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Mai?

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Ich werde schon wieder so nachlässig mit dem Blogschreiben, dass ich vermutlich die Once-a-day-Challenge wieder einführen sollte. Das hatte doch wirklich gut funktioniert, sogar in dieser furchtbarsten aller Zeiten; nach ein paar Wochen hatte ich mir so schön beigebracht, an Motivationsmangel und (oberflächlicher) Ereignislosigkeit vorbeizurauschen und einfach zu tippen anzufangen. Sicher, die sprachliche Qualität und vermutlich auch der Unterhaltungswert meiner Einträge werden darunter gelitten haben, aber darum soll es ja nicht gehen. Sondern um Dokumentieren und um Selbstheilung.

Seit einer knappen Woche, genauer gesagt, seit letztem Dienstag, bin ich (vorerst) wieder allein in meiner Wohnung. Jana hatte sich zum Zwecke ihres Therapiegesprächs, das in der Stunde nach meinem stattfand, in ihre Wohnung verzogen und es anschließend nicht mehr dort heraus geschafft. Seitdem steckt sie also wieder bei sich, während diverse Habseligkeiten von ihr noch in meiner Wohnung auf sie warten. Für ihre Diplomarbeit sehe ich keine nennenswerten Erfolgschancen, es sei denn, sie bekommt ihre Frist nochmals (erheblich) verlängert. Schade, aber ich kann da absolut nichts machen.

Zugegebenermaßen war ich heilfroh über die Möglichkeit, zumindest eine gewisse Zeit lang mal wieder ’nach Luft schnappen‘ zu können. Mittlerweile habe ich mich vom WG-Leben schon soweit erholt, dass ich es begrüßen würde, wenn sie mal wiederkäme. Beachtlich ist aber, dass in dieser ersten Zeit, wo die Gegenwart einer Mitbewohnerin in Form von Jana für mich wirklich essenziell war, ich mich augenscheinlich so immens stabilisieren konnte, dass ich das längere Alleinsein jetzt gerade wirklich gut verkrafte. Kein Vergleich zu dem Zustand, in dem ich mich befand, bevor sie kam.

Es ist alles etwas wackelig, aber dass es überhaupt so unglaublich weit schon ist, finde ich verblüffend. Die Medis ermöglichen sowas. Virtuelles Cards against Humanity mit Caro, Ricardo und Cocktails hilft. Besonders beachtliche Wirkung hat zudem ein Gespräch mit Basti am letzten Sonntag gezeigt, das anders verlief als geplant und (ungeachtet letztendlicher, noch offener Konsequenzen) wie kein anderes Ereignis dazu beigetragen hat, die Welt um mich herum schlagartig weniger hoffnungslos scheinen zu lassen. Seitdem habe ich keine suizidale Anwandlung mehr verspürt. Eine Art Grundvertrauen war mit einem Mal zurückgekehrt. Das steigert die Lebensqualität unermesslich.

Jetzt muss ich schauen, dass ich darauf aufbaue und etwas, irgendetwas aus mir und meinem komischen Leben mache.

Heute trink‘ ich, morgen back‘ ich.

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Das war mal ein entspannter Geburtstag. Nichts gemacht außer ein bisschen Haushalt, Serie schauen, Nachrichten beantworten, telefonieren, duschen, Pony nachschneiden und einer Foodsharingabholung (die zum Glück stattfand, als es gerade mal nicht aus Kübeln goss, sodass ich die Fahrt den Berg runter und zurück nach Hause trocken überlebte).

R sitzt noch vor dem Computer und befasst sich mit Javascript, weil er dies fürs Praktikum braucht. Ich warte derweil darauf, dass Caro mit Essen fertig wird, und bin den zweiten Abend in Folge unzufrieden darüber, dass zwei Menschen leider unabhängig voneinander dieselbe Stunde des Tages mit mir verbringen zu wollen scheinen. Zehn Uhr scheint die Tageszeit zu sein, zu der Menschen Zeit haben, die keine Zeit haben.

Mit dem Rest des Rosé-Weins, den R vorhin mitbrachte, mache ich mir morgen einen Kuchen. Das Rezept für meinen geliebten Weinkuchen habe ich von Mama übernommen und verwende es viel zu selten, vielleicht vor allem aufgrund des generellen Überschusses an Backwaren in meinem Leben, der mich meistens vom Backen abhält. Aber nicht morgen. Diese Woche ist meine Geburtstagswoche und ich gedenke zu backen.

