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Atzo da bihar

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So schnell kann es also Sommer werden. Gleich ein völlig anderes Lebensgefühl, die Terrassentür offen lassen zu können und auf die frisch bepflanzten Kübel draußen zu blicken, in denen sich Tomaten und Paprika, Salat und Chilis, Rucola und Wunderblumen dem Licht entgegenstrecken.

Dass R diese Woche Urlaub hat, ruft auch bei mir ein Urlaubsgefühl hervor, auch wenn ich gestern Abend wieder einen Auftrag angenommen habe, mit dem ich gleich beginne. Wir sind mehr als glücklich, von unserem Osterausflug zu seiner Familie zurück zu sein, und genießen unsere wiedererlangte Freiheit und Selbstbestimmung in vollen Zügen. Er, indem er zockt und lernt; ich, indem ich pflanze und lese. Wir zusammen, indem wir ausschlafen und gemütlich frühstücken, Carcassonne spielen, Filme schauen und wunderbares Essen kochen.

Ich freue mich schon jetzt auf den Moment, in dem er nicht mehr arbeiten muss und wir dieses Leben für immer haben können. Denn während ich bestrebt bin, oder vielmehr beim besten Willen nicht anders kann, als aus der Gegenwart das Meiste für mich herauszuholen und den Zwängen nur den nötigsten Raum zu geben, hat er erst Ruhe, wenn ihm seine Zukunft solide erscheint. Eigentlich ähneln wir uns da stark. Nur dass unsere Coping strategies gegenteilig ausfallen. Ich verdränge und beraube mich dadurch vermutlich einer sicheren Zukunft. Er nimmt sich – uns – mit seinem obsessiven Hinarbeiten auf zukünftige Sicherheit die Gegenwart weg.

Auf dem kurzen Spaziergang zum Altglascontainer und zurück überraschte mich der Gedanke, dass es mir vielleicht wirklich lieb wäre, wenn wir heiraten würden, nicht in der Erwartung eines festzementierten ‚Für immer‘, sondern um dem Warten auf diese ferne Zukunft eine konkretere Berechtigung zu geben, einfach mal festzuhalten, dass seine wenig geschätzte, viel auf Zukünftiges ausgerichtete Gegenwart auch mir nicht grundlos ungenutzt durch die Finger rinnt. Ich bin mir dessen sicher und er ist es auch, warum dem Ganzen nicht einen Namen geben.

Dachte ich mir gestern, aber es war nur ein Anflug; heute verstehe ich schon wieder kaum, wozu das Heiraten gut sein soll; als könnte man die Zukunft mit Papier und Tinte in Stein meißeln. Und andersherum: unser gegenseitiges Vertrauen ist so grundsolide, dass jeder Vertrag, jede Unterschrift dagegen lächerlich und wertlos wäre.

Aber genug von Gegenwart und Zukunft. Ich habe einen Auftrag zu erledigen.

Essen. Leben. Zukunft.

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Ich bin gerade heilfroh, hier zu sein. Ich hätte auch mit R auf die WG-Einweihungsparty seines Bekannten gehen können oder zu den Nachbarn rüber, die mit ihren Freunden auf der Terrasse grillen. Aber bei Marco im Haus wird geraucht und die Nachbarn amüsieren sich da, soweit ich das überblicke, ganz gut alleine.

Also habe ich mich stattdessen mit Wein auf dem Sofa eingerichtet und mir gerade noch schnell aus dem übrigen Reis von vorgestern, Pilzen und Lauch sowie etwas Blumenkohl ein Abendessen zusammengezimmert, das mich glücklich macht, nicht nur weil ich einen irrsinnigen Hunger habe, sondern einfach durch den Umgang mit den ganzen geretteten Zutaten. Ich mache das mittlerweile seit fünf Jahren, das Essenretten, aber es hört nicht auf, mich zu begeistern. For today’s dinner I used the following ingredients (bold print marks store- or otherwise purchased): Rice, tap water, leek, mushrooms, cauliflour, newborns‘ formula, herbal salt, paprika powder, ground white pepper / caraway / coriander mix, garlic powder, dried oregano, turmeric powder. Das wäre ohne Verwendung der nicht gekauften Zutaten ein ziemlich dulles Dinner geworden. Und das liebe ich so sehr, mir das immer wieder vor Augen zu führen.

