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Realitätsferne, Kaffee und Putzmittelzutatenbestellrausch

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Mir geht es gut, solange ich nicht damit konfrontiert werde, dass  R irgendwo ohne mich existiert, ohne mich einfach weiterlebt und mit allen Anderen normal Kontakt hat, aber nicht mit mir. Vielleicht sollte ich aus der Signal-Gruppe raus, um dies zu vermeiden. Andererseits bin ich demnächst auf Yannick angewiesen, um an Essen zu kommen. Also besser nicht austreten. Ein kleiner Reality-Check ab und an ist vielleicht auch nicht das Verkehrteste, damit ich nicht ganz und gar in eine Pseudowirklichkeit abdrifte, in der R und alles, das passiert ist, nicht oder nur ganz am Rande vorkommt. So weit kann ich es immer noch treiben, wenn es dann ganz und gar vorüber ist.

Becci ist nach Hause gefahren, einerseits, weil ihre Waltraudallergie sie dazu nötigte, andererseits, weil ihr Freund ihren Beistand brauchen kann. Seine Lebensplanung hat sich heute dank Virus um vier Monate nach hinten verschoben, was in seinem Fall mit erheblichen Komplikationen verbunden ist. Dagegen kann Becci zwar nicht viel ausrichten, aber man weiß ja, dass simples Dasein in solchen Situationen bereits eine ganze Menge helfen kann. Und da ich mich mittlerweile derart gefestigt fühle, dass ich heute sogar gewagt habe, mir den ersten Kaffee seit über einem Monat zu genehmigen (und die Unternehmung von Erfolg gekrönt war, was gleichzusetzen ist mit dem gänzlichen Ausbleiben eines Heul- oder Panikdramas), ließ sie mich, anders als beim letzten Mal, auch guten Gewissens alleine.

Morgen mache ich mich auf in die weite Welt. Genauer gesagt, ans andere Stadtende, um meinen Eimer Zitronensäure abzuholen und eventuell auf dem Weg dorthin (endlich mal) noch Pfand wegzubringen. Abends wird unten bei der Bäckerei Brötchen gerettet – und mir fällt erst in diesem Moment auf, dass es deutlich schwerer werden dürfte, den zu erwartenden Sack Brötchen ganz alleine wegzumampfen. Zumal dank des herrlichen Frühlingswetters nun auch der begehbare Kühlschrank ausfällt. Zum Glück gibt es ja noch Wolfgang, der mir sicher welche abnimmt. Und sowas wie Nachbarn hat man ja auch. Das wird schon.

Nebenbei habe ich gerade noch bei Ebay mit Kernseifenverkaufenden verhandelt und dabei einen Volltreffer gelandet: 114 Stück für 35 € inklusive Porto bei einem Stückpreis von 30 Cent. Ich habe einfach gefragt, ob er mir das Porto erlässt, wenn ich sie alle nehme, und er hat tatsächlich eingewilligt – das ist mit Abstand der beste Ebay-Deal, der mir jemals gelungen ist. Vor allem die andere Person, mit der ich zuerst zu tun hatte, kann dagegen abstinken. Die wollte nämlich 1 € pro Stück. Uff, das war knapp.

So, grad direkt nochmal eine Ladung Natron, mehr Waschsoda und mehr Zitronensäure aus einer einzigen Anzeige geordert, einfach weil es sich kein bisschen gelohnt hätte, nur das Natron alleine zu bestellen.

Es wird allerhöchste Zeit, dass ich wieder arbeite.

Katastrophentherapie

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Nachdem gestern Abend der Film über Natascha Kampusch, 3096 Days, bei aller Beklemmung irgendwie bei mir ein Gefühl der inneren Ruhe ausgelöst hat, dachte ich mir heute, „versuchen wir das doch nochmal“ – und es hat blendend funktioniert.

