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Weniger Nebel

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Die Sonne kam wieder hervor im Laufe des Tages; Wahnsinn, was das für einen Unterschied macht. Für den Fall, dass die Apokalypse je so eintritt, wie sie in The Road gezeichnet wird, kann man sich darauf verlassen, dass ich den Weg der Mutter gehe. Ein Leben ohne Sonne ist einfach kein Leben.

Das Erscheinen von Sonnenlicht war jedoch nicht ausreichend, um mich aus dem Haus zu bekommen, denn ich bin seit gestern von einem üblen Schnupfen befallen – es sieht so aus, als hätte mich Mamas Erkältung doch noch eingeholt. In der Hoffnung, dass es morgen wieder abklingt, habe ich mir trotzdem vorgenommen, den Ausflug zum Gemüseholen nicht länger aufzuschieben und es morgen zu erledigen, ob krank oder nicht.

Im Grunde freue ich mich sehr darauf, mich in einen rausgehfähigen Zustand zu versetzen. Dieser Ausflug zum Türkenladen ist das, was zu Hause das Altglaswegbringen ist – so viel schaffe ich einzuräumen, selbst ohne großartig Verdrängmechanismen abbauen zu müssen: ein Happening. Nicht umsonst habe ich Sebi gegenüber in einem Versuch, zu erklären, wie es um mein Leben momentan bestellt ist, die Formulierung „Müll rausbringen ist ein Highlight“ verwendet.

Erstmal aber freue ich mich auf die nächste Tasse Tee und darüber, dass ich vermutlich demnächst noch mit R reden werde. Dann versuche ich, etwas früher ins Bett zu kommen, um den morgigen Tag nicht nur erholt, sondern auch zu einer einstelligen Uhrzeit beginnen zu können.

Die Stimme aus dem Vakuum

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Wie praktisch jeden Abend denke ich mir, dass ich nichts zu sagen habe. Wozu soll das gut sein? Schreiben ist heilsam? Wenn ich mich durch Schreiben davon heilen könnte, dass mir jegliches Bedürfnis danach abhanden gekommen ist, müsste sich das doch langsam bemerkbar machen.

Wenn mir das Schreiben die Freude an Dingen wiederbringen könnte, die mir selbst zu elendsten Zeiten Freude bereitet haben.

Das tut es nicht, aber es hilft, mentale Barrieren zu überwinden. Auf diese Weise bin ich gezwungen, anzuerkennen, dass ich eine leere Schale wäre, würde man die zumeist sorgsam verdrängte Trauer um alles Verlorene herausnehmen.

Nun stehe ich vor dem Problem, dass derartige Eingeständnisse, sobald sie denn einmal gemacht sind, dazu tendieren, rasant anzuschwellen, mit all ihren emotionalen Implikationen lawinenartig herabzustürzen und mich darunter zu verschütten. Der Prozess mag notwendig und auf lange Sicht unumgänglich sein, aber ich fühle mich der Erstverschlimmerung nicht gewachsen. Vielleicht ist diese Abgelegenheit nicht der richtige Rahmen dafür.

In einer Woche bin ich wieder zu Hause. Eventuell sollte ich bis dahin die Konfrontation von Lebenskrisen vermeiden.

Achievements

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Errungenschaft des Tages: ich habe eben meinen Scribbr-Account wieder aktiviert.

Ansonsten ist mir nicht wirklich etwas passiert. Nachdem gestern die sozialen Kontakte noch weiter aus allen Löchern gekrochen kamen (ich habe abends noch zwei Stunden mit Simone telefoniert sowie ein bisschen mit R und dann auch noch die Motivation aufgebracht, auf Sebis Frage nach meinem Befinden zu reagieren), war heute wieder Netflix meine treue Gesellschaft.

Ich habe den zweiten Tag in Folge lediglich einen einzigen Tropfen Medi zu mir genommen und spüre gar nichts, weder körperliche Entzugserscheinungen noch gesteigertes mentales Unwohlsein. Das hätte ich noch vor einer Woche nicht erwartet. Vielleicht kann ich es doch tatsächlich schaffen, irgendwann auf null runterzukommen. Aber selbst wenn nicht, ist es schon mal ein beachtlicher Fortschritt, mich auf so eine Erhaltungsdosis von einem Milligramm heruntergearbeitet zu haben. Und eine glückliche Fügung, dass ich vollkommen allein hier vor mich hinexistiere, ohne dass mich irgendetwas aus der Bahn werfen könnte. Noch nicht mal ich selbst werde mir sonderlich gefährlich, da die zentralen Verdrängungsmechanismen über weite Strecken nach wie vor funktional sind. Alles, was ich schaffen muss, ist, den ein oder anderen Aussetzer zu überleben, bis ich soweit bin, den Dingen kampfbereit entgegenzutreten.

