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Nichtmehrheimatbesuch

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Es zerreißt mir das Herz. In Konstanz zu sein und zu sehen, wie sich die Stadt ohne mich verändert. Wie sie ohne mich gleich bleibt. Wie der Fluss dieses unwirklichste bodenlose Blaugrün, das er im Sommer manchmal anzunehmen pflegt, mit einer so schamlosen Selbstverständlichkeit daherträgt, gewaltige Massen dieser unwirklichen Farbe, die mich nach Hause ruft.

Es ist wie jedes Mal, wenn ich herkomme. So muss es sein, einen Expartner zu besuchen, mit dem man im Guten auseinandergegangen ist. Diese Vertrautheit. Dieses Nachhausekommen. Dieses Gefühl, hierherzugehören. Die Erinnerungen, die furchtbare Gewissheit, etwas Einmaliges verloren zu haben.

Ich erinnere mich natürlich daran, dass es nicht anders ging; ich musste weg, R musste weg. Und das Gefühl von Zuhause war dem Verdacht gewichen, aus diesem Ort alles herausgezogen zu haben, das er mir geben konnte, und langsam nicht mehr daran wachsen zu können.

Ich musste weg, sicher, und die Umstände haben es mir leicht gemacht. Trudi, Stromlosigkeit, Wohnen mit R auf 13 Quadratmetern und die aus alldem resultierende depressive Monsterwelle, die immer unmöglicher zu ertragende stupide Arbeit, das Dahinschwinden meiner Freundschaft mit Sarah, der Wegfall der Band, das Beenden meines Studiums.

Aber ich bin in Heidelberg nie richtig angekommen. Mein Zuhause dort beschränkt sich auf unsere Wohnung, eine Insel von Heimat in unbekannten Gefilden, meiner Therapeutin und ein paar Foodsharing-Abholungen, ein paar Besuchen von Becci, einer Arbeit, die ich nicht mehr habe, und Menschen, die nicht mehr dort sind oder mit denen ich keinen Kontakt mehr habe. Wir wohnen zu weit außerhalb, als dass ich andere Verbindungen knüpfen könnte. Meine Energie reicht dafür nicht, für jede Unternehmung erstmal eine halbe Stunde schwarz mit dem Bus in die Stadt reinzufahren.

Selbst gewählte Isolation. Ich habe auch keine Lust auf Kontakt mit Leuten. Neunzig Prozent der Zeit. Zumindest wenn ich dafür meinen Hintern von der Couch wegbewegen müsste. Mein Mitt-Konstanzer Ich wäre, ironischerweise, von einer Lappalie wie räumlicher Distanz nicht davon abzuhalten gewesen, in der Stadt zu Hause zu sein. Selbst wenn sie sich so weit erstreckt wie Heidelberg.

Was will ich damit sagen? Ich habe keine Ahnung. Ich habe kein Zuhause. Mal wieder nicht.

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Sustraiak han dituenak

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Sicher erscheint es ein wenig überdramatisch, ein Lied von dieser Thematik einer Situation zuzuschreiben, die einen für ein paar Wochen aus einem Wirkungskreis herauskatapultiert, der sich nicht über Landes- oder ethnische Zugehörigkeit definiert, der weder von Brauch noch von Kultur bestimmt wird, der nicht einmal auf Dauer dem eigenen Zugriff entzogen ist.

Ich tue es trotzdem. Mit einem Mal verstehe ich eine weitere Facette der immer wieder auftretenden Heimatfrage, diesmal, dass es die Sicherheit ist, die einem mit ihr genommen wird; die täglichen Routinen, die einem diese vermitteln. In meine Wohnung komme ich nach wie vor, aber wirklich sein kann ich dort nicht; sie ist auf ein Leben ohne Elektrizität nicht ausgerichtet und ebensowenig bin ich es. Noch weniger, indes, ist es mein Freund; ihm hinterher verlagert sich mein Leben temporär in seine eigene zuvor durch uns aktiv unbewohnte Wohnung, wo ich in Untätigkeit und Warten verfalle – verfalle, versinke, verkomme, weil mir mein Leben fehlt, welches sich aus unzähligen Tätigkeiten zusammensetzt, alle vollführt im Umfeld meiner Wohnung, mit Gegenständen verschiedenster Natur, in Ecken und Winkeln und auf den unterschiedlichsten Ebenen, über der Erde, unter der Erde, auf Stühlen, Tischen, Regalen. In Dosen, Rucksäcken, Plastiktüten, Papiertüten, Stofftüten, Keller, Garten, Küche. In Ruhe, in Bestimmtheit, in Bewegung. Das vor allem; ich habe mich in den letzten Jahren durch Bewegung vor dem Versumpfen gerettet und gelernt, mein Dasein zu Hause mit Aktivität zu füllen, mit Kleinigkeiten, die mir Freude bereiten, die mir auch Gewissheit geben, etwas für mich zu tun, vielleicht sogar für Andere zu tun. Das Frühlingserwachen, in Gang gesetzt durch meine Reise nach Portugal, wurde durch die Vorkommnisse im Ansatz erstickt und ins Gegenteil verkehrt. Schlafen, um das Warten nicht mitzuerleben, das Warten und die ganze Untätigkeit nicht, aus der ich mich selbst in der Lage sein sollte zu befreien, was mir bedingt gelingt, aber sehr bedingt eben auch nur.

Nachdem gestern die Zeit (neben sehr viel, zu viel Schlaf) erneut zur Reflektion und Verarbeitung der wenige Tage vorher in furchtbar kurzen Abständen stattgefundenen Dramen genutzt werden konnte, wurde ich am Abend erneut von meinen Eltern eingesammelt und verbringe somit das zweite Wochenende in Folge in ihrer Schweizer Wohnung. Aktuell mit ihrem Laptop im Bett und Laboa in den Ohren. Zwei Wochenenden in Folge, das musste ich auch erstmal schaffen.

Und es ist nicht sonderlich einfach hier; vielleicht komme ich irgendwann dazu, die skurrile Welt zu erklären, die sich meine Eltern (meine Mutter in erster Linie) hier aufgebaut haben, fürs Erste genüge aber die Feststellung, dass – auch wenn man nicht mehr darüber spricht, zumindest mit mir nicht – in unverminderter Intensität ihre post-2011-Realität sich hier weiter fortsetzt, während die Chancen auf Besserung ihren fröhlichen Tanz um die Null wie eh und je mit bewundernswerter Begeisterung vorführen.