Zuerst habe ich mir passend zum gestrigen Thema die Doku 3096 Tage Gefangenschaft angeschaut und bin dabei bald vor Ehrfurcht erblasst im Angesicht dieser beeindruckenden Persönlichkeit. Anschließend habe ich mich, da es den Anschein machte, als würde Caro bis zum Telefonieren noch ein Weilchen brauchen, dazu entschieden, mit What the Health noch einen Schrecken auf globaler Ebene nachzuschieben.

Und siehe da, mit zunehmendem Level inhalierten Horrors wurde derjenige immer weiter verdrängt, den ich mir selbst produziere. Als drei Minuten vor Doku-Ende die Nachricht von Caro kam, dass ihr Husten ihr einen Strich durch die Rechnung gezogen hat, war ich praktisch tiefenentspannt, ein Zustand, der genau so lange anhalten wird, bis ich wieder anfange, selbst zu denken.

Da sollte man am besten schnell ins Bett gehen.

Would it still be there?

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Mein letzter Tag im Exil ist angebrochen, und es wird Zeit, dass ich nach Hause komme.

Alles in allem habe ich mich außergewöhnlich zivilisiert verhalten, während ich hier war. Heute bildet insoweit eine Ausnahme, als ich (eso sí, nach Annahme und Fertigstellung eines kleinen Auftrages, aber auch nach einem gerade so nochmal erstickten potenziellen Totaleskalationsausraster, dessen Gründe ich an dieser Stelle nicht weiter berücksichtige) mich, statt planmäßig das Packen und andere Erledigungen in Angriff zu nehmen, mit Mamas AG und einem Glas Weinschorle wieder aus Sofa gepflanzt habe.

Da Strawberry die am sperrigsten zu spielende meiner Gitarren ist und bereits zwei Schlucke Weinschorle ausreichen, um jegliche meiner Enunziierungsfähigkeiten zunichte zu machen, taugt natürlich die Aufnahme von Blind nichts, die ich gemacht habe aber du kannst sie dennoch anhören. Mit Kopfhörern, sonst vergiss es gleich.

Die Stimme aus dem Vakuum

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Wie praktisch jeden Abend denke ich mir, dass ich nichts zu sagen habe. Wozu soll das gut sein? Schreiben ist heilsam? Wenn ich mich durch Schreiben davon heilen könnte, dass mir jegliches Bedürfnis danach abhanden gekommen ist, müsste sich das doch langsam bemerkbar machen.

Wenn mir das Schreiben die Freude an Dingen wiederbringen könnte, die mir selbst zu elendsten Zeiten Freude bereitet haben.

Das tut es nicht, aber es hilft, mentale Barrieren zu überwinden. Auf diese Weise bin ich gezwungen, anzuerkennen, dass ich eine leere Schale wäre, würde man die zumeist sorgsam verdrängte Trauer um alles Verlorene herausnehmen.

Nun stehe ich vor dem Problem, dass derartige Eingeständnisse, sobald sie denn einmal gemacht sind, dazu tendieren, rasant anzuschwellen, mit all ihren emotionalen Implikationen lawinenartig herabzustürzen und mich darunter zu verschütten. Der Prozess mag notwendig und auf lange Sicht unumgänglich sein, aber ich fühle mich der Erstverschlimmerung nicht gewachsen. Vielleicht ist diese Abgelegenheit nicht der richtige Rahmen dafür.

In einer Woche bin ich wieder zu Hause. Eventuell sollte ich bis dahin die Konfrontation von Lebenskrisen vermeiden.

Stabilized (but stagnating)

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Schon besser. Ich kann nicht behaupten, dass es mir blendend geht, aber sofern hier nichts mehr eskaliert, dürfte das Gröbste überstanden sein.

Ich werde dennoch nicht an Beccis und Cornelias Holland-Trip dieses Wochenende teilnehmen, wie es eigentlich geplant war. Weder kreislauftechnisch noch mental würde ich eine Unternehmung von diesen Dimensionen verkraften. (Auch wenn es gepasst hätte, denn als ich Tim Vantol zum ersten Mal gesehen habe, war es um meinen Geisteszustand ähnlich bestellt. Das war auch der Grund, aus dem ich mir damals nach dem Konzert keine CD gekauft habe. Wozu, dachte ich mir, wenn ich’s eh nicht mehr lange mache.)

