Schlagwort-Archive: Verdrängung

Wählerische Volition

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Wenn jemand sehen möchte, wie a) meine Terrasse bestückt ist (weil frostgeschädigte Tomaten so einen wunderschönen Anblick abgeben, haha) und b) meine Motivation ihre Prioritäten setzt, der sehe sich dieses Pflanzenpflegedokument an, das ich in Anbetracht meiner nahenden dreiwöchigen Abwesenheit für R erstellt habe. (Ja, gelegentlich habe ich für die Pflanzen Bezeichnungen verwendet, die sich mangels Lust, sie zu bestimmen, bei mir eingebürgert haben – wenn jemand mit echten Namen aushelfen möchte, sehr gern.) Dieses Mal gibt’s keine Ausreden für tote oder fast ausgehungerte Exemplare.

Da sag nochmal einer, ich hätte keine Motivation.

Wobei ich mich nicht motiviert fühle, noch andere Dinge zu tun. Immerhin habe ich das Nötigste für den Urlaub vorbereitet (Bus zum Flughafen, Kontakt mit dem Couchsurfing-Mädel, bei Ebay neue Flipflops bestellt – jetzt müssen die nur noch bis Samstag ankommen).

Am liebsten würde ich gar nichts tun, gar nichts tun und nirgendwo hingehen; die Aussicht darauf überfordert mich – so viel tun zu müssen, die ganzen Herausforderungen des Verreisens. Seit Jahren immer das Gleiche; ich nehme mir Dinge vor und habe überhaupt keine Lust mehr darauf, wenn sie kurz davor sind einzutreten; dann nehme ich sie trotzdem in Angriff – was bleibt mir auch übrig – und dann wird es wunderbar oder zumindest eine wertvolle Erfahrung. Immer das Gleiche.

Dinge, die ich noch tun muss:

  • In anderthalb Stunden zu Marthe fahren; davor duschen.
  • Epilieren.
  • Morgen zu Malikas Geburtstagsbrunch gehen (und ihr Geschenke richten; ich denke an eine Zusammenstellung verschiedener Teemischungen und Salze).
  • Ladegerät für meine alte Point-and-shoot-Kamera finden (wenn schon das meiner gescheiten Kamera irgendwo zwischen Frankfurt und Kolkata verschollen ist).
  • R’s Kreditkarte einsacken, die er mir freundlicherweise ausleiht.
  • Packen. Reisepass nicht vergessen.

Hört sich gar nicht so schlimm an, wenn man es einmal konfrontiert. Ein Glück. Es fällt mir so schwer, Aufgaben zu konfrontieren. Und dann schwellen sie immer weiter an und werden gigantisch groß und furchteinflößend und ich muss den Kopf immer weiter verdrehen, um sie nicht ansehen zu müssen. So muss es Trudi damals mit dem (bzw. ohne den) Strom gegangen sein. Ich verachte sie trotzdem. Ich ziehe Menschen niemals zu diesem Ausmaß mit hinein in meine Verdrängungsmaschinerie.

Um nun aber Punkt eins zu konfrontieren, verlasse ich dich und widme mich meiner Körperpflege.

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The Power Of Denial

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Es ist komisch. Heute ging’s mir ganz gut, ziemlich sogar, aber gestern dachte ich schon, ich würde den Verstand verlieren. Ich war ganz kurz davor. Und Freitag habe ich kurzzeitig überlegt, mich einweisen zu lassen. Ich war so sinnentleert.

Ich bin es immer noch, aber meine Verdrängkünste haben sich wieder an die Arbeit gemacht. Und ich weiß oder vermute zu wissen, woran ich eigentlich arbeiten sollte. Aber jetzt warte ich erstmal darauf, dass R mit Duschen fertig ist, um ihm noch ein paar Minuten was vorzulesen und dann zu schlafen. Schlafen geht ja zum Glück immer.

Y tuyo será.

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Unglaublich – der Himmel ist bedeckt; der Sonnenschirm, der seit Tagen unentwegt geöffnet auf der Terrasse steht, wirkt zum ersten Mal seit Langem überflüssig.

Ich denke in der Hitze dieses Monats ständig an Costa Rica, als würde ich nicht eh schon oft genug daran denken – und ich denke mir immer wieder, ich würde dieses Klima mehr schätzen, wenn nicht gleichzeitig der Gedanke an Regionen so hartnäckig nagen würde, die durch das, was für mich einen Segen bedeuten würde (hätte ich denn, wie es in Costa Rica der Fall war, einen Standventilator in meinem Schlafzimmer), gerade unendliches Leid erfahren. Wie immer; wir jammern und ächzen und stöhnen, aber wirklich ausbaden müssen es die Anderen.