Man müsste natürlich nicht so meckern. Genausogut könnte ich sagen: Mein eigener Tiefpunkt ist hoffentlich überwunden. Und auch hierzulande ist nicht alles katastrophal. Der Vormittag, Mittag, Nachmittag und erste Teile des Abends liefen eigentlich gut, ohne besondere Vorfälle der negativen Art. Wir waren in der Stadt und haben eine riesige Tour durch sämtliche Brocki-Häuser (die nette Schweizer Bezeichnung für Second-Hand-Läden) und noch einen Flohmarkt gemacht, wo ich dann auch gleich ein phänomenales, praktisch nagelneues Desigual-Kleid in meiner Größe abgestaubt habe. 12 Franken. Neu. Nicht übel, wirklich nicht. Plus, ich werde ja hoffentlich bald, wenn ich eine neue Wohnung habe und ein neues Zimmer, mir auch einen etwas größeren Schrank da hineinstellen können, sodass es auf die eine zusätzliche Sache darin auch nicht sonderlich ankommt. Ich habe mir ja seit Ewigkeiten keine Anziehsachen mehr zugelegt. Im Grunde habe ich ja auch wirklich alles, was ich brauche, und das zur Genüge. Aber Desigual-Kleid. Grün-blau-wunderschön gemustert. Es wäre nicht zu verantworten gewesen, das nicht zu nehmen.

Morgen ist nicht nur Wählengehen angesagt (was ein linker Verrückter / verrückter Linker als Freund und ein genau richtig platzierter Vortrag von Frank Tempel, zu dem ich mich Anfang der Woche glücklicherweise trotz heftiger depressiver Verstimmungen bewegen konnte hinzugehen, nicht alles anstellen können mit einem unorientierten Nichtwähler wie mir), sondern es ist auch Nicoles Geburtstag. Ich sollte sie mal anrufen, auch wenn wir ansonsten nicht mehr wirklich dazu kommen, uns zu unterhalten. Hauptsache, sie weiß, dass ich sie nicht vergesse.

Nun bin ich erst einmal froh, den Schreibunwillen noch überwunden zu haben, werde mich jetzt jedoch dennoch wieder dem schicksalshaft zufällig aus dem Regal gegriffenen „A Long Way Down“ widmen, welches ich in weiser Voraussicht hierher mitgebracht habe. Ein Gutes hat diese Sache also noch: Ich fühle mich nicht in der Lage, aus Eigeninitiative heraus mit Menschen zu interagieren, und komme zum Lesen. Lesen ist super. Wenn Schlafen nicht mehr geht, geht Lesen. Abschalten und sich überrollen lassen – nicht die Taktik, mit der man Dinge geschafft bekommt, aber zum Einfach-erstmal-Überleben definitiv geeignet und unbedingt empfehlenswert.

Ach so. Na dann..

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Also, kurz zur Schließung von blog.de.

Verständlicherweise (zumindest für Menschen, denen ich bekannt bin, wird es verständlich sein) bin ich wenig erfreut, um nicht zu sagen, ziemlich verstört. Gestern dachte ich darüber nach, was für eine wunderbare Konstante dieses Blögchen seit 2011 in meinem merkwürdigen Leben darstellt. Typisch, dass am Tag danach mir die Bekanntgebung in die Inbox geflattert kommt, dass es das die längste Zeit gewesen ist und ich mir wieder mal etwas Neues suchen kann. Ich komme mir vor wie so eine unfreiwilige Nomadin. Macrocarp bei SVZ, Macrocarp bei StudiVZ, spin.de, blog.de, und was meine nächste temporäre Unterkunft sein wird, stellt sich demnächst heraus. Zum Glück warnen sie einen mit ein bisschen Vorlauf, so habe ich wenigstens Zeit, mich darauf einzustellen.

Aber… Argh. Warum?

-.-„

Maskara kenduta

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Keine Chance, noch rechtzeitig fertigzuwerden. Dazu müsste man erstmal anfangen. Bisher habe ich gefrühstückt und Fotos an meine Tür geklebt, immerhin zwei Dinge, die ich auf jeden Fall machen wollte, aber irgendwie nicht genug.

Es schneit. Ich höre mein (bislang) liebstes Album Berri Txarraks, Ikasten, gerade zum dritten Mal durch und friere ein wenig. Außerdem spielt mein Kopf mir immer noch Zitate ab, und das, obwohl ich inzwischen doch ein paar Stunden wie ein Stein geschlafen habe.

Irgendwie könnte „zitate“ auch ohne Weiteres ein baskisches Wort sein. Vor allem hatte ich mich grad vertippt und „Zizate“ geschrieben; das sah noch mehr euskarisch aus.

Mir passiert sowas immer, immer um Silvester rum. Dezember ist mein Monat der Enden. Es ist wirklich wahr. Und die armen Menschen, die mich zu Silvester besuchen kommen, können mich dann jedes Mal in der Pfeife rauchen.

Wie gut, dass ich einen End-Monat habe, wohingegen sich ein Anfang vermutlich bis an mein Lebens-Ende nicht blicken lassen wird. Wie gut, dass ich mich auf Enden spezialisiert habe. Ich sammele Enden. Sogar einer meiner Lieblingsautoren heißt Ende. Wenn das mal keine Ironie ist.

Meine namibische Couchsurferin hat mir geantwortet! Sie sagt, es gibt bisher kein Problem und es sieht so aus, als könnte ich meine erste Woche bei ihr verbringen.

„Nimmst du mich jetzt noch mit nach Namibia?“, zitiert mir mein Kopf.
„Ich wüsste nicht, wieso nicht.“
„Weil ich ein Depp bin.“
„Ob du jetzt hier ein Depp bist oder in Namibia, macht auch keinen Unterschied.“

Nire gogoan bist du eh eingesperrt, füge ich grad mal hinzu, da kannst du dich auch am Ende der Welt in einer Felsspalte rumtreiben. Weswegen ich auch immer noch nicht das Problem verstehe. Was ist so schlimm daran, wenn jemand alle paar Minuten das unerklärliche Bedürfnis verspürt, abzuhauen und in einer Felsspalte zu stecken? Ich verstehe es nicht. Solang du, wenn du dabist, es wirklich bist. Solang ich glauben kann, dass du mich nicht völlig vergisst, wenn du es nicht bist.

„Du brauchst jemanden, der immer da ist.“
„Naja.“
„Doch. Also, Tschuldigung, dass ich dir widerspreche..“
„Es wär mal ganz schön, so zur Abwechslung.“

Aber, füge ich grad mal hinzu, man könnte es auch so sehen – gib mir die Wahl zwischen niemandem, der da ist, und jemandem, der ab und an da ist, was meinst du, was besser ist. Überhaupt, was ist immer dasein denn für ein Zustand. Ich habe Leben genug, das mir so schon die Zeit aus jeder letzten Ecke saugt. Was um aller Welt sollte ich noch anfangen, wäre jemand immer da. Eigentlich – gib mir die Wahl zwischen niemandem, der da ist, jemandem, der immer da ist, und jemandem, der ab und an da ist, da ist die Ab-und-an-Variante für mich noch die gesündeste. Wie gesagt, unter den Bedingungen von oben.

Und dann das wirklich Tragische, was mir halb das Herz gebrochen hat.