Musings of a Moorleiche

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Das Ergebnis von einer Stunde ziellosen Durchblätterns meines Blögchens: Meine Vergangenheit überfordert mich und meine Gegenwart entsetzt mich.

Nein, warte, anders: Das Zurückblicken auf meine Vergangenheit überfordert mich, und mich entsetzt, was und wie ich mir erlaubt habe zu werden.

Ich hab‘ immer gekämpft; wann habe ich aufgegeben?

Und was ist mit dem Leben passiert, das ich mir so hart erarbeitet hatte? Wohin hat sich das verflüchtigt, als wäre es nie dagewesen? Und wie ironisch ist das bitte, dass ich mir gefestigter vorkomme denn je, aber von all meinen Errungenschaften gerade genug geblieben ist, um mich auf Sparflamme warm zu halten?

Ich kann nicht zu gründlich darüber nachdenken, weil sonst alles explodiert. Als wäre ich ewig mit einem riesigen Pickel im Gesicht herumgelaufen und hätte ihn einfach ignoriert, bis ich gerade nicht mehr anders konnte, als einmal dran zu drücken. Jetzt muss er vorsichtig ausgequetscht werden, um nicht die physische Unversehrtheit meines Gesichts sowie des Badezimmerspiegels durch übereifriges Zupacken in Gefahr zu bringen.

Ich muss gedacht haben, ich könnte mich einfach mal ausruhen. So ein Humbug; als wüsste ich nicht, dass die Arbeit nie aufhört. Sie darf nie aufhören. Sonst passiert das hier.

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Seit heute Früh bin ich allein. Es fühlt sich ganz anders an als im Sommer, but then, what doesn’t?

Ich habe einen Großteil des Tages in dem Glauben gelebt, es wäre Donnerstag. Selbst als mich Regula anrief (die Frau des Arbeitgebers meiner Mutter, die mich für Samstag zu sich nach Zürich zum Essen eingeladen hatte) und immer wieder von „morgen“ sprach, habe ich es noch nicht begriffen. Erst nach dem Telefonat sickerte es langsam ein. Eigentlich bin ich heilfroh, weil das bedeutet, dass die eine Verpflichtung, die ich mir eingehandelt habe, morgen bereits erledigt sein wird, andererseits ist es ja genau dieses unbedingte Fernhaltenwollen von jeder (sozial oder anders gearteten) Aktivität, das mein Dasein seit geraumer Zeit prägt und dazu führt, dass ich mich in meiner Vereinsamung lebendig begrabe.

Es wäre wirklich mal wieder an der Zeit, sich an den Haaren zu packen und aus dem Sumpf zu ziehen. Stattdessen scheine ich mich von lichten Flecken in der ehemals so bezaubernden Haarpracht dazu veranlasst gesehen zu haben, mir den Kopf völlig kahl zu rasieren. Das morgen ist ein Haar, das der Sense entkommen ist. Zu erwarten, dass das eine dünne Ding nun robust genug ist, um einen ganzen Menschen daran aus schlammigen Gefilden zu befreien, wäre wohl wenig realistisch. Aber wenn ich es wachsen und das Rasieren sein lasse, kann ich es doch bestimmt irgendwann wieder zu einem halbwegs respektablen Schopf bringen. Und wenn ich wieder etwas habe, an dem man ziehen kann, nunja, dann muss ich daran ziehen.

Bevorstehende Busfahrten und schwer erziehbare Anteile

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Mein Bus in die Schweiz geht um 1.50 Uhr. Ich muss noch einige Sachen einpacken, aber im Großen und Ganzen bin ich für die Reise gerüstet. Entgegen meiner Gewohnheit habe ich mir vor zwei Stunden noch einen Kaffee einverleibt; mit meiner Geschichte riskiert man vor Nachtreisen am besten so wenig Müdigkeit wie möglich.

R ist, wie auch gestern schon, besonders entgegenkommend in seiner Abendplanung und hat sich lediglich die letzten zwei Stunden zum Lernen verkrümelt. Ich habe derweil einfach weiter Dark-Bingewatching betrieben und wenn ich ihm gleich bescheid gebe, dass ich mit der Folge fertig bin, kommt er und wir verbringen noch etwas Zeit zusammen. Dann wird er irgendwann ins Bett gehen und ich muss die letzte Stunde, bis ich losfahre, allein warten.

Die Therapeutin sagte heute, ich müsse die Moderatorenrolle gegenüber diversen meiner miteinander in Konflikt stehenden Anteilen wieder einnehmen, sonst würde alles aus dem Ruder laufen. Eine unangenehme Wahrheit, welcher mich zu stellen ich mir in der nächsten Zeit dringend zur Aufgabe machen sollte.

