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Atzo baino gehiago

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Wie wahr, wie wahre Worte doch Berri Txarrak in die Welt gesetzt haben, als sie Ikasten schrieben: Gaur atzo baino gehiago dakit, baina bihar baino gutxiago.

So weiß ich heute zum Beispiel, dass ich gestern Abend ein relativ scheußliches Erlebnis hatte, welches als Suppendrama in meine persönliche Geschichte eingehen wird. Daran waren R und ich selbst, eine Schüssel Brühe und ein grippeinduzierter Fieber- und Entkräftungsanfall meinerseits involviert und wollten alle nicht so recht zueinanderfinden.

(Um das konkreter auszuführen, damit ich mich nicht in ferner Zukunft wieder über meine nutzlosen vagen Ausführungen aufrege:

Kennst du das? Du bist krank daheim und hast aus Mangel an Energie und Motivation dazu seit Tagen nichts Gescheites gegessen. Auf einmal wird dir kotzübel und schwummerig. Dir fällt eben beschriebener Umstand auf, das hilft dir nur leider jetzt auch nicht mehr. Du wankst in die Küche und holst dir einen Behälter zum Reinkübeln (genauer gesagt, deine bewährte Kotztasse aus Zeiten der Hyperemesis) und ein Glas Wasser. Du schleppst das alles und dich selbst zur Couch und lässt dich darauffallen. Dir ist kalt, aber so richtig. Du fängst an zu zittern. Die Tür ist auf und es kommt frische Luft rein, aber eigentlich sollte dir nicht so kalt sein bei dem schönen Wetter. Du breitest die Sofadecke über dir aus und verbrauchst dadurch wertvolle Energiereserven. Du weißt ziemlich genau, dass du am besten vorgestern irgendwelche Nährstoffe zu dir nehmen solltest. Die Erinnerung an deine kurze Schwangerschaft und die damit verbundenen Höllenkotzqualen fesselt dich an die Couch. Neben dir liegt dein Handy. Du überlegst, ob es den Kraftaufwand wert ist, es zu bedienen, und entscheidest dich dafür. Du rufst deinen langjährigen Partner an, der bereits aus der Arbeit rausgekommen sein müsste. Du stellst erfreut fest, dass du durch Anschalten der Lautsprecherfunktion den dazu benötigten Energieaufwand minimieren kannst. Er nimmt ab. Du fragst, ob er schon auf dem Heimweg sei. Er sagt, er wolle noch kurz bei einem Kumpel vorbeischauen, was besprechen. Du sagst „ach so“ und lässt dir schließlich entlocken, dass es dir nicht so sonderlich geht. Er fragt, ob er dir was Gutes tun könne. Du sagst „Suppe“. Er sagt, okay, dann werde er seinem Kumpel absagen und heimkommen. Du bist sehr erleichtert, bedankst dich und legst auf. Es wird dir unerträglich kalt. Deinen Körper durchdringen Gliederschmerzen. Besonders schlimm ist es im Rücken. Du willst dich alle paar Sekunden am liebsten anders hinlegen, aber das nimmt zu viel Kraft in Anspruch. Du brauchst diese Suppe. Du ziehst in Erwägung, deinen Partner nochmal anzurufen und ihn zu bitten, mit dir zu reden, während er nach Hause fährt und du auf die Suppe wartest, um das Rumliegen und Warten erträglicher zu machen. Du entscheidest dich dagegen, weil du nicht nerven möchtest. Eine halbe Stunde vergeht. Du hast es gerade geschafft, einzuschlafen, dann ertönt das Schlüsselgeräusch und dein Partner tritt ein. Deine Erleichterung ist so groß, dass du bei seinem