Ich hatte heute frei, unerwartet, weil Sophi fast vergessen hätte, dass sie heute keine Zeit hat. Dafür sehe ich sie morgen und Montag und lerne mit ihr für ihre letzte Klausur, Bio, am Dienstag. Ich überlege, die Abi-Vorbereitung zu meinem Hauptstandbein zu machen. Ich mag Abiturstoff. Und ich kann mir keine angenehmeren Schüler vorstellen als Abiturienten. Und die Therapeutin hat Mittwoch gesagt, ich könne so leben, wie ich möchte. (Das fand ich abstrus und ich habe angefangen zu heulen, was mit im Laufe dieser inzwischen ja auch schon wieder halbjährigen Therapie insgesamt genau zweimal passiert ist.) Und sie hat gesagt, ich könnte vermutlich problemlos von Ohrhängern leben, würde ich mich nicht selbst blockieren. Ich muss das nächste Sitzung nochmal abklären, weil ich mich wirklich frage, ob sie als wohlverdienende Eigenheimsbesitzerin (zumindest gehe ich stark davon aus) sich eine Vorstellung von der Situation macht, die Menschen des Bildungspräkariats, die es trotz vorhandener – sogar bescheinigter – Qualifikation nicht gebacken kriegen, einfach arbeiten zu gehen, irgendwann im Alter erwartet. Ich muss sie wirklich mal fragen.

Epikur, wer war das nur.

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Wochenendausflug hinter uns gebracht. Es ging zu meinen Großeltern nach Gelsenkirchen, die letzten Dienstag ihren 60. Hochzeitstag erleben durften, und zu dem Anlass sind wir mit der ganzen Familie angereist – meine Eltern, R und ich. Ich war zum ersten Mal seit dem ADTR-Konzert 2011 dort. Man sollte Oma und Opa eigentlich öfter besuchen, sie sind die Allerbesten und haben es wirklich verdient.

Jedenfalls hat es alles wunderbar geklappt; meine Eltern sind den Abend vorher schon aus der Schweiz zu uns gefahren, um nicht die ganze Strecke an einem Tag durchmachen zu müssen, und es lief gut. Gestern Abend fing es dann an zu kippen; man merkt es immer sehr schnell, wenn meine Mutter in ihre psychotischen Zustände gerät, in denen ihr nichts mehr recht zu machen ist und sie wieder erwartet, dass sich die komplette Welt nach ihr ausrichtet. Dementsprechend wurde es auch heute nochmal richtig eklig, als sie uns wieder hier abgeladen hatten und wir Zeit hatten, uns alle noch ein bisschen zu unterhalten. Sie ist vollkommen durchgedreht und irgendwann ohne sich zu verabschieden zum Auto gestapft.

R dagegen war das ganze Wochenende über einfach wundervoll. Natürlich war er noch er selbst, hat ohne jede Rücksichtnahme nachts in der Wohnung Lärm gemacht und im Gespräch mit den Anderen seine typischen Monologe vom Stapel gelassen, aber gleichzeitig unentwegt dafür gesorgt, dass ich mich wohl und geliebt fühlte, mich die ganzen langen Autofahrten über meinen Kopf auf ihm ablegen lassen, sodass ich schlafen konnte, mich (wie es seine Art ist) trotz meiner üblen Erkältung immer wieder umarmt und festgehalten und mir „Wawu“ gesagt, sich ins Familientreiben eingebracht und ungezwungen mit allen geredet und mir gesagt, dass ich eine wundervolle Familie habe. Besonders mag er meine Oma, da geht es ihm wie mir. Am Abend standen wir vor der Wohnung mit einem flauschigen Karteuserkater, der uns umstreifte und mit hereinwollte. R sagte, meine Mutter könne sich auf die Fahne schreiben, eine Tochter zu haben, die mindestens ein menschliches Leben gerettet habe. Er sagt sowas manchmal, und dass ich ihn umgekrempelt hätte. Ich habe angefangen, das als etwas Positives zu begreifen. Heute Früh hat er mir in einer unfassbar lieben Geste meine Mütze auf den Kopf gesetzt, eine Form von Aufmerksamkeit, die ich überhaupt nicht von ihm gewohnt bin und mich richtig gerührt hat. Ich liebe ihn so sehr, auch wenn er meistens ziemlich komisch ist, denn das bin ich ganz zweifellos auch, und er hat es so sehr verdient, dass alles für ihn besser wird und sein Leben einfach mal nicht mehr nur aus Stress besteht. Irgendwann wird es soweit sein und ich werde niemals aufhören, daran zu glauben.