Becci, die gute Seele, sagte auf meine Frage hin, wie viel ich ihr für Ticket und Übernachtung schulde, es sei nicht der Rede wert und ich sollte nicht für meine gegenwärtige Situation auch noch bezahlen müssen.

Und meine Mutter, mit der ich gestern telefoniert habe, ist zwar aktuell noch auf Sri Lanka, sagte mir aber, ich hätte sie trotzdem wirklich mal anrufen können, als hier Land unter war, sie könne in 20 Stunden bei mir sein. Awww. (Wobei es bei ihr schon genügt hat, ihr zu erzählen, dass sich R während meines Entzugs nicht gerade um Unterstützung und Rücksicht bemüht hat, ohne auf Einzelheiten einzugehen.)

As for me… ich warte erstmal ab, bis sich mein Hormonhaushalt wieder einpendelt. Latente Panik ist nach wie vor da, aber nichts im Vergleich zum Wochenende. Derweil höre ich mir von der Therapeutin an, dass ich meine Prinzipien zum Fenster rausschmeiße, wenn ich nicht vehement ablehne, mich mit R’s Polyamorie auseinanderzusetzen, und beobachte dessen unbeholfene Versuche, meiner Kritik gemäß seine Egomanie zu drosseln.

Bislang scheint Letzteres allerdings aussichtslos. Siehe dazu gestern Abend: ich hatte Musik an, während ich in der Küche tätig war, und das Album lief noch, als er zum Essen kam. Er gab sich Mühe und fragte, welches Album wir hören würden. Es war What Seperates Me From You von A Day to Remember. Da er bemängelt, ich würde ja aber auch von mir aus nichts erzählen, fasste ich mir ein Herz und schilderte ihm, wie mich You Be Tails, I’ll Be Sonic damals mit seiner Genialität überwältigt hat, als ich die Band kennenlernte. Von zwei zehennägelkringelnd, nackenhaaresträubend konstruierten Rückfragen seinerseits fühlte ich mich nichtsdestotrotz ermutigt, man könnte fast sagen, verpflichtet, weitere Informationen preiszugeben. Also erzählte ich vom Konzert 2011, und dass dort auch mein T-Shirt mit einer besagtem Lied entstammenden Zeile herkommt, und schließlich sogar von der abstrusen Kombination, die mein Shirt („There’s a hole in my heart where you used to be“) und Şahins Wristband („Get the fuck over it“, 2nd Sucks) hermachten. Er reagierte daraufhin, and I shit you not, mit einer ausschweifenden Erörterung, welche zum Inhalt hatte, dass der Grund, aus dem er gleich zurück an den Rechner müsse, sei, dass auf der GUI, die er gerade programmiert, sich das Relief nicht mehr ausschalten lasse. Irgendwann unterbrach ich ihn, indem ich andeutete, zum Himmel zu beten, und flehte, „please be going somewhere with this“. Er war daraufhin beleidigt.

Sonntag Früh entdeckte ich einen drastisch reduzierten Udemy-Kurs zu kognitiver Verhaltenstherapie, dessen Beschreibung mich neugierig machte und mir den Eindruck verlieh, eine derartige Maßnahme könnte uns helfen, eine gewisse Basis an gegenseitigem Verständnis und gleichzeitig eine Erweiterung unser beider Horizonte zu erreichen, insbesondere in Hinblick darauf, dass ein konstruktives Auseinandersetzen mit der Thematik der Polyamorie mir in meinem aktuellen Mindset nicht oder kaum möglich ist. Ich sagte ihm dies und schlug vor, den Kurs herunterladen und gemeinsam anzusehen. Er stimmte dem zu. Als er dann feststellte, dass es sich um 53 Stunden Material handelt, war er schon weniger begeistert. Ich hatte gleichzeitig einen weiteren Kurs gefunden, der beim Umgang mit Konflikten helfen soll. Dieser dauert nur eine Dreiviertelstunde und wir haben uns die erste Session davon tatsächlich schon angeschaut. Leider ist der Dozent grottig, aber R war nicht der Meinung und ich nehme, was ich kriegen kann. Nach zehn Minuten war sein Kontingent an emotionaler Arbeitskraft jedoch erschöpft; seither macht er keine Anstalten, an einem der Kurse weiterarbeiten zu wollen, und ich darf weiter in Panik vor mich hinexistieren; diese wird bleiben, bis entweder Verdrängung oder Veränderung eintritt. Wenn er die Zeit oder den Aufwand nicht aufbringen möchte, für Letzteres zu arbeiten, kann ich nur zurück in Ersteres flüchten.