Versumpfen, aber woanders

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Und schon wieder ist es zu spät, um mir über einen sinnvollen Eintrag Gedanken zu machen. Immerhin aber hat sich heute zumindest streckenweise der Lethargieschleier gelichtet, sodass es mir nicht ganz so unbegreiflich ist, wie ich es den ganzen Tag über nicht schaffen konnte.

Spätestens am Freitag werde ich aber wirklich nicht mehr wissen, wohin mit meiner Zeit, wenn ich dann wieder zwei Wochen allein in der Wohnung meiner Eltern vor mich hinexistiere. Natürlich macht es objektiv keinen Unterschied, an welchem Ort man versumpft, aber irgendwie erhoffe ich mir von dem Unterfangen eine positive Wirkung. Letztes Mal hat das doch auch so schön geklappt.

Licht, Ende, Tunnel, Zug

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Heute kam R nach Hause und fragte mich, wie er mir helfen könne, aus dem elendigen Limbo herauszukommen, in dem ich momentan festsitze. Das war unerwartet, das passiert nicht oft. Ich war sehr glücklich darüber, auch wenn ich ihm gesagt habe, dass ich mich wohl selbst da herausbugsieren muss, ebenso wie ich mich selbst hineinmanövriert habe.

Im Nachhinein fällt mir gerade ein, dass ich ihn hätte bitten können, mir mit Motivation und Impulsen behilflich zu sein. Ich weiß ja, dass ich das gut gebrauchen könnte – jemanden, der mich mitzieht. Andererseits hat er weder Lust noch Zeit, mich und sich selbst nach der Arbeit auf irgendeine Weise nach draußen zu bewegen, und ich bin gegenwärtig, fürchte ich, über den Punkt hinaus, an dem es mir noch geholfen hätte, hätte er ab und an aus der Arbeit angerufen. Manchmal, zu anderen Zeiten, wirkt so ein Telefonat Wunder, dann lege ich auf und werde erst richtig wach und tatkräftig.

Letzten Endes darf ich nicht davon abhängen, dass Andere mir helfen. Ja, es gibt Menschen, die das könnten; ich habe einen erwischt, der anderweitig beschäftigt ist. Das ist nicht sein Problem. Je weniger ich erwarte, dass man mir hilft, desto mehr der bei mir selbst liegenden Verantwortung bin ich gezwungen anzuerkennen. Außerdem hat es mir heute bereits gut getan, dass er mehrere Minuten lang aufrichtig an meinem Leben (oder Mangel dessen) interessiert war, obwohl er morgen das Vorstellungsgespräch und heute dementsprechend schon Panik hat.

Wenngleich ich auch seine Drohung, mir eine Monats-Buskarte auszugeben, damit ich mich nicht länger selbst in der Wohnung einsperre, vehement abgewehrt habe.

Unglaublich. Er hat soeben seine feierabendliche Programmiertätigkeit unterbrochen und kam aus dem Schlafzimmer raus. Während er zwischen Küche und Wohnzimmer hin- und herpendelte und wir ein paar Worte wechselten, ist er schon wieder ohne ersichtliche Notwendigkeit auf mich eingegangen.

Am Anfang des Gesprächs stand R’s Überlegung, dass es nicht schaden würde, weniger Bier zu trinken. Ich äußerte meine Zustimmung und bekundete anschließend, ich würde auch nicht verstehen, warum ich so viel Bier trinke, vor allem im Angesicht der Tatsache, dass ich davon nachts pinkeln muss und immer mit voller Blase aufwache, wenn sein Wecker klingelt, dann aber zu faul bin, um aufzustehen, und folglich bis 10 Uhr mit derselben vollen Blase im Bett liege. Seine Reaktion: vielleicht sei es sinnvoll, dann einfach früher aufzustehen. Du kannst nicht nachvollziehen, wie wertvoll für mich diese Begebenheit war, in dem er einfach kohäsiv mit dem Gesprächsinhalt bei mir blieb und nicht gleich wie ein Flummi wieder abprallte und auf sich zurücksprang. Ich glaube, das klingt einfach nur wirr. Aber macht ja nichts; ich freue mich, das ist die Hauptsache.

Unerhört…

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Das Bier hat mich angelogen. Ich habe am Nachmittag meine Welde-Flasche gefragt, ob ich im weiteren Verlauf des Tages noch motiviert werden würde, einen Blogeintrag zu schreiben, und der Deckel hat ‚ja‘ gesagt.

So ein Quatsch. Ich bin nicht motiviert, sondern müde und furchterfüllt angesichts der Tatsache, dass ich morgen früh aufwachen muss. Ein Glück ist der Kaffee schon fertig.