A Dark, Dark Day

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Caro drückte es folgendermaßen aus: die Serie sei deutsch, zeitreisenlastig und trotzdem gut. Nachdem ich mir an diesem sich rapide seinem Ende zuneigenden Tage die ersten sieben Folgen zu Gemüte geführt habe, verstehe ich, was sie meinte – obschon ich die überwältigende Mehrheit deutscher Schauspieler in diesem Leben nicht werde ernst nehmen können, ebensowenig wie deutsche Synchronsprecher. Es wird einfach nicht mehr passieren, es sei denn, sie kommen irgendwann noch auf die Idee, verdammt nochmal wie normale Menschen zu sprechen, statt es sich zur Aufgabe zu machen, die Vorlesestimme von Google Translate möglichst perfekt zu imitieren.

Ansonsten habe ich einen Glitch in meiner Challenge entdeckt: den Moment, indem du mit deinem Partner auf dem Sofa sitzt und dir länger als geplant seine Arbeitskollegen-Rants anhörst, während du im Hinterkopf hast, dass du vor Mitternacht noch einen Eintrag zu produzieren hast.

Dafür habe ich mich jetzt beeilt.

Versumpfen, aber woanders

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Und schon wieder ist es zu spät, um mir über einen sinnvollen Eintrag Gedanken zu machen. Immerhin aber hat sich heute zumindest streckenweise der Lethargieschleier gelichtet, sodass es mir nicht ganz so unbegreiflich ist, wie ich es den ganzen Tag über nicht schaffen konnte.

Spätestens am Freitag werde ich aber wirklich nicht mehr wissen, wohin mit meiner Zeit, wenn ich dann wieder zwei Wochen allein in der Wohnung meiner Eltern vor mich hinexistiere. Natürlich macht es objektiv keinen Unterschied, an welchem Ort man versumpft, aber irgendwie erhoffe ich mir von dem Unterfangen eine positive Wirkung. Letztes Mal hat das doch auch so schön geklappt.

Wirklich… zu viel Zeit.

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Seit sehr Langem musste ich gerade erstmals wieder an den absurden Zufall denken, dass die Person, deren Internetpräsenz mich damals dazu bewogen hat, mir einen blog.de-Blog zuzulegen, sich Jahre später als jemand herausstellen sollte, mit dem der Ukumensch über dieselbe Plattform einen regen Kontakt pflegte.

Vielleicht komme ich darauf, weil ich soeben spontan (aber nicht wirklich; ich habe neulich im Bus hierher schon einen ganz winzigen Versuch unternommen) der nicht minder absurden Tätigkeit nachging, den Ukumenschen erfolglos in den Weiten des Internets zu stalken. Das passiert, wenn du zu gut verdrängst. Weder erinnere ich mich an den Namen seines damaligen Blogs (wohingegen mir das dazugehörige gewollt-möchtegern-Hipsterfoto mit der Mütze bei mehr oder minder angestrengtem Nachdenken tatsächlich wieder ins Gedächtnis kam) noch an den fancy englisch-französisch-verwirrten Alter-Ego-Fakenamen (Henry.. etwas), den er auf Onlineplattformen so anzunehmen pflegte. Was bitter ist, weil ich damals tatsächlich sein Facebookprofil mal gefunden hatte, ich weiß es genau.

Ich weiß aber auch, dass mir der Name auf der Zunge liegt, dass blog.de (sag bloß) seit Jahren nicht mehr besteht, dass ich so oder so keine Ahnung habe, ob der Blog (oder der Mensch) danach mal umgezogen ist, und dass – wenn alle Stricke reißen – durchaus auch die Möglichkeit bestünde, ihm einfach bei Skype zu schreiben, wäre denn die Absicht hinter den Ganzen überhaupt, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Aber das war es gar nicht, viel lieber umgeb ich mich mit undefinierten Schatten und dem typischen solche Momente begleitenden Chaos aus bodenloser Nostalgie, altem Selbstmitleid und neuem Selbstrespekt, Selbsterkenntnis und dem Mangel daran, Zweifeln und Gewissheit und einer Prise aus dem unerschöpflichen Vorrat des ebenso schwammigen wie intensiven Wunsches, irgendwie in der Vergangenheit Dinge anders gemacht zu haben. Das ist das, was mich umtreibt. Konkret kann ja jeder. Gegenwart, wie lahm.