Ich habe so viel zu sagen und schaffe es doch nicht. Ich arbeite vormittags meine Unbabel-Schicht für das Projekt, das noch bis zum 12. August läuft; danach fällt der Standby-Bonus von 6 respektive 3 Dollar die Stunde dann halt wieder weg und ich muss mir was Anderes suchen, denn auf Dauer habe ich nicht die Frustrationsgrenze, die es bräuchte, um mich für diesen Hungerlohn täglich mit diesen seelentötenden, monotonen Texten abzuplagen. Ich danke mir selbst und Gowai im Howai dafür, dass ich mich gegen ein Dasein als Übersetzerin entschieden habe, bevor es zu spät war.

Ich halte mich, um den Verstand zu behalten, von allem ab, das Nachdenken erfordert oder Emotionen hervorruft. Gelingt mir das nicht, wird alles ganz komisch. Meine ganze Wahrnehmung verändert sich, und jedes Ding, auf das mein Blick fällt, und es fällt mir gerade wirklich unheimlich schwer zu beschreiben, enthüllt seine wahre Bedeutung, und ich sehe die Welt so, wie sie wirklich ist, so, als säße man im 3-D-Film und es würde einem mitten im Film von irgendwoher die passende Brille aufs Gesicht gesetzt. Aber das passt nicht wirklich; ich sehe ja alles immer klar, nur eben zweidimensional, und es ist vielleicht eher wie Trudi sagte, als sie auf LSD zu mir ins Zimmer kam und sagte, sie hätte im Wald die Bäume leuchten sehen, die gesunden Blätter hätten alle geleuchtet, die verdorrten dagegen nicht.

Und das ist mir zu viel; ich bin heute aufgewacht und hatte den Titelsong von Narcos in Kopf und das allein war irgendwie schon zu heftig, aber mir kam dann die Szene in den Sinn, die mich von all den Entsetzlichkeiten in dieser Serie am meisten mitgenommen hat, nämlich [Spoiler Alert, bitte nur lesen, wenn du nie beabsichtigst, Narcos zu gucken, oder dies bereits getan hast!] als er diesen unfassbar lieben, naiven Jungen beauftragt, in dem Flugzeug ein Gespräch aufzunehmen, und er und seine Frau so dankbar sind für diese Möglichkeit und die reichhaltige Bezahlung, und er ihr sagt, schau, Liebling, vamos a seguir adelante, und sich so sehr freut und sich in das Flugzeug setzt hinter die beiden Männer, und natürlich ist der Knopf, auf den er drückt, nicht dazu da, ein Gespräch aufzunehmen, sondern dazu, das Flugzeug zu sprengen.

Das fand ich mit Abstand die schrecklichste Szene, und als wäre das nicht genug, hatte ich plötzlich das merkwürdigste Szenario im Kopf, und zwar war es so, ich hatte nämlich mit dem Gedanken gespielt, mich aus dem Bett herüber zum Regal zu lehnen und das Baskisch-Wörterbuch herauszuholen, um das Wort ardi nachzuschlagen, das mir Kepa vor Tagen in einer Nachricht geschrieben hatte und ich seitdem in den Winkeln meines verschrumpelten Euskera-Gedächtnisses versucht hatte aufzutreiben, und ich habe mir auf einmal gedacht, dass, würde ich bei der Aktion vom Bett fallen und mir auf dem Weg den Kopf aufschlagen und sterben, R am Abend, wenn er mich fände, keine Möglichkeit haben würde zu wissen, dass ich gerade den Narcos-Titelsong im Kopf hatte, und das wiederum brachte mich auf die endlos entsetzlich traurige Szene in… diesem orangenen Buch mit den zwei Silhouetten von Gesichtern vorne drauf, das mich so fertiggemacht hat, dass ich sogar seinen Namen verdrängt habe, wo [Spoiler Alert; bitte nur weiterlesen, wenn du nicht vorhast, das ominöse orangene Buch mit den zwei Gesichtern vorne drauf je zu lesen, oder dies bereits getan hast!] die Protagonistin am Ende von einem Auto angefahren wird und stirbt, und der Satz, mit dem das Ganze beschrieben wird, war einfach (zumindest ist er so bei mir im Kopf hängengeblieben; keine Garantie): Then Emma [ich hab den Nachnamen des dazugehörigen Menschen vergessen und kam erst nach intensivem Nachdenken überhaupt auf ihren eigenen] died, and everything she had ever said or known was gone forever.

Und das war dann wirklich zu viel, und ich musste mich krampfhaft davon abhalten, weiter mein Hirn nach ihrem Nachnamen oder dem Vornamen ihres Co-Protagonisten zu durchforsten; leider ist mir dieser gerade eben beim Schreiben zumindest wieder eingefallen, Dexter nämlich, und ich suche weiter nach seinem Nachnamen, obwohl ich ihn eigentlich gar nicht wissen möchte.