Erscheinen gleich wieder ein Stück lebendiger wirst und mit ihm reden kannst, obwohl du gerade noch dachtest, du könntest gar nichts mehr. Du bleibst liegen, ohne dich zu bewegen, und weißt: eine halbe Minute noch, dann ist die Bouillon fertig und alles wird wieder gut. Dein Partner begibt sich in die Küche und setzt Wasser auf. Er fragt, ob du Flädle in die Brühe möchtest. Du sagst nein, einfach nur Brühe. Womit denn, fragt er. Brühwürfel, sagst du. Er sagt, dass es schon cool wäre, Flädle in die Brühe zu geben, dann hätte er auch etwas zu essen. Dir wird das langsam zu anstrengend, aber du antwortest ihm, er könne in seine Suppe ja Flädle machen, du hättest gern nur Brühe. Er steht in der Küche und tut etwas, das sich anhört wie Kartoffelnschälen. Dann fängt er mit etwas an, das dem Geräusch nach das Schneiden von Kartoffeln sein könnte. Ganz sicher bist du dir nicht, weil du ziemlich sicher nicht deinen Kopf hochheben und nachsehen wirst. Es sind Minuten vergangen. Du fragst, ob die Brühe fertig ist. Er sagt, er würde jetzt was Richtiges in die Brühe machen. Dann fragt er, ob du noch zehn Minuten aushalten würdest, bis es fertig ist. Du sagst NEIN. Du brauchst jetzt deine Suppe. Er wird laut und führt an, er könne nicht zaubern. Du entgegnest fassungslos, dass alles, was er tun müsste, wäre, einen Brühwürfel in eine Schüssel mit warmem Wasser zu geben. Er schreit dich an, die drei Minuten hättest du ja wohl noch und sein Tag sei ja auch nur verdammt stressig gewesen. Du wiederholst, du bräuchtest deine Brühe jetzt. Er weigert sich und schneidet ungerührt seine Kartoffeln weiter. Deine Hilflosigkeit und seine Unmenschlichkeit schicken sich an, dich in ungeahnte Sphären der Verzweiflung zu katapultieren. Du entziehst deinem Energiereservoir die letzte Ration und teilst ihm mit, wenn er es nicht schaffen würde, dir deine Brühe jetzt zu geben, würdest du ihn bitten, dass er ausziehe. Du vernimmst Geräusche der Boullionproduktion und dazu die Entgegnung, er werde sich das überlegen, sowas müsse ja echt nicht sein hier. Dann stellt er dir die Schüssel auf den Tisch und geht zurück in die Küche. Du kannst die Brühe riechen. Du machst dir einen Plan, wie an die Brühe heranzukommen ist. Aus der Küche ertönt der Hinweis, die Brühe würde auf dem Tisch stehen. Du setzt deinen Plan in die Tat um und bewegst deinen Körper mit einem Ruck in Richtung der Schüssel. Leider erfordert das mehr Energie, als du übrig hattest, und du klappst über der Schüssel in einer Mischung aus Nerven- und Körperkollaps zusammen. Du greifst nach dem Löffel. Leider zitterst du unkontrolliert und schlägst damit die heiße Suppe über deine Hände, ins Gesicht und auf den Tisch. Du kannst nicht aufhören zu zittern. Dein Partner kommt wieder und fragt, ob er dir jetzt die Suppe zum Mund führen soll. Seine Hand hält den Löffel ruhig und du kannst die ersten Schlucke lebensspendender Nahrung einnehmen. Mit zunehmendem Brühepegel kann dein Körper sich wieder beruhigen. Dein Partner hat inzwischen festgestellt, dass du deine Suppe ja augenscheinlich tatsächlich gebraucht hast, und sich entschuldigt, um dann wieder in die Küche zu seinen Kartoffeln zu entschwinden.