Meine Gegenwart gestaltet sich aktuell so: Ich befinde mich in der Wohnung meiner Eltern, welche sich wiederum im Urlaub befinden. Ich bin demzufolge alleine und dafür zuständig, dass die Balkonbepflanzung überlebt. Zu diesem Zwecke bin ich vorgestern also hierher gereist und habe nun Sehr. Viel. Zeit. – und Sehr. Wenig. zu Tun. Bisher habe ich gearbeitet, Musik gemacht, gegessen und gegammelt. Was soll man in einer fremden Wohnung auch sonst machen.

R derweil hat sich eine potenzielle Ausbildungsstelle an Land gezogen, bei der er heute zum Vorstellungsgespräch geladen war. Sein derzeitiger Chef war von der Aussicht, ihn ein Jahr früher als geplant zu verlieren, so überaus entsetzt, dass er ihm den Himmel auf Erden im Betrieb versprochen hat, falls er es sich anders überlegt. Das sieht also in jedem Fall gut aus.

So. Nun bin ich einfach mal froh, dass ich den Fluch brechen konnte, der sich vor mein Schreiben geschoben hat, seitdem ich mit der Pflanzenbestimmung nicht mehr hinterherkam (du hast keine fünf Pflanzen fertig? Dann denk gar nicht erst dran.) – jetzt bin ich eindeutig nicht mehr in Reichweite meines Balkons und somit jeglicher selbstauferlegter Pflanzenbestimmungspflicht fürs Erste enthoben.

Und was alles Andere an selbstauferlegten Komplikationen meines Daseins angeht – um die kümmern wir uns irgendwann auch noch. Aber nicht mehr heute.

Geschenkte Stunden

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Yes! Marthe hätte keinen besseren Zeitpunkt wählen können, um mir für heute abzusagen. Ich habe bis zum Abend noch über dreißig Seiten von meinem Auftrag vor mir. Es regnet – ich bin froh drum, die Pflanzen können es gut gebrauchen, aber ich wäre mit dem Fahrrad zu Marthe gefahren, um Zeit zu sparen. Und ich habe erst aufs Handy geguckt, nachdem ich geduscht und mich rausgehtauglich angezogen hatte, somit bin ich frisch und gepflegt – eine Errungenschaft, die ich mit dem Wissen, dass ich überhaupt nicht raus muss heute, niemals erreicht hätte.

R ist im Schlafzimmer am Arbeiten, ich – wie immer – auf der Couch. Knapp außerhalb meiner Reichweite liegt verlockend der vierte Band der Neapolitan Novels, die ich gerade dabei bin zu verschlingen. Aber nachdem ich den gesamten gestrigen Tag verzockt habe, muss ich heute wohl oder übel zuerst arbeiten, bevor ich mit dem Buch beginnen kann.

Nun will ich ja eigentlich arbeiten (wollen), aber stattdessen wirkt der Kaffee viel zu gut und ich brüte viel lieber Schnapsideen mit Becci aus und freue mich meines Lebens. Aber hey, ich habe ja jetzt Zeit. Vielleicht telefoniere ich noch mit Mama, die mich gerade auch anschrieb. Und dann kann man immer noch arbeiten.

Atzo da bihar

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So schnell kann es also Sommer werden. Gleich ein völlig anderes Lebensgefühl, die Terrassentür offen lassen zu können und auf die frisch bepflanzten Kübel draußen zu blicken, in denen sich Tomaten und Paprika, Salat und Chilis, Rucola und Wunderblumen dem Licht entgegenstrecken.

Dass R diese Woche Urlaub hat, ruft auch bei mir ein Urlaubsgefühl hervor, auch wenn ich gestern Abend wieder einen Auftrag angenommen habe, mit dem ich gleich beginne. Wir sind mehr als glücklich, von unserem Osterausflug zu seiner Familie zurück zu sein, und genießen unsere wiedererlangte Freiheit und Selbstbestimmung in vollen Zügen. Er, indem er zockt und lernt; ich, indem ich pflanze und lese. Wir zusammen, indem wir ausschlafen und gemütlich frühstücken, Carcassonne spielen, Filme schauen und wunderbares Essen kochen.

