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Das ist Wahnsinn…

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Lebe noch, lebe noch. Bin Oldesloe, wie ich gerade schon zu Kepa sagte, durch meinen Besuch bei Simone zuerst in Schenefeld bei ihrer wunderbaren Familie und nun hier in ihrer und Timos Rostocker Wohnung erstmal bis zum Ende der Woche entflohen – in einem Stück, wohlgemerkt. Eigentlich, glaube ich fast, in weniger als einem Stück. Irgendwas von mir geht immer verloren, wenn meine Eltern und ich zusammensind. Aber ich merke auch gerade dann, wie gut es mir eigentlich sonst geht. Daran allein schon, wie ungewohnt und falsch und fremd sich das Heulen anfühlt. Ich schaffe es nie ohne Heulen.

Ich war nach dem einen Tag da drüben so unterkühlt, dass ich von Simone, als wir nach einem windigen und auch nicht gerade kuschelig warmen Tag in Hamburg endlich bei ihren Eltern zur Tür reinkamen, erstmal eine Wärmflasche gemacht bekam. Die Kälte hatte sich mir schon wieder bis in die Knochen gefressen, Resultat des gestörten Temperaturempfindens sowie den mehr als latent ausgeprägten klaustrophobischen Tendenzen meiner Mutter, die in diesem Eisschrank von einem Haus (zugegebenermaßen nach den gerade abgeschlossenen halbjährigen, halb-vermögenverschlingenden, von ihr geleiteten Renovierungsarbeiten einem unglaublich zum Positiven veränderten, umwerfenden, Bewunderung hervorrufenden Haus) barfuß herumläuft – auf den Fliesen, im Keller, überall, wo unsereins sich Polarschuhe wünscht – und der daraus hervorgehend permanent offenen Fenster, nicht mehr vorhandenen Zimmertüren und generellem Mangel an warmen, geschlossenen Orten. Wir sind genau gegensätzlich in der Hinsicht, meine Mutter und ich. Ich zeig dir bei Gelegenheit mal Notizen aus Barcelona 2012, als ich ein bisschen am Durchdrehen war. Aus diversen Gründen, allen voran das Fast-drei-Wochen-am-Stück-mit-meinen-Eltern-verbracht-haben und fehlende innere Stabilität.

Aber jetzt ist ja erstmal alles gut. Ich bin stabil und noch dazu weg von diesem Wahnsinn.

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Eisblume

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Vaghti boghz az mojeham payin miyad, baroon mishe… Sayle ghamha abadimo viroone karde.

Dass Persisch eine umwerfende Sprache sein muss, weiß ich, auch wenn ich kaum ein Wort davon verstehe. Aber allein der Text von Gole Yakh würde theoretisch ausreichen, mich dazu zu motivieren, es zu lernen. Wäre ich nicht mit Türkisch, Euskera und seit Neuestem Russisch erstmal mehr als genug beschäftigt.

Es war schon wieder so ein abartig wunderbar warmer Tag. Ich bin im T-Shirt durch die Stadt gefahren (und habe dabei den Anhänger mit plattem Reifen durch Berg und Tal geastet, das war kein Zuckerschlecken, ich sag’s dir – vor allem, als er voll beladen war) und saß zeitweise mit Trudi auf der Terrasse, draußen, in der Sonne, im Warmen, im Winter. Meine Fenster sind sauber. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Ich kann nämlich sogar putzen, wenn ich nur mal die Zeit und Motivation dazu finde.

Gestern war schön.

Caro kommt nun doch nicht. Wird zu knapp; sie sagen ihr erst um 3 bescheid wegen der Wohnung und sie hätte nur bis Mittwoch Zeit gehabt. Das ist ganz gut. Ich bin ein bisschen zu haltlos für derartige Unternehmungen.

Bahar az dastaye man par zado raft… Gole yakh tooye delam javooneh karde.