Gestern um diese Zeit…

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Frisch geduscht sieht alles besser aus. Nicht nur ich selbst, auch wenn die Besserung an meinem eigenen Beispiel am deutlichsten sichtbar wird.

Auch dass mein Klärungsversuch gestern Abend nur so semi-gut aufgegangen ist und R sogleich aufs Anschaulichste demonstrierte, dass er nicht wirklich etwas von dem begriffen hatte, um das ich ihn gebeten hatte, indem er zum unpassendsten Zeitpunkt und auf die unangemessenste Art und Weise mal wieder seine Unzufriedenheit mit dem Monodasein verkündete, ist etwas besser auszuhalten. Dabei hat die Dusche geholfen un Becci, die mir heute und gestern in Gesprächen der Sorte zur Seite stand, die ich früher öfter geführt habe und deren Wert mir schon gar nicht mehr wirklich bewusst war. Wann habe ich aufgehört, meine Freunde um Hilfe zu bitten?

Nunja. R scheint der Meinung zu sein, dass mein Sozialleben zu wünschen übrig lässt, und forderte mich gestern auf, mir mehr Freunde zu beschaffen. Wohl in der Annahme (wie Becci heute richtig feststellte), meine Ansprüche an ihn als Partner würden damit zurückgehen. Er hat es nicht so ganz durchblickt.

Nun schreibe ich mit Williams, meinem sehr anhänglichen bolivianischen Kumpel. Er gib sich nicht mit einem groben Lagebericht zufrieden und hat darauf bestanden, dass ich ihm Einzelheiten erzähle. Eigentlich habe ich wenig Lust darauf, denn er kennt mich kaum und R überhaupt nicht. Was soll das bringen?

Oh well. Williams mit seiner Latino-Mentalität wird nun auch nichts weiter tun als R aufs Übelste verteufeln, was mir halt auch nicht hilft.

Oh, worauf habe ich mich eingelassen? Jetzt darf ich Williams das Konzept Polyamorie erklären. Aaaah, ich wollte doch eigentlich nur kurz schreiben, damit  er sich nicht vergessen fühlt.

Na gut, das wurde eine längere Unterhaltung. Jetzt aber ist sie zu Ende – der liebe Williams, so eine gute Seele – und gleichzeitig habe ich von Kepa in Aussicht gestellt bekommen, in seinem zukünftigen gegenwärtigen Baserri wohnen zu dürfen. Zwar gehe ich einfach mal davon aus, dass sein Angebot von vor ein paar Jahren nicht mehr steht, dem zufolge ich jegliche Mietschulden durch Baumumarmen hätte begleichen können, aber da findet sich ein Weg.

Das war gerade einfach zu hundert Prozent unerwartet und kam gleichzeitig so exakt zum richtigen Zeitpunkt.

…Schrieb’s, fing an zu gitarrieren, wurde von Simones Anruf abgelenkt und bemerkte einen Tag später, das der Eintrag unvollendet war. Ich habe inzwischen die Verdrängung ihr Handwerk verrichten lassen, bin so gut wie wieder hergestellt und keinen Schritt weiter, aber was soll’s. Erstmal ist es mir wichtiger, am Leben zu bleiben.