Dann konnte ich nicht mehr schlafen, obwohl ich noch todmüde gewesen war, als der Wecker geklingelt hatte.

Jetzt bin ich am Arbeiten, aber da es heute mit den Aufgaben schleppend läuft, kann ich der Welt und allen Bots zwischendrin mitteilen, dass mein Hirn merkwürdig ist. Das wusstet ihr alle bestimmt noch gar nicht.

Was lange währt

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Etwas Unglaubliches ist geschehen. Eigentlich ja schon am Anfang des Monats, aber gerade hat es nochmal besonders gut funktioniert: Ich kann Eva Cassidys Version von Kathy’s Song spielen.

Das hat nun ein halbes Jahr gedauert, was einiges über die Anzahl und Dauer meiner Motivationsschübe diesbezüglich aussagen dürfte, aber jetzt ist es soweit. Es hat unendlich Geduld gebraucht, bis ich das ganze Gezupfe so weit auswendig konnte und richtig verinnerlicht hatte, dass ich auch nur daran denken konnte, dazu mit Text zu singen. Aber ich bin glücklich: es ist vollbracht.

Überhaupt bin ich zufrieden mit mir. Ich habe gestern an diesem langen, grauen freien Tag nicht nur weitere 30 Dollar bei Unbabel verdient (wo ich Anfang der Woche nach langer Überwidungszeit angefangen habe, aktiv zu werden), sondern auch, statt zu versacken, ganz viel aufgeräumt, gesaugt und sogar die Fensterscheiben in der Wohnzimmer-/Terrassentür geputzt und später, während ich mit Malte telefoniert habe, ein paar Löcher in diversen Kleidungsstücken zugenäht und mein Haarbänder-Band repariert, welches mir die Tage auseinandergefallen war (wie es das alle Jubeljahre mal tut, weil der Druckknopf irgendwann vom Band abreißt).

Und heute habe ich mich in der Therapiesitzung ganz gut angestellt, glaube ich, und auch das macht mich froh. Ich musste (bzw, ich wollte) mich in das letzte Drama mit meiner Mutter hineinversetzen und die Therapeutin hat eine Art Rollenspiel mit mir veranstalten wollen, in dem ich meine Mutter darstellen sollte. Das Problem (und das Frustrierende) war dann, dass ich beim besten Willen das Gespräch nicht mehr zusammenbekommen habe, und selbst das, woran ich mich erinnert habe, nur sehr oberflächlich wiedergeben konnte. Sie meinte, ich würde es gut machen, aber ich wusste ja (da ich leider auch Zeugin des Original-Ereignisses war), dass da so einiges auf der Strecke blieb und ich nicht gerade eine schauspielerische Glanzleistung vollbrachte. Erst als ich zu dem Punkt mit der Weinflasche kam, habe ich Zugriff auf (zumindest mal) meine eigenen Emotionen bekommen. Sie machte mir erneut Komplimente für meine Verdrängungsskills und ließ mich die Situation von außen analysieren. Das konnte ich besser. Wer hätte es gedacht.

Nun soll ich es irgendwie hinbekommen, Dinge, die ich verdränge, ans Tageslicht zu befördern. Ich würde das sehr gerne tun. Es ist halt nur nicht so einfach, wenn du nicht weißt, wie du drankommen sollst. Aber da ich es wirklich schon ein paarmal geschafft habe mittlerweile, sogar während der Sitzungen manchmal in Tränen auszubrechen (was, so idiotisch sich das anhört, für mich ein gutes Zeichen ist), hege ich die Hoffnung, das in Zusammenarbeit mit der Therapeutin hinzubekommen. Und eine Möglichkeit zu erarbeiten, mit dem, was sich dann zeigt, gescheit umzugehen.

Nächstes Thema: Ominöse Nachricht von Basti, die ich heute erhalten habe. Ich könne ihn nicht besuchen diesen Monat, aber er würde gern zu mir kommen. Das sei nicht möglich, solange er noch bei Vivi in der WG wohne. Er sei in eine doofe Lage geraten. Er hätte vielleicht einfach auf Niklas und mich hören sollen.