Ich freue mich schon jetzt auf den Moment, in dem er nicht mehr arbeiten muss und wir dieses Leben für immer haben können. Denn während ich bestrebt bin, oder vielmehr beim besten Willen nicht anders kann, als aus der Gegenwart das Meiste für mich herauszuholen und den Zwängen nur den nötigsten Raum zu geben, hat er erst Ruhe, wenn ihm seine Zukunft solide erscheint. Eigentlich ähneln wir uns da stark. Nur dass unsere Coping strategies gegenteilig ausfallen. Ich verdränge und beraube mich dadurch vermutlich einer sicheren Zukunft. Er nimmt sich – uns – mit seinem obsessiven Hinarbeiten auf zukünftige Sicherheit die Gegenwart weg.

Auf dem kurzen Spaziergang zum Altglascontainer und zurück überraschte mich der Gedanke, dass es mir vielleicht wirklich lieb wäre, wenn wir heiraten würden, nicht in der Erwartung eines festzementierten ‚Für immer‘, sondern um dem Warten auf diese ferne Zukunft eine konkretere Berechtigung zu geben, einfach mal festzuhalten, dass seine wenig geschätzte, viel auf Zukünftiges ausgerichtete Gegenwart auch mir nicht grundlos ungenutzt durch die Finger rinnt. Ich bin mir dessen sicher und er ist es auch, warum dem Ganzen nicht einen Namen geben.

Dachte ich mir gestern, aber es war nur ein Anflug; heute verstehe ich schon wieder kaum, wozu das Heiraten gut sein soll; als könnte man die Zukunft mit Papier und Tinte in Stein meißeln. Und andersherum: unser gegenseitiges Vertrauen ist so grundsolide, dass jeder Vertrag, jede Unterschrift dagegen lächerlich und wertlos wäre.

Aber genug von Gegenwart und Zukunft. Ich habe einen Auftrag zu erledigen.

Gegenverkehr und erschöpfende Einkäufe

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Seit Langem scheint dies heute mal wieder ein Tag zu sein, an dem ich denke: „Ich sollte Sachen besser machen. Ich habe alle Voraussetzungen dafür.“

Ich muss wieder mit dem Zocken aufhören. Es frisst all meine Zeit und begünstigt die zweifelhafte Coping-Strategie aus Apathie und Verdrängung, die ich perfektioniert habe.

Aber das nur so am Rande. Ich habe noch eine Stunde, bis ich den Bus zu Marthe nehme (mein Fahrradakku ist nicht ganz aufgeladen und der Regen- bzw. Hagelschauer gerade trug auch nicht unbedingt dazu bei, dass Fahrradfahren zur Verlockung wird). Bis dahin muss ich duschen, und zwar dringendst.

Ich habe bis halb zwei Uhr geschlafen – ich bin aufgewacht und konnte es kaum glauben. Wobei es Sinn macht, da wir gestern Abend beim Containern überdurchschnittlich viel gefunden haben und ich zwischendurch schon kaum noch die Augen aufhalten konnte. (Passend dazu fällt mir soeben der skurrile Traum ein, den ich hatte. In einem Abschnitt davon war ich im Auto unterwegs – nein, nicht im Auto, ich ging zu Fuß, aber war schnell wie ein Auto und lief mitten auf der Straße – der Boden war voll von Eidechsen und ich erinnere mich, dass ich eine spezielle Lauftechnik entwickelt hatte, um diese mit den Füßen beiseitezuschieben und so zu verhindern, dass ich darauf trat; es war niemand dort außer mir. Gut so, denn ich war so müde, dass ich mit geschlossenen Augen lief. Rechts von der Straße befand sich ein Abgrund. Irgendwann nahm ich in der Ferne ein entgegenkommendes Fahrzeug wahr; mir war klar, dass ich die Augen öffnen musste, um ihm auszuweichen oder vielmehr sicherzustellen, dass ich auf meiner eigenen Spur lief, aber ich war zu müde und schaffte es einfach nicht. Das Auto kam näher und näher und ich zog mit den Fingern meine Augenlider auseinander, als könnte ich mich so zum Sehen zwingen, erfolglos. Das Auto rauschte vorbei und streifte mich ganz knapp; ich war unversehrt.)