Wählerische Volition

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Wenn jemand sehen möchte, wie a) meine Terrasse bestückt ist (weil frostgeschädigte Tomaten so einen wunderschönen Anblick abgeben, haha) und b) meine Motivation ihre Prioritäten setzt, der sehe sich dieses Pflanzenpflegedokument an, das ich in Anbetracht meiner nahenden dreiwöchigen Abwesenheit für R erstellt habe. (Ja, gelegentlich habe ich für die Pflanzen Bezeichnungen verwendet, die sich mangels Lust, sie zu bestimmen, bei mir eingebürgert haben – wenn jemand mit echten Namen aushelfen möchte, sehr gern.) Dieses Mal gibt’s keine Ausreden für tote oder fast ausgehungerte Exemplare.

Da sag nochmal einer, ich hätte keine Motivation.

Wobei ich mich nicht motiviert fühle, noch andere Dinge zu tun. Immerhin habe ich das Nötigste für den Urlaub vorbereitet (Bus zum Flughafen, Kontakt mit dem Couchsurfing-Mädel, bei Ebay neue Flipflops bestellt – jetzt müssen die nur noch bis Samstag ankommen).

Am liebsten würde ich gar nichts tun, gar nichts tun und nirgendwo hingehen; die Aussicht darauf überfordert mich – so viel tun zu müssen, die ganzen Herausforderungen des Verreisens. Seit Jahren immer das Gleiche; ich nehme mir Dinge vor und habe überhaupt keine Lust mehr darauf, wenn sie kurz davor sind einzutreten; dann nehme ich sie trotzdem in Angriff – was bleibt mir auch übrig – und dann wird es wunderbar oder zumindest eine wertvolle Erfahrung. Immer das Gleiche.

Dinge, die ich noch tun muss:

  • In anderthalb Stunden zu Marthe fahren; davor duschen.
  • Epilieren.
  • Morgen zu Malikas Geburtstagsbrunch gehen (und ihr Geschenke richten; ich denke an eine Zusammenstellung verschiedener Teemischungen und Salze).
  • Ladegerät für meine alte Point-and-shoot-Kamera finden (wenn schon das meiner gescheiten Kamera irgendwo zwischen Frankfurt und Kolkata verschollen ist).
  • R’s Kreditkarte einsacken, die er mir freundlicherweise ausleiht.
  • Packen. Reisepass nicht vergessen.

Hört sich gar nicht so schlimm an, wenn man es einmal konfrontiert. Ein Glück. Es fällt mir so schwer, Aufgaben zu konfrontieren. Und dann schwellen sie immer weiter an und werden gigantisch groß und furchteinflößend und ich muss den Kopf immer weiter verdrehen, um sie nicht ansehen zu müssen. So muss es Trudi damals mit dem (bzw. ohne den) Strom gegangen sein. Ich verachte sie trotzdem. Ich ziehe Menschen niemals zu diesem Ausmaß mit hinein in meine Verdrängungsmaschinerie.

Um nun aber Punkt eins zu konfrontieren, verlasse ich dich und widme mich meiner Körperpflege.

The Power Of Denial

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Es ist komisch. Heute ging’s mir ganz gut, ziemlich sogar, aber gestern dachte ich schon, ich würde den Verstand verlieren. Ich war ganz kurz davor. Und Freitag habe ich kurzzeitig überlegt, mich einweisen zu lassen. Ich war so sinnentleert.

Ich bin es immer noch, aber meine Verdrängkünste haben sich wieder an die Arbeit gemacht. Und ich weiß oder vermute zu wissen, woran ich eigentlich arbeiten sollte. Aber jetzt warte ich erstmal darauf, dass R mit Duschen fertig ist, um ihm noch ein paar Minuten was vorzulesen und dann zu schlafen. Schlafen geht ja zum Glück immer.

Y tuyo será.

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Unglaublich – der Himmel ist bedeckt; der Sonnenschirm, der seit Tagen unentwegt geöffnet auf der Terrasse steht, wirkt zum ersten Mal seit Langem überflüssig.