Ich habe dann jetzt, nachdem meine Eltern wegfuhren, erstmal ein bisschen Gitarre gespielt (das Intro von Kathy’s Song scheint wirklich zu sitzen und ich konnte schon mit dem nächsten Stück anfangen; das Einzige, das nervt, ist die Unausdruckbarkeit der Tabs, die ich gefunden habe); das half, um runterzukommen. R sitzt längst wieder an seinem Informatikzeug. Ich könnte die Weihnachtsgeschenke verpacken. Ja, vielleicht tue ich das jetzt. Aber vorher muss ich noch Epikur recherchieren, weil Sophi am Dienstag Deutsch über Dantons Tod schreibt und wir das Thema noch nicht so ganz durchblickt haben. Sie wird es eh wieder versemmeln, in Deutsch ist bei ihr Hopfen und Malz verloren (oder eher noch gar nicht gewonnen, sie hat einfach nie richtig Deutsch gelernt), aber es interessiert mich halt auch und ich glaube irgendwie nicht, dass die Epikureer bloß die unheilbaren Zweckoptimisten sind, für die Sophi sie nach dem einen Arbeitsblatt nun hält.

Dann werde ich das jetzt also herausfinden.

Gewissensfrei

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Mir geht es wesentlich besser, seitdem ich diese Praktikumsbewerbung abgeschickt habe. Ich tue jeden Tag etwas Schönes. Gestern und vorgestern habe ich neue Ohrhänger produziert, stundenlang, und dabei in der Sonne gesessen und (im Falle der ersten Session) später dann in der Dämmerung und mich von Mosquitos attackieren lassen, während ich fluchtartig meine Perlen- und Werkzeughaufen zusammensammelte und nach drinnen verschwand.

Außerdem ermöglicht mir die Abwesenheit (fast) jedes schlechten Gewissens bezüglich anderer Dinge, die ich prokrastiniere, überhaupt erst wieder so viel mehr Tätigkeiten wirklich auszuführen. Es ist tatsächlich der Fall: Ich bin beim Prokrastinieren immerzu von meinem Gewissen geplagt. Helfen tut da nichts als die Flucht in die Gegenrichtung: Verdrängung durch Zocken oder Schlafen. Wirklich etwas Anderes zu tun kann ich mir nicht erlauben, solange noch irgendetwas Anderes ansteht, und sei es die absurdeste Kleinigkeit. Dinge, die mir guttun, dürfen natürlich nicht auch nur im Ansatz vollzogen werden, bevor die zu erledigende Aufgabe abgehakt ist. Diese wiederum zeigt sich störrisch und wird immer unerledigbarer. Ich fühle mich schlecht und muss verdrängen.