Nein, eigentlich ja nicht – eigentlich kommt der Frühling gerade an, und das Eis schmilzt. (Kein Wunder auch, wenn Trudi es für eine Minute in die Mikrowelle steckt, um es besser aus der Packung lösen zu können. Es war nachher jedenfalls perfekt.) Aber diese Art Text wird mich mein ganzes Leben lang faszinieren, egal, wie ich mich verändere.

Her insan dünyadır.

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Vorsicht, Monsterpost. (Ein interessanter zwar, meiner Meinung nach, aber es ist ja auch mein eigenes Innenleben, welches ich hier versuche auseinanderzuklamüsern und durch Schriftzeichen behelfsmäßig zu visualisieren.)

Mein Problem ist halt einfach, dass ich immer Musik als Spiegel der Seele sehe. (Auch wenn ich gerade noch zu Laura meinte, dass eigentlich ja Haare der wahre Spiegel der Seele wären, aber das war dann doch eher nicht ernstzunehmen.) Und dann kann ich immer nicht begreifen, dass eine Person nicht am allermeisten, vor jedem anderen möglichen Faktor, die Musik auszeichnet, die sie macht oder mag, oder beides. Der Klang ihres ureigenen Wesens. In jedem von uns muss doch Musik sein, oder – und einige Wenige haben dann noch das Glück, sie ausdrücken zu können, sie und dadurch einen ganz bedeutenden Teil ihrer selbst. Zusammen mit ihrer Art zu sprechen, zu handeln, zu schreiben, zu denken.
Und am allerwenigsten kann ich verhindern, aus der Art, wie die Musik mit meinem eigenen Empfinden resoniert, auf den Rest der Person, ihres Schaffenden, zu schließen, obwohl es unmöglich ist. Wäre es nämlich möglich, hätte ich meinen fairen Teil an Seelenverwandten auf dieser in Wirklichkeit erschütternd seelenverwandtenlos scheinenden Welt. Ich bin dann verwirrt manchmal, verwirrt und unverständig, und denke, aber es kann doch nicht sein, wenn die Person doch innen so klingt – oder denkt, oder spricht, oder schreibt – dann muss sie doch auch so sein. Da kann es passieren, dass ich die Handlungen ganz außer acht lasse. Ich komme mir vor manchmal, das glaubst du gar nicht. Wie einer von Kim Harrisons Vampiren aus ihrer grottigen Rachel Morgans-Serie. (Ich mag vielleicht nicht mehr ganz so viel lesen inzwischen, aber um alles und jeden mit Charakteren zu assoziieren, wird meine mentale Bibliothek für dieses Leben zweifellos ausreichen.)

Jedenfalls geht es darum, unfreiwillig Sachen zu verbinden, die man nicht zu verbinden hat. Mir war nicht einmal klar, was da bei mir verkehrt ist, bis ich verstanden habe, wie absurd für Şahin damals die Vorstellung war, ich würde ihn lieben. (Und hey, für mich erst; ich habe das Wort ihm gegenüber nie in den Mund genommen – sogar auf der Zugfahrt, in den paar Stunden, war es „das L-Wort“, nichts Ausprechbares, nach der ganzen unendlichen Zeit voll zerstörerischer Verdrängung.)

„Für mich war unser gemeinsamer Punkt.. unsere Schnittstelle.. immer die Musik.“ Das im letzten Gespräch im Dezember. Das mit dem Blick auf den Regen.

Ja, natürlich. Aber hey, zum Musikmachen brauchst du keine beste Freundin. Sagte ich ihm dann. Und dachte, so einfach kannst du dir das doch wohl nicht machen. Oder? Hätten dann nicht ganz andere Umstände herrschen sollen? Müssen? Merkt man nicht den Unterschied, ob man als Mensch geschätzt wird oder als Musiker? Und da fielen sie, die ganzen Tropfen, und mir war kalt am offenen Fenster. Und ihm wohl auch, da, wo er sich untergestellt hatte irgendwo zwischen der Bushaltestelle und seinem und Caros Zuhause – bei ihm hat es auch geregnet. Und wieso genau eigentlich scheint mir das Gleiche in abgewandelter Form immer wieder zu passieren?