Wenn Basti sich von Vivi trennt, mache ich drei Kreuze im Kalender. Sie hat zwar einerseits auf ihn einen ausgezeichneten Einfluss – er ist inzwischen Veganer, hat sich Dreads machen lassen, denkt über Umwelt und Nachhaltigkeit nach, tobt sich in der WG mit Bauprojekten aus, raucht weniger Tabak, hängt weniger bis gar nicht mehr im Contrast. Aber die andere Seite ist gruselig: Die WG ist von militanten Veganern bevölkert, die kein nicht-veganes Essen in den Kühlschrank lassen – ob gerettet oder nicht. Vivi stellt ihre Depression offen zur Schau und scheint sich kein bisschen Mühe zu geben, ihn damit nicht zu belasten. (Okay, dieser Punkt ist meinerseits der blanke Neid. Wie gerne hätte ich dieses Leben. Mir geht’s nicht gut und die ganze Welt dreht sich sofort um mich. Ich geb‘ es ja zu. Ich will das auch. Stattdessen bin ich mit R und meiner Mutter gesegnet und nichtmal in der Lage, vernünftig bescheidzusagen, wenn ich gleich abkratze.) Sie wird zickig, wenn sie kein Gras mehr hat. Aber noch schlimmer: Sie ist der eifersüchtigste Mensch unter der Sonne und macht Basti ein schlechtes Gewissen, wenn er mit weiblichen Menschen rumhängt. Nichtsdestotrotz war sie es, die direkt am Anfang der Beziehung vor seinen Augen im Contrast mit einem anderen Typen rummacht. YAY, ich sag’s dir. Und natürlich, ihre Eltern sind stinkreich. Ja, natürlich, auch hier schlägt der Neid durch. Aber pass auf. Während sie also zu Hause den Hippie raushängen lässt, hat sie kein Problem damit, sich von ihren Eltern ein Auto finanzieren und Urlaube bezahlen zu lassen (sagt diejenige, die mietfrei in der Wohnung ihrer Eltern wohnt und deren Großeltern ihr die Elektrifizierung ihres Fahrrads ermöglicht haben, I know) und, jetzt kommt’s, sich regelmäßig mit ihrer Mutter in einem Zürcher 5-Sterne-Hotel einzuquartieren und erstmal ein Wochenende shoppen zu gehen. Ehrlich gesagt ist das für mich fast von allen Punkten der schlimmste. Shoppen in der Schweiz. Whoa. Die Schaumkrone der Dekadenz. Weil man als vermeintlich nachhaltig orientierter Mensch sonst nichts mit seinem Geld anfangen kann.

Genug gerantet. Erstmal abwarten, was los ist.

So lange her.

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Ich habe, glaube ich, gerade verstanden, wieso mein Emotionsspektrum gefühlt so wahnsinnig breit ist. Und zwar habe ich mir eben gedacht: Das liegt daran, dass mein emotionales Kurzzeitgedächtnis wie das eines Goldfisches ist.

Mir geht es gut. Und zwar wirklich, als hätte ich nicht vor zwei Wochen auf einem Balkon in Mailand gesessen mit dem überwältigenden Bedürfnis, die vor mir auf der Balkonmauer stehende Weinflasche daran zu zerschmettern und mit dem so entstandenen Instrument meinen Körper in der Mitte aufzuschneiden, die Arme und die Brust und das Gesicht, und noch viel schlimmer, meine Mutter damit anzugreifen, die Liebe und das Vertrauen und das Verständnis, alles, was sie mir entzogen hatte, auf diese Weise aus ihr herausströmen zu lassen; all diese Dinge mussten doch irgendwo sein. Was für eine unmenschliche Anstrengung es gekostet hat in diesem Moment, nicht die Weinflasche auf der Mauer zu zertrümmern und ein, wahrscheinlich zwei Leben aufs Entsetzlichste zu verändern. Ich bin noch immer nicht sicher, ob es allein die Tatsache war, dass sich noch Wein in der Flasche befand, die mir die Kraft verliehen hat, dem Bedürfnis nicht nachzugeben. Wein verschwenden, dafür bin ich nicht programmiert. Und die Gläser daneben gehörten der Air-B&B-Frau. Manchmal sind es die Kleinigkeiten.

Aber das ist schon so lange her, und ich verdränge es. Die Therapeutin hat meine Verdrängungskunst gelobt. Das sei wirklich eine gute Sache. Das ist Teil ihrer Herangehensweise; alles, was man macht, wird irgendwie erstmal ins Positive gedreht. Aber natürlich hat sie Recht, denn ich kann wirklich sehr gut verdrängen. Allerdings bedeutet das auch, dass einen alles, was passiert, immer wesentlich mehr beeindruckt, als hätte man den Fundus an vorangegangenen Erfahrungen immer gleich parat. Ich stehe auf und fange jedes Mal bei Null an. Du warst gestern richtig mies zu mir? Macht nichts, solange du heute lieb bist. Draußen blühen die Tomaten? Heftig, das muss eine halbe Stunde lang zelebriert werden, denn es ist schon so lange her, dass ich gestern um die Zeit davorstand und genau so begeistert war. Du bist morgen wieder gemein zu mir? Das wird mich unendlich mitnehmen, weil es doch heute so schön war. Und gestern ist halt… schon so lange her.