Und ich freue mich darauf, mit der Therapeutin zu reden. Meine Medi-Ausschleich-Aktion verläuft weiterhin erfolgreich, aber ich kann nicht behaupten, dass die mittlerweile 80-prozentige Reduzierung der Dosis sich nicht ab und an bemerkbar macht. Da jemanden zu haben, mit dem man sich kurzschließen kann, ist mir schon enorm wichtig.

Also dann, ich sollte schlafen gehen.

Maybe this will help.

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Unfassbar – ich habe es geschafft: eben war ich bei der Ärztin und habe mir Medis verschreiben lassen. Es hat einen Anruf, einmal Bergrunterfahren und ein äußerst angenehmes Gespräch gebraucht, um an das Rezept zu gelangen. Beim besten Willen also nichts, das das Vermeidungsverhalten rechtfertigen würde, das mich in diese Lage überhaupt erst gebracht hat.

Die Apotheke bekommt sie heute Nachmittag geliefert. Nachdem die völlig frustrierte Apothekarin mir erörtert hat, dass Großbritannien gerade brexitbedingt Medikamente hamstert sowie eine Starkstromleitung durch de Eurotunnel verlegt, um Strom aus Europa beziehen zu können, kann ich mich augenscheinlich glücklich schätzen, den Stoff überhaupt zu bekommen. Es wäre schon bitter gewesen, wenn zu allen fatalen Auswirkungen dieses politischen Desasters auch noch mein Suizid hinzugekommen wäre.

Nuja, erstmal abwarten, ob Escitalopram den entscheidenden Faktor darstellt, der meinen Geisteszustand wieder geraderückt.

Gestern um diese Zeit…

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Frisch geduscht sieht alles besser aus. Nicht nur ich selbst, auch wenn die Besserung an meinem eigenen Beispiel am deutlichsten sichtbar wird.

Auch dass mein Klärungsversuch gestern Abend nur so semi-gut aufgegangen ist und R sogleich aufs Anschaulichste demonstrierte, dass er nicht wirklich etwas von dem begriffen hatte, um das ich ihn gebeten hatte, indem er zum unpassendsten Zeitpunkt und auf die unangemessenste Art und Weise mal wieder seine Unzufriedenheit mit dem Monodasein verkündete, ist etwas besser auszuhalten. Dabei hat die Dusche geholfen un Becci, die mir heute und gestern in Gesprächen der Sorte zur Seite stand, die ich früher öfter geführt habe und deren Wert mir schon gar nicht mehr wirklich bewusst war. Wann habe ich aufgehört, meine Freunde um Hilfe zu bitten?

Nunja. R scheint der Meinung zu sein, dass mein Sozialleben zu wünschen übrig lässt, und forderte mich gestern auf, mir mehr Freunde zu beschaffen. Wohl in der Annahme (wie Becci heute richtig feststellte), meine Ansprüche an ihn als Partner würden damit zurückgehen. Er hat es nicht so ganz durchblickt.

Nun schreibe ich mit Williams, meinem sehr anhänglichen bolivianischen Kumpel. Er gib sich nicht mit einem groben Lagebericht zufrieden und hat darauf bestanden, dass ich ihm Einzelheiten erzähle. Eigentlich habe ich wenig Lust darauf, denn er kennt mich kaum und R überhaupt nicht. Was soll das bringen?

Oh well. Williams mit seiner Latino-Mentalität wird nun auch nichts weiter tun als R aufs Übelste verteufeln, was mir halt auch nicht hilft.

Oh, worauf habe ich mich eingelassen? Jetzt darf ich Williams das Konzept Polyamorie erklären. Aaaah, ich wollte doch eigentlich nur kurz schreiben, damit  er sich nicht vergessen fühlt.

Na gut, das wurde eine längere Unterhaltung. Jetzt aber ist sie zu Ende – der liebe Williams, so eine gute Seele – und gleichzeitig habe ich von Kepa in Aussicht gestellt bekommen, in seinem zukünftigen gegenwärtigen Baserri wohnen zu dürfen. Zwar gehe ich einfach mal davon aus, dass sein Angebot von vor ein paar Jahren nicht mehr steht, dem zufolge ich jegliche Mietschulden durch Baumumarmen hätte begleichen können, aber da findet sich ein Weg.

Das war gerade einfach zu hundert Prozent unerwartet und kam gleichzeitig so exakt zum richtigen Zeitpunkt.

…Schrieb’s, fing an zu gitarrieren, wurde von Simones Anruf abgelenkt und bemerkte einen Tag später, das der Eintrag unvollendet war. Ich habe inzwischen die Verdrängung ihr Handwerk verrichten lassen, bin so gut wie wieder hergestellt und keinen Schritt weiter, aber was soll’s. Erstmal ist es mir wichtiger, am Leben zu bleiben.