Wie oft dachte ich, damals schon, „wenn wir die Musik nicht hätten, würde er überhaupt nur mit mir reden?“ Und wollte es am liebsten gar nicht wissen. Aber hab‘ sie dann mitgeteilt, meine Zweifel, sogar damals, als ich es noch kein bisschen gewohnt war, über Zweifel zu reden, und wurde ganz, ganz erschüttert und überzeugend, so erschreckend überzeugend für verrückt erklärt. Mit so viel Wärme, wie ich sie in meinem Leben noch nicht gesehen hatte. Und wurde, ganz im Gegenteil, immer weiter gegen die Wand gesteuert -– was, denke ich mir, macht dieser Mensch erstmal, wenn er jemanden bewusst gegen eine Wand steuern will? Wahrscheinlich hätte er keine Ahnung, das ist ja das Lustige. Aber er war wie ein Schlafwandler. Und man soll doch Schlafwandler nicht aufwecken. Ich hätte ihn aufwecken sollen. Wäre ich mal in der Lage gewesen, ihn aufzuwecken.

Und diese Intensität, auf die Menschen selten anders reagieren würden als unverständnis- und weglaufinstinkterfüllt. Die ich zu großen Teilen verstecke, weil mir das sehr gut bewusst ist.
Und das Ding mit der Wärme. Der Sinn meines Daseins liegt in der Wärme. „Du immer mit deiner Wärme“, sagte Laura vorhin noch zu mir, als ich anmerkte, dass mir ihrer Beschreibung nach die russischen Babuschkas mit ihrer unendlichen Gastfreundschaft so warm vorkämen. Und sie fände mein Wärmebedürfnis merkwürdig, weil, nach dem zu urteilen, was sie über meine Sozialisation weiß, ich eigentlich keinen Mangel an Urvertrauen haben dürfte.

Ich weiß nur, dass ich es schwierig finde, zwischen verdienter und unverdienter, erlaubter und nicht erlaubter, realer und eingebildeter Wärme zu unterscheiden, und dass alles, womit der gute, wenngleich verstörend hirnlose Mensch damals sowohl mich als auch Caro, seine eigene Freundin (zumindest die sollte man doch, wage ich in all meiner Unkenntnis der diesbezüglichen Normen und Regeln einfach einmal zu behaupten, gut genug einschätzen können, um zu bemerken, wenn es ihr grottig geht, mehr noch, wenn sie wirklich nicht versucht, es in irgendeiner Weise zu verheimlichen -– wenn man von der Person, die man selbst aus eigenem Antrieb seine „beste Freundin“ zu nennen pflegt, schon nicht mehr kennt als die mehr schlecht als recht festgtackerte äußere Hülle), völlig unbemerkt in völligste Verzweiflung gestürzt hat, dieser Schwierigkeit keine Abhilfe geschaffen hat. Und dass ich vorher vorsichtig war -– aufgrund dieser Unfähigkeit -– und jeglicher Art von Zuneigungsbekundung gegenüber erst einmal skeptisch. Und dass ich währenddessen genau das weiter versucht habe, dabei gefailt habe und anschließend gelehrt wurde, dass ich eigentlich genau Recht hatte, was aber wenig hilft, wenn das Unbewusste nicht so weit entwickelt ist wie der Verstand. Alles, was logisch ist, fällt doch letztendlich dem Unbewussten zum Opfer.

Ich habe es mir abgewöhnt, mich über die Beständigkeit meines Nachdenkens darüber zu wundern oder sie mir gar vorzuwerfen, mit der lapidaren Begründung, es wäre ja nicht normal. Sogar die Therapeutin war beleidigt, als ich ihr damals damit ankam, „das ist doch nicht normal“. Damals noch selbstverachtend und zerstört.

Mittlerweile denke ich, dass es wohl auch daran liegt, dass mein Verständnis von der Wertigkeit eines Menschen anders zu sein scheint. Leute scheinen andere Menschen als Teil ihrer Welt zu betrachten. Es gibt dieses türkische Sprichwort, „her dil insandır”. Jede Sprache ist ein Mensch. Sie haben Recht damit. Und für mich ist jeder Mensch eine Welt. Sich einer Welt zu öffnen sollte mit Bedacht passieren und wenn, dann in Gänze, mit so vielen Komponenten wie nur irgend möglich. Wie kann man sich sicher fühlen, solange die Karte der Welt, auf die man sich beschlossen hat einzulassen, mehr weiße Flecken als bekannte Gebiete aufweist, oder überhaupt weiße Flecken.
Man zerstört nicht einfach eine Welt, sei es aus einer Laune heraus, aus Ahnungslosigkeit, Bosheit, aus diesem Bedürfnis, etwas zu zerstören, einfach weil es einen selbst auf intolerante, taktlose Art in Frage stellt, wie ich es manchmal mit meinen Eltern habe. Sei es aus dem Gefühl heraus, sich verteidigen zu müssen. Aus dem Gefühl heraus, selbst zerstört zu werden. Man macht es einfach nicht. Und eine Welt zu verlieren ist nichts, was ich mir aus trivialen Gründen erlaube, geschweige denn über das ich nach zwei Wochen (metaphorisch oder eben nicht) aufhören würde nachzudenken, ob ich nun könnte oder nicht.

Und wenn ich mir nach alldem überlege, dass ich mit Caro eben über drei Stunden telefoniert habe und das Gespräch, das wir hatten, in seinem Wert den unserer früheren Unterhaltungen -– zu Şahin-Zeiten, vorher -– um ein so Vielfaches übertraf, so wie ein Großteil unserer Gespräche es heute tut -– ich tendiere fast dazu, zu behaupten, jedes einzelne davon war bisher wertvoller, denn jedes einzelne davon war so viel ehrlicher –- dann sehe ich mich in meinen vielleicht verqueren, aber für mich absolut in sich schlüssigen Ansichten all diesen Dingen gegenüber nur wieder einmal bestätigt.

Was für eine Bandbreite an Sachen, die mich alle unentwegt beschäftigen, ich hier abgeklappert habe. Wie fließend das ging, wie gut das tat; wie wenig ich überhaupt gedacht habe dabei. Einer der wenigen Texte, die ich, würde man mich vor die Aufgabe stellen, sie aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren, vermutlich nicht einmal ansatzweise wieder hinbekommen würde. (Anders als beispielsweise meine Abiklausuren; die habe ich auf dem Nachhauseweg vom Bahnhof jeweils wortgetreu meinem AG erzählt und so für die Ewigkeit konserviert, mit meinem Dokumentationsbedürfnis war das wirklich eine praktische Angelegenheit. Das und die Tatsache, dass ich nie mehr geschrieben hatte als meine rekordverdächtigen 5 ganzen Seiten in Geschichte.)

Wie ich bereits irgendwann mal erwähnt habe – man sollte kaum meinen, dass meine Klausuren immer so kurz waren, wenn man sich die Ausmaße meiner Einträge anschaut. Whatever. Mein Blog. Ich spamme, so viel ich lustig bin. Cheers.

Wärme in Koffern. Kälte im Raum. Leben im Nebel.

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Wir haben es doch wieder hingekriegt. Unfassbar ist das, wie machen wir das?
Ein weiterer Heiligabend mit einer dramatisch-versöhnlichen Bescherung. Das Gefühl, dass es solide sein könnte, ist natürlich seit Jahren nicht mehr da, aber geschafft ist es trotzdem. Wieder.