Ruhe nach dem Sturm

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Es war das heftigste Gewitter meines bisherigen Lebens. R weckte mich auf, ich weiß gar nicht mit welcher Absicht, und ich, mir der Situation gewahr werdend, aber schlafentrissenerweise noch ohne viel Zugriff auf meine artikulatorischen Fähigkeiten, sagte „Der Flokati.“

-„Ist er draußen?!“

„Ja.“

„Also ich hol den nicht rein jetzt.“

„Nein! Aber unter den… das… Wie heißt das denn.. unter den Balkon, den von obendrüber, unters Dach!“

R machte unbegeisterte Geräusche. Dann musste ich halt selber ran. Entnervt schwang ich mich aus dem Bett – nenn mich sexistisch, aber während ich gut darauf verzichten kann, dass man mir Türen aufhält, Spinnen entfernt oder teure Geschenke macht, bin ich der Meinung, dass es zu den Dingen gehören sollte, die mein Freund für mich bereit ist zu tun, sich im schlimmsten Regen des Jahrtausends auf den Balkon zu bewegen und einen Teppich ins Trockene zu bringen. Aber nein, R meint dies nicht, also stürzte ich mich selbst in die Fluten und positionierte bei der Gelegenheit auch gleich die Eimer unterhalb des übernachbarlichen Balkonrandes (ich habe nie von dieser Fehlkonstruktion berichtet, aber dieses Haus ist auf eine solche Weise erbaut, dass bei Regen aus zentral im Rand angebrachten Abflüssen aller über uns liegenden Balkone kaskadenweise das Wasser auf den unsrigen herabströmt, welcher nicht mit einem derartigen Abfluss gesegnet ist, sondern Abflussmöglichkeiten besitzt, welche unter den Bodenplatten liegen und größtenteils blockiert sind, egal, wie gründlich man die Fugen reinigt. Go figure, wo sich das ganze Wasser demzufolge ansammelt). Durch die Blitze wurde es sekundenweise taghell; ich habe noch nie so helle Blitze erlebt.

Ich war durchnässt und zitterig, als ich wieder reinkam, legte mich zurück ins Bett und beobachtete mit R die auf der Straße bergabwärts strömenden Wassermassen, erfreute mich an der tropisch anmutenden Intensität des Gewitters, bewunderte die Blitze und sorgte mich um meine Pflanzen.

Dementsprechend groß war vorhin meine Erleichterung, als ich begeistert feststellte, dass keinem Pflänzchen auch nur ein Stielhaar gekrümmt worden war. Die Guten sind doch allesamt widerstandsfähiger, als ich sie eingeschätzt hatte; sogar die zarten Zimtbasilikumstängelchen waren unversehrt. Der Regen hat ihnen allen einfach nur gutgetan; man kann förmlich zusehen, wie sie in die Höhe schießen und gedeihen. Ich habe die prächtigsten Tomaten, die ich je besessen habe. Ringelblumen wuchern überall. Der Kürbis explodiert förmlich. (Es kann auch eine Melone sein. Ich weiß wirklich nicht, wie ich die beiden in diesem fruchtlosen Stadium auseinanderhalten soll, also warte ich einfach ab, was die jeweiligen Pflänzchen irgendwann so hervorbringen.) Die Zinnien fangen an zu blühen, rot und pink bislang. (Eine Zinnie fiel meiner viertägigen Abwesenheit zum Opfer, als es heiß wurde und R’s Vernachlässigung meine Balkonbepflanzung auf harte Proben stellte. Zum Glück war sie die einzige, die dran glauben musste.) Der Topinambur ist bald größer als ich, und die Kartoffelhecke macht sich hervorragend an der wenig dekorativen Balkonmauer. Die Azorenpflanzen entwickeln sich zu wahren Juwelen, und ich kann es nicht abwarten, bis sie blühen. Die Physalis mit ihren gesunden, samtweichen Blättern sieht genau so aus, wie sie sein soll. Pfefferminze wuchert wie ein Wald, die vom Brandt geschenkten Zucchini haben tausend Knospen, Schalen mit Genoveserbasilikum und Oregano treiben und grünen, Wildblumen sprießen in Scharen. Und zwischendrin tummeln sich Zitronenbasilikum und kleine Löwenmäulchen und warten auf ihre Chance, dem Schatten der Großen zu entwachsen. Noch keinen Junianfang hatte ich eine so vielversprechende Ansammlung an Pflanzen. Ich freue mich wahnsinnig auf den verbleibenden Sommer.

