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Borondate, borondate, zure zain nago oraindik.

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Wieso um Himmels Willen erschließt sich mir erst jetzt die vollständige Awesomeness von setlist.fm?

Wie konnte das passieren? Ich lebe doch nicht erst seit gestern, und – noch schlimmer – habe schon häufiger auf die Seite zurückgegriffen, aber… erst gestern kam ich darauf, mir einen Account dort zu machen und alle gesammelten Bands und Konzerte, die ich je besucht habe, darin aufzulisten.

Es sind nicht wirklich alle. Erstens hat mein Gedächtnis erschreckende Lücken, die da nicht sein sollten. Zweitens habe ich zwar etliche Termine, die noch nicht aufgeführt waren, vervollständigen können. Drittens kann ich aber nur neue Termine hinzufügen, deren genaues Datum ich auch kenne. Und viertens ist es zwar cool, dass ich mal im Sommer 2009 Estopa am Stadtstrand von Málaga gesehen habe, aber den Interpreten dafür extra zu importieren ist mir dann doch zu aufwändig. Plus, ich bin mir relativ sicher, dass setlist.fm die Malagueta nicht als Location durchgehen lässt.

Es war trotzdem, verteilt über den gestrigen und den heutigen Nachmittag, eine wunderbare Reise durch mein Konzertuniversum. Nicht nur fallen einem auf einmal die lustigsten Zufälle auf, was die Daten betrifft (niemals hätte ich herausgefunden, dass mein zweites The-Used-Konzert genau wie das zwei Jahre später stattgefundene Rise-Against-Konzert (beide in Frankfurt!) am 16.11. war, was wiederum Roberts Geburtstag ist, was mir wiederum eigentlich egal sein kann, da ich mit Robert nichts mehr zu tun habe und es awkward genug war, ihm neulich mit Becci beim Frank-Turner-Konzert in Wiesbaden nicht nur über den Weg zu laufen, sondern ihn und seine Freundin praktisch das gesamte Konzert über auch nicht mehr loszuwerden. Trotzdem. Es wäre mir auf ewig entgangen.

Mein Gewissen killt mich. Wir haben inzwischen zwar unser Visum für Indien beantragt und ich habe gestern über den Tag verteilt ganz viel mit Sarah und Susmita geschrieben, um alles Mögliche abzuklären, aber abgesehen davon schiebe ich alles, alles vor mir her und bekomme mich auf Teufel komm raus nicht dazu bewegt. Heute habe ich es immerhin über mich gebracht, zu duschen und mich anzuziehen. Richtig schön, mit Desigual-Oberteil und passendem Lippenstift. Zum Rausgehen hat es dann allerdings nicht mehr gereicht, da ich mir kurz vor knapp eingeredet habe, die Medis könnte ich auch morgen holen, wenn ich den ganzen Rest erledige. (Der ganze Rest = Finanzamt, Katzenfutter.) Hoffentlich ist das Rezept nicht schon wieder abgelaufen.

Ich war neulich wirklich unten, als ich mir das Medis-Holen zum ersten Mal vorgenommen hatte. Leider musste ich (nicht zum ersten Mal) feststellen, dass die Apotheken hier im Kaff sage und schreibe zwei Stunden Mittagspause machen und ich um halb zwei Uhr mittags bei allen dreien davon vor verschlossenen Türen stehe. Dass die sich auch noch aufeinander abgestimmt haben, es ist zum Mäusemelken. So fuhr ich unverrichteter Dinge wieder hoch und freute mich dennoch, weil ich immerhin auf dem Weg eine Ladung Altglas weggebracht hatte und der dafür vorgesehene Eimer somit nur noch anderthalbmal geleert werden muss, bis nichts mehr übrig ist.

Heute habe ich, um dem schlechten Gewissen wenigstens irgendetwas entgegenzusetzen, zweiundzwanzig Unbabel-Jobs bearbeitet (schlägt sich gleich angenehm auf der Verdienstanzeige wieder, wenn man nicht alle zwei Minuten auf die Uhr guckt und nach einer Viertelstunde entscheidet, dass man es nicht länger aushält) sowie zwei Maschinen Wäsche gewaschen (und bislang eine Ladung davon durch den Trockner gejagt). Gestern bestand meine selbstgewählte sinnvolle Aufgabe darin, das Frank-Konzert auseinanderzupflücken, um die Aufnahmen bald Becci und Cornelia zukommen lassen zu können. Ich komme bald nicht mehr darauf klar, wie sehr ich mich selbst für das Prokrastinieren verabscheue. Wahrscheinlich gehe ich daran eher kaputt, als mich die tatsächlichen Folgen meiner Prokrastination überhaupt einholen können.

R sagte gestern zu mir, ich solle mich nicht so verrückt machen. „Du tust was. Und ob du es nun zwei oder acht Stunden am Tag machst, ist völlig egal.“ Unbändige Erleichterung ob dieser Zusicherung mischte sich in dem Moment mit den Protestschreien meines Gewissens sowie dem Bewusstsein, dass ich in den vergangenen Tagen nicht einmal eine einzige Stunde lang Geld verdient hatte.

Ich muss einfach irgendwie aus dieser Lähmung raus. Ich brauche von irgendwoher die Willenskraft. Wo kann ich Willenskraft bestellen?

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Mystery Food und ganz viele freie Tage

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Jetzt regnet es ja schon wieder. Ich sitze an der einzigen überdachten Bushaltestelle des ganzen Berges und warte auf das Fahrzeug, das mich nach Hause bringt. Trotz Überdachung ist es nicht ganz einfach, wirklich trocken zu bleiben; der leichte Wind macht seine Arbeit gut.

Ich habe meine letzte Arbeitssession für die nächste Zeit hinter mir. Sophi hat nach ihrer Englisch-Kommunikationsprüfung zwei wohlverdiente Wochen Ferien und braucht seit Langem nichts mehr für die Schule machen – es ist so gut wie überstanden. Wir sind uns beide einig, dass sich die zwei Wochen sehr, sehr lang anfühlen werden.

Vor meinen Stunden bei Sophi war ich in meinem neuen Foodsharing-Betrieb Essen holen. Es ist die Kantinenküche einer Privatschule mit Internat (lustigerweise genau diejenige, die Sophi besucht); alles hat reibungslos geklappt, obwohl ich meiner Natur gemäß vor der Abholung die fürchterlichste Panik verspürt hatte, und ich befinde mich nunmehr im Besitz eines halben 5-l-Eimers voll qualitativ hochwertigem Essen. Ich weiß nur immer noch nicht, um was es sich dabei genau handelt, weil ich, wie gesagt, von der Abholung direkt zur Arbeit musste.

Nun sollte gleich aber auch mal der Bus kommen. Ich sterbe vor Hunger und kann es nicht erwarten, zu Hause mit Malte den Mystery-Eimer zu öffnen.

Gewissensfrei

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Mir geht es wesentlich besser, seitdem ich diese Praktikumsbewerbung abgeschickt habe. Ich tue jeden Tag etwas Schönes. Gestern und vorgestern habe ich neue Ohrhänger produziert, stundenlang, und dabei in der Sonne gesessen und (im Falle der ersten Session) später dann in der Dämmerung und mich von Mosquitos attackieren lassen, während ich fluchtartig meine Perlen- und Werkzeughaufen zusammensammelte und nach drinnen verschwand.

Außerdem ermöglicht mir die Abwesenheit (fast) jedes schlechten Gewissens bezüglich anderer Dinge, die ich prokrastiniere, überhaupt erst wieder so viel mehr Tätigkeiten wirklich auszuführen. Es ist tatsächlich der Fall: Ich bin beim Prokrastinieren immerzu von meinem Gewissen geplagt. Helfen tut da nichts als die Flucht in die Gegenrichtung: Verdrängung durch Zocken oder Schlafen. Wirklich etwas Anderes zu tun kann ich mir nicht erlauben, solange noch irgendetwas Anderes ansteht, und sei es die absurdeste Kleinigkeit. Dinge, die mir guttun, dürfen natürlich nicht auch nur im Ansatz vollzogen werden, bevor die zu erledigende Aufgabe abgehakt ist. Diese wiederum zeigt sich störrisch und wird immer unerledigbarer. Ich fühle mich schlecht und muss verdrängen.

Jetzt mache ich Sachen. So gewissensfrei war ich zuletzt nach dem Bachelor, als ich wohl zum ersten Mal im Leben wirklich nichts, aber auch gar nichts zu tun gezwungen war. Nichts lag vor mir, auf das ich mich hätte vorbereiten müssen. Nichts lag hinter mir, das ich noch hätte nachbereiten müssen. Es war ein Segen. Schade nur, dass das Ganze genau zwei Wochen anhielt, bis auch schon das Trudi-induzierte Stromdesaster hereinbrach und das mehrmonatige Dauertief des Grauens mit sich brachte. Auf einmal war da gar nichts mehr zu tun außer Warten. Das ist immer das Beste. Wissen, dass du zwar so ungefähr die Welt verbockt hast, aber nichts geraderücken kannst, weil das traurige Endresultat deines Verbockens eben in vergangenen Fehleinschätzungen begründet ist und du mit den dadurch in Effekt getretenen Faktoren nichts, aber auch gar nichts zu tun hast und somit nichts, aber auch gar nichts dafür tun kannst, dass das solcherart Verbockte wieder geradegerückt wird. Also Warten. Da hatte Laura schon Recht, Warten ist furchtbar. Da griffen dann auch die altbewährten Methoden der Verdrängung. Zocken und Schlafen. Vor allem Letzteres.