„Ich hab kein Zuhause.“

Wenn man mich mit Heimatkrisen konfrontiert, kann man wirklich froh sein, wenn ich nicht auf der Stelle zusammenklappe, allein aus empathischen Gründen. Wirklich, in dem Moment.. jetzt, immer, wenn ich dran denke, stauchen sich meine ganzen Organe zusammen und ich will einfach nur irgendwie machen, dass er ein Zuhause hat. Hätte er nur eins, vielleicht würde er dann sogar aufhören, vor sich selbst wegzulaufen. Man ist nicht komplett ohne Zuhause, man ist nicht man selbst. Ich weiß doch, wovon ich rede.

„Ich glaub, es wäre auch anders, wenn ich in Konstanz wäre. Da könnte ich ein Zuhause haben.“

Wenn er irgendeine Ahnung hätte, wie ein Zuhause dein ganzes Dasein vollkommen verändert, dich aufwertet, dein Leben aufwertet, würden seine gesamten Prioritäten sich verschieben.

Ich hatte keine Ahnung, wie kaputt er ist. Und das ist traurig und das ist eine Schande, schließlich mochte ich ihn schon, als ich noch dachte, er wäre kein bisschen kaputt, und es ist nunmal leider so, dass ich Menschen umso mehr mag, je kaputter sie sind. Ungünstig. Tragisch.

„Ich will dich in den Arm nehmen und mit dir nach Namibia fahren.“

„Ich weiß nicht, was ich will.“

„Als ich Zivi gemacht hab, das war mein Zuhause.“

„Würdest du auf einem baskischen Bauernhof wohnen wollen?“

„Es war nichts künstlich.“

„Ich kann mich dir nicht antun.“

„Ich hab einfach Angst.“

„Essbar ist das schon, unsere Mägen sind nur nicht dafür gemacht.“

Wie random.

„Schreibst du grad ne Klausur, oder wieso isst du deinen Pulli?“
„Ich mach das immer, wenn ich nervös bin.“
Wieso bist du nervös?“

Ich hab keine Ahnung, was er darauf erwidert hat. Vermutlich hatte es etwas mit „kein Plan“ zu tun, damit ist man bei ihm meistens ganz gut dabei.

Genug jetzt; was wird das denn schon wieder hier. Aber besser, ich brüte darüber jetzt ein bisschen, als später damit anzukommen, wenn die Anderen dasind. Irgendwie ist das nicht so ganz so undramatisch abwickelbar, wie ich mir das gedacht hatte. Aber das macht gar nichts; man ist ja irgendwo menschlich und wenn sich das darin äußert, dass einem solche Situationen ein bisschen zu schaffen machen, dann, um Himmels Willen, soll es das doch bitte tun. Alles ist besser als völlig abgestumpft rumzuexistieren und sich was drauf einzubilden, dass man mit allem klarkommt und einen nichts und niemand beeindruckt.

Eeeeh. Ich weiß ja, ich will das eigentlich gar nicht mehr tun, aber kann ich kurz ein kleines bisschen sehr offen resigniert sein – pixkat nur, ein ganz kleines bisschen, hier, weil es einfach so wunderschön ist.

Maskara kenduta, esaidan ez al dunan berdina sentitzen erraietan.
Habiéndote quitado la máscara, dime si no sientes lo mismo en tus entrañas.

(Ich hoffe ja nicht. Das will man eigentlich nicht fühlen.)

Edit: Darf ich noch schnell drauf hinweisen, dass sich Hika-Formen in diesem Lied befinden und ich sie verstehe? Darüber bin ich glücklich, unglaublich doll sogar. Ich glaube, meine Stimmung macht komische Sprünge. Gerade hat mich Robert angerufen, um mir bescheidzugeben, dass sie etwa um zwei Uhr bei mir sind, sofern ihnen nicht mehr so viele Berge in den Weg kommen. Offenbar hat Janines Auto bei dem Wetter geringfügig Schwierigkeiten, mit über 55km/h welche heraufzufahren.

Heimatkrise (aber nicht wirklich!): Auf ein Neues.

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So, irgendwie hatten wir jetzt Weihnachten und da steht ein Baum im Wohnzimmer, der wie jedes Jahr wunderschön geschmückt ist, aber, soweit ich das überblicke, niemandem von uns die passende Stimmung wirklich ins Herz zu holen schafft. Wir haben die meisten unserer heiligen Heiligabendstraditionen über Bord geworfen und während es sich dadurch einfach noch weniger wie Weihnachten angefühlt hat, bin ich irgendwo doch froh drum; es wäre zu geheuchelt gewesen. Die ganzen Jahre davor war es immer schon nicht mehr echt. Und dieser letzte Heiligabend in diesem Haus (es verzieht mir doch ganz schön den Brustbereich, wenn ich zu sehr drüber nachdenke) war einfach nochmal symbolisch dafür, dass Veränderungen unaufhaltsam sind. Man verändert sich und sein Leben ja meistens widerwillig oder zumindest schwerfällig – Materie ist faul; sie will sich nicht bewegen. Genau so ist unser Geist. Wir haben alle ein Haus im Kopf, das wir oftmals schon seit vielen Jahren bewohnen und das aufzugeben uns so voll und ganz widerstrebt, weil wir einfach nicht wissen, was draußen auf uns zukommt. Aber natürlich ist auch Veränderung die einzige Möglichkeit, überhaupt irgendwie voranzukommen.

Ich hab‘ Angst, so ein bisschen, dass die Nostalgie irgendwann doch noch zuschlägt. Mir wird immer mehr bewusst, dass der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, doch irgendwie zu mir gehört, jetzt, wo ich im Begriff bin, ihn wirklich hinter mir zu lassen. Auch wenn ich hier nie so wirklich das Leben kennengelernt habe, wie es sich mir viel später offenbart hat; irgendwo ist Oldesloe ein Teil meiner Heimat.

Umso dankbarer bin ich, mein Zuhause an anderer Stelle gefunden und aufgebaut zu haben. Man stelle sich nur vor, ich wäre einer von diesen Menschen, die studieren gehen und aber ihr Elternhaus nie wirklich im Geiste verlassen. Die sagen, „ich fahr heim“, und meinen, „ich fahr meine Eltern besuchen“. Dann wäre ich so tief getroffen von diesem Verlust jetzt – dann hätte ich ja praktisch (wieder einmal) kein richtiges Zuhause mehr. Eine Runde immense Dankbarkeit für mein Zuhause, wheey.

Schon wieder Weihnachten? Hilfe…

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Gleich geht’s also schon wieder hoch zu meinen Eltern. Ich freue mich wie eine Wahnsinnige auf die zwölf Stunden Zugfahrt.. nicht.. aber das wird auch überlebt werden. Wie überhaupt ja letzten Endes immer alles überlebt wird, bis man dann doch irgendwann den Löffel abgibt.

Gestern hatte ich meine alten Bandleute zum Essen hier – Sebi ist für ein Wochenende aus Frankfurt runtergekommen und zu dem Anlass ist sogar Chris aus seiner Versenkung aufgetaucht und hat sich mit ihm zusammen hier bei mir eingefunden. Es war schön. Ich habe zwar immer noch das Gefühl, dass Sebi und ich locker einen Award für die awkwardste Kumpelschaft aller Zeiten gewinnen könnten, aber da kann man offenbar einfach nichts machen. Wir sind einfach nie dazu gekommen, uns vernünftig aufeinander einzulassen. Ist wohl auch ganz gut so; der Mensch ist innendrin ein einziges Chaos. (Weil ich auch absolut diejenige bin, die sich das zu sagen erlauben kann, ich seh’s auch so.) Ich war fasziniert von seinen Erzählungen über seine Freundin, Lili, die einfach genau so zu sein scheint, wie ich vermutlich wäre, würde ich mich nicht der Außenwelt zuliebe verstellen. Umso beachtenswerter, dass er sie trotzdem erträgt.

Wir haben dann nach dem (köstlichen!) Essen noch ein bisschen Musik gemacht. Ich habe ihnen mein neues Lied vorgespielt, Esaidazu, und sie waren davon angemessen beeindruckt (immerhin scheint jeder Andere als der hoffnungslose Fall, für den es geschrieben wurde, mir für mein erstes Lied auf Euskera irgendeine Art Bewunderung entgegenzubringen. Was vielleicht daran liegt, dass sie alle nicht merken, dass es sprachlich grenzwertig ist). Sebi konnte es einfach nicht glauben und fragte mich, ob der Text auch irgendeine Bedeutung hätte. Das fanden dann alle sehr lustig. Hach ja.

Da fällt mir ein, ich habe dir bis heute nicht die aktuelle Version gezeigt, die ich gerade noch so aufgenommen hatte, bevor der Luxemburger kam. Jetzt aber.

Peruaner-Pedro war auch noch da und ich gab ihm und Sarah das Weihnachtsgeschenk, das ich ihnen Anfang der Woche noch spontan bestellt hatte – so Handschuhe für zwei, weißt du, wo einer der Handschuhe zu beiden Seiten eine Öffnung hat und man von jeder Seite eine Hand reinstecken kann. Ich musste es ihnen einfach schenken, auch wenn Sarah vor schlechtem Gewissen bald gestorben ist. Ich hatte es mir schon fast gedacht und habe mein Bestes gegeben, sie zu beruhigen. Ich hatte ja von ihnen auch nichts erwartet. Aber ich musste ihnen diese Handschuhe geben. Meine Mutter hat meinem Vater letztes Jahr solche geschenkt, daher kam ich darauf. (Das war auch lustig; ich rief sie an und sagte, hey, woher hattest du eigentlich diese Handschuhe, die du Papa geschenkt hast? Und sie antwortet knallhart, „aus dem Ikarus-Versand. Es gibt sie in schwarz und in rot, aber du musst dich beeilen, die schwarzen sind meistens ausverkauft. Sie haben 19,99 gekostet.“ Und ich war vollends verblüfft, weil ich von ihr überhaupt nicht gewohnt bin, dass sie sich an solche Details nach einem Jahr noch erinnert (anders als beispielsweise Susmita und ich, oder Laura, da wäre es mir weniger komisch vorgekommen) – bis sich herausstellte, dass der Katalog von genau dem besagten Versandhaus ihr gerade ins Haus geflattert war und sie ihre Erinnerung inzwischen aufgefrischt hatte.)

Wie herrlich. Ich hab‘ den Wein von gestern Abend eben leergemacht und es geht mir jetzt wunderbar gut. Viel besser als vorher; ich hatte den größten Teil des Tages Panik und bin nichtmal sicher, wieso. Reisefieber, vermutlich. Es ist schon merkwürdig, wie ich jedes Mal in Panik gerate, wenn ich eine Reise mache. Es ist ja nicht so, als hätte ich in diesem Leben noch nie eine Zugfahrt unternommen. Aber nunja, ich bin halt komisch. Damit muss ich leben.

Oh je. Habe ich dir von Kepas und meinem Fail erzählt? Ewww, ich will gar nicht dran denken. Im Endeffekt beläuft es sich darauf, dass er mit meiner Definition von Zuhause nicht vertraut ist und sich daraus ein horroriges Missverständnis ergeben hat, als dessen Konsequenz er jetzt bis zum vierten Januar bei seiner Familie hängt und ich Silvester noch eine Person weniger bei mir habe. Ich kann es nicht glauben – was für ein Riesenfail. Mir wird bald schwummerig, wenn ich nur dran denke. Ich hätte nicht im Traum dran gedacht, dass man „bei mir zu Hause“ irgendwie anders verstehen könnte als „an dem Ort, wo ich lebe“. Das ist ja bei mir allgemein das Problem. Spätestens seit meiner Heimatkrise letztes Jahr und vor allem seit meiner Rückkehr aus Vitoria bin ich hier einfach so fest verwurzelt, dass ich gern mal vergesse, dass der Rest der Welt mit Zuhause auch gern den Wohnhort ihrer Eltern betitelt.

Ich war ein wenig erschreckt, muss ich sagen, davon, wie er damit umging. In erster Linie klang es so, als hätte er Angst, dass ich mich gleich aus dem nächstbesten hochgelegenen Fenster stürze. Was an sich nicht verwunderlich ist; nachdem ich ihm eröffnet habe, dass es mir über längere Zeit nicht so großartig ging, kann ich mir denken, dass man so einer Person mit depressiver Vergangenheit und entsprechenden Tendenzen keine sonderliche Stabilität zutraut. Falls er allerdings wirklich dachte, dass mir das Ganze schlechte Laune bereiten könnte, wäre „geh dich jetzt nicht suizidieren“ vielleicht auch nicht gerade das gewesen, was er hätte von sich geben sollen. Also setzen wir uns auf die Liste „What to Teach your Kumpel Slash Stecher“: Dealing with Depressed People 101.

Es ist viel, viel, viel zu wenig Zeit bis fünf Uhr.

Rolling Home.

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Rowling home to mijn ol‘ Hamborg! Naja. „Rolling“ trifft es eher. Ich bin trotz allem immer wieder glücklich, den hohen Norden mal wieder zu besuchen. Elfeinhalb Stunden Busfahrt. Und mein Computer weigert sich, sich mit dem WLAN zu verbinden.

11.13am.
Es ist aktuell eine knappe Dreiviertelstunde der Fahrt vorbei. Ich habe mich auf meinen zwei Sitzen häuslich eingerichtet, bin heilfroh, dass der Bus nicht so voll ist und ich, wenn schon nicht die hintere Sitzreihe (die von mehreren Leuten belagert wird, unter Anderem jemandem, der auch bis nach Hamburg hochmuss –- also keine Chance auf Umsiedeln), zumindest zwei nebeneinander für mich habe, starte alle paar Minuten mal wieder einen fruchtlosen Versuch, die Internetverbindung herzustellen, und habe mit Mama telefoniert, die unsere Tickets nach Kopenhagen gebucht hat und wissen wollte, ob Sarah und ich dann vorher oder hinterher noch ein bisschen bei ihnen in Oldesloe sein werden. Natürlich ist die Person vor mir jemand, die ihren Sitz zurückstellt. Ich erwische immer, immer, immer so jemanden. Wirklich. Die ganze Busbevölkerung ist zivilisiert und lässt ihre Rückenlehnen gerade, nur meine Vorderfrau nicht. Dementsprechend quetscht sich Bernadette hier auf meinem Schoß zwischen mich und den Sitz vor mir und macht es mir nicht einfach, auf ihr zu tippen. Ich kann immer noch beim besten Willen nicht tippen, ohne hinzusehen, und überlebe das hier gerade nur, weil ich festgestellt habe, dass ich es aushalte, nach unten zu gucken, wenn ich dabei Musik höre. Nur Sinnvolles kann ich nicht erledigen in dem Zustand, wie zum Beispiel die Morfología-Hausaufgabe, die morgen due ist und die ich eigentlich dringendst komplettieren müsste. Aber ich kann mit Musik nicht arbeiten. Und ohne wird mir schlecht und ich bekomme die übelsten Kopfschmerzen.

Es ist etwas Umwerfendes passiert, als ich heute Nacht am Packen war: Ich habe meine Häkelnadeln wiedergefunden. Die hatte ich seit über einer Woche vermisst und war schon fast überzeugt gewesen, sie in der Uni vergessen zu haben.Ich habe bis relativ spät mit Caro geredet, dabei ein wenig Ordnung in mein Zimmer gebracht und ein wenig zu packen angefangen, dann gegen zwei-drei Uhr zu Ende gepackt und bin ins Bett gegangen, konnte nicht einschlafen, weil ich einfach nicht nachvollziehen konnte, wo die verdammten Häkelnadeln nur sein könnten, machte das Licht wieder an, ging zum Schreibtisch, hob random ein paar Stoffreste auf und fand darunter meine Häkelnadeln. Whey.

Mir fällt gerade auf (dadurch, dass ich No One to You zu ersten Mal seit Langem höre) – jetzt hat er einfach komplett aufgehört zu atmen. Ich müsste den letzten Chorus umschreiben – „So now I’m air to you, and you’ve stopped breathing altogether“.

Caro hat mir wieder Sachen erzählt, die mich erschreckt hätten, hätte ich vorher noch angenommen, irgendwie zu wissen, wer dieser Mensch eigentlich ist, der so riesige Teile meines Lebens so maßgeblich beeinflusst hat. Er muss sich unfassbar negativ entwickelt haben. Caro sagt, dass er sich unfassbar verändert hat. Ich denke (und sagte ihr gestern), dass es nicht so ist. Ich habe damals schon aus erster Hand erlebt, was sich Jahre später wiederholt hat. Mich wundert nicht, dass es wenig mehr brauchte als ein wenig Geld und zweifelhaften Umgang, um die Seiten von ihm endgültig hervorzulocken.
Wie wichtig ihm seine Familie immer war, sagte sie gestern. Und dass sie sie besucht hat jetzt, seine Familie, die ja irgendwo auch ihre einzige Familie ist, und sie ihr gesagt haben, er hätte sie in den letzten drei Monaten genau zwei Mal besucht. Ein Mal zum Anlass des Todestags seiner Oma, das zweite Mal, weil ein Kumpel von ihm Geburtstag hatte. Und dass er anruft, wenn er mal was braucht. Das ist doch überhaupt nicht er, sagte sie. Ich fürchte schon. Langsam bin sogar ich soweit, es einzusehen. Irgendwie hilft das. Natürlich habe ich diese Erkenntnis schon einmal gehabt, dass nämlich jemand (und gerade er) sehr wohl in der Lage ist, über Jahre einem das Gefühl zu vermitteln, ihn eigentlich doch ganz gut zu kennen, nur um einem dann doch das Gegenteil zu beweisen. Aber dadurch, dass er sich gerade systematisch daran zu machen scheint, alle möglichen Leute aus dem Fenster zu schmeißen.. ich weiß nicht. Ich dachte wahrscheinlich immer noch die ganze Zeit, es hätte eigentlich an mir gelegen. Aber nein. „Natürlich lag es nicht an dir“, sagte Caro dazu. „Es lag nur an ihm!“ Erst seine beste Freundin, dann seine Beziehungsfreundin, und jetzt ist die ganze Familie dran. Zu der Einsicht kamen wir gestern und fühlten uns, glaube ich, beide ein bisschen besser dadurch.

Sie hat es ja tatsächlich geschafft, sich zu verlieben. Nachdem sie Şahin wohl seit geraumer Zeit ohne es zu merken nicht mehr geliebt hat, selbst als sie noch zusammen waren, hat sie die Trennung blendend verkraftet und sich gleich in neue Probleme gestürzt. Ich bin sehr gespannt, was das gibt, und sollte wahrscheinlich aufhören, zu fürchten, dass sie so endet wie ich -– sie wird niemals enden wie ich, she’d have to be me, und das schafft so schnell keiner.

Was für ein Luxus, dass dieser Bus direkt fährt.
Und dass ich meine Haare wieder häkeln kann. Mir wächst ja schon bald ein komplettes Set an frischen Haaren zwischen den Dreads durch. Die müssen schleunigst in die Spinnenbeine inkorporiert werden.

11.52. Ich mache mal Schreibpause. Nicht dass ich am Ende noch feststellen muss, dass es doch eine Zeichenbegrenzung gint, wenn ich das Monstrum hier irgendwann auf dem Blog poste.

13.14. INTERNET!

Naja, nicht wirklich. Es reicht, um bei Skype ein paar Worte mit Robert zu wechseln, aber Seiten laden lässt es mich nicht. Aber was soll’s, eigentlich ist Skype auch das Einzige, was ich brauche.

21.05. Eine Stunde noch. Ich höre American Idiot. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Es ist unbeschreiblich. Soeben sind wir an Dorfmark vorbeigefahren. Die Geschichte zu diesem Kaff willst du nicht wissen. Es kann gut sein, dass ich sie dir trotzdem irgendwann detailreich erzähle, aber vorerst wirst du verschont. Ich werde so unbeschreiblich gelaunt, wenn ich dieses Album höre. Mein Lebensanfangsalbum. Irgendwo der Kern von mindestens drei Vierteln meiner gesamten Identität.
Die Ausfahrten nach Dorfmark sind alle gesperrt. Was da wohl los ist.

Ich vollführe merkwürdige Trommelbewegungen in der Luft mit meinen Häkelnadeln zu den letzten Teilen von Jesus of Suburbia. Es wird Zeit, dass wir ankommen.

21.22. Die Lüneburger Heide. Wir nähern uns. Are We The Waiting. Ich frage mich, ob der Moment, in dem mich die Musik aus diesen Zeiten nicht mehr aus der Fassung bringt, je Realität sein wird. (Als hätte ich eine Fassung, denke ich da gerade. Aber alles ist realitv. Ich habe eine relative Fassung, und aus dieser bringt mich Green Day.) An dem Ort, wo ich jetzt bin im Leben, interessiert sich niemand mehr für meine Wurzeln. Wir interessieren uns alle nicht für das, was uns geformt hat. Wir sind so weit schon evolutioniert, auf eine Art, dass es überflüssig erscheint, in unseren Geschichten so weit zurückzublicken.

21.28. Give Me Novacaine. Das Gefühl. Ich denke in genau dem Moment über das Gefühl nach, von dem Gefühl überwältigt zu werden, als das Lied mir sagt, dass das Gefühl überwältigend ist. Drain the pressure from the swelling. This sensation’s overwhelming. Thanks for that.
Das ist doch zu viel. Manchmal frage ich mich, wie ich diese Menge an Gefühl verarbeiten soll. Beziehungsweise habe Zweifel, ob ich es überhaupt verarbeiten kann, kann nicht mehr atmen, versuche mein ganzes Bewusstsein auszuweiten, damit mehr Raum ist für das ganze Gefühl.
She’s A Rebel. Die ganzen Erinnerungen. Das ganze Album. HILFE.

Es tut gut, die bekannten Namen auf den Schildern zu sehen. Ich komme so gern an vertraute Orte zurück.

Und ich fahre gern durch Deutschland. Ich bin begeistert von Deutschland. Der ganze Wald überall. Daran denkt man gar nicht normalerweise -– wenn man nicht gerade das ganze Land durchquert und daran erinnert wird, was für ein angenehm großer Anteil unserer Fläche von Waldbeständen bewachsen ist. Sicher, es könnte mehr sein. Aber im Vergleich zu anderen Ländern (hrm, Costa Rica, hrm) hat hier zumindest niemand den Fehler begangen, sie alle abzuholzen. So bleibt uns aufwändige Wiederaufforstungsarbeit erspart. Und wenn man im Ausland, sagen wir, in Vitoria-Gasteiz, an der Uni Deutsch-Übersetzungskurse besucht, ist damit zu rechnen, dass man mit dem restlichen Kurs dazu abkommandiert wird, einen deutschen Wikipedia-Artikel zum Thema Waldsterben ins Spanische zu übertragen. (Du darfst dir unsere Arbeit gern ansehen -– mein Teil ist auch irgendwo dabei, das ist dann der, in dem, hoffentlich, nicht jedes dritte Wort sich merkwürdig anhört.)

Es sind ja nur noch zweiundzwanzig Minuten, bis diese Fahrt offiziell vorbei ist. Whoa. Gleich nochmal aufs Klo und dann kann schon fast nach den sehnsüchtig erwarteten hamburgischen Autokennzeichen Ausschau gehalten werden. Nach den Straßen und Häusern und allem, was ich kenne.

Zwischendurch habe ich noch eine Wohnung in Aussicht bekommen. Nur um das auch noch zu erwähnen. Gartenanteil. Provisionsfrei. Unfassbar wunderbare Lage. Dusche in der Küche –- Trudi ist begeistert. Aber ich werde mir das nicht entgehen lassen. Wenn sie sich weigert, dort reinzuziehen, suche ich mir einen anderen Mitbewohner. Das ist meine Wohnung. Wenn wir sie denn bekommen. Wir können sie uns nächste Woche ansehen und mit dem Vermieter sprechen. Es hat sich gefreut, dass ich im Garten etwas pflanzen möchte! Und er interessiert sich für Foodsharing. Was gibt es bessere Voraussetzungen.

21.49. Homecoming.

Oooh -– we’re coming home again.

Naja, Oder so.
Vielleicht sollte ich anfangen, die Gegend hier als Zweitzuhause zu betrachten, statt mich so sehr zu bemühen, mich komplett davon abzunabeln. Das ist doch wesentlich vernünftiger eigentlich.

Whatsername. Das Gefühl ist unmöglich in Worte zu fassen. Ein Mensch wie ich sollte nicht Whatsername hören, während er an einen Ort wie diesen zurückkehrt (und sei es nur für ein verlängertes Wochenende, und ich dramatisiere eh schon wieder alles völlig kopflos über bis zum Gehtnichtmehr.)

Remember, whatever, it seems like forever ago. So long ago.

21.59.
Gleich da! Ich pack‘ mal zusammen.

Kurz vorm Augenzufall noch ein Lebenszeichen.

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Ich komm‘ grad echt kaum noch an den Computer. Unglaublich, was einem da alles durch die Lappen geht. Vor allem, wie wenig Bedeutung plötzlich Dinge haben, die vorher eine willkommene Abwechslung darstellten und mir momentan eher das Gefühl geben, irgendwie unterbesetzt zu sein. Jemand sollte meine Facebooknachrichten und E-Mails managen, alles Wichtige rausfiltern und am besten noch für mich beantworten. Vielleicht kann ich mich ja mithilfe eines bisschen mehr Thai-Essen in zwei spalten, wenn es schon mit Şahin damals nicht so recht klappen wollte. (Der Text fliegt auch noch irgendwo herum. „Sometimes I wish that there were two of you, maybe you could split in two if I fed you enough Thai food“.. und so. Big Bang-Referenzen haben halt auch nochmal irgendwie verbunden, da Caro die Serie entsetzlich fand. Sie fand auch Sheldon „unlustig“. Wie on earth.. Aber gut, ich fand’s umso angenehmer, wenn wir Big Bang guckend auf dem Sofa gechillt haben und sie sich woanders vergraben hat. Und dass er die Anfangsmelodie immer überspringen wollte, war mit der Zeit auch akzeptierbar. Nachher bin ich ja sogar selbst dazu übrgegangen.)

Ich habe eben angefangen, Trudi Gitarre beizubringen, beziehungsweise meine begrenzten Fähigkeiten (oder was ich an deren Stelle habe) mit ihr zu teilen. Beruhigt kann ich feststellen, dass sie mich zumindest nach der ersten Übungseinheit noch nicht eingeholt hat. Ich bringe ihr Two Thousand Lights bei, das ich mir seinerzeit ja auch ziemlich am Anfang beigebracht hatte, als eines der ersten Lieder fremder Menschen, die ich damals als Werke schon leicht gehobenen Schwierigkeitsgrades ansah. Ich war richtiggehend erstaunt, als ich es auf einmal dann spielen konnte. Die Grotten-Coveraufnahme fliegt noch irgendwo herum. Sogar mit reingeschnibbelter Zweitstimme am Ende. Dafür mit Wasserfallrauschen.
Damals war es für mich noch ganz neu, das ganze Gezupfe.

2,000 Lights

Dann habe ich gerade noch eine Version vom 8.12.13 gefunden, die mich anfangs sehr erstaunte, weil ich mich nicht wirklich erinnern konnte, das Lied letztes Jahr überhaupt mal gespielt zu haben. Und auch sonst, weil es.. nunja.. sich ein wenig.. äh, merkwürdig anhört. Aber das Mysterium klärte sich mit dem Einsetzen der „Vocals“.
Ich hatte in dem Moment definitiv den Punkt überschritten, an dem mich Alkohol in irgendeiner Weise singfähiger macht. Oder überhaupt zu irgendetwas fähig. Wie viel um alles in der Welt..
Würde nicht die Aufnahme selbst das in all ihrer Entsetzlichkeit schon verdeutlichen, so doch in jedem Fall meine hervorragende Feststellung an ihrem Ende.
Das war ich in Vitoria. Nicht so schön eigentlich. Vitoria, Vitoria, was hast du nur mit mir angestellt. Wie gut, dass ich zurückbin. Die Freude darüber trifft mich immer noch manchmal plötzlich mit voller Wucht.

2,000 Lights 8.12.13

Um der heiligen Transparenz willen.

Ich bin schon wieder so hundemüde. ich komme ja vor lauter Leben zu gar nichts mehr, schlimm so etwas. Vor allem fällt mir trotzdem immer wieder irgendein Detailchen aus vergangenen Zeiten ein, welches ich dann auf einmal unglaublich Lust verspüre mitzuteilen, und um das aktuelle Geschehen zu konservieren, bleibt gar keine Zeit mehr, oder keine Lust, oder keine Energie, oder keine Insomnia. Nichtmal die ist mir geblieben. Tragisch.

Was auch tragisch ist, ich hatte mich wirklich gefreut, als ich mich gestern auf den Weg auf die Reichenau machte, um Sara (ohne h, die Kinesiologen-Sara, meine neue Bekannte), die neulich einen psychotischen Schub erlitten hat und sich jetzt wieder am Aufbauen ist, in der Psychiatrie zu besuchen – ich war noch nie dort und hatte mich auf neue Eindrücke und Erlebnisse eingestellt; stattdessen stimmte einfach mal die Route des Busses nicht mit der in meinem (zugegebenermaßen ein Jahr veralteten, aber das hatte noch nie zuvor einen Unterschied gemacht) Fahrplan eingetragenen überein, ich landete im strömenden Regen irgendwo auf der anderen Seite der Stadt und fuhr unverrichteter Dinge, einen Umweg über die GiveBox einlegend, wieder nach Hause. Zumindest habe ich dadrin eine Regenhose gefunden, sodass mir weitere Durchnässung erspart blieb. Was natürlich längst zu spät war, zumal ich Teile der Strecke auch mit dem Fahrrad zurückgelegt hatte.

So. Eigentlich wollten wir auf die Mainau heute; da aber das Wetterchen nicht so mitzuspielen scheint, kann ich stattdessen wie gestern schon zur Tafel, abholen, und ansonsten vielleicht mal wieder ein bisschen gammeln. Ich vermisse Gammeln. Ich vermisse es wirklich. Und Hausaufgaben für die Uni muss ich noch machen. Das ist das einzig Schlimme dieses Semester, die ganzen Hausaufgaben.

Elefantenstunde

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Ich bin mir sicher, dass es relativ normal ist, die Lieder aus seiner frühesten Kindheit das ganze Leben lang nicht zu vergessen. Ich bin mir weniger sicher, ob es normal ist, regelmäßig davon Ohrwürmer zu haben. Was genau macht Benjamin Blümchen mit so einer entsetzlichen Regelmäßigkeit in meinem Kopf? Ich habe genau eine Benjamin-Blümchen-Kassette besessen (vermutlich besitze ich sie immer noch, bei meinem Wegschmeißverhalten), und das einzige Lied davon, das sich davon in meinem Gedächtnis eingenistet hat, ist das allereste.

Aber (das ist ja das Schlimme) eigentlich weiß ich genau, was er macht.

„Ich bin der Lehrer Benjamin, ich stell mich vor die Klasse hin. Ich brüll nicht ‚Aufstehn!‘ und nicht ‚Setzen!‘ – ich schimpfe nicht, wenn Schüler schwätzen.“

Okay, also weiß ich im Grunde eher, was er nicht macht.

Was für ein grottiger Lehrer.

Und was für utopische Schüler. Kein Wunder, dass er die nicht disziplinieren muss; sie werden von einem riesigen sprechenden Elefanten unterrichtet und wollen alles einfach freiwillig lernen und machen. Da wär‘ ich auch gerne Lehrerin. Aber vielleicht sind sie nur so diszipliniert, weil er sie am Ende auf sich reiten lässt. Schlechte Karten für meinen Rücken. Besonders wenn man meine, äh, athletische, kräftige, muskulöse und hochstabile Statur mal so betrachtet, die ganz bestimmt nicht von übergewichtigen Grundschulkindern zum Durchbrechen gebracht werden würde. Ganz bestimmt nicht.

Warum aber ist es ständig in meinem Kopf?!

Abgesehen davon ist alles gut bei mir. Okay, ich habe meinen Geldbeutel inklusive Reisedokumenten und allem an Bank- und Versichertenkarten und Identitäts- und Mitgliedschaftsnachweisen, das man sich nur vorstellen kann, und eine Lunchbox inklusive meinem gesamten Reiseproviant in Frankfurt im Zug verloren – meine Tasche ist unterm Sitz umgekippt und ich dachte, ich hätte alles wieder eingesammelt, war dann aber offensichtlich doch nicht so. Daraufhin gestaltete sich der Rest meiner Reise natürlich weniger geregelt und mehr meinem üblichen Reisestil entsprechend, aber – was ebenfalls bei mir Gewohnheit ist – am Ende kam ich trotz allem Chaos wohlbehalten, nur eben geld- und busticketlos (sodass ich schwarz zur Wohnung fahren musste, denn mit dem ganzen Gepäck zu laufen wäre Selbstmord gewesen) und ein wenig verspätet zu Hause an.

Es ist wundervoll hier. Ich kam an, todesfertig von der Herumreiserei und den ganzen letzten Wochen. Susmita kam auf einen Tee vorbei, Trudi kam nach Hause, Susmita ging nach Hause, Trudi und ich machten uns Calamus-Tee und gingen in mein Zimmer. Es hat wunderbar gewirkt bei ihr; ich habe einfach nichts gemerkt und war unendlich neidisch auf ihre Wahrnehmungsveränderungen. Sie konnte auf einmal unglaublich hören. Wir saßen bei mir auf dem Boden; hinter mir lehnte Night, die Gitarre, an ihrem üblichen Platz und Trudi stellte auf einmal fest, dass jedes Mal, wenn wir redeten, ihre Saiten anfingen zu schwingen und Geräusche machten. Wohlgemerkt über die Musik aus den Laptopboxen hinweg. Ich habe sie so beneidet. Und am Morgen erzählte sie mir noch, sie wäre mitten in der Nacht plötzlich aufgewacht und hätte ihr schwarz-weißes Poster an der Wand in Farbe gesehen. Warum genau bin ich einfach nur zombiemäßig geschlaucht ins Bett gegangen, habe mit JO ihre Praktikumsbewerbung durch den Fleischwolf gedreht und dann bis elf Uhr wie ein Stein geschlafen, wohlgemerkt ohne aufzuwachen und Farben zu sehen, wo keine waren?