Jetzt mache ich Sachen. So gewissensfrei war ich zuletzt nach dem Bachelor, als ich wohl zum ersten Mal im Leben wirklich nichts, aber auch gar nichts zu tun gezwungen war. Nichts lag vor mir, auf das ich mich hätte vorbereiten müssen. Nichts lag hinter mir, das ich noch hätte nachbereiten müssen. Es war ein Segen. Schade nur, dass das Ganze genau zwei Wochen anhielt, bis auch schon das Trudi-induzierte Stromdesaster hereinbrach und das mehrmonatige Dauertief des Grauens mit sich brachte. Auf einmal war da gar nichts mehr zu tun außer Warten. Das ist immer das Beste. Wissen, dass du zwar so ungefähr die Welt verbockt hast, aber nichts geraderücken kannst, weil das traurige Endresultat deines Verbockens eben in vergangenen Fehleinschätzungen begründet ist und du mit den dadurch in Effekt getretenen Faktoren nichts, aber auch gar nichts zu tun hast und somit nichts, aber auch gar nichts dafür tun kannst, dass das solcherart Verbockte wieder geradegerückt wird. Also Warten. Da hatte Laura schon Recht, Warten ist furchtbar. Da griffen dann auch die altbewährten Methoden der Verdrängung. Zocken und Schlafen. Vor allem Letzteres.

Jetzt also, jetzt tue ich Dinge. Alles, was ich will. Ich lese über Pflanzen und schaue Filme mit R und verbringe Stunden auf der Terrasse und kenne jede Kellerassel da draußen beim Namen und bewerbe mich bei Nachhilfeorganisationen und mache mir nichtmal mehr Sorgen um meine Finanzen, weil (auch, wenn es nett gewesen wäre, am Ende noch ein bisschen von dem Angesparten übrig zu haben) ich auf jeden Fall genug habe, um über dieses nächste Jahr noch zu kommen, und dann, im Falle, ich kann mit der Ausbildung beginnen, auf jeden Fall wieder regelmäßig (und bei Weitem) genug zum Leben bekomme. Ich nutze meine Kamera (was auch darin begründet sein mag, dass mein Handy wahrscheinlich immer noch bei Basti liegt) und mache Musik und habe zum ersten Mal seit über zwei Jahren Impulse für neue Melodien, die ich verwirklichen kann. Bevor ich schlafen gehe, lese ich noch ein paar Seiten – jetzt, wo ich so selten aus dem Haus komme momentan (und wenn, dann meistens in Begleitung), habe ich ja nicht die Möglichkeit, im Bus zu lesen.

Ich habe mal wieder etwas über Facebook verschenkt – einen Bund Estragon und die dazugehörige Pflanze nämlich – und damit zwei netten Leuten eine Freude machen können. Ich habe mich dazu durchgerungen, den Karton mit faulen Eiern aus dem Keller zu entfernen (und glaub mir, es war nötig). Ich nehme kaum Alkohol zu mir, außer der halben Flasche von Beccis Bratapfellikör über die letzten Abende verteilt. Das freut mich immens, vor allem aber auch, dass ich es der generellen Abwesenheit von Bier in unserem Haushalt zu verdanken habe, seitdem sich R eines Tages entschlossen hat, sein täglich Bier durch alkoholfreies zu ersetzen.

Patrick geht demnächst an seinen alten Wohnort zurück und lässt uns somit in absehbarer Zeit wieder zu unserem eingespielten Zweieinhalb-Personen-Haushalt zusammenschrumpfen. Ich kann es kaum erwarten. Auch wenn Patrick nicht ganz so schlimm ist wie Arne letztes Jahr, werde ich ungeheuer erleichtert sein, wenn ich das rosa Zimmer wieder uneingeschränkt nutzen kann. Immerhin steht mein Kleiderschrank dadrin und noch ein paar andere lebenswichtige Dinge. Und da es mir höchst zuwider ist, in das Zimmer reinzugehen, solange jemand darin schläft, zockt oder sich sonstwie aufhält, fühle ich mich von Teilen meines Zuhauses auf fast so unangenehme Weise abgeschnitten wie damals durch Trudis Stromfail. (Kleiner Unterschied: Mehrmals am Tag verlässt Patrick das Zimmer, wenn auch nicht gerade so häufig, wie es mir lieb wäre, und ich kann schnell reinhuschen und mir Sachen holen und andere Dinge hineinbringen. So halte ich in meinen Klamotten eine ganz akzeptable Ordnung und komme immerhin irgendwann am Tag dazu, mich umzuziehen.)