Wie? Und warum überhaupt die Mühe, uns immer aufs Neue zusammenzuklauben? Wir funktionieren doch alle nicht. Warum nicht es endlich einsehen und allen Schein fallenlassen. Uns ergeben, uns aufgeben. Die absolute Hoffnungslosigkeit dieses letzten Tages sollte doch besser anhalten, um es nicht alles immer wieder noch schmerzhafter zu machen. Das Allesverlorenhaben, das Wahrscheinlichniewirklichetwasgehabthaben. Das Fehlen von Wärme, von echter Wärme, nicht gesprochener Wärme, nicht materialisierter Wärme. Von gefühlter, gelebter Wärme. Wärme ohne Worte, ohne Demonstrativität. „Wie kannst du wagen, zu sagen, ich wäre nicht warm. Schau doch, wie warm ich bin. Ich tue dies und jenes, das es beweist.“ Aber gefühlt ist es kalt, nicht sicher. Warm ist sicher.

Ein Koffer voller Wärme. Sie sagte, sie hätte einen ganzen Koffer voller Wärme mitgebracht. Gestern Mittag, nachdem selbst mein versuchter Ansatz eines klärenden Gespräches genug war, um sie wegzubefördern. Dann sagte sie, sie müsse doch zu mir fahren. Mein Vater daneben. „Und dafür musst du erstmal zurückkommen. Schätzchen, komm zurück“. Ich in der Ecke ihres Bettes, die zusammengesunkene Gestalt beobachtend, die wirres Zeug von sich gibt, sie hätte mir doch einen ganzen Koffer voller Wärme mitgebracht. Eine Unterhaltung mit meinem Vater, der sagt, ich wäre zu hundert Prozent egozentrisch, als ich ihm zu erklären versuche, dass ich das nicht mehr lange aushalte. Dass sie sich helfen lassen muss und ich sie so nicht in meinem Leben haben kann. Weil ich nicht kann. Wäre ich selbst stabil, müsste ich können; ich dachte früher, ich müsste können, vor allem als ich noch da gewohnt habe, aber eigentlich kann ich doch überhaupt nicht. Das versteht er natürlich nicht, weil er keine Ahnung hat, wie es bei mir drinnen aussieht. Dazu müsste ich es erstmal zeigen können, nicht nur verbalisieren. Ich verbalisiere ruhig, distanziert und gelassen, dass ich irre am Rad drehe innerlich. Es wird mir nicht abgenommen, solange ich es artikuliere, ohne dabei in Trancezustände zu verfallen. Ich müsste erst zusammenklappen; das lenkt erfahrungsgemäß seine Aufmerksamkeit ganz gut auf einen. Wäre ich einfach einen Tick schwächer und würde immer zusammenklappen, wenn ich das Bedürfnis dazu habe, so wie sie es tut. Wie viel einfacher wäre alles; warum kann ich denn das nicht. Oh, wahrscheinlich weil nichtmal dann ich verstanden werden würde. Dann ist es wahrscheinlich Aufmerksamkeitsuchen, Melodramatik, fast schon Nebensache; das Zusammenklappen ist zu sehr Teil der Familientradition. Es ist ja auch alles nicht mein Problem, wie ich zwischendurch immer mal zu hören bekomme. Wenn meine Familie ein lebender Albtraum ist und ich nicht weiß, wie ich drei Tage in diesem Umfeld je geistig unbeschadet überleben soll, natürlich ist das nicht mein Problem, wieso sollte es. Mein „Ich kann nicht mehr“ wird nicht gehört; ich kann aber nicht mehr, ich kann nicht mehr so funktionieren.

Du hast keine Ahnung, keine.

Wörmö.

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Die zweite Nacht dieses Wochenende ruft ein Gespräch den Wunsch hervor, über halbe (bzw im heutigen Fall ganze) Kontinente hinweg zu einer Person zu gehen und ihr einfach ganz viel Wärme zu geben und das Gefühl, dass sie gut ist und wertvoll und es so verdient, vertrauen zu können. Die Personen wären davon vermutlich beide nicht sonderlich angetan – die eine nicht, weil mein Besuch zum Zwecke spontaner Gefühlsäußerungen schon damit enden würde, dass ich nicht reingelassen werde, da unangekündigt; die andere auch nicht, einfach weil. (Wo soll ich denn hin mit der ganzen Wärme.)