Du kennst das nicht? Also, ich jetzt schon.)

Ich habe ferner aus dieser Begebenheit gelernt (abgesehen von der offensichtlichen Tatsache, dass es ein grober Fehler war oder wäre, R mein Leben in die Hand zu legen), dass ich wirklich daran zu arbeiten habe, rechtzeitig und deutlich um Hilfe zu bitten. Ohne Spielraum für „wenn du willst“ oder „wann du kannst“ oder „es wäre schön“. Ich muss mich nicht wundern, wenn eine Situation verkannt bzw. unterschätzt wird, wenn ich mein Möglichstes tue, um weniger hilflos dazustehen, als ich es bin. Das ist ein riesiger Knackpunkt von mir. Ich habe mich auch dafür bei R entschuldigt mit dem erklärenden Zusatz, dass ich es hasse, um Hilfe zu bitten, und es meistens zu spät tue. Insgeheim bin ich trotzdem verstört darüber, wie er es schafft, mich nach der langen Zeit so schlecht zu kennen. Ich bin wirklich sehr leicht kennenzulernen, wenn man möchte. Aber da haben wir es ja schon. Da liegt das Problem.

Heute geht es mir wieder besser. Ich habe den Abend dann mithilfe von zwei Paracetamol noch ganz gut über die Bühne bekommen. Nachts kam das Fieber wieder, aber ich wollte nicht noch eine Tablette nehmen. Der Bettbezug, den wir im Sommer als Decke benutzen, ist zu dünn für eine Person, und mir wurde ziemlich kalt darunter irgendwann. Aber R hatte gesagt, er würde nicht mehr lange machen, und natürlich fiel es mir nicht ein, ihn zu fragen, ob er ins Bett kommen möge. Zum Einen ist mir bei sowas meine eben erläuterte vollkommene Unfähigkeit im Weg. Zum Anderen das Alien, das mir seit jeher vorschreibt, zu warten, bis sich der Zustand von selbst ändert. Und zum Dritten hat meine Erfahrung gezeigt, dass R nicht der Mensch ist, der ins Bett kommt, weil seiner Freundin kalt ist. Ich bekomme einiges raus aus ihm und einiges hinein, aber das Fürsorge-Gen nicht, das fehlt ihm einfach. Und wenn ich es mal so sagen darf: darunter leide ich ziemlich.

Flamish Invasion

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Now in Stockholm. Ich habe noch original nichts von der Stadt gesehen, was daran liegen könnte, dass ich den gestrigen Tag bis vier Uhr nachmittags im Koma verbracht habe. Aber dafür gibt es ja noch heute und morgen. Sarah ist ins Vasa-Museum gegangen, mit dem Ägypter, den wir gestern hier im Hostel kennengelernt haben. Ich bin ja mal so überhaupt nicht für Kriegsschiffe zu begeistern und immer noch der Meinung, das einzig Gute an der Vasa sei gerade ihr erbärmliches Ende gewesen. Und dafür muss ich keinem Museum horrende Summen an Eintritt zahlen.

Umso mehr freue ich mich auf den Nachmittag; wir treffen uns um 2, um (zusammen mit einer Kompatriotin Sarahs, Zimmergenossin und ganz nett, sowie ihrer hier ERASMUS machenden Freundin) ein bisschen herumzustromern und uns eventuell einer dieser Gratis-Walking-Tours anzuschließen.

Nach dem ausgiebigen Schlafmarathon gestern habe ich natürlich ausgezeichnet einschlafen können nachts. Es war ungefähr das Furchtbarste, das mir passieren konnte, da wach in einem von fünf anderen Menschen bevölkerten Zimmer herumzuliegen und nichts tun zu können. Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme. Meine Insecurity Issues nehmen Überhand. Ich habe teuflische Stimmen im Kopf nachts, die mir einreden, ich hätte alles falsch gemacht. Die mir sagen, wie feige ich sei, wie unmenschlich feige. Dass ich mich in die Fassade eines Lebens hineinmanövriert habe wie ein Parasit, mit jemandem, der dieses Leben nicht möchte. Ich baue darauf, dass die Realität mir bald wieder eine andere Geschichte erzählen wird. Ich muss nur wieder nach Hause kommen.

Aber davon nun genug. Ich bin von Licht und schlechter Musik umgeben, habe Kaffee und Brot mit Spiegelei gefrühstückt (ich habe zwei Eier und ein Stück Brie in dem herrlich ergiebigen Fundus an hiergelassenen Lebensmitteln früherer Hostelgäste aufgetan und mir und der Flämin je eins zubereitet) und mache mich jetzt langsam mal auf in die Stadt. Ein bisschen kann ich ja wirklich schonmal auf eigene Faust erkunden, wenn ich schon bereits den zweiten Tag in Folge so dermaßen faul begonnen habe. Es ist das wunderbarste Wetter da draußen. Geld wechseln und mir ein Tagesticket für die öffentlichen Verkehrsmittel holen, das werde ich tun.