Wie schön, dass ich geboren bin; mein Leben hätt‘ sonst wenig Sinn.

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Viel mehr feiere ich aber heute die Tatsache, dass ich es durch neun Semester Uni, Bachelorarbeit und heftigstes Wintertief aller Zeiten hindurch in eine neue Periode des Lebens geschafft habe; was die mir bringt, wird sich zeigen. I’m going with the flow, as always. Wieso mich anstrengen und in irgendeine festgelegte Richtung streben, wenn das Leben mit Tausenden davon um mich herumwirbelt. Ich wirbele mit. Planlos, aber immer bereit, mich auf alles Mögliche einzulassen.

I’m a construction site with no body plan. I’ll never be finished unless I’m shown directions.

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Genau das, was ich heute tue, hat irgendwann in ferner Vergangenheit einen Großteil meines Lebens ausgemacht: Nichts. Ich hänge mit Schlafzeug und schlechtem Gewissen im Bett, gammele, schaue mir Videos an, muss aufs Klo, bin zu faul zum Aufstehen und schreibe mit Kepa über selbstgebastelte Aufsitzrasenmäher, aka Schaf mit Stuhl drauf, eifersüchtige Kartoffeln, die auf meiner Terrasse wachsen, und Kunstwerke aus den inneren Strünken von Möhren. Nebenbei betreibe ich halbherzige, unorganisierte Recherche zur Pflanz- und Erntezeit verschiedener Gemüsesorten und verdränge konsequent die Existenz von Neurolinguistik in meinem Leben. Die sowie die akute Notwendigkeit, mich anlässlich der Klausur am Dienstag damit auseinanderzusetzen.

Tage wie heute habe ich vermisst. Auch wenn ich permanent daran denke, was ich gerade alles tun sollte und könnte.

Schrieb ich gestern um diese Zeit, bis Basti kam und wir unsere Projektfinanzen genauer unter die Lupe nahmen, ein wie erwartet deprimierendes Unterfangen. Dann rief mich Lena an, um unsere Verabredung fürs Wochenende zu konkretisieren, und nachdem sie nebenbei erwähnte, dass bei ihnen in der WG seit einer Woche der Spülen- und Spülmaschinenabfluss verstopft war, beschloss ich kurzerhand, dass mein Privathandwerker und von R respektvoll mit Kleinstadt-MacGyver betitelter Allesreparierer das in die Hand nehmen sollte. Also fuhren wir im ekligen Regen zu Lena hoch, wo Basti in Zusammenarbeit mit den restlichen in der WG anwesenden Jungs das unmöglich Scheinende möglich machte und die Siedler-WG zurück in einen spülmaschinen- und spülerfüllten Zustand führte. Dann noch Containern und ab nach Hause, wo wir wie tot ins Bett fielen und ich heute Früh nichtmal mitbekam, wie sich der Arme um halb neun Uhr auf zur Arbeit machte.

Geweckt wurde ich stattdessen um kurz vor zehn durch einen Anruf meiner Mutter. Nachricht des Tages: sie will sich von ihrem letzten Geld ein Rustico in Norditalien kaufen, 160.000m² Grundstück und ein vollständig renoviertes Häuschen mit Strom und Wasser und drei Zimmern auf drei Stockwerken. Niedliche 100m² Grundfläche, aber was will sie auch mit noch mehr Platz. Ein Bachlauf auf dem Grundstück. Fünf Kilometer zum See. Und dazu die ergreifende Zuneigungsbekundung, ich würde das Ding nichtmal bekommen, wenn sie stirbt, sofern ich nicht vorher gearbeitet habe.

Hm. So war sie schon immer. „Wir haben uns alles, was wir haben, hart erarbeitet und du wirst das Gleiche tun.“ Wirklich, ohne Sarkasmus whatsoever, ich liebe diese Einstellung. (Die sie übrigens nicht davon abhält, mir weiterhin monatlich Unsummen an Geld zu überweisen; da kann ich ihr dreitausendmal sagen, dass sie es lassen soll, sie lässt sich einfach nicht überzeugen.) Nur dass es heute natürlich wieder in ein erhitztes Gespräch über Arbeit im Allgemeinen und meine Lage im Spezifischen ausartete, freut mich wenig. Wenn ich sie nur nicht so gut verstehen könnte. Ihre Herangehensweise löst trotzdem jedes Mal wieder reflexartige Widerstandsmechanismen bei mir aus, was traurig ist, weil ich so vermutlich noch mehr den Eindruck erwecke, uneinsichtig und weltfremd zu sein. Mal ganz davon abgesehen, dass dieser Eindruck sowieso nicht unbedingt der trügerischste ist, führt es einfach nur immer wieder zu abgebrochenen Telefonaten und ekelhafter Stimmung und Hilflosigkeitsgefühl auf beiden Seiten.

Jetzt habe ich mit Trudi beschlossen, einen Versuch zu starten, natürliche Pflegeprodukte herzustellen und zu verkaufen. Damit ist selten jemand reich geworden, schätze ich, aber besser als nichts wäre es doch auch schonmal. Außerdem werde ich mich auf der Stelle umsehen, inwieweit es realistisch ist, dass Leute zu mir kommen und sich von mir helfen lassen, ihre Bewerbungen zu schreiben. Beziehungsweise wie man das erreichen könnte. Ich weiß genau, dass ich dafür geschaffen bin, Leute dabei zu unterstützen, ihre Anliegen jeglicher Art mit einer Präzision und angebrachten Wortwahl zu verbalisieren, wie sie es allein einfach nicht schaffen. Du sagst mir, was du sagen willst, und ich schreibe es für dich. Das tue ich seit Jahren für meine Freunde und Familie. Es muss einen Grund geben, warum man mit so etwas zu mir kommt. Es bereitet mir die größte nur denkbare Freude, jemandem zu ermöglichen, sich auszudrücken. Sie sind so rührend begeistert jedes Mal. Das tut mir gut; ich bin so süchtig nach Bestätigung. Das ist Arbeit, die ich gerne verrichte.

Ferner bin ich dafür gemacht, Texte Korrektur zu lesen. Ohne mich in irgendeiner Weise über den grünen Klee loben zu wollen, aber mein orthographisches und grammatikalisches Verständnis ist irgendwie doch ziemlich stark ausgeprägt. Mein eigener Freund nennt mich einen Sprachnazi (was verständlich ist, weil er wiederum selbst so sprachnazihaft durch die Welt zockelt, dass ich mich ihm gegenüber wenig bis gar nicht zurückhalte und mein Sprachnazitum praktisch in Gänze ausleben kann, ein seltenes Privileg in dieser gleichgültigen, unverständigen Welt). Fehlerhafte Texte machen mich fertig, ich kann es nicht anders sagen. Am liebsten würde ich sie alle korrigieren, alle wie sie da sind, sogar unentgeltlich, aber ich glaube, das wäre bezüglich meiner eigentlichen Lebensplanung gerade kontraproduktiv. Ebenso, wie ich am liebsten der ganzen Welt umsonst Sprachen beibringen und Nachhilfe geben würde, mich aber andererseits schrecklich aufrege, wie die Eltern meiner beiden Schüler mich bezahlungstechnisch ausbeuten. Wo ist der Mensch, der gerne von einer hochqualifizierten Person etwas lernen möchte und bereit ist, im Gegenzug dazu beizutragen, dass sie ihren Lebenszweck erfüllen kann? Wer kauft mir meine eingekochten Semmelknödel aus geretteten Zutaten in geretteten Einmachgläsern ab?

So viel zu meiner Berufung. Fragt sich, wie um alles in der Welt ich in irgendeinem der genannten Bereiche an Aufträge Schrägstrich Abnehmer komme. Werbung machen ist ja mal so gar nicht mein Ding. Und meine Qualifikationen, so real sie auch sein mögen, stehen nunmal auf keinem Papier geschrieben. Ist halt kein Stempel drauf, das will doch keiner. Dass es hierzulande wenig geschätzt wird, was man vom Leben gelernt hat, ist nicht unbedingt die neueste Neuigkeit. Aber alles Andere widerstrebt mir so über alle Maßen. Ich fühle mich schon wieder gefangen. Gleichzeitig bin ich kaum je motiviert genug, einfach mal Bemühungen anzustellen, es auf meine Art und Weise zu versuchen. „Das wird doch eh nichts“ ist der Anfang und das Ende meiner Träume gleichermaßen. Das muss ich in den Griff kriegen, sonst blüht mir eine düstere Zukunft.

Wohin der Wind uns weht.

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Mir kräuseln sich zwar so ein bisschen alle Nägel, aber da müssen wir jetzt durch. Ich hatte vor Ewigkeiten schon den Plan gemacht, eine Person damit an Weihnachten tierisch aufzuregen (und mir damals schon gedacht, „na, erstmal gucken, ob du’s so lange überhaupt noch durchhältst“). Ist tatsächlich nicht so gekommen, aber wenn ich schonmal einen Plan mache, muss ich ihn trotzdem so gut es geht ausführen. Vielleicht regt sich ja an seiner Stelle jemand anders auf; das wäre zwar weniger lustig, aber immer noch besser als gar nichts. Also, holen wir tief Luft und…

Beatles, Rolf Zuckowski, Beatles, Rolf Zuckowski. BEATLES.

Und wieder atmen.

Von der Nachricht her.. ist es tatsächlich eine Art furchtbares Destinations. (Das dürfte eigentlich für die wiederholte unangenehme Paarung in einem Atemzug mehr als wieder gut machen.) Rolf Zuckowski und diese Kinder daneben sind einfach mal das Creepigste, was mir je unter die Augen gekommen ist.

Aber das nur am Rande. Wir sind alle fleißig am Auseinanderfallen, wobei es sich ein wenig beruhigt hat und ich schätze, dass wir die Zeit bis zu ihrer Abreise morgen noch an einem Stück überstehen könnten. Es ist halt nicht wirklich Weihnachten. Wir sind zu abgefuckt für Weihnachten. Ich kann das nicht mehr lange mitmachen. Ich kann es eigentlich überhaupt nicht.

Aber gut, bis morgen schaffen wir das. Alles Andere soll dann nicht mehr meine Sache sein.

Surviving Simultánea

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Von nun an, hochverehrter Mensch/Bot/sonstwas, der/das sich dieses Gelaber durchliest – lasse dir verkündet sein – entstammt selbiges dem wenig funktionstüchtigen Hirn und (noch weniger funktionstüchtigen) Herz einer Überlebenden.

Sicher, überlebt habe ich auch zuvor schon einiges, aber ab heute bin ich offzizelle Überlebende des ersten von zwei Examen in Interpretación simultánea: inglés-español.

Um es vorsichtig auszudrücken, „ich freue mich.“

Heute Nachmittag ist Bandprobe – falls die Anderen überhaupt zum Proben kommen und ich sie nicht drei Stunden über die Prüfung zuschwalle. Was ich nicht tun werde, dafür freue ich mich zu sehr auf die Probe. Sie haben Sarahs neue Songs ausgefüllt und ich kann es nicht abwarten, sie zu hören. Sebi hat, laut Sarah, ein unerwartetes Talent fürs Djembespielen entwickelt, was herrliche Neuigkeiten sind – komme ich vielleicht doch drumrum, ihn, wenn ich erstmal zurückbin, vor lauter Frustration aus seiner eigenen Band zu kicken? Zu schön, um wahr zu sein, wäre das. (Und die Gewissheit, dass ich überhaupt die „Macht“ hätte, es zu tun, ist mir unheimlich, da ungewohnt.)

Alternativ hatte ich mit Sarah aber auch schon diskutiert, uns mal umzusehen, wenn ich wieder dabin, ob wir nicht eventuell ein neues Projekt mit anderen Leuten aufmachen, bei denen vielleicht auch die Prioritäten ein bisschen mehr in Richtung unserer eigenen liegen. Es kann im Prinzip nur besser werden, und darauf freue ich mich.

Desert Always Wins

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Ostern 2012, revisited. Oder war es dieses Jahr erst?
Jedenfalls habe ich heute Nachmittag erneut Kämpfe mit meiner Mutter über Skype ausgetragen, die den Verbleib meines Klaviers zum Thema hatten, und, wie hätte es anders auch kommen sollen, deren Ausgang sich weniger glimpflich als zuvor gestaltete.
Ich komme mir vor wie so ein Wüstenvolk im immerwährenden hoffnungslosen Versuch, ihre Oase vor dem unaufhaltsamen Vormarsch der Sahara zu bewahren. Sie dagegen kommt sich nun zwar vor „wie der letzte Arsch“ – unverdient, ihrer Meinung nach, und allein weil ich es ihr durch sachliches Argumentieren und Darlegen meiner Sicht der Dinge impliziert hätte – aber das ändert nichts daran, dass meinem treuen altersschwachen Instrumentchen („hässliches, wuchtiges Nussbaumding – nimmt ein Viertel des Wohnzimmers ein“) nunmehr das ungewisse Schicksal eines Transportes in den Keller bevorsteht.

Ungewiss, who am I kidding. Das Ding ist dem sicheren Tode geweiht, wenn man es nur einen Zentimeter von der Stelle rückt. Aus welchem anderen Grund würde es sonst überhaupt noch im Haus meiner Eltern stehen. Den Rest seines Daseins wird es also im „beheizbaren“ (- ja, und die 99% aller Zeit, in denen er ungenutzt ist, schweinekalten) Musikzimmer neben der Tiefkühltruhe, dem Rest des alten Zimmerbrunnens, Boxen und Schränken voller Ramsch, Weihnachtsbaumschmuck und Osterdeko verbringen, welches seinen Namen noch aus der Zeit der Vorbesitzer hat, deren Klavier vor zwanzig Jahren ein ebenso unwürdiges Ende zuteilgekommen war.

Und das ist immer noch die Optimallösung. Sie hätten es auch weggeben können. Which would have left me completely and utterly klavierlos, 365 Tage im Jahr. Und immerhin, auch wenn mein Liebes heutzutage schon nicht mehr das Frischste ist, durchgehämmertes Filz, knarzende Pedale und Percussioneffekte inklusive, hat es immer noch den schönsten Klang, dem ich bis dato begegnet bin. Weitaus schöner als der Flügel meiner Klavierlehrerin, wie sie selbst zugegeben hat, als sie mal bei mir war. (Zugegebenermaßen, das ist zehn Jahre her.)

Wird Zeit, dass ich mich auf die Suche mache, wenn ich nach Hause komme. Erstmal nach einem Ort zum Wohnen, der nicht 12 Quadratmeter groß ist und in dem es mir erlaubt ist, eigene Möbel zu besitzen, und dann nach einem neuen Gebrauchtklavier, dem an einer meiner Wände sein Gnadenbrot zukommen kann.

Stellt sich natürlich die Frage, ob es Sinn macht, mir eins zu holen, bevor ich weiß, wo ich die nächsten paar Jahre wohne. Oh, aber gar nicht dran denken, da dreh ich ja durch. Es gibt zu viele Möglichkeiten und gleichzeitig zu wenige und vor allem nichts, wofür ich bisher bereit wäre, das gerade aufgebaute Zuhause zu verlassen. Keine Kontinuität, Stabilität, Sicherheit, Permanenz, Konstanz irgendwo in Sicht. Nichtmal zu Hause, wo man gerade Letztere doch zumindest dem Wort nach erwarten könnte, wo aber alles, was ist, wieder nur von instabilen Komponenten abhängt – Menschen, mit anderen Prioritäten, mit deren Kommen und Gehen alles steigt und fällt. Deshalb kann ich mich ja selbst dort nicht in „Sicherheit“ wähnen.