Der müde Punkt war längst überschritten, als ich um zwei Uhr nach Hause kam. R war natürlich bereits im Bett und machte keine Anstalten, dort herauszukommen, also habe ich all die Kisten und Taschen mit Essen (zwei davon für Wolfgang, eine so schwer, dass ich sie kaum hochheben konnte) möglichst geräuschlos durch die Wohnung auf die Terrasse verfrachtet und mich anschließend mit einem Glas Multivitaminsaft aufs Sofa gesetzt, um wieder zu mir zu kommen, bevor ich ins Bett ging.

Nun bin ich ausgeruht und erleichtert, dass mir in der Zwischenzeit kein Scribbr-Auftrag durch die Lappen gegangen ist. Auch das Wetter bietet allen Grund zur Erleichterung; wäre es so warm wie letzte Woche, hätte die Ausbeute von gestern den Vormittag auf der Terrasse weniger unbeschadet überstanden. So dagegen kann sie ruhig bis heute Abend dort verbleiben und darauf warten, dass R und ich unserer neu implementierten Arbeitsteilung entsprechend gemeinsam das Einräumen und Versorgen übernehmen. Nur um das Fleisch muss ich mich vorher kümmern, damit die Katze schonmal etwas zu fressen bekommt.

Nun wird aber erstmal geduscht. Und nachdem ich von Marthe zurück bin, habe ich dann durch das Nicht-Zocken Zeit für alles Weitere.

Kolkata Calling

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Was ich bisher vor lauter Arbeitsdrama ganz unterschlagen habe: Susmita und Debanga heiraten. Dass dem so sein wird, war mir natürlich schon seit Längerem bekannt, aber nun wird es auf einmal sehr konkret. Die Einladung bekam ich vorletzten Montag, als ich gerade dabei war, mit Becci die Wohnung zu verlassen, um zum Streichen zu ihr zu fahren.

Am gleichen Abend rief ich R an und überfiel ihn mit der Nachricht, dass wir nach Indien fliegen müssen – diesen Dezember. Er willigte (überraschenderweise) sofort ein, was mich in einen Freudentaumel versetzte, allerdings blieben ihm dieses Jahr noch ganze drei Urlaubstage. Als ich wieder hier war und wir nochmal darüber sprachen, wollte er schon fast wieder kneifen, aus Angst um seine Zeit und seinen stressanfälligen Organismus. (Man muss dazu wissen, dass R zwar Momo nie gelesen hat, aber von Grauen Herren bewohnt wird, die ihm sein Leben diktieren. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass ihm das bewusst wird, wenn ich ihn je dazu bewege, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen.)

Nachdem dies in ein Grundsatzgespräch der Sorte „Aspi monologisiert, während R entnervt in seine C++-Unterlagen starrt und verzweifelt bemüht ist, nicht den Faden und damit noch mehr Zeit zu verlieren, was wiederum Aspi zur Weißglut treibt“ eskalierte, löste sich das Problem am nächsten Tag auf unvorhergesehene Weise: R’s Chef verbot ihm kurzerhand, sich eine Woche Urlaub zu nehmen. Stattdessen genehmigte er ihm die Urlaubszeit nur unter der Voraussetzung, dass er sich zwei Wochen nähme. Er solle sich mal überlegen, woran er auf dem Sterbebett lieber zurückdenken würde – seine eingesparten Überstunden oder seine Reise zur indischen Hochzeit.

Also ziemlich genau das Prinzip, was ich ihm am Tag davor versucht hatte einzutrichtern. R’s Chef ist ein guter Mensch.

Nun haben wir gestern unsere Flüge gebucht und siehe da, es ist vollbracht: zum allerersten Mal werde ich mit R eine längere Reise unternehmen, dazu noch zu solch einem einzigartigen Ziel und Anlass. Ich freue mich wahnsinnig darauf!

Decadence isn’t easy, is it?