Zuvor aber noch eine erstaunliche Nachricht: Offenbar habe ich Internet in meiner Wohnung. Das wäre doch mal was, nach vier Monaten Warten. Man wird sehen.

Ventilatorwetter

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Postkarten sind verschickt. Nur fünf Stück diesmal, nach dem kroatisch-italienischen Rundschlag von vor einem Monat. Wir werden die Fähre nach Stockholm um neun Uhr nehmen, soweit ich das verstanden habe – mangels Internet (und Motivation, selbstredend) habe ich mich so gut wie gar nicht an der Reiseplanung beteiligt und bin schon ziemlich froh, dass Susmita so einen unmenschlichen Drang nach lückenloser Informiertheit mit sich bringt.

Ich bin bei ihr und Debanga daheim, während die beiden in der Arbeit sitzen und Sarah nochmal in die Stadt gegangen ist; mir hat der Ausflug heute Früh gereicht und ich freue mich tierisch über die paar Stunden Zeit für mich selbst. In aller Ruhe ein paar Facebooknachrichten lesen und schreiben, wann hatte ich das schon zuletzt.

Unser Internet sollte demnächst geliefert werden, ich bin da jetzt ganz zuversichtlich. Wie ich aus dem ersten Vertrag herauskomme, werden wir noch sehen; Unitymedia zeigt sich höchst kooperationsunwillig. Nachdem sie mir Ende Mai versichert hatten, ihr Dienst wäre bei mir im Gebäude verfügbar, ihnen dabei jedoch entfallen war, dass dies nicht auf meine Wohnung zutrifft, habe ich ein paar nette Monate auf dem Berg in der Hoffnung verbracht, mir die entsprechende Leitung noch legen lassen zu können. Bis der Herr Verwalter dann irgendwann doch mal soweit war, die für Ende Juni angekündigte Eigentümerversammlung einzuberufen, war es Ende Juli, und vier Wochen später war dann auch klar: Nee, geht nicht.

Nun stecke ich mitten im Zweitversuch bei der Telekom, habe R mein Handy daheim gelassen und bin gespannt, ob sie sich inzwischen darüber gemeldet haben, wie es geplant war. Und ob sich das Ganze noch bis zum Beginn meines Studiums Mitte Oktober regelt.

Ja. Turku ist ganz nett, wobei ich Helsinki interessanter fand – mal davon abgesehen, dass das Leben in beiden Städten gleich teuer ist. Helsinki hat extremen Flair. Ich habe meiner Mutter geschrieben, sie solle doch um Himmels Willen dort hingehen, sie würde es lieben. Sarah und ich haben gestern den halben Tag in der Burg von Turku verbracht, was ganz schön war, aber meine Kapazität für Museumsbesuche diesen Urlaub mehr als ausgeschöpft hat. Stockholm erlebt mich daher nicht zusammen mit Sarah im Vasa-Museum – vermutlich werde ich stattdessen die zweieinhalb Tage einfach komplett im Södermalm-Viertel verbringen. Dort soll es eine wunderbare alternative Szene geben und ganz, ganz viele Vintage- und Retro-Shops. Ich kann es kaum erwarten.

Zuerst aber die Fähre. Ich bin von der Aussicht, mit Sarah das schiffliche Nachtleben zu erkunden (sie scheint von der Idee eines Nachtclubs auf einer Fähre unheimlich fasziniert zu sein und will wahrscheinlich unbedingt alles sehen) zugegebenermassen nicht sonderlich angetan, aber zumindest kann ich davon ausgehen, nicht tatsächlich die ganze Nacht in einem Club verbringen zu müssen. Danke, Sarah, für unsere Kompatibilität in diesem Punkt. Das Ganze wird elf Stunden in Anspruch nehmen, wir müssen also ziemlich früh raus morgen. Ich hoffe bloss, dass Sarahs Wecker funktioniert, sonst landen wir drei Stunden später wer weiss wo.