Da fällt mir gerade wieder ein, wie die Therapeutin damals zu mir meinte, sie würde bezweifeln, dass ich überhaupt wüsste, was Wärme ist. Nur weil ich mich geweigert habe, es ihr zu erklären.

Itsasoa

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Der Sommer will sich noch nicht geschlagen geben in Siberia-Gasteiz. Die Stadt wird von einer wunderbaren Wärmewelle umhüllt momentan, nach dem regnerisch-eisigen Vorgeschmack auf weniger fortune Zeiten die Woche davor noch einmal eine echte Erholung. Ich versuche, die Wärme aufzusaugen und zu konservieren. Wie das Meer.

Spontan habe ich mich heute Nachmittag nach draußen mitnehmen lassen; Cameron und ein paar seiner Kumpels haben sich zum Slacklinen im größten Park der Stadt getroffen. Ich habe die Gelegenheit wahrgenommen und mich auch mal wieder daran versucht, konnte mich meinem bisherigen überschaubaren Rekord von acht Schritten aber nicht auch nur annähern. Könnte an der Länge der Slackline gelegen haben, sie war.. beachtlich. Ich habe mich dann relativ zügig damit begnügt, an der Seite zu sitzen und (für die Anwesenden in meinem Umfeld vermutlich geringfügig irritierende) Experimente mit Camerons Ukulele durchzuführen, die er thoughtfullerweise mitgenommen hatte.

Hoffentlich bleibt es noch länger warm. Winter kommt früh genug, qué miedo. Tatsächlich habe ich mich selten vor einem Wintereinbruch gefürchtet; dieses Jahr dagegen tue ich es ein bisschen, im Grunde seit Beginn des Frühlings. Nunja. Wenn ich wie das Meer bin, müssen meine Höhen und Tiefen wohl von den Jahreszeiten abhängig sein, führt ja nichts dran vorbei. Ein bisschen Wärme aus diesem in jeder Hinsicht (ausgenommen vielleicht wettertechnisch) warmen Jahr werde ich mir aber gespeichert haben. Und für die Zeit danach vergrabe ich mir einfach ein paar Cashewnüsse.

Die Arbeit des Ankommens.

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Was ich heute eigentlich geplant hatte, war, ins Help Center von der Uni zu gehen und alles an ungeklärten Sachen zu klären, die es so zu klären gab. Ich war den Vormittag über unsinnig panisch und kam mir ganz verkehrt vor, und irgendwie unvollständig.

Die Uni war zu; ich habe eigentlich nichts geschafft, aber fühle mich besser. Ich war auch nochmal einkaufen – wenn auch verzweifelt im Angesicht der entsetzlichen Lebensmittelpreise in diesem Land; es ist eine Qual, überhaupt irgendwas zu kaufen – und habe so heute die Südseite der Stadt auch schon halbwegs abgeklappert. Ein paar Fotos habe ich gemacht, die ersten draußen. Es ist immer noch unglaublich warm.

Es ist unglaublich warm.

Ich war im Corte Inglés und habe mir zwei CDs gekauft.

Und am Nachmittag wurde mein Horizont um ein Lied bereichert, das mich geflasht hat. So wie mich vielleicht 0.5 Songs pro Jahr flashen – das letzte war ADTRs You Be Tails I’ll Be Sonic gegen Mitte 2011.

Diesmal kam es nicht von Şahin, wer hätt’s gedacht – sondern Robert war’s, der gerade eine sehr extensive No Use For a Name- Phase durchläuft und es heute geschafft hat, mir begreiflich zu machen, wieso. Und während ich heute Früh noch von der Existenz des Songs nicht einmal etwas wusste, hänge ich nun hier mit einem völlig veränderten Bewusstsein und denke, warum nur ist er tot? Ich wusste doch, dass es keine gute Idee war, sich mit dieser Band auseinanderzusetzen. Gute Bands mit toten Sängern sind doch neben all dem üblichen Gefühlschaos, das wirklich gute Musik so hervorruft, immer irgendwo eine Quelle der Verzweiflung.