Mein Urlaub neigt sich dem Ende zu; Montag fängt die Schule wieder an und somit mein letzter Monat mit Sophi; die Noten des schriftlichen Abis werden am 18. verkündet und ich bin hochgespannt. Gleichzeitig natürlich verdränge ich weiterhin wie ein Weltmeister die Tatsache, dass ich ab Juli ohne Schüler dastehe und daran dringend etwas ändern müsste, denn auch wenn ich mir im letzten Dreivierteljahr ein beruhigendes finanzielles Polster erarbeitet habe, lähmt mich die Angst vor dem Mangel an Einkünften. Ich bin in der Therapie daran am Arbeiten, diesen Druck zu verstehen und zu bändigen. Und sie bietet mir zudem die Möglichkeit, nachzuvollziehen, wie Dramen der Sorte „letztes Wochenende“ entstehen und vielleicht, irgendwann, was ich tun kann, um dies zu verhindern. (Das Drama zog auch vorbei, ähnlich dem Gewitter. Bloß dass im Gegensatz zu den reinigenden Qualitäten des Letzteren von den Dramen immer eine Spur bleibt. Oder eher: eine Narbe. Es bleibt eine Narbe.)

Ich will dir mal was sagen. Ich habe es über weite Strecken der vergangenen Jahre vermieden (und vermeide nach wie vor), mich mit meinen innersten Zweifeln und Konflikten aktiv auseinanderzusetzen; ich vermeide es, so gut es geht, und nicht aus freiem Willen, sondern weil irgendein Teil von mir es mir so vorschreibt. Ich habe Schwierigkeiten, mein Blögchen zu betreiben, weil mir nicht einfällt, was ich schreiben könnte, während die Sachverhalte mir nicht zugänglich sind, die es wert wären, sich damit zu beschäftigen. Daraus ergibt sich dann die (berechtigte) Befürchtung, ein falsches Bild zu vermitteln, und daraus wiederum der Unwille, überhaupt etwas zu schreiben. Ich habe ewig gedacht, es läge daran, dass ich nicht mehr alleine wohne und die Zeit für Anderes aufwenden möchte, aber eigentlich ist es alles nur Teil eines gigantischen Verdrängungsmechanismus. Ich bin mir nicht sicher, was mit dieser Feststellung nun anzufangen ist, aber ich bin jedenfalls froh, sie gemacht zu haben.

They Come And Go

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Man lästert über Basti in der Konstanzer Veganen Hochschulgruppe, wie R mir gestern eröffnete. Offenbar redet Basti nämlich schlecht über R (was diesem natürlich durch den hervorragend ausgebauten Inter-City-Buschfunk zu Ohren kommt) und nennt ihn einen Poly-Missionar. R sieht sich selbst nicht als Poly-Missionar und ich kann dem nur beipflichten; egal, wie man es dreht und wendet, missionieren will er nicht. Er blickt (soweit ich das durchschaue, da wir aus Gründen über das Thema nur höchst selten reden) auf Mono-Menschen mit der gleichen Verachtung herab wie ich auf religiöse, und genau wie ich in meiner Sparte, so bemüht auch er sich in der seinen im seltensten Fall um dieser Unwürdigen Seelenheil. Er lässt sie einfach machen und hasst sie im stillen Kämmerlein. Ab und an erfolgt ein kleiner bis mittelschwerer Ausbruch, aber in der Regel eben nicht. Ich glaube, das ist der Punkt, der einzige Punkt, der mir in unserer nunmehr dreijährigen Beziehung nach wie vor schrecklichste Sorgen bereitet. Wenn ich denn mal darüber nachdenke. Wir verdrängen gemeinsam.

Ich würde ihn – Basti jetzt – unter normalen Umständen drauf ansprechen, wie ich es immer getan habe, wenn wieder jemand über ihn herzog aufgrund irgendeiner unbedachten Aussage. „Das ist unreflektiert.“ „Pass auf, was du sagst, wem du es sagst, wie du es sagst.“ Und sei es nur, ihm den Tipp zu geben, nicht in Konstanzer linksgerichteten Gruppierungen über R zu lästern – das kann nur uns Auge gehen.

Aber natürlich tue ich das nicht, da ich ja seit mehreren Wochen nichts von ihm gehört habe. In den meisten Momenten macht mir das nichts aus, denn er hat es wirklich gründlich vermasselt. Manchmal bin ich allerdings traurig. Vorhin fiel mir ein, dass während unseres letzten Telefonates am Mittwochnachmittag er jemandem in der Stadt über den Weg lief, der ihn fragte, mit wem er reden würde, und entgegnete: Mit meiner besten Freundin.

Und ward nie mehr gesehn. Vielleicht macht mein Kopf auch ein größeres Ding daraus, als es eigentlich ist. Darin ist er nicht gerade unbegabt. Andererseits hat er bereits Bekanntschaft mit unerwarteten menschlichen Abgründen gemacht und würde sich vermutlich weniger wundern als der Rest von mir, sollten die von ihm angenommenen Ausmaße der Geschichte tatsächlich der Realität entsprechen.