Aber ich habe schon wieder von Containern geträumt. Das ist doch merkwürdig. Willst du mir wirklich sagen, dass mein ganzes Unbewusstes so auf Containern fixiert ist? Letzte Tage der Container-Traum war bislang der heftigste von allen; ich war in Russland und wurde dort erwischt, musste mit Laura und zwei Polizisten auf die Polizeiwache fahren und alle Eintretenden wurden erstmal mit Gewehrfeuer begrüßt und durchlöchert. Es schien dort normal zu sein. Einer der Russen beschwerte sich noch darüber, „immer diese Mücken“. Für ihn waren die Schusswunden offenbar gar nichts Besonderes mehr.

Natürlich habe ich auch noch Besseres zu tun, als von Containern zu träumen. Kaum zu glauben, aber eine Nacht, bevor ich den russischen Polizisten völlig aufgelöst beteuerte, dass ich überhaupt „nichts entwendet“ hätte, saß ich mit Şahin vor einer Glaswand und dachte auf einmal, wie merkwürdig das war, ihn zu sehen und zu wissen, „er ist mit niemandem zusammen“. Verständlich; ist mir traum-extern auch nie untergekommen, der Zustand. Aber die Einsicht kommt ja früh, liebes Unbewusstes. Es ist doch schon wieder über einen Monat her.
Überhaupt, was sucht der Mensch in den ganzen Träumen. Seinem Dasein bringe ich zwar mehr Verständnis entgegen als dem schrecklichen Benjamin-Blümchen-Lied, aber im Endeffekt ist es kein Deut weniger sinnlos. Wüsste ich nur, was er sucht; ich würd’s ihm einfach schicken, vielleicht lässt er mich dann in Ruhe schlafen.

Zuwachs und Reisepläne

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Heute gehe ich weg und erlebe Dinge in anderen Teilen der Welt. Muss auch mal wieder sein; immerhin war ich jetzt ganze vierzig Tage am Stück schon an einem Ort – wo kommen wir denn da hin.

Und gestern war der erste Tag seit Januar, an dem ich nicht draußen war. Und das schlechte Gewissen hält sich trotzdem in Grenzen, weil.. was soll man denn machen, wenn man eben drinnen produktiv ist und draußen nichts zu erledigen hat. Auf der Terrasse war ich kurz, immerhin.

Und dann haben wir eben noch einen WG-Filmeabend veranstaltet, mit Sidra und Bier für Trudi und mich (Divinah trinkt keinen Alkohol, haben wir heute erfahren – wie es sich für sie anhören muss, wenn Trudi und ich unsere Pläne schmieden, LSD zu nehmen und die Wand neu zu streichen.. oh je.) und Tonnen an Chips und Erdnüssen und Keksen für alle. Und schöne Filme waren es auch. „Wanted“ und dann noch Despicable Me 2, wobei Divinah nach der Hälfte ins Bett musste – ich beneide sie wirklich nicht darum, gleich um viertel vor fünf Uhr arbeiten zu müssen – und Trudi, seitdem auf zwei Stühle verteilt, schon halb am Schlafen war. Aber es war schön. Wir hatten die Windlichter auf dem Tisch an und noch eine Kerze von Trudi. Das erste Mal seit ganz Langem, dass ich mal wieder im Fast-Dunkeln mit angezündeten Kerzen in dem Raum gesessen habe. Ich wünschte, Susmita und Sarah könnten das erleben. Was für Zeiten ich hier schon durchlebt habe, mit so vielen verschiedenen Charakteren, meine Güte.

Jetzt fahre ich aber heute erstmal nach Oldesloe. Nicole hat Geburtstag und ich habe ihr eben verkündet, dass ich morgen oben sein werde – bei unserem Grad an Kontakt (geht gegen null) hatte sie es bisher noch gar nicht mitbekommen. Der Plan ist dann, am 14. morgens anzukommen, ein bisschen zu schlafen, ein wenig Zeit mit Mama zu verbringen, mich nachmittags irgendwann mit Nicole zu treffen, dann Samstag nach Hamburg zu fahren, mich dort mit Simone und Julia und Mauritz zu treffen, nachmittags mit Simone zu ihrer Familie zu fahren, dort bis Sonntag zu bleiben, dann mit ihr nach Rostock zu fahren, dort ein paar Tage zu bleiben, dann zurück nach Oldesloe zu reisen, um noch ein paar Tage bei meinen Eltern zu sein, und am 25. geht’s ab zu Sarah nach Belgien.

Am Wochenende – egal, wo ich gerade bin – muss ich jedenfalls mit Keyla reden, die ist nämlich schwanger und das will beredet werden. Ich bin ja entsetzt (und muss aufpassen, ihr das nicht zu deutlich zu verkünden); wenn sie es bisher schon nicht geschafft haben, mich zu besuchen, wird es mit einem neuen Baby ganz bestimmt wieder jahrelang nichts, und selbst wenn, wäre es nicht das Gleiche, und überhaupt.. Keyla wollte überhaupt kein Kind mehr; jetzt muss ich annehmen, dass Vanny sie praktisch gezwungen hat, nur weil er unbedingt wollte, dass Dylan ein Geschwisterkind bekommt, und dabei ist der Abstand doch jetzt schon so enorm und es wird überhaupt niemandem etwas bringen, und sie war gerade mit der Uni fertig und hätte jetzt einfach so sehr verdient, erstmal ein bisschen leben zu können. Nachdem ihr die erste Schwangerschaft und entsprechend das erste Kind schon die Jugend geraubt hat. Offenbar hat sie vergessen, dass sie das erste Mal, als sie schwanger war, sechs Monate lang einfach nur sterben wollte, so schlecht ging es ihr. Und Vanny hat ihr sopa de garrobo untergejubelt, um sie zu stärken – eine Anekdote, die die beiden immer wieder gern zum Besten geben. („Y yo le dije ‚qué pollo más flaco, son tan chiquiticos los huesos!'“) Ich bin überhaupt gar nicht begeistert.
Aber erstmal hören, was sie selbst so dazu sagt. Ich kann nicht glauben, dass ich ein neues Familienmitglied bekomme. Von meinen eigenen Eltern werde ich Nachrichten dieser Art in diesem Leben hoffentlich nicht überbracht kriegen. Dafür hat man ja die costarricanische mamá-hermana, die drei Jahre älter ist als man selbst und offenbar eher geneigt, Kinder in Massen zu produzieren.
Hach nein, bevor wir hier zynisch werden, erstmal schauen, was sie denn dazu so sagt.