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Okay. Ich habe mich ans Versorgen der Pflanzen gemacht, zwei Töpfchen Basilikum (eins Thai, eins normales) zusammen mit dem kläglichen Überrest des letzte Woche geretteten Genovesertopfes in einen breiten Eimer eingetopft, ein paar Kartoffeln ausgegraben (es fängt langsam an!), Zitronengras in Töpfe mit Lavamulch und Wasser gesteckt und auf Küche und Terrasse verteilt, frische Kurkuma in Töpfe mit freigewordener Kartoffelerde gesteckt und ebenfalls auf der Terrasse verteilt, Undines und Lukas‘ Terrasse besucht (nicht um zu gießen; nach den Regenströmen der letzten paar Tage muss ich endlich nicht mehr jeden Tag zwei Urwälder versorgen), dort die verblühten Geranien abgeschnitten und die hoffnungslose Gurke von ihrem Elend erlöst, indem ich sie ebenfalls abschnitt und für den verbleibenden Gurkenstamm zu Mulch zerstückelt drumherum drapierte, Gleiches mit dem vertrockneten Salat angestellt (man kann ja nicht alle drei Minuten zum Gießen rüber…) und so eine Mulchschicht für ihre Zucchini und Tomaten anfertigen können, noch kurz ihren Lavendel beschnitten, dann wieder bei mir draußen die restlichen Stangen Zitronengras aus ihren wahnsinnig verklebten Tüten geholt und zusammen mit der restlichen Kurkuma auf dem Tisch deponiert, Küche etwas aufgeräumt, Wäsche aus dem Trockner geholt und neue rein, Zeug in den Keller gebracht, im Keller ein bisschen sortiert, Katze gefüttert… und es ist, als hätte ich überhaupt nichts gemacht. Ich bin überfordert mit diesem Tag. Es gibt so viel zu tun und ich bin überfordert.

Dann mache ich mir Vorwürfe. Mein Kopf ist zum Bersten voll mit genau dem nutzlosen Druck, den die Therapeutin mir abgewöhnen möchte. Ich weiß gar nicht, wo das anfängt und wo es aufhört, was zuerst kommt, was woraus resultiert. Ich suche nicht nach Arbeit, obwohl ich müsste. Das ist jeden Tag der Fall und wirkt sich auf alles aus, was ich tue oder nicht tue. Es ist alles verwoben. Ich laufe herum und mache Dinge im Haushalt (wenn ich Glück habe). Dabei verfluche ich R für irgendwelche Kleinigkeiten, sei es, dass er seine dunkle Wäsche in den Beutel für die helle wirft, obwohl ich schon extra Etiketten darüber angebracht habe, oder dass das Waschbecken eklig aussieht und noch Bartstoppeln drauf liegen, obwohl er sich seit Wochen nicht mehr rasiert hat, oder dass die Küche ein Schlachtfeld ist und überall Flaschen rumstehen, statt dass er die mal in die Pfandtasche bringt, aber damit wäre ich auch nicht zufrieden, weil er niemals dran denken würde, die Flaschen zuvor nochmal über der Spüle auszukippen, damit es nicht so widerlich wird, wenn einer von uns Pfand wegbringt. Direkt darauf folgt jedes Mal blitzschnell ein schlechtes Gewissen: Im Gegensatz zu mir arbeitet er Vollzeit und macht trotzdem noch Dinge im Haus, an manchen Tagen nicht viel weniger als ich und an ganz schrecklichen Tagen sogar mehr. Und wenn ich nicht ihn verfluche, dann verfluche ich mich selbst, weil ich immer noch nicht auch nur in Ansätzen alles getan habe, was gemacht werden muss.

Parallel stellt sich mir unweigerlich die Frage, was ich um alles in der Welt anstellen würde, wenn mir auf einmal am Tag neun Stunden fehlen würden. Ich würde doch niemals im Leben auch nur das bisschen gebacken bekommen, das ich jetzt gerade so bewältige. Ich habe mir so ein zeitintensives Leben mit unendlichen Kleinigkeiten angewöhnt, dass es eine Qual ist, mir vorzustellen, ich müsste all das zugunsten von Geld auf dem Konto und Eltern, die mir mir zufrieden sind, aufgeben. Es war mir ja jetzt den Monat schon zu viel, in dem ich halbtags vor dem Computer sitzen und halbherzig postediten durfte. Ich hätte einfach niemals anfangen dürfen, so zu leben. Wie will ich denn darauf hinarbeiten, dass es R und mir auch in Zukunft gut geht und irgendwann vielleicht wirklich kein Druck mehr da ist, und aus dieser zeitlichen Dekadenz jemals wieder rauskommen – wenn es denn Dekadenz sein kann, über seine ureigene Zeit selbst zu verfügen.