Ich denke in der Hitze dieses Monats ständig an Costa Rica, als würde ich nicht eh schon oft genug daran denken – und ich denke mir immer wieder, ich würde dieses Klima mehr schätzen, wenn nicht gleichzeitig der Gedanke an Regionen so hartnäckig nagen würde, die durch das, was für mich einen Segen bedeuten würde (hätte ich denn, wie es in Costa Rica der Fall war, einen Standventilator in meinem Schlafzimmer), gerade unendliches Leid erfahren. Wie immer; wir jammern und ächzen und stöhnen, aber wirklich ausbaden müssen es die Anderen.

Ich habe so viel zu sagen und schaffe es doch nicht. Ich arbeite vormittags meine Unbabel-Schicht für das Projekt, das noch bis zum 12. August läuft; danach fällt der Standby-Bonus von 6 respektive 3 Dollar die Stunde dann halt wieder weg und ich muss mir was Anderes suchen, denn auf Dauer habe ich nicht die Frustrationsgrenze, die es bräuchte, um mich für diesen Hungerlohn täglich mit diesen seelentötenden, monotonen Texten abzuplagen. Ich danke mir selbst und Gowai im Howai dafür, dass ich mich gegen ein Dasein als Übersetzerin entschieden habe, bevor es zu spät war.

Ich halte mich, um den Verstand zu behalten, von allem ab, das Nachdenken erfordert oder Emotionen hervorruft. Gelingt mir das nicht, wird alles ganz komisch. Meine ganze Wahrnehmung verändert sich, und jedes Ding, auf das mein Blick fällt, und es fällt mir gerade wirklich unheimlich schwer zu beschreiben, enthüllt seine wahre Bedeutung, und ich sehe die Welt so, wie sie wirklich ist, so, als säße man im 3-D-Film und es würde einem mitten im Film von irgendwoher die passende Brille aufs Gesicht gesetzt. Aber das passt nicht wirklich; ich sehe ja alles immer klar, nur eben zweidimensional, und es ist vielleicht eher wie Trudi sagte, als sie auf LSD zu mir ins Zimmer kam und sagte, sie hätte im Wald die Bäume leuchten sehen, die gesunden Blätter hätten alle geleuchtet, die verdorrten dagegen nicht.

Und das ist mir zu viel; ich bin heute aufgewacht und hatte den Titelsong von Narcos in Kopf und das allein war irgendwie schon zu heftig, aber mir kam dann die Szene in den Sinn, die mich von all den Entsetzlichkeiten in dieser Serie am meisten mitgenommen hat, nämlich [Spoiler Alert, bitte nur lesen, wenn du nie beabsichtigst, Narcos zu gucken, oder dies bereits getan hast!] als er diesen unfassbar lieben, naiven Jungen beauftragt, in dem Flugzeug ein Gespräch aufzunehmen, und er und seine Frau so dankbar sind für diese Möglichkeit und die reichhaltige Bezahlung, und er ihr sagt, schau, Liebling, vamos a seguir adelante, und sich so sehr freut und sich in das Flugzeug setzt hinter die beiden Männer, und natürlich ist der Knopf, auf den er drückt, nicht dazu da, ein Gespräch aufzunehmen, sondern dazu, das Flugzeug zu sprengen.

Das fand ich mit Abstand die schrecklichste Szene, und als wäre das nicht genug, hatte ich plötzlich das merkwürdigste Szenario im Kopf, und zwar war es so, ich hatte nämlich mit dem Gedanken gespielt, mich aus dem Bett herüber zum Regal zu lehnen und das Baskisch-Wörterbuch herauszuholen, um das Wort ardi nachzuschlagen, das mir Kepa vor Tagen in einer Nachricht geschrieben hatte und ich seitdem in den Winkeln meines verschrumpelten Euskera-Gedächtnisses versucht hatte aufzutreiben, und ich habe mir auf einmal gedacht, dass, würde ich bei der Aktion vom Bett fallen und mir auf dem Weg den Kopf aufschlagen und sterben, R am Abend, wenn er mich fände, keine Möglichkeit haben würde zu wissen, dass ich gerade den Narcos-Titelsong im Kopf hatte, und das wiederum brachte mich auf die endlos entsetzlich traurige Szene in… diesem orangenen Buch mit den zwei Silhouetten von Gesichtern vorne drauf, das mich so fertiggemacht hat, dass ich sogar seinen Namen verdrängt habe, wo [Spoiler Alert; bitte nur weiterlesen, wenn du nicht vorhast, das ominöse orangene Buch mit den zwei Gesichtern vorne drauf je zu lesen, oder dies bereits getan hast!] die Protagonistin am Ende von einem Auto angefahren wird und stirbt, und der Satz, mit dem das Ganze beschrieben wird, war einfach (zumindest ist er so bei mir im Kopf hängengeblieben; keine Garantie): Then Emma [ich hab den Nachnamen des dazugehörigen Menschen vergessen und kam erst nach intensivem Nachdenken überhaupt auf ihren eigenen] died, and everything she had ever said or known was gone forever.