Aber zu spät. Gegen das Gefühl kann nichts unternommen werden. Wenn jeder Ton sich einfach richtig anfühlt und du weißt, dass du dafür gemacht wurdest, in genau diesem Moment genau dieses Lied zu hören. Wenn du plötzlich selbst zum Resonanzkörper wirst.

Wunderbare Erfahrung.

Flüüüüügel.

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Mein erster richtiger Tag hier. Ich habe gar nicht mal so lange geschlafen, bin dann ohne Frühstück in die Stadt gezockelt und habe mich mit dem Gröbsten vom Gröbsten an Nahrungsmitteln eingedeckt, nachdem ich nach einer eindeutig zu langen Zeit ziellosen Herumwanderns (vor allem wenn man bedenkt, dass ich im Mai dieses Jahres schonmal hierwar) einen Supermarkt ausfindig gemacht hatte. (In dem ich auch tatsächlich im Mai bereits gewesen war.)

Warmes Essen, nach drei Tagen ein Luxus.

Und warmes Wetter; nach der Erfahrung im Mai (die sich auf Dauersintflut belief und mich dazu bewegte, dieses Mal einen Koffer voller Wintersachen und wenig Rest hierherzutransportieren) ein wirkliches Wunder.

Sebi schreibt, er hat mein Kündigungsschreiben für Atanas seinem türkischen Kumpel weitergeleitet. Nun wird also auf die Antwort gewartet. Ich werde ihm Zeit bis zum 10. geben, statt wie geplant bis zum 5., so viel Menschlichkeit muss sein.

Caro hat vor ein paar Wochen ihre Türkischstudien wieder aufgenommen, nach knapp zwei Jahren. Wie absurd. Sie ist wieder voll motiviert und philosophiert nun manchmal mit mir über die Beschaffenheit der türkischen Sprache. Ob ich will oder nicht, es entfacht doch mehr oder weniger unterschwellig wieder ein Konkurrenzdenken. Ich kümmer mich drum. Wenigstens ist es nicht mehr so dramatisch schlimm wie damals.

Wir hatten letztens eine Unterhaltung – vorgestern war’s – darüber, was es für die eigene Identität bedeutet, die Muttersprache seiner Eltern nicht richtig zu beherrschen. Natürlich auch auf Şahin bezogen. Wie nicht.
Sachen, die mir logisch erschienen, waren ihr wohl vorher völlig unverständlich. So hätte sie das noch nie betrachtet.
Ich habe sie leicht sarkastisch gefragt, ob es noch irgendetwas gibt, das ich ihr erläutern sollte.
Şahin 101.
Warum nicht noch einen Tick absurder.
Nach all der Zeit.

Und Sarah ist – unglaublich, aber wahr – hochenthusiastisch im Baskischlernen begriffen. Wieso auch immer – çok bilgisizim.
Wie herrlich, dass es ihr gut geht.

Mittwoch

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Und ich schwebe mal wieder durch die Tage, als wären es Träume. Und genauso flüchtig kommen sie mir vor.

Inzwischen kann ich wieder halbwegs reden, habe dafür einen ziemlich nervigen Schnupfen und Husten – aber das wird schon wieder.

Sehr viel von dem, was für heute geplant war, konnte ich erledigen – einiges davon auf der Terrasse im angenhem warmen Schatten, ausgerüstet mit Tee, Taschentüchern und allem, was man zum Syntaxlernen und Korrekturlesen von Bachelorarbeiten so braucht. Bei diesem Wetter fängt meine Seele erst richtig an zu leben. Ich liebe dieses Wetter. Ich liebe diesen Sommer. Ich liebe mein Zuhause und meine Art, darin zu leben. Ich liebe überhaupt mein Leben diesen Sommer. (Bis zu den Klausuren, ich seh’s kommen.)

Sarah hat mir vorhin Hirse und Gewürze vorbeigebracht, die wir geschenkt bekommen haben.