Doch, es war ziemlich schön bisher. Ich kann mich erinnern, dass die R-Zweifel diesmal sogar erst recht spät angefangen haben. Üblicherweise bin ich keine zwei Tage von Zuhause weg und jeglicher Hauch von Sicherheit und Stabilität verliert sich im Nebel. Ich liege nachts herum und alles, was kommt, sind die bei weitem zu zahlreichen Erinnerungen an die ganze Palette seiner mentalen Drumrolls auf meinem Solarplexus.

Nicht so diesmal. Ich kann froh sein, T’s Kommentar erst gestern gelesen zu haben. Es kann doch nicht angehen eigentlich, dass alles an wunderbaren Fortschritten, die wir beide in unserer Persönlichkeitsarbeit gemacht haben, von einem Kommentar überschattet werden soll, der sich noch dazu auf einen Beitrag bezieht, der wiederum eine Situation schildert, welche aus einem dreimonatigen, von Lagerkoller und extremen Stresssituationen geprägten Ausnahmezustand heraus entstand.

So, das Wort zum Mittwoch wäre hiermit gesprochen.

 

Are you taking your book?

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Turku. Sarah und ich machen uns gleich auf, die Stadt zu erkunden, während Susmita und Debanga arbeiten. Internet ist ein Luxus, und es wird mich einige Überwindung kosten, mich von Susmitas Computer zu entfernen. Ich habe einen vorwurfsvoll anmutenden Kommentar zu meiner Polyphobie erhalten, der mich vermutlich ein paar Stunden Leben kosten wird, so teilweise unqualifiziert, wie er auch gewesen sein mag. So zu kommentieren, ohne die betreffenden Personen und die Umstände, in denen sie stecken, je erlebt zu haben, ist immer etwas gefährlich, aber natürlich (genauer: meiner Natur gemäss) komme ich nicht umhin, dem Gesagten trotzdem Beachtung zu schenken. Die Person schien der Meinung zu sein, meine Beziehung (naja, ich) sei toxisch und ich müsse dringend an mir arbeiten, statt meinen Partner so ungesund zu bewerten und einzuschränken. Darüber denke ich dann jetzt mal nach. Zum allerersten Mal in meinem Leben, haha. (Genau meine Vorgehensweise bei Attacken jeder Art. Zurückschlagen und trotzdem jeden Hieb durchlassen. Super energieeffizient, I know.) Ich sollte R mal dazu befragen, wenn ich heimkomme. Selbst wenn das wieder ein Disaster mit sich bringt.

Going to see Turku now.

Löcher und Käse

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Gerade schrieb ich einen Eintrag, den ich nicht veröffentlichen werde, weil er zu denjenigen zählt, mit denen ich selbst im Moment der Veröffentlichung schon nicht mehr einverstanden bin. Er liegt nun da herum und wird vielleicht irgendwann mal rausgekramt, dann aber in einem anderen Leben.

Nunja, was soll ich sagen. Es hat in meiner an sich schon in äußerst raren Momenten wirklich sorgenfreien Beziehung recht gewaltig geknistert (und kein Knistern von der guten Sorte, either), sodass ich mich langsam als Expertin der Almost-Break-Up-Momente begreife und einfach mal hochgespannt auf das Geschehen der kommenden Monate blicke. R’s nie endender Zynismus und die Eiseskälte, mit der er aus Selbstschutzzwecken an so etwas herangeht, scheinen ansteckend zu wirken: Während mir eigentlich der Kopf schwirrt und ich (meiner Art gemäß, vom Moment umgehend aufs Ganze zu schließen) aus dem Denken, Zweifeln, Hadern kaum hinauskomme, schleicht sich zwischen die kopflos wuselnden Emotionen immer mal wieder ein gelassenes Stimmchen, dessen körperloser Besitzer sich mit Bier und Popcorn in eine Ecke gehockt hat und nun ins Treiben hinein verkündet, „Mal schauen, wie, wo, wann ihr den Karren in den Dreck fahrt. Und was noch alles passieren muss bis dahin.“

Von unerhört vielen anderen Seiten aus betrachtet, du wirst lachen, verfügt diese Beziehung über eine Stabilität, die es fast schon wieder lächerlich macht, Momente wie die vergangenen Tage überhaupt durchleben zu müssen. Ich muss spontan an Simones Mutter und die von ihr metaphorisierten Löcher im Käse denken. Ich sag dir, was wir brauchen, R und ich: Willenskraft, an uns selbst zu arbeiten, er an seiner Art der Kommunikation und ich an meinen Erwartungen.

