auf der ganzen Etage keinen Zugang mehr zu Leitungswasser habe. Das ist tödlich, zumindest jetzt gerade, wo ich einen unmenschlichen Durst habe und aber keine Lust, mich noch deshalb nach unten zu schleppen. Ich werde es aber tun, weil ich sonst diese Nacht nicht überlebe. So, wie ich gestern noch im Garten ein paar Stunden lang gegen den Vormarsch des ekligen gelb-grünen Bodendeckers gekämpft habe, der im Laufe des vergangenen Jahrzehnts schleichend und größtenteils unbemerkt die halbe Terrasse in Beschlag genommen hatte (und ich musste trotzdem noch meine Eltern überzeugen, dass es an der Zeit war, dem Einhalt zu gebieten – und bekam über Stunden den Ohrwurm von Seymours energischem Anfall von Zerstörungswut gegen Ende des Kleinen Horrorladens nicht mehr aus dem Kopf, „You’ve got no alternative, Seymour, old boy – Though it means you’ll be broke again and unemployed – It’s the only solution, it can’t be avoided, the vegetable must be destroyed!!“), so trotze ich nun durch reine Bewegung der Ausbreitung dieser (temperaturmäßig in ewiger Nacht verharrenden) häuslichen Sahara.

„But then… there’s… Audrey, lovely Audrey…
If life were tawdry and impov’rished as before…
She might not like me, she might not want me…
Without my plant, she might not love me
anymore.“

Wie abartig es doch ist, hab‘ ich wieder mal gedacht gestern, wie er das Schicksal der ganzen Welt in der Hand hat und seine Liebe zu dieser einen, einzelnen Person so machtvoll ist, dass er jedem Wissen und Gewissen zuwiderhandelt, um sie nicht zu verlieren. Diese eine Stelle finde ich sogar in der deutschen Version einen Tick besser – „Doch halt – was wird dann bloß aus Audrey? Wenn’s wieder so wie damals würd, es träf‘ sie schwer. Sie wird enttäuscht sein, sie wird verzweifeln… Ohne die Pflanze liebt sie mich vielleicht nicht mehr“. Einfach weil wir da noch durch das „es träf‘ sie schwer“ ein bisschen die Komponente drinhaben, dass er tatsächlich auch an ihr Wohlergehen denkt und nicht nur aus reinem Egoismus die Pflanze nicht umbringt, sondern eben auch, weil er wirklich nicht möchte, dass es Audrey wieder schlechter geht. Auch wenn immer noch ihr eventuelles Verschmähen seiner früheren, skid-row-geprägten Form den Ausschlag gibt, natürlich. Man ist ja nunmal menschlich. Ich bin immer so sehr auf der Seite von Charakteren, die von den „default settings“ her wirklich gute Menschen sind und nur durch eben solche Umstände in Konflikte mit sich selbst geraten, denen zufolge sie Dinge unternehmen, die für den Rest der Welt nicht gerade förderlich sind (siehe auch mein ewiger Seelenbruder, Judas in Jesus Christ Superstar – wie ich da auch einfach jedes Mal wieder anfange, nachzudenken, und immer zu den gleichen Erkenntnissen komme – je nach Laune mal dramatischer, mal gemäßigter).

Das war nun ein bisschen Horrorladenphilosophie, während ich eigentlich ja runtergehen, trinken, wieder hochkommen und schlafen wollte, da ich in ein paar Stunden schon das Land verlassen werde. Ich freu mich auf Belgien, auf Sarah und Hanne und alle anderen Menschen, die ich sehen werde, und ganz besonders auf meinen Ausflug zum belgischen Carrefour und den damit verbundenen Erwerb von Tonnen Gebrannte-Mandeln-Schokolade und Spekulatius-Jenever. Ich glaube, es ist ganz gut, dass ich 1) eine große Tasche dorthin mitnehme und 2) ab April wieder arbeite.