Sofie konnte heute unglaublicherweise Wenn ich ein Vöglein wär spielen. Und Swanee River, was wir letztes Mal angefangen hatten und was da rhythmisch noch ein einziges Disaster war – sie konnte es perfekt. Ich habe sie gefragt, wie sie das angestellt hat, und sie meinte, sie hätte viel mit Metronom geübt. Hach ja. Ich sag’s ja immer. Mit Metronom hilft halt schon sehr.

Die Zwischenmieterkandidatin wird mir bis zum Ende der Woche bescheidgeben, ob sie das Zimmer nöchte oder nicht. So lange sollte ich weitersuchen und mich vor allem weiter um eine Wohnung in Vitoria bemühen. Aber ach, es ist so demotivierend, wenn da nie jemand antwortet.

Jetzt habe ich mich schon wieder an diesem gowaiverdammten Erdbeertiramisù überfressen und es ist immer noch was da. (Probleme muss man haben, ich weiß.)

Langsam frage ich mich wirklich, was mit Lauras Internet kaputt ist. Jetzt habe ich die ganze Woche, in der JO zu Besuch war, und danach nochmal praktisch eine Woche nicht mit ihr reden können, das ist merkwürdig und sollte geändert werden. Aber gut, was will man machen. Wenn sie kann, wird sie sich schon zu Wort melden.
Robert ist so einsilbig wie immer – vielleicht noch ein bisschen mehr als sonst – und es macht nicht wirklich Spaß, mit ihm zu schreiben.

Ich werde mich mal an meine Vokabeln machen und hoffen, dass die Hälfte meines Kopfes, die nicht mit Schleim verstopft ist, dafür genug Denkenergie aufbringen kann.

Alles warm und schön!!

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Ooooh, es ist soweit, es ist wieder Flohmarktwochenende! Und das unglaublichste Wunderwetter noch dazu, genau wie letztes Jahr. Ich bin jedes Mal völlig aus dem Häuschen, wenn ich mich in die Sonne stelle und mir die Haare auf dem Kopf zu brutzeln anfangen. Oh herrliches Leben.

Ich war gestern mit JO am Fluss und habe mir von ihr ein paar Seiten Syntax vorlesen lassen (und mich danach mit zwei Kapiteln Harry Potter auf Spanisch revanchiert). Absoluter Luxus, dabei in der Sonne zu liegen, Augen zu und Gesicht der Hitze entgegen. Außerdem habe ich ungeschwefelten Wein für meine Essigmuttern gekauft, wobei der Weinmensch in dem Laden meinte, es wäre völlig egal, was man für welchen benutzt. Ich hoffe nur, meine Muttern waren noch nicht ausgetrocknet.

Fechten war extrem anstrengend gestern, aber ich bin trotzdem froh, dass ich hingegangen bin. Es gibt dort, genau wie damals, als ich im Verein war, einen Trainer, der sehr streng und pingelig ist (in etwa wie ich, wenn ich Leuten etwas beibringe) und eine Trainerin, die einfach nur nett und locker ist und einem viel mehr durchgehen lässt. Ich habe gestern viel mit dem perfektionistischen der beiden zu tun gehabt und habe mich, auch wenn man natürlich keine Chance hat, bei ihm alles richtig zu machen, immer besonders gefreut, wenn ich gelobt wurde. Ich mag solche Lehrer. Das bestätigt mich auch, selbst meine Ansprüche an meine Schüler nicht zu senken.

Gestern Abend waren JO und ich containern und haben eine unglaubliche Menge an Gemüse, Pilzen und Radieschen erbeutet. Dazu noch einige Bananen, die wir schon vollständig zu Milchshakes und vorhin noch Bananenbrot verarbeitet haben (welches JO gerade aus dem Ofen holt, um zu sehen, ob es inzwischen fertig ist – wegen der ganzen Bananen haben wir das Rezept verdoppelt und es braucht ewig und drei Tage).

Gleich ist Teeparty! Und danach ist FLOHMARKT!

Ich tue nichts für die Uni.

Oh je.