Aber man ist ja nicht mehr so kaputtbar wie ehemals. Ein bisschen Fatalismus habe ich jedenfalls mittlerweile dazugelernt.

Gewissensfrei

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Mir geht es wesentlich besser, seitdem ich diese Praktikumsbewerbung abgeschickt habe. Ich tue jeden Tag etwas Schönes. Gestern und vorgestern habe ich neue Ohrhänger produziert, stundenlang, und dabei in der Sonne gesessen und (im Falle der ersten Session) später dann in der Dämmerung und mich von Mosquitos attackieren lassen, während ich fluchtartig meine Perlen- und Werkzeughaufen zusammensammelte und nach drinnen verschwand.

Außerdem ermöglicht mir die Abwesenheit (fast) jedes schlechten Gewissens bezüglich anderer Dinge, die ich prokrastiniere, überhaupt erst wieder so viel mehr Tätigkeiten wirklich auszuführen. Es ist tatsächlich der Fall: Ich bin beim Prokrastinieren immerzu von meinem Gewissen geplagt. Helfen tut da nichts als die Flucht in die Gegenrichtung: Verdrängung durch Zocken oder Schlafen. Wirklich etwas Anderes zu tun kann ich mir nicht erlauben, solange noch irgendetwas Anderes ansteht, und sei es die absurdeste Kleinigkeit. Dinge, die mir guttun, dürfen natürlich nicht auch nur im Ansatz vollzogen werden, bevor die zu erledigende Aufgabe abgehakt ist. Diese wiederum zeigt sich störrisch und wird immer unerledigbarer. Ich fühle mich schlecht und muss verdrängen.

Jetzt mache ich Sachen. So gewissensfrei war ich zuletzt nach dem Bachelor, als ich wohl zum ersten Mal im Leben wirklich nichts, aber auch gar nichts zu tun gezwungen war. Nichts lag vor mir, auf das ich mich hätte vorbereiten müssen. Nichts lag hinter mir, das ich noch hätte nachbereiten müssen. Es war ein Segen. Schade nur, dass das Ganze genau zwei Wochen anhielt, bis auch schon das Trudi-induzierte Stromdesaster hereinbrach und das mehrmonatige Dauertief des Grauens mit sich brachte. Auf einmal war da gar nichts mehr zu tun außer Warten. Das ist immer das Beste. Wissen, dass du zwar so ungefähr die Welt verbockt hast, aber nichts geraderücken kannst, weil das traurige Endresultat deines Verbockens eben in vergangenen Fehleinschätzungen begründet ist und du mit den dadurch in Effekt getretenen Faktoren nichts, aber auch gar nichts zu tun hast und somit nichts, aber auch gar nichts dafür tun kannst, dass das solcherart Verbockte wieder geradegerückt wird. Also Warten. Da hatte Laura schon Recht, Warten ist furchtbar. Da griffen dann auch die altbewährten Methoden der Verdrängung. Zocken und Schlafen. Vor allem Letzteres.

Jetzt also, jetzt tue ich Dinge. Alles, was ich will. Ich lese über Pflanzen und schaue Filme mit R und verbringe Stunden auf der Terrasse und kenne jede Kellerassel da draußen beim Namen und bewerbe mich bei Nachhilfeorganisationen und mache mir nichtmal mehr Sorgen um meine Finanzen, weil (auch, wenn es nett gewesen wäre, am Ende noch ein bisschen von dem Angesparten übrig zu haben) ich auf jeden Fall genug habe, um über dieses nächste Jahr noch zu kommen, und dann, im Falle, ich kann mit der Ausbildung beginnen, auf jeden Fall wieder regelmäßig (und bei Weitem) genug zum Leben bekomme. Ich nutze meine Kamera (was auch darin begründet sein mag, dass mein Handy wahrscheinlich immer noch bei Basti liegt) und mache Musik und habe zum ersten Mal seit über zwei Jahren Impulse für neue Melodien, die ich verwirklichen kann. Bevor ich schlafen gehe, lese ich noch ein paar Seiten – jetzt, wo ich so selten aus dem Haus komme momentan (und wenn, dann meistens in Begleitung), habe ich ja nicht die Möglichkeit, im Bus zu lesen.

Ich habe mal wieder etwas über Facebook verschenkt – einen Bund Estragon und die dazugehörige Pflanze nämlich – und damit zwei netten Leuten eine Freude machen können. Ich habe mich dazu durchgerungen, den Karton mit faulen Eiern aus dem Keller zu entfernen (und glaub mir, es war nötig). Ich nehme kaum Alkohol zu mir, außer der halben Flasche von Beccis Bratapfellikör über die letzten Abende verteilt. Das freut mich immens, vor allem aber auch, dass ich es der generellen Abwesenheit von Bier in unserem Haushalt zu verdanken habe, seitdem sich R eines Tages entschlossen hat, sein täglich Bier durch alkoholfreies zu ersetzen.

Patrick geht demnächst an seinen alten Wohnort zurück und lässt uns somit in absehbarer Zeit wieder zu unserem eingespielten Zweieinhalb-Personen-Haushalt zusammenschrumpfen. Ich kann es kaum erwarten. Auch wenn Patrick nicht ganz so schlimm ist wie Arne letztes Jahr, werde ich ungeheuer erleichtert sein, wenn ich das rosa Zimmer wieder uneingeschränkt nutzen kann. Immerhin steht mein Kleiderschrank dadrin und noch ein paar andere lebenswichtige Dinge. Und da es mir höchst zuwider ist, in das Zimmer reinzugehen, solange jemand darin schläft, zockt oder sich sonstwie aufhält, fühle ich mich von Teilen meines Zuhauses auf fast so unangenehme Weise abgeschnitten wie damals durch Trudis Stromfail. (Kleiner Unterschied: Mehrmals am Tag verlässt Patrick das Zimmer, wenn auch nicht gerade so häufig, wie es mir lieb wäre, und ich kann schnell reinhuschen und mir Sachen holen und andere Dinge hineinbringen. So halte ich in meinen Klamotten eine ganz akzeptable Ordnung und komme immerhin irgendwann am Tag dazu, mich umzuziehen.)

Grenzenlose Unmöglichkeiten

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Was habe ich eigentlich immer gemacht im Internet?

Meine Situation ist die folgende: Ein dumpfes Dröhnen belagert meinen Kopf, die arme Katze tut dasselbe mit meinem rechten Arm (ich habe ihr vorhin ein Tröpchen Schmerzmittel ins Maul geträufelt, woraufhin sie sich wenig später in eine weitaus bequemere Lage hinein entspannte und ich mir erstmal eine Stunde lang das Handgelenk verrenkte, um mit der Computermaus weiter navigieren zu können), mir ist ein wenig zu warm, mein Hintern tut vom Sitzen weh wie schon die vergangenen Tage immer (AoE II lässt grüßen; dank R bin ich jetzt ein hilfloser Suchti), und die Fülle von Möglichkeiten hinter der zuvor so lange verschlossenen Tür meines Browsers überfordert mich. Maßlos.

So etwas Uninspiriertes hat die Welt noch nicht gesehen. Ich muss erstmal die ganzen Schranken in meinem Kopf wieder abbauen und die Überwindung aufbringen, die ganzen Menschen zu kontaktieren. Ein paar habe ich schon geschafft heute (sonst würde mich auch meine Mikrowellenkatzenkollegin morgen nicht besuchen kommen), aber so viele stehen noch aus. Und natürlich packe ich das nicht alles auf einmal. Wo kämen wir denn da hin. Zeit nutzen war dieses Jahr nicht unbedingt meine größte Stärke, obwohl ein entsprechender Ausriss aus irgendeiner Zeitschrift im Flur an meiner Tafel hängt („jetzt Zeit nutzen…“). Der hängt seit Jahren an dieser Tafel, mit Ausnahme der Taborweg-Zeit, die das gute Stück im Keller verbringen musste, aber viel genützt hat er mir nicht. Oder eher: Viel genutzt habe ich ihn nicht. Meine Güte, was bin ich abgesackt in Untätigkeit dieses Jahr.

Ich setze, wie mir gerade aufgeht, eine stille Hoffnung in diese meine endlich mögliche Wiederaufnahme des regelmäßigen Schreibens. (Sicher, schreiben hätte ich auch offline können, aber um Himmels Willen, woher die Motivation nehmen, wenn am Ende kein Abschicken-Button gedrückt werden kann. Ich tue das hier ja nicht umsonst vor (hypothetischem) Publikum. Und es erstaunt mich immer wieder, was für Selbstheilungskräfte im Veröffentlichen meiner wirren Gedanken stecken. Wobei es absolut Sinn macht, wenn ich bedenke, dass es mir selten genug in den Sinn kommt, etwas für mich zu erreichen, wenn es sonst niemand mitbekommt. Das Gefühl, mich selbst nicht enttäuschen zu können, habe ich erst, wenn jemand Anderes involviert ist. Konfrontation mit den Dingen, die getan werden müssen, ist also um Einiges möglicher, nachdem der Welt verkündet wurde, dass sie getan werden müssen. Und somit letzten Endes auch endlich mir selbst.