Herüberlinsend.

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Oh wow, what a day.

Ich berichte Konkretes, wenn ich Konkretes weiß. Hoffnung aber, die gibt es. Sie stirbt ja bekanntlich auch nicht unbedingt als erstes.

Natürlich warte ich auch seit gestern um halb zwei auf R’s Anruf bezüglich der Wohnung, die er für uns besichtigt hat, und kann es schon fast wieder nicht glauben, dass bisher kein Lebenszeichen irgendeiner Art zu mir kam. Scheint, als lägen seine Prioritäten da mal wieder wo anders. Dass meine Eltern mich heute darüber ausfragen und betont ungläubig dreinschauen mussten („Wie, er hat sich danach nicht gemeldet? Aber er weiß schon, dass das vielleicht eure einzige Chance…“), half auch nicht. Fragt mich nicht; ich kann mich nicht andauernd für seine Einstellung zu diesem Umzug rechtfertigen.

Was ich dagegen tun kann, ist, morgen die allerletzten paar Fuhren mit meinem schon fast unmenschlich gutmütigen Vater an ihre diversen Bestimmungsorte zu transportieren. Dann zu warten, bis R zurückkommt, und ihm die hoffentlich bis dahin in seinem Zimmer vorhandenen Kisten als gegebene Tatsache präsentieren (ich habe jetzt immerhin meine designierte Fläche, auf die noch Zeugs gestellt werden darf, welche ich morgen plane zu belegen) sowie ihm alle heute betrachteten Wohnungen samt ihrer Vor- und Nachteile und der aktuellen Situation zu pitchen. Ich hoffe mal, dass er morgen wiederkommt. Sonst wird es übermorgen, und mit ein bisschen (gewaltig viel) Glück gibt es bis dahin schon gar nichts mehr zu pitchen. (Ach, wie ich mein Glück kenne, fällt es so großzügig nicht aus. Das wäre fast ein Ding der Unmöglichkeit.)

Dann muss ich nun also noch streichen nächste Woche, und dann sollte alles geschafft sein. Wunderbar. Es wird. Jetzt noch ein bisschen Enthusiasmus von R’s Seite, ein ganz winziges bisschen nur, um meine Befürchtung zu zerstreuen, mit dieser Aktion einen gewaltigen Fehler zu machen, und die Welt sähe hervorragend aus.

Von oben betrachtet

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Mir wird schlecht, wenn ich mir überlege, wie es gerade in Beccis Kopf aussehen muss. Genau so schlecht wird mir, wenn ich in meinen eigenen hineinsehe. Vor allem nachdem R mir neulich zu verstehen gab, dass ihm wenig ferner liegt als sich zu wünschen, dass jemand wie ich konstant um ihn herumwuselt. Und er jetzt gerade nicht da ist und ich eh ununterbrochen zu zweifeln anfange, sobald das der Fall ist. Und ich mir gerade wieder Gedanken mache, wie viel verdammte Verbundenheit man theoretisch haben kann mit Menschen und wie furchtbar wenig, um nicht zu sagen, rein gar nichts, davon zwischen uns vorhanden ist. Wie ihm das genug sein kann, ist mir ein Rätsel. Zumal das ja nur bedeuten kann, dass die dreitausend Beziehungen, die er in seinem Leben vorher hatte, ihm nichts Besseres geboten haben können. Wie armselig, so ein Dasein.

Ich bin am Zweifeln. Ja, ich erwähnte. Natürlich bin ich auch ganz gehörig betrunken und werde nicht mehr am Zweifeln sein, wenn er mich morgen anruft und vom Besichtigungstermin in der Wohnung berichtet, die meine Mutter gefunden hat und zu der ich ihn geschickt habe, wenn er eh schon dort ist und ich am Samstag erst da sein werde.

Vielleicht erlaubt ihm sein Egoismus nicht, Verbindungen zu Menschen aufzubauen, die über das hinausgehen, das er mir entgegenbringt. Aber wie traurig wäre das – und doch würