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Geschenkte Stunden

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Yes! Marthe hätte keinen besseren Zeitpunkt wählen können, um mir für heute abzusagen. Ich habe bis zum Abend noch über dreißig Seiten von meinem Auftrag vor mir. Es regnet – ich bin froh drum, die Pflanzen können es gut gebrauchen, aber ich wäre mit dem Fahrrad zu Marthe gefahren, um Zeit zu sparen. Und ich habe erst aufs Handy geguckt, nachdem ich geduscht und mich rausgehtauglich angezogen hatte, somit bin ich frisch und gepflegt – eine Errungenschaft, die ich mit dem Wissen, dass ich überhaupt nicht raus muss heute, niemals erreicht hätte.

R ist im Schlafzimmer am Arbeiten, ich – wie immer – auf der Couch. Knapp außerhalb meiner Reichweite liegt verlockend der vierte Band der Neapolitan Novels, die ich gerade dabei bin zu verschlingen. Aber nachdem ich den gesamten gestrigen Tag verzockt habe, muss ich heute wohl oder übel zuerst arbeiten, bevor ich mit dem Buch beginnen kann.

Nun will ich ja eigentlich arbeiten (wollen), aber stattdessen wirkt der Kaffee viel zu gut und ich brüte viel lieber Schnapsideen mit Becci aus und freue mich meines Lebens. Aber hey, ich habe ja jetzt Zeit. Vielleicht telefoniere ich noch mit Mama, die mich gerade auch anschrieb. Und dann kann man immer noch arbeiten.

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Atzo da bihar

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So schnell kann es also Sommer werden. Gleich ein völlig anderes Lebensgefühl, die Terrassentür offen lassen zu können und auf die frisch bepflanzten Kübel draußen zu blicken, in denen sich Tomaten und Paprika, Salat und Chilis, Rucola und Wunderblumen dem Licht entgegenstrecken.

Dass R diese Woche Urlaub hat, ruft auch bei mir ein Urlaubsgefühl hervor, auch wenn ich gestern Abend wieder einen Auftrag angenommen habe, mit dem ich gleich beginne. Wir sind mehr als glücklich, von unserem Osterausflug zu seiner Familie zurück zu sein, und genießen unsere wiedererlangte Freiheit und Selbstbestimmung in vollen Zügen. Er, indem er zockt und lernt; ich, indem ich pflanze und lese. Wir zusammen, indem wir ausschlafen und gemütlich frühstücken, Carcassonne spielen, Filme schauen und wunderbares Essen kochen.

Ich freue mich schon jetzt auf den Moment, in dem er nicht mehr arbeiten muss und wir dieses Leben für immer haben können. Denn während ich bestrebt bin, oder vielmehr beim besten Willen nicht anders kann, als aus der Gegenwart das Meiste für mich herauszuholen und den Zwängen nur den nötigsten Raum zu geben, hat er erst Ruhe, wenn ihm seine Zukunft solide erscheint. Eigentlich ähneln wir uns da stark. Nur dass unsere Coping strategies gegenteilig ausfallen. Ich verdränge und beraube mich dadurch vermutlich einer sicheren Zukunft. Er nimmt sich – uns – mit seinem obsessiven Hinarbeiten auf zukünftige Sicherheit die Gegenwart weg.

Auf dem kurzen Spaziergang zum Altglascontainer und zurück überraschte mich der Gedanke, dass es mir vielleicht wirklich lieb wäre, wenn wir heiraten würden, nicht in der Erwartung eines festzementierten ‚Für immer‘, sondern um dem Warten auf diese ferne Zukunft eine konkretere Berechtigung zu geben, einfach mal festzuhalten, dass seine wenig geschätzte, viel auf Zukünftiges ausgerichtete Gegenwart auch mir nicht grundlos ungenutzt durch die Finger rinnt. Ich bin mir dessen sicher und er ist es auch, warum dem Ganzen nicht einen Namen geben.

Dachte ich mir gestern, aber es war nur ein Anflug; heute verstehe ich schon wieder kaum, wozu das Heiraten gut sein soll; als könnte man die Zukunft mit Papier und Tinte in Stein meißeln. Und andersherum: unser gegenseitiges Vertrauen ist so grundsolide, dass jeder Vertrag, jede Unterschrift dagegen lächerlich und wertlos wäre.

Aber genug von Gegenwart und Zukunft. Ich habe einen Auftrag zu erledigen.

Gegenverkehr und erschöpfende Einkäufe

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Seit Langem scheint dies heute mal wieder ein Tag zu sein, an dem ich denke: „Ich sollte Sachen besser machen. Ich habe alle Voraussetzungen dafür.“

Ich muss wieder mit dem Zocken aufhören. Es frisst all meine Zeit und begünstigt die zweifelhafte Coping-Strategie aus Apathie und Verdrängung, die ich perfektioniert habe.

Aber das nur so am Rande. Ich habe noch eine Stunde, bis ich den Bus zu Marthe nehme (mein Fahrradakku ist nicht ganz aufgeladen und der Regen- bzw. Hagelschauer gerade trug auch nicht unbedingt dazu bei, dass Fahrradfahren zur Verlockung wird). Bis dahin muss ich duschen, und zwar dringendst.

Ich habe bis halb zwei Uhr geschlafen – ich bin aufgewacht und konnte es kaum glauben. Wobei es Sinn macht, da wir gestern Abend beim Containern überdurchschnittlich viel gefunden haben und ich zwischendurch schon kaum noch die Augen aufhalten konnte. (Passend dazu fällt mir soeben der skurrile Traum ein, den ich hatte. In einem Abschnitt davon war ich im Auto unterwegs – nein, nicht im Auto, ich ging zu Fuß, aber war schnell wie ein Auto und lief mitten auf der Straße – der Boden war voll von Eidechsen und ich erinnere mich, dass ich eine spezielle Lauftechnik entwickelt hatte, um diese mit den Füßen beiseitezuschieben und so zu verhindern, dass ich darauf trat; es war niemand dort außer mir. Gut so, denn ich war so müde, dass ich mit geschlossenen Augen lief. Rechts von der Straße befand sich ein Abgrund. Irgendwann nahm ich in der Ferne ein entgegenkommendes Fahrzeug wahr; mir war klar, dass ich die Augen öffnen musste, um ihm auszuweichen oder vielmehr sicherzustellen, dass ich auf meiner eigenen Spur lief, aber ich war zu müde und schaffte es einfach nicht. Das Auto kam näher und näher und ich zog mit den Fingern meine Augenlider auseinander, als könnte ich mich so zum Sehen zwingen, erfolglos. Das Auto rauschte vorbei und streifte mich ganz knapp; ich war unversehrt.)

Der müde Punkt war längst überschritten, als ich um zwei Uhr nach Hause kam. R war natürlich bereits im Bett und machte keine Anstalten, dort herauszukommen, also habe ich all die Kisten und Taschen mit Essen (zwei davon für Wolfgang, eine so schwer, dass ich sie kaum hochheben konnte) möglichst geräuschlos durch die Wohnung auf die Terrasse verfrachtet und mich anschließend mit einem Glas Multivitaminsaft aufs Sofa gesetzt, um wieder zu mir zu kommen, bevor ich ins Bett ging.

Nun bin ich ausgeruht und erleichtert, dass mir in der Zwischenzeit kein Scribbr-Auftrag durch die Lappen gegangen ist. Auch das Wetter bietet allen Grund zur Erleichterung; wäre es so warm wie letzte Woche, hätte die Ausbeute von gestern den Vormittag auf der Terrasse weniger unbeschadet überstanden. So dagegen kann sie ruhig bis heute Abend dort verbleiben und darauf warten, dass R und ich unserer neu implementierten Arbeitsteilung entsprechend gemeinsam das Einräumen und Versorgen übernehmen. Nur um das Fleisch muss ich mich vorher kümmern, damit die Katze schonmal etwas zu fressen bekommt.

Nun wird aber erstmal geduscht. Und nachdem ich von Marthe zurück bin, habe ich dann durch das Nicht-Zocken Zeit für alles Weitere.

Kolkata Calling

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Was ich bisher vor lauter Arbeitsdrama ganz unterschlagen habe: Susmita und Debanga heiraten. Dass dem so sein wird, war mir natürlich schon seit Längerem bekannt, aber nun wird es auf einmal sehr konkret. Die Einladung bekam ich vorletzten Montag, als ich gerade dabei war, mit Becci die Wohnung zu verlassen, um zum Streichen zu ihr zu fahren.

Am gleichen Abend rief ich R an und überfiel ihn mit der Nachricht, dass wir nach Indien fliegen müssen – diesen Dezember. Er willigte (überraschenderweise) sofort ein, was mich in einen Freudentaumel versetzte, allerdings blieben ihm dieses Jahr noch ganze drei Urlaubstage. Als ich wieder hier war und wir nochmal darüber sprachen, wollte er schon fast wieder kneifen, aus Angst um seine Zeit und seinen stressanfälligen Organismus. (Man muss dazu wissen, dass R zwar Momo nie gelesen hat, aber von Grauen Herren bewohnt wird, die ihm sein Leben diktieren. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass ihm das bewusst wird, wenn ich ihn je dazu bewege, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen.)

Nachdem dies in ein Grundsatzgespräch der Sorte „Aspi monologisiert, während R entnervt in seine C++-Unterlagen starrt und verzweifelt bemüht ist, nicht den Faden und damit noch mehr Zeit zu verlieren, was wiederum Aspi zur Weißglut treibt“ eskalierte, löste sich das Problem am nächsten Tag auf unvorhergesehene Weise: R’s Chef verbot ihm kurzerhand, sich eine Woche Urlaub zu nehmen. Stattdessen genehmigte er ihm die Urlaubszeit nur unter der Voraussetzung, dass er sich zwei Wochen nähme. Er solle sich mal überlegen, woran er auf dem Sterbebett lieber zurückdenken würde – seine eingesparten Überstunden oder seine Reise zur indischen Hochzeit.

Also ziemlich genau das Prinzip, was ich ihm am Tag davor versucht hatte einzutrichtern. R’s Chef ist ein guter Mensch.

Nun haben wir gestern unsere Flüge gebucht und siehe da, es ist vollbracht: zum allerersten Mal werde ich mit R eine längere Reise unternehmen, dazu noch zu solch einem einzigartigen Ziel und Anlass. Ich freue mich wahnsinnig darauf!

Decadence isn’t easy, is it?

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Okay. Ich habe mich ans Versorgen der Pflanzen gemacht, zwei Töpfchen Basilikum (eins Thai, eins normales) zusammen mit dem kläglichen Überrest des letzte Woche geretteten Genovesertopfes in einen breiten Eimer eingetopft, ein paar Kartoffeln ausgegraben (es fängt langsam an!), Zitronengras in Töpfe mit Lavamulch und Wasser gesteckt und auf Küche und Terrasse verteilt, frische Kurkuma in Töpfe mit freigewordener Kartoffelerde gesteckt und ebenfalls auf der Terrasse verteilt, Undines und Lukas‘ Terrasse besucht (nicht um zu gießen; nach den Regenströmen der letzten paar Tage muss ich endlich nicht mehr jeden Tag zwei Urwälder versorgen), dort die verblühten Geranien abgeschnitten und die hoffnungslose Gurke von ihrem Elend erlöst, indem ich sie ebenfalls abschnitt und für den verbleibenden Gurkenstamm zu Mulch zerstückelt drumherum drapierte, Gleiches mit dem vertrockneten Salat angestellt (man kann ja nicht alle drei Minuten zum Gießen rüber…) und so eine Mulchschicht für ihre Zucchini und Tomaten anfertigen können, noch kurz ihren Lavendel beschnitten, dann wieder bei mir draußen die restlichen Stangen Zitronengras aus ihren wahnsinnig verklebten Tüten geholt und zusammen mit der restlichen Kurkuma auf dem Tisch deponiert, Küche etwas aufgeräumt, Wäsche aus dem Trockner geholt und neue rein, Zeug in den Keller gebracht, im Keller ein bisschen sortiert, Katze gefüttert… und es ist, als hätte ich überhaupt nichts gemacht. Ich bin überfordert mit diesem Tag. Es gibt so viel zu tun und ich bin überfordert.

Dann mache ich mir Vorwürfe. Mein Kopf ist zum Bersten voll mit genau dem nutzlosen Druck, den die Therapeutin mir abgewöhnen möchte. Ich weiß gar nicht, wo das anfängt und wo es aufhört, was zuerst kommt, was woraus resultiert. Ich suche nicht nach Arbeit, obwohl ich müsste. Das ist jeden Tag der Fall und wirkt sich auf alles aus, was ich tue oder nicht tue. Es ist alles verwoben. Ich laufe herum und mache Dinge im Haushalt (wenn ich Glück habe). Dabei verfluche ich R für irgendwelche Kleinigkeiten, sei es, dass er seine dunkle Wäsche in den Beutel für die helle wirft, obwohl ich schon extra Etiketten darüber angebracht habe, oder dass das Waschbecken eklig aussieht und noch Bartstoppeln drauf liegen, obwohl er sich seit Wochen nicht mehr rasiert hat, oder dass die Küche ein Schlachtfeld ist und überall Flaschen rumstehen, statt dass er die mal in die Pfandtasche bringt, aber damit wäre ich auch nicht zufrieden, weil er niemals dran denken würde, die Flaschen zuvor nochmal über der Spüle auszukippen, damit es nicht so widerlich wird, wenn einer von uns Pfand wegbringt. Direkt darauf folgt jedes Mal blitzschnell ein schlechtes Gewissen: Im Gegensatz zu mir arbeitet er Vollzeit und macht trotzdem noch Dinge im Haus, an manchen Tagen nicht viel weniger als ich und an ganz schrecklichen Tagen sogar mehr. Und wenn ich nicht ihn verfluche, dann verfluche ich mich selbst, weil ich immer noch nicht auch nur in Ansätzen alles getan habe, was gemacht werden muss.

Parallel stellt sich mir unweigerlich die Frage, was ich um alles in der Welt anstellen würde, wenn mir auf einmal am Tag neun Stunden fehlen würden. Ich würde doch niemals im Leben auch nur das bisschen gebacken bekommen, das ich jetzt gerade so bewältige. Ich habe mir so ein zeitintensives Leben mit unendlichen Kleinigkeiten angewöhnt, dass es eine Qual ist, mir vorzustellen, ich müsste all das zugunsten von Geld auf dem Konto und Eltern, die mir mir zufrieden sind, aufgeben. Es war mir ja jetzt den Monat schon zu viel, in dem ich halbtags vor dem Computer sitzen und halbherzig postediten durfte. Ich hätte einfach niemals anfangen dürfen, so zu leben. Wie will ich denn darauf hinarbeiten, dass es R und mir auch in Zukunft gut geht und irgendwann vielleicht wirklich kein Druck mehr da ist, und aus dieser zeitlichen Dekadenz jemals wieder rauskommen – wenn es denn Dekadenz sein kann, über seine ureigene Zeit selbst zu verfügen.

And it begins.

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Sodele, ab heute habe ich wieder etwas in meinem Leben, das ich prokrastinieren kann: soeben erhielt ich meine Zugangsdaten für die Lernmaterialien meines Onlinekurses. Ich hoffe so sehr, dass ich es gebacken kriege, auch nur halb so diszipliniert daran zu arbeiten wie R an seinen C-Kenntnissen.

Mein halber Arbeitstag ist bereits um. Heute Früh war ich so todmüde, dass ich auf eine fast schon unmögliche Aufstehzeit hin snoozen musste, um dann ohne viel Aufhebens mich umzuziehen und los zu Ulrike zu fahren. Mit dem Pedelec brauche ich zwanzig Minuten zu ihr, inklusive Berg, was ein ziemlicher Luxus ist im Vergleich zu der Dreiviertelstunde, die ich vorher für den Weg einkalkulieren musste. Ich kam trotzdem etwas zu spät, aber sie war eh noch am Telefonieren. Es geht so wunderbar stressfrei, wenn man sich nicht an Minuten klammert. Noch kann ich mir das erlauben und die verlorene Zeit einfach hintendranhängen, mein nächster Termin ist ja erst um halb drei. Ich wünschte, es würde sich nie ändern.

Aber es muss sich ändern, außer natürlich, ich finde eine Möglichkeit, um für ewig eingeschrieben zu bleiben und mietfrei zu wohnen. I don’t think so.

Daher stürze ich mich nachher, wenn ich von Sophi wiederkomme, fröhlich auf meine Lerntherapeutenausbildung. Und fange irgendwann an, mich nochmal intensiv mit dem Aufbau eines Kleingewerbes auseinanderzusetzen. Man wird sehen.

Like vampires from a thousand burning suns

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17.11. Jahrestag meines dritten Billy-Talent-Konzerts. Aber ich bekomme das Jahr nicht mehr zusammen. 09? 10? War es im gleichen Jahr wie die erste Green-Day-Welle? Oder eben doch das Jahr drauf? Ich komm nicht mehr drauf, das macht mir Angst. Alles verschwimmt, ich bin alt geworden.

Ich bin mir nicht sicher. Die von R so betitelte Mid-Twenties-Krise hat dieses Jahr zugeschlagen, und ich bin dafür relativ dankbar, denn immerhin kann ich mich so schonmal darauf vorbereiten, was mich in der Mitte des Lebens wahrscheinlich erneut überfällt. Wobei ich in dem Sinne auch glücklich sein kann, dass Krisen für mich kein völliges Neuland sind. Ich glaube, wenn man mit psychischer Instabilität zu tun hat, verbringt man das Leben in einem nicht endenden Zyklus aus Hochphasen, Krisen und Aufräumaktionen. Permanentes Hinterfragen bestehender Beziehungen, die Suche nach dem Sinn und, noch wichtiger, der eigenen Identität und das immer wieder aufwallende Bedürfnis nach Veränderung in der Hoffnung auf Selbsterfüllung sind doch alles zentrale Themen der Midlife-Crisis, wenn ich das richtig durchblicke.

Einig können wir uns jedenfalls darüber sein, dass die Zeit fliegt. Ich habe mir meinen kleinen Acht-Wochenstunden-Arbeitsalltag zurechtgefriemelt und mich darin häuslich eingerichtet, was kein Dauerzustand sein soll und auch keiner sein kann, da mir meine erste Schülerin bereits im Januar wieder abhanden kommt und meine zweite im Mai, wenn sie ihr Abi macht. Und, wie ich neulich schon zynisch feststellte, wohl auch, wenn sie es nicht schafft.

Aber ich laufe trotzdem Gefahr, mich auf diesen leicht verdienten Lorbeeren auszuruhen. Solange ich eingeschrieben bin, reichen mir die 750€ im Monat zum Leben, mehr als genug ist das, wenn man bedenkt, dass ich meinen Eltern noch immer keine Miete zahlen muss. Ich habe mich für dieses Fernseminar angemeldet, um eine Qualifikation als Lerntherapeutin zu erlangen, aber erhalte meine Materialien erst, wenn ich das Geld überweise. Und dann dauert es noch ein Jahr. Dann bin ich fertig und es sollte wirklich mal losgehen.

R kam nach einem knappen Monat des Dialogens frustriert ohne Ende nach Hause, statt die geplanten drei Monate durchzuziehen. Ich hatte die ersten drei Wochen gebraucht, um auf seine Abwesenheit (beziehungsweise mein damit verbundenes Alleinesein) irgendwie klarzukommen, und mir, als ich soweit war, dass ich wieder handeln konnte, alles Mögliche an Besuch eingeladen – Becci und JO waren hier, dann kam Barbara aus Bielefeld zurück zum Semesteranfang und musste hier wohnen, bis sie ihre frisch renovierte Wohnung vom gröbsten Chaos befreit hatte, und Becci kam gleich nochmal, weil wir noch einmal dieses Jahr einen Flohmarktstand machen wollten. Und im Zuge dieser letzten Fuhren an Besuch, am Tag nach Beccis und meinem Flohmarkt, kam dann R wieder. Ich war fast ein bisschen enttäuscht, dass mir die Chance, mein eigenes Leben neu zu erlernen, auf diese Weise verwehrt blieb. Und wie R so ist, brachte er nicht gerade die reine Freude mit ins Haus, sondern verpestete alles mit seiner Grottenlaune. Es war anstrengend.

Aber es wurde auch sehr schnell wieder besser. Er hat sich dann erstmal beim Amt gemeldet, aber gleich nach neuen Jobs gesucht und jetzt auch direkt wieder etwas bekommen. Nun fährt er jeden Tag eine Stunde mit dem Rad zur Arbeit und wieder zurück, teilweise zu den abstrusesten Zeiten. Schichtarbeit halt. Seine restliche Zeit verbringt er mit der Vorbereitung auf das in der Ferne hoffnungverbreitend schimmernde Informatikstudium. Und selbstredend beschäftigt ihn das alles so sehr, dass sich weiterhin die Welt um ihn drehen muss. Aber ich hole ihn da raus. Ganz graduell, ich bin schon unfassbar weit gekommen bisher, und es wird der Zeitpunkt kommen, an dem er aus eigenem Antrieb seine Aufmerksamkeit auf Details richtet, die mir wichtig sind und ihn nicht direkt betreffen. Dauert noch eine Weile, aber ich werde das schaffen. Die Therapeutin, zu der ich jetzt gehe, wird mir auch dabei helfen. Sie hatt genau anderthalb Sitzungen zu der Erkenntnis gebraucht, dass ich zwar das Bedürfnis, nicht jedoch die Fähigkeit dazu habe, mich auch mal in den Vordergrund zu stellen.

So arbeitet man also an sich. In einer Stunde fahre ich los zu Sophi, auf meinem frisch motorisierten Fahrrad, mit dem ich selbst die schlimmsten Berge (aka Sophis Berg und den Weg zur Therapeutin) ohne größere Probleme hochkomme.

Metamorphosis

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So habe ich mich also gerade beim Altern erwischt.

Meine Haare sind mittlerweile wieder so lang, dass ich sie beinahe problemlos mit einem Haargummi oder einer Klammer zusammenhalten kann. Das bedeutet einerseits, dass der Weg zum sehnsüchtig erwarteten erneuten Verdreadetwerden stetig weiter beschritten wird, und andererseits, dass ich gerade mit Frisuren herumlaufe, wie ich sie zuletzt vor mehr als fünf Jahren getragen habe. Und das beschert mir unerwartete Erkenntnisse, heute gerade nämlich diejenige, dass ich älter aussehe als vor fünf Jahren.

Wer hätt’s gedacht, könnte man meinen, aber zum Einen ist der eigene Alterungsprozess einem ja doch meistens durch die ständige Konfrontation mit dem eigenen Körper eher verborgen (wenn es einem nicht gerade wieder unangenehm auffällt, wie einem die Knie wehtun, nachdem man einige Zeit auf dem Boden gesessen hat, wie es bei mir dieses Jahr auch häufiger der Fall ist). Und zum Anderen stecke ich in einem Körper, der sich bislang nicht sonderlich darum scherte, mit fortschreitender Zeit diese durch Veränderungen wiederzugeben – ich sah schon immer jung aus.

So trug es sich also heute zum ersten Mal zu, dass ich in den Spiegel schaute und mir mit einem Mal gewahr wurde: Du bist ja wirklich erwachsen. Das Gesicht, das mich da anschaute, hatte nichts Unfertiges mehr an sich. Jede Unbeholfenheit, jeder Selbstzweifel war daraus verschwunden, und dabei kann ich ganz und gar nicht behaupten, diese Begleiter erfolgreich abgeschüttelt zu haben. Aber mein Spiegelbild strahlt einfach Ruhe aus, ermutigt mich und lässt mich wissen, dass es mir vertraut. Ein Funken Neugier versteckt sich in den Augen und so viel mehr gelassene Gutmütigkeit, als ich mir selbst je zutrauen würde zu empfinden, insbesondere meiner eigenen Person gegenüber.

Es ist ja allgemein bekannt, dass die Mittzwanziger die körperliche Blütezeit des Lebens darstellen. Ich bin ein bisschen erschrocken darüber, dass dieser Moment so unendlich kurz ist. Wenn sich die Wandlung von jugendlich zu erwachsen in einem solchen Tempo vollzieht, kann ich nur mein Bestes daran setzen, dass nicht weitere fünf Jahre meinem Gesicht die Verbitterung oder Resignation aufsetzen, mit der so viele Artgenossen gezeichnet sind, besonders, wenn sie älter werden.

Fürs Erste aber bin ich einfach mal zufrieden.

Körperlicher Verfall und Hirnzellenschwund – auf das nächste Vierteljahrhundert.

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Hach, das war schön. Einen Tag lang einfach nur rumsitzen, telefonieren, zocken und mich mit Glückwünschen und lieben Nachrichten beregnen lassen. Sogar R’s Eltern haben mich angerufen, was lieb von ihnen war, weil ich, ever the personified telephone phobia, natürlich bislang an keinem ihrer Geburtstage auch nur Anstalten gemacht habe, ein Wort in Richtung des Hörers zu richten, wenn R bei ihnen anrief. Nichtmal, obwohl er sie bei solchen Gelegenheiten auf laut stellt.

Tja, ansonsten… bin ich jetzt halt ein Vierteljahrhundert alt, ziemlich zufrieden mit der Richtung, in die sich mein Dasein in der Zeit so entwickelt hat, und kann dann ja beruhigt ins Bett gehen. Nachdem ich den Rest Sekt ausgetrunken habe, der von gestern Nacht übriggeblieben ist. R war ein ganz lieber Kater, kam noch vor Mitternacht zum Reinfeiern von der Solid-Sitzung mit besagtem Sekt und einer Karte an und schenkte mir die Aussicht auf einen „What would Aspi do?“-Nachholtag (und, wie die Karte verlauten ließ, noch viele weitere – #Antiegotrip) – weil heute dank Solid-Jahreshauptversammlung sein Urlaubstag nur zur ersten Hälfte mit meinem Geburtstag kollidierte, welche ich natürlich eh größtenteils verschlief und anschließend mit Angerufenwerden zubrachte. Aber es reichte für ein leckeres Frühstücksbrot mit Kaffee aus dem Chorreador (zur Feier des Tages, wie er meinte – es ist immer wieder amüsant, wie er dann doch irgendwie den Geburtstag als etwas Besonderes ansieht, bei aller nicht vorhandenen Neigung zur Sentimentalität, die ihm sonst (eben nicht) eigen ist), eine (wenn auch mit Anrufen meiner Eltern durchlöcherte) Folge Family Guy und eine Runde AoE, bei der er mich fertigmachte wie an jedem anderen Tag auch.

Ich muss echt den Sekt trinken und dann ins Bett, schließlich bin ich jetzt alt und gebrechlich und habe die Blütezeit meiner körperlichen Hülle schon seit Jahren hinter mir (man sagt doch, 24 ist schon der Anfang vom Ende, nicht?) und spüre schon die Müdigkeit in meinen Knochen und so. Absolut. Nicht. So weit kommt’s noch. Trotzdem unheimlich.. selbst wenn ich den Eintrag nur sarkastischerweise mit „Altern“ tagge, taucht dieses verstörende Wort nun also erstmals in meinen schriftlichen Überlegungen auf. Das kann ja noch lustig werden.

Wir haben Dezember?!

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Das ist komisch. Ich meine, im Grunde war es zu erwarten. Wäre auf den 30. November etwas Anderes gefolgt als Dezember, hätte ich mehr Berechtigung, erstaunt zu sein. Trotzdem ist der Dezemberanfang immer wieder ein erstaunliches Ereignis. Sicher geht es nicht nur mir so.

Ich habe vorhin den Spanischkurs geschwänzt und stattdessen zweimal in Folge den Computer bei AOE besiegt. Offenbar kann ich mich jetzt an die „Extrem schwierig“-Stufe wagen. Noch offensichtlicher bin ich zocksüchtig und werde daher vermutlich die Matura nicht schaffen, meinen Vater zutiefst enttäuschen und mein Leben lang weiterspülen.

Zuerst aber muss mein Bett fertig werden. R und der Brandt haben das gestern nämlich noch nicht geschafft, deshalb ist es heute an mir, mit Brandt zusammen den Rest zu montieren. Was für eine Katastrophe. Ich kann den Mann nicht ausstehen, aber er hilft uns nunmal. R sagt, ich solle das Ganze als eine riesige Komödie betrachten, um da durchzukommen. Das schaffe ich zwar eh nicht, aber ich habe meine eigenen Coping strategies, die gleich zum Einsatz kommen werden. Die und das feste Ziel, heute damit durchzukommen, was beides hilfreich sein dürfte. Wenn R um halb elf dann nach Hause kommt, MUSS es geschafft sein. Brandt bleibt eh nur bis acht. Oh, welch perfektes Chaos. Was bin ich froh, wenn das geschafft ist.