Und das war dann wirklich zu viel, und ich musste mich krampfhaft davon abhalten, weiter mein Hirn nach ihrem Nachnamen oder dem Vornamen ihres Co-Protagonisten zu durchforsten; leider ist mir dieser gerade eben beim Schreiben zumindest wieder eingefallen, Dexter nämlich, und ich suche weiter nach seinem Nachnamen, obwohl ich ihn eigentlich gar nicht wissen möchte.

Dann konnte ich nicht mehr schlafen, obwohl ich noch todmüde gewesen war, als der Wecker geklingelt hatte.

Jetzt bin ich am Arbeiten, aber da es heute mit den Aufgaben schleppend läuft, kann ich der Welt und allen Bots zwischendrin mitteilen, dass mein Hirn merkwürdig ist. Das wusstet ihr alle bestimmt noch gar nicht.

Was lange währt

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Etwas Unglaubliches ist geschehen. Eigentlich ja schon am Anfang des Monats, aber gerade hat es nochmal besonders gut funktioniert: Ich kann Eva Cassidys Version von Kathy’s Song spielen.

Das hat nun ein halbes Jahr gedauert, was einiges über die Anzahl und Dauer meiner Motivationsschübe diesbezüglich aussagen dürfte, aber jetzt ist es soweit. Es hat unendlich Geduld gebraucht, bis ich das ganze Gezupfe so weit auswendig konnte und richtig verinnerlicht hatte, dass ich auch nur daran denken konnte, dazu mit Text zu singen. Aber ich bin glücklich: es ist vollbracht.

Überhaupt bin ich zufrieden mit mir. Ich habe gestern an diesem langen, grauen freien Tag nicht nur weitere 30 Dollar bei Unbabel verdient (wo ich Anfang der Woche nach langer Überwidungszeit angefangen habe, aktiv zu werden), sondern auch, statt zu versacken, ganz viel aufgeräumt, gesaugt und sogar die Fensterscheiben in der Wohnzimmer-/Terrassentür geputzt und später, während ich mit Malte telefoniert habe, ein paar Löcher in diversen Kleidungsstücken zugenäht und mein Haarbänder-Band repariert, welches mir die Tage auseinandergefallen war (wie es das alle Jubeljahre mal tut, weil der Druckknopf irgendwann vom Band abreißt).

Und heute habe ich mich in der Therapiesitzung ganz gut angestellt, glaube ich, und auch das macht mich froh. Ich musste (bzw, ich wollte) mich in das letzte Drama mit meiner Mutter hineinversetzen und die Therapeutin hat eine Art Rollenspiel mit mir veranstalten wollen, in dem ich meine Mutter darstellen sollte. Das Problem (und das Frustrierende) war dann, dass ich beim besten Willen das Gespräch nicht mehr zusammenbekommen habe, und selbst das, woran ich mich erinnert habe, nur sehr oberflächlich wiedergeben konnte. Sie meinte, ich würde es gut machen, aber ich wusste ja (da ich leider auch Zeugin des Original-Ereignisses war), dass da so einiges auf der Strecke blieb und ich nicht gerade eine schauspielerische Glanzleistung vollbrachte. Erst als ich zu dem Punkt mit der Weinflasche kam, habe ich Zugriff auf (zumindest mal) meine eigenen Emotionen bekommen. Sie machte mir erneut Komplimente für meine Verdrängungsskills und ließ mich die Situation von außen analysieren. Das konnte ich besser. Wer hätte es gedacht.