Jetzt also, jetzt tue ich Dinge. Alles, was ich will. Ich lese über Pflanzen und schaue Filme mit R und verbringe Stunden auf der Terrasse und kenne jede Kellerassel da draußen beim Namen und bewerbe mich bei Nachhilfeorganisationen und mache mir nichtmal mehr Sorgen um meine Finanzen, weil (auch, wenn es nett gewesen wäre, am Ende noch ein bisschen von dem Angesparten übrig zu haben) ich auf jeden Fall genug habe, um über dieses nächste Jahr noch zu kommen, und dann, im Falle, ich kann mit der Ausbildung beginnen, auf jeden Fall wieder regelmäßig (und bei Weitem) genug zum Leben bekomme. Ich nutze meine Kamera (was auch darin begründet sein mag, dass mein Handy wahrscheinlich immer noch bei Basti liegt) und mache Musik und habe zum ersten Mal seit über zwei Jahren Impulse für neue Melodien, die ich verwirklichen kann. Bevor ich schlafen gehe, lese ich noch ein paar Seiten – jetzt, wo ich so selten aus dem Haus komme momentan (und wenn, dann meistens in Begleitung), habe ich ja nicht die Möglichkeit, im Bus zu lesen.

Ich habe mal wieder etwas über Facebook verschenkt – einen Bund Estragon und die dazugehörige Pflanze nämlich – und damit zwei netten Leuten eine Freude machen können. Ich habe mich dazu durchgerungen, den Karton mit faulen Eiern aus dem Keller zu entfernen (und glaub mir, es war nötig). Ich nehme kaum Alkohol zu mir, außer der halben Flasche von Beccis Bratapfellikör über die letzten Abende verteilt. Das freut mich immens, vor allem aber auch, dass ich es der generellen Abwesenheit von Bier in unserem Haushalt zu verdanken habe, seitdem sich R eines Tages entschlossen hat, sein täglich Bier durch alkoholfreies zu ersetzen.

Patrick geht demnächst an seinen alten Wohnort zurück und lässt uns somit in absehbarer Zeit wieder zu unserem eingespielten Zweieinhalb-Personen-Haushalt zusammenschrumpfen. Ich kann es kaum erwarten. Auch wenn Patrick nicht ganz so schlimm ist wie Arne letztes Jahr, werde ich ungeheuer erleichtert sein, wenn ich das rosa Zimmer wieder uneingeschränkt nutzen kann. Immerhin steht mein Kleiderschrank dadrin und noch ein paar andere lebenswichtige Dinge. Und da es mir höchst zuwider ist, in das Zimmer reinzugehen, solange jemand darin schläft, zockt oder sich sonstwie aufhält, fühle ich mich von Teilen meines Zuhauses auf fast so unangenehme Weise abgeschnitten wie damals durch Trudis Stromfail. (Kleiner Unterschied: Mehrmals am Tag verlässt Patrick das Zimmer, wenn auch nicht gerade so häufig, wie es mir lieb wäre, und ich kann schnell reinhuschen und mir Sachen holen und andere Dinge hineinbringen. So halte ich in meinen Klamotten eine ganz akzeptable Ordnung und komme immerhin irgendwann am Tag dazu, mich umzuziehen.)

Being Myself

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Heute war ich, um nicht den ganzen Tag zu verzocken, kurz draußen. Freiwillig. Ich habe geduscht und mich in den Bus gesetzt, bin den Berg runter gefahren und habe geschaut, ob schon Kastanien gefallen sind, die man zu Waschmittel verarbeiten könnte. Waren sie nicht, es wäre ja auch etwas sehr früh gewesen, aber bei Facebook hatte jemand behauptet, die ersten würden schon unten liegen.

Macht ja nichts, ich hatte es eh mehr darauf abgesehen, mal wieder die Wohnung zu verlassen, und begab mich kurzerhand auf einen ganz kleinen Ausflug den nahgelegenen Hügel hoch, auf dem ein Kloster steht. Das Kloster interessierte mich nicht sonderlich; ich wollte nachsehen, ob man dort irgendwie in den Wald rein oder zumindest auf eine Wiese kommt, um nach Pilzen zu gucken. Ich war neulich schon bei besten Voraussetzungen im Wald und habe praktisch nichts als Kartoffelboviste vorgefunden. Nach Hause brachte ich letztendlich ein höchst überschaubares Sammelsurium aus drei Grüngefelderten Täublingen von beachtlicher Größe, einem niedlichen Violetten Rötelritterling, einer hübschen Krausen Glucke und drei winzigen klassischen Röhrlingen, die ich auf dem Rückweg noch fand und bei denen ich mich nicht wirklich entscheiden konnte, was sie genau waren. Immerhin hatte ich die ganze Ausbeute für mich allein, da weder R noch Patrick meinen Pilzbestimmungsfähigkeiten solcherart vertrauten, dass sie sich an der Mahlzeit mitessenderweise beteiligen wollten. Die äußere Erscheinung von Täublingen und die lilane Färbung des Ritterlings haben sie abgeschreckt. Schade für sie, gut für mich – ich habe sie angebraten und auf Brote gelegt und es war köstlich.

Jedenfalls – große Überraschung – war ich heute nicht erfolgreicher als letztens, ganz im Gegenteil. Ich kam zwar auf eine Wiese, aber es wuchsen überhaupt keine Pilze dort. Und in den Wald schien der Weg nicht zu führen, sodass ich wieder umkehrte. Es war auch ziemlich warm und es ging bergauf. Ohne Aussicht auf Erfolg musste ich mir das nicht antun.

Den Rest des Tages habe ich natürlich doch verzockt. Einzige gute und sinnvolle Tat heute war es, der TV-Frau zu schreiben, dass ich bei ihrer Sendung nicht mitmachen werde. Was ich Montag durchgemacht habe, war die reinste Selbstverleugnung. Für kein Geld der Welt würde ich riskieren, dass meine Foodsharing-Kollegen oder irgendjemand sonst mich behaupten hören, ich würde Essen retten, um Geld zu sparen. Absurder geht es nicht. Das Geldsparen ist der willkommene Nebeneffekt eines nachhaltigen Lebensstils, und ich rede gern jederzeit darüber – aber um Himmels Willen werde ich es nicht über mich bringen, meine Prioritäten und Überzeugungen in aller Öffentlichkeit mit Füßen zu treten. Pfui Deiwel.

R ist auch froh drum; er war in etwa so begeistert wie ich davon, wie das am Montag ablief, und sagte mir heute Früh: „Du bist halt mit so’nem Weltverbesserergedanken da rangegangen. Wie an alles.“ Wo er wohl Recht hat, weshalb es mir wesentlich besser damit geht, das Projekt noch rechtzeitig als das Himmelfahrtskommando abzublasen, das es nunmal geworden wäre.

Wenn jetzt noch unsere Druckerpatronen kämen und ich mich endlich um das Praktikum kümmern könnte. Goddamnit, da muss man einmal im Leben was ausdrucken.

Suicidal mode deactivated.

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Ich lebe wieder. Basti war gad noch hier – er ist R vorhin in der Kneipe begegnet und hat sich irgendwie schon gedacht, dass etwas im Argen liegt, nachdem dieser seine Grottenlaune an ihm ausgelassen hatte. Meine dagegen ist jetzt wieder komplett in Ordnung; alles, was verdrängt gehört, steckt wieder sicher in Pandoras Büchse und ich kann mich kaum noch an den Weltuntergang in meinem Kopf erinnern. Sofern es mir nicht wieder vergegenwärtigt wird, wenn R nach Hause kommt, dürfte alles gut sein. Jetzt kann ich mich wieder darüber freuen, dass es Laura wieder gut geht und ich helfen konnte, und ganz nebenbei habe ich, wenn schon kein Stück BA, am vergangenen Tag eine Unmenge Nähzeug erledigt. Auch erwähnenswert; in meiner Kommode stapelte sich noch bis heute ein Berg mit Bestandteilen von vor einem Jahr.

Hm. Es ist noch verhältnismäßig früh. Wenn auch nicht für mich altes Ömschen, das inzwischen konsequent jeden Tag um 12 rum ins Bett geht (wie um alles in der Welt habe ich das geschafft). Ich würde zwar gern wachbleiben, bis R zurückkommt, aber in Anbetracht der Lage würde das vermutlich bedeuten, bis halb fünf Uhr hier zu hängen und die schlafrhythmustechnischen Errungenschaften der ganzen letzten Wochen zu ruinieren. Ich habe das Gefühl, dass er sich erstmal noch bei irgendjemandem in der WG abschießen wird, sein Mittel gegen alles, und das kann natürlich dauern. Hm. Eigentlich ein Grund dafür, wirklich wachzubleiben; stoned R ist mit nüchternem Aspi in etwa auf derselben Stufe Labilität und Paranoia, das heißt, man hätte endlich eine intakte Gesprächsbasis. Ich mach’s trotzdem nicht; meine innere Oma jammert jetzt schon in Form furchtbarer Kopfschmerzen.

Nervenenden (und was sonst noch so bei mir kaputt ist)

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Es ist unglaublich, wie kaputt meine Zunge noch ist. Ich konnte jetzt über Tage eigentlich kaum was schmecken, aber alles Heiße und Scharfe war dafür dreimal so intensiv wie gewöhnlich. Zuerst dachte ich noch, der Luxmensch hätte einfach extrem viel Pikant-Würzmischung in die Nudeln gekippt, aber nein, das waren davon schon die Anfänge. Heute war es schon besser – zumindest ist jetzt der Rest der Geschmacksnerven auch wieder aktiviert, aber meine eben geöffnete Tüte Peperoni-Chips werde ich ganz bestimmt heute nicht mehr leeressen. Das ist ja die reinste Folter. Sogar meine Supirivicky-Zahnpasta war bis gestern fast unerträglich.

Aber immerhin kann ich überhaupt wieder alles Mögliche essen, ohne dass meine Zunge bald kollabiert vor Schmerzen. Das war Dienstag Abend noch anders.

Ich bin dramatisch gelaunt. Kepa sei Dank; ich denk zu viel darüber nach. Lange kann ich das nicht mitmachen so. Meine Lebensqualität leidet darunter, ganz beträchtlich sogar. Das geht doch nicht.

Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht. Was will ich mir damit schon wieder antun, mich der Unentschlossenheit von jemandem unterzuordnen, der so planlos ist, dass er zwischen „ich hab keine Ahnung“, „ich mag dich einfach“, „Wo willst du hin mit mir?“, „es ist noch nichts beschlossen“ und den Bedenken, man wäre ja doch immer weniger tolerant, als man denkt, und wenn man für immer mit jemandem zusammensein möchte, stößt man ja unweigerlich auf alles Mögliche, mit dem klarzukommen nicht einfach ist, und ich würde am Ende vielleicht nicht damit klarkommen, dass er irgendwann in der Firma seines Vaters Leute entlassen müsste und auf den Waldgrundstücken seiner Eltern Jäger herumlaufen, die die Tiere abknallen, innerhalb einer einzigen Stunde hin- und herschaltet und mir, solange er mich nicht gerade so fest drückt, dass ich „Luft“ japsend ihm Einhalt gebieten muss, sobald wir von Tageslicht bestrahlt werden oder die Entfernung wieder ihre Schatten wirft, in keinster Weise zu verstehen gibt, dass ihm irgendetwas über unsere vorherige Freundschaft Hinausgehendes an mir liegt?

Lies das nochmal gründlich durch und sag mir irgendetwas, das mir hilft. Oder zumindest dass meine Verwirrung legitim ist. Am liebsten aber hätte ich Rat. Ich brauche Rat. Ich bin mal wieder mit meinem Latein am Ende. (Nicht dass ich Latein könnte, vieleicht bin ich deshalb immer so schnell mit meinem am Ende. Ich bin allerdings mit allem Anderen auch am Ende, nicht zuletzt mit meinen armen Nerven.)

Mir fehlt ein Stück vom Daumen, aber sonst ist alles gut.

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Uff, was war das bitte für ein desaströser Abend.

Meine Stimmung ist wieder im Normalbereich. Das habe ich der Reihe nach Robert, JO und Caro zu verdanken, die mich etliche Stunden lang verlässlich und geduldig ertragen haben (sowie vermutlich ein klein wenig der Tatsache, dass 1) noch Kokosmakronen dawaren, die ich in mich reinstopfen konnte, und 2) sich der arme Kerl, auf den momentan mal wieder all meine Zustände irgendwie projiziert werden, am Ende doch noch gemeldet hat und ich somit beruhigt ins Bett gehen kann).
Ich habe gestern während der Autofahrt zurück nach Hause erst wieder festgestellt, dass unter meinen sprichwörtlich an einer Hand abzählbaren guten Freunden, am heutigen Tage, wenn ich wollte, mit Leichtigkeit eine Quote von bis zu 100% Redundant Nimrods bzw. RN-relateden Personen anzusiedeln wäre. (Welch abstruse Windungen das Leben doch aufweist.) Da ich aber zu privilegiert für diese Welt bin, habe ich mehr als fünf exeptionelle Freunde und erachte es für weder nötig noch sinnvoll, unter ihnen noch Hierarchien aufzustellen.

Statt das weiter auszuführen oder anderweitig zu philosophieren anzufangen, sollte ich jetzt allerdings mal schlafengehen, um die Wunder der Syntax nachher in halbwegs wachem Zustand erleben zu können.

Einige erfreuliche Neuigkeiten

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Erstens. Es ist Wochenende. Ich werde nichts machen. Das ist so ungemein wertvoll.

Zweitens. (Das wird die – obschon zweifellos hochgeschätzten, mit diesem Thema wohl eindeutig überschwallten – Leser weniger erfreuen, mich dafür umso mehr.) Nachdem sich meine Anlage nunmehr aufgebaut in meinem Zimmer befindet, habe ich angefangen, mal wieder meine CDs zu benutzen, mir im Rahmen dieses Projektes Ken Zazpis Atzo da bihar vorgenommen und zu meinem großen Erstaunen festgestellt, dass ich beträchtliche Teile der Lieder einfach verstehe.
Wie unglaublich ist das bitte. Ich bin überglücklich. Zumindest Ken Zazpi-Vokabular habe ich also mittlerweile drauf.

Drittens. Tasche ist aufgetaucht. Stein vom Herzen, ich sag’s dir – und ich kann mein unermessliches Glück mal wieder nicht glauben. Es scheint alles noch drinzusein. Inklusive CDs, Häkelnadel und – ja – auch meinem Geldbeutel. Dienstag habe ich Zeit, sie abzuholen. Bei der Gelegenheit kann ich mich auch gleich mit meinem frisch zurückerstandenen Perso ummelden gehen, bei der Gelegenheit gleich auf selbigem meine Adresse ändern lassen und meinen ebenso frisch zurückerstandenen Reisepass gegen meinen neuen eintauschen. Das wird ein lustiger Nachmittag im Bürgerbüro.

Viertens. Ich habe vorhin mit Susmita geredet. Sie ist zwar gestresst und erkältet, aber hört sich halbwegs positiv an, was ihre Erfahrungen in Finnland angeht. Es tat gut, mit ihr zu reden. Wir haben Ewigkeiten telefoniert.

Fünftens. Am 2. September gibt’s endlich ordentliches Internet.

Sechstens. Ich scheine aus dem gröbsten Chaos rauszusein. Mein Zimmer ist fertig eingerichtet, ich habe schon anfangen können, ein bisschen im Garten zu werkeln, bin regelmäßig, aber nicht übertrieben viel in der Arbeit und fühle mich wohl mit meinem Leben. Daniel fährt nächste Woche nach Spanien runter, sodass die Euskera-Stunden vorerst wegfallen (an sich ja nicht die beste Nachricht aller Zeiten, aber immerhin bringt mir das einen Vormittag mehr Zeit und Ruhe), und Sarah geht Mitte des Monats nach Bolivien, was mir zwar (ebenfalls nicht erfreulich, natürlich) eine meiner liebsten Personen hier für geraume Zeit wegnimmt, aber andererseits auch wieder Ruhe und Zeit verschafft. Ich hoffe, es diesen Sonntag endlich mal wieder zum Foodsharing-Treffen zu schaffen.

Siebtens. Meine Medis wirken grandios; ich fühle mich ziemlich gut und habe weder Katastrophenstimmung noch übermäßig oft Panik. So muss das sein. Auch wenn die Euphorie von vor dem Absetzen nicht mehr da ist, aber das ist ganz in Ordnung so. Das hat mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, die Aktion. Da bin ich nicht so gerne, aber es ist auch besser, als jeden Bezug zur Realität zu verlieren. Schätze ich.

Achtens. Menschen schreiben mir. Ich habe nie das Gefühl, dass niemand an mich denkt momentan. Und ich verbringe so viel Zeit außerhalb von Facebook, dass gar nicht erst die Möglichkeit besteht, wie so oft alle drei Minuten vorbeizuschauen und dann von der leeren Inbox irrational frustriert zu sein. Dieses Gefühl ist so überflüssig. Mir wird gerade erst klar, wie viele Menschen sich dem wohl (so aktiv wie unbewusst) aussetzen, einfach indem sie viel zu oft ihr verdammtes Facebook checken, so, wie ich es auch mache, wenn Zeit dafür da ist. Wie sagte ich damals ergänzend zu diesem Video, „to the waiting, an eternity.“ (Ich vertrau‘ einfach mal darauf, dass ich das richtige Video erwischt habe – unser vorläufiger Router macht uns inzwischen manchmal selbst das Laden von Bildern unmöglich, von Videos gar nicht erst zu reden.)

So sieht’s aus. Das ist doch schön, das alles.

Jetzt (oder früher oder später) oder nie?

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Irgendwie ist es nie der richtige Moment. Sobald man darauf wartet, kann man es einfach vergessen. Langsam verstehe ich, warum manche Leute sich Dinge vornehmen, unbedingt mit etwas anfangen oder aufhören wollen und es aber doch nie tun.

Mein Halbjahresvorrat an Medis neigt sich dem bitteren Ende zu; mir verbleiben aktuell 7 Tabletten, sprich, in spätestens einer Woche brauche ich einen Termin beim Psychiater. Ich hatte eh grob ins Auge gefasst, sie demnächst abzusetzen, wollte aber – oh Wunder – auf den richtigen Moment warten. Zu ungefähr der Zeit habe ich dann auch gemerkt, dass sowas wie der richtige Moment ein Mythos ist. Hier was, da was – das macht das Leben doch gerade aus, das ewige Ab und Auf und Ab und das absolute Fehlen von Stillstand. Ich fühle mich nicht fähig für so eine Unternehmung. Ich merke doch, wie die ganzen dramatischen, verängstigten, gelähmten, unsicheren, überemotionalen Schichten von mir unter der Oberfläche lauern. Wenn ich das Medi absetze, besteht die Gefahr, dass das gefestigte Äußere langsam an den Seiten herunterrutscht und meine ganze verdammichte Lebensunfähigkeit wieder unverdeckt und unzensiert ans Licht kommt. Möp, was für Aussichten.

Aber natürlich könnten die Umstände um so Vieles ungünstiger sein. Ich bin zu Hause. Ich habe ein ganzes Jahr lang lernen können, wie man als serotonintechnisch gescheit eingestellter Mensch so lebt. Es wird Frühling; ich werde in der nächsten Zeit viel Sonne abbekommen. Ich habe keine Infatuationen zu bekämpfen; dankenswerterweise sind mir Bekanntschaften mit neuen intelligenten, kaputten, musikalischen oder sonstwie attraktiven Menschen in den letzten Monaten erspart geblieben. Familientechnisch ist es auch relativ ruhig. Es gibt Leute hier und an erstaunlich vielen anderen Orten, denen ich wichtig genug bin, dass sie zur Not wohl auch die ein oder andere Durchhängperiode mit mir durchstehen würden. Und wenn alle Stricke reißen, hol ich mir eben wieder das Zeug und nehm‘ es ein Leben lang weiter. Würde mich auch nicht sonderlich jucken, aber zuerst will ich natürlich versuchen, als eigenständiger Mensch mein Leben, wie es jetzt ist oder sein könnte, aufrecht zu erhalten.

Ich identifiziere mich mehr als je zuvor mit meinem Lebensbäumchen. Es hat sich in den drei Wochen, in denen ich wegwar, ziemlich stark in Richtung des Fensters geneigt und schien nun ein wenig verwundert, als ich wieder dawar und es endlich gedreht habe. Aktuell neigt es sich Richtung Zimmer; es braucht wohl noch ein bisschen Zeit für die Umstellung. Vor allem aber ist es im vergangenen Jahr so groß und prächtig geworden. Und es wächst immer weiter, immer weiter. Ironisch genug, dass ich mich kaum traue, es zu bewegen, weil es so instabil hin- und herwankt und beim kleinsten Anstupsen einen eleganten Umfall hinlegen würde, inklusive des Verlustes einiger riesiger, glänzender Blätter. Genau das Gefühl habe ich bezüglich meines Lebens. Es ist unfassbar bunt und wunderschön, seitdem es gerettet wurde, aber letzten Endes braucht es nicht viel, um es zum Einsturz zu bringen. Deshalb ist die Stabilität so wichtig – denn anders als das Bäumchen kann ich nicht erwarten, dass jemand alles an Gefahren von mir fernhält. Ich hoffe einfach mal, dass das Medi nicht die ganze, lebenswichtige Stütze ausmacht. Vielleicht tut es das ja nicht. Deshalb werd‘ ich es absetzen, auch wenn ich Angst habe.

Esperando

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Eineinhalb Tage.
Hoffentlich findet meine Mutter bis morgen meine Geburtsurkunde. Meine Eltern sind immer noch am Renovieren und offenbar ist das Haus ein einziges Chaos. Da komme ich mit meinem Request genau richtig. Aber ehrlich.. wichtige Dokumente bewahre sogar ich so ordentlich auf, dass ich zu jeder Zeit drankomme. Wenn ich sie nicht gerade unter mysteriösen Umständen verliere. Am besten verlagere ich dieses Jahr mal irgendwann meine ganzen offiziellen Papiere zu mir nach Hause.

Uff. Mein Computer ist nicht mehr der Reaktionsfreudigste. Alle paar Minuten hängt er sich auf, stürzt ab oder veranstaltet sonstige lustige Unternehmungen ohne mich. Wenn ich nicht wüsste, dass in einer Woche Robert zu mir kommt, mit einem linuxbeladenen USB-Stick, würde ich halb verzweifeln. So dagegen ertrage ich es tapfer. Was habe ich letztens noch Schönes gelesen: „Before you marry someone, watch them handle a computer with slow internet to expose the person they really are.“ Da würde ich ausnahmsweise mal richtig gut abschneiden.

Nebenbei spiele ich Snake, schaffe es wie immer nicht einmal ansatzweise, meinen inzwischen knapp siebenjährigen übermenschlichen Rekord aus Kopenhagen zu brechen, und erschrecke mich regelmäßig zu Tode, wenn die Musik nach einem weiteren Schwächeanfall der virusgeplagten Bernadette wieder anfängt zu spielen. Ohne kann ich aber auch nicht; NUFANs Hard Rock Bottom ist mein ständiger Begleiter in dieser Zeit und wird mich ohne jeden Zweifel später in einem Schwall aus Bildern, Gefühlen, Erinnerungen, Assoziationen, Gedankensequenzen und dieser einen, völlig individuellen, jedem Zeitabschnitt des Lebens, egal wie lang oder kurz, irgendwie eigenen ganz bestimmten Atmosphäre zuverlässig wie nichts sonst an meine letzten Wochen in Vitoria erinnern.
Noch eine Zeitkapsel.

Ich muss zum Gratisladen gleich, um tütenweise Zeug abzugeben (und vermutlich trotz ernstem Platzmangel doch wieder mit neuer Ausbeute zurückzukommen). Außerdem wollten Saskia und ich heute Abend noch einmal zu an dieser Stelle erstmals erwähntem Mushroom place gehen, aka das Verdi – eine erklärte Erasmus-Bar, in der donnerstags – Pintxo-Pote-Zeit* – mit Knoblauchbutter gefüllte Champignons als Pintxos verkauft werden und sich die Menschen, nur allzu zahlreich anwesend, in einem Gewimmel von Plastiktellern, dröhnender schrecklicher Musik und Müll, Müll, Müll irgendwo ein Fleckchen suchen, um diese Köstlichkeiten in der Gesellschaft ihrer Wahl zu verzehren. Aber wenn es nunmal so unschlagbar ist, Champignon-Pintxo und das obligatorische Pote für einen kleinen Euro – für mich Wein, Saskia wählt Kalimotxo, was ich allein aus ökonomischer Sicht unverständlich finde, aber wenn sie es nunmal so mag..

*Um dich kurz mit dem Pintxo-Pote-System vertraut zu machen (ich bin vermutlich eh die einzige bloggende Erasmus-Studentin in Vitoria, die dieses Wort anderthalb Tage vor ihrer geplanten Abreise zum ersten Mal erwähnt). Pintxos sind die baskische Variante von Tapas. Brot als Unterlage, und alles Mögliche drauf – von Fisch über Gemüse bis hin zu Tortilla oder Zeug mit Schinken. Wenn man in Euskadi abends weggeht, funktioniert es folgendermaßen: Du gehst mit deiner Koadrila (oder sagen wir ganz zivilisiert Clique) in eine Bar, isst ein-zwei Pintxos, trinkst ein-zwei Cañas (was nichts mit Zuckerrohr zu tun hat, sondern einfach ist, wie man hier ein Glas Bier nennt), und weiter geht’s zur nächsten Lokalität. Das Pote ist ein genereller Ausdruck für Getränke – Wein, Bier, Kalimotxo (eine überall zu erwerbende Mischung aus Wein, Eiswürfeln und Cola). Und Pintxo-Pote nun ist praktisch die vitorianische Happy Hour der Woche, Donnerstag Abend, wo du in vielen Bars einen Pintxo und ein Pote zusammen für um die 1,50 – 2€ bekommst.

So viel dazu. Was ich aber eigentlich nur sagen wollte, war, dass ich mich ein bisschen krank fühle und noch nicht ganz sicher bin, ob ich ihr nicht eventuell absagen sollte.

Manchmal höre ich Marco reden.
„Tienes mucha suerte.“

Natürlich, dass ich das nicht einfach vergesse. Das wäre ja schon eher untypisch.

„What a good teacher I am.“
„Hah, I wouldn’t say so. I’d say life is.“