Nun soll ich es irgendwie hinbekommen, Dinge, die ich verdränge, ans Tageslicht zu befördern. Ich würde das sehr gerne tun. Es ist halt nur nicht so einfach, wenn du nicht weißt, wie du drankommen sollst. Aber da ich es wirklich schon ein paarmal geschafft habe mittlerweile, sogar während der Sitzungen manchmal in Tränen auszubrechen (was, so idiotisch sich das anhört, für mich ein gutes Zeichen ist), hege ich die Hoffnung, das in Zusammenarbeit mit der Therapeutin hinzubekommen. Und eine Möglichkeit zu erarbeiten, mit dem, was sich dann zeigt, gescheit umzugehen.

Nächstes Thema: Ominöse Nachricht von Basti, die ich heute erhalten habe. Ich könne ihn nicht besuchen diesen Monat, aber er würde gern zu mir kommen. Das sei nicht möglich, solange er noch bei Vivi in der WG wohne. Er sei in eine doofe Lage geraten. Er hätte vielleicht einfach auf Niklas und mich hören sollen.

Wenn Basti sich von Vivi trennt, mache ich drei Kreuze im Kalender. Sie hat zwar einerseits auf ihn einen ausgezeichneten Einfluss – er ist inzwischen Veganer, hat sich Dreads machen lassen, denkt über Umwelt und Nachhaltigkeit nach, tobt sich in der WG mit Bauprojekten aus, raucht weniger Tabak, hängt weniger bis gar nicht mehr im Contrast. Aber die andere Seite ist gruselig: Die WG ist von militanten Veganern bevölkert, die kein nicht-veganes Essen in den Kühlschrank lassen – ob gerettet oder nicht. Vivi stellt ihre Depression offen zur Schau und scheint sich kein bisschen Mühe zu geben, ihn damit nicht zu belasten. (Okay, dieser Punkt ist meinerseits der blanke Neid. Wie gerne hätte ich dieses Leben. Mir geht’s nicht gut und die ganze Welt dreht sich sofort um mich. Ich geb‘ es ja zu. Ich will das auch. Stattdessen bin ich mit R und meiner Mutter gesegnet und nichtmal in der Lage, vernünftig bescheidzusagen, wenn ich gleich abkratze.) Sie wird zickig, wenn sie kein Gras mehr hat. Aber noch schlimmer: Sie ist der eifersüchtigste Mensch unter der Sonne und macht Basti ein schlechtes Gewissen, wenn er mit weiblichen Menschen rumhängt. Nichtsdestotrotz war sie es, die direkt am Anfang der Beziehung vor seinen Augen im Contrast mit einem anderen Typen rummacht. YAY, ich sag’s dir. Und natürlich, ihre Eltern sind stinkreich. Ja, natürlich, auch hier schlägt der Neid durch. Aber pass auf. Während sie also zu Hause den Hippie raushängen lässt, hat sie kein Problem damit, sich von ihren Eltern ein Auto finanzieren und Urlaube bezahlen zu lassen (sagt diejenige, die mietfrei in der Wohnung ihrer Eltern wohnt und deren Großeltern ihr die Elektrifizierung ihres Fahrrads ermöglicht haben, I know) und, jetzt kommt’s, sich regelmäßig mit ihrer Mutter in einem Zürcher 5-Sterne-Hotel einzuquartieren und erstmal ein Wochenende shoppen zu gehen. Ehrlich gesagt ist das für mich fast von allen Punkten der schlimmste. Shoppen in der Schweiz. Whoa. Die Schaumkrone der Dekadenz. Weil man als vermeintlich nachhaltig orientierter Mensch sonst nichts mit seinem Geld anfangen kann.

Genug gerantet. Erstmal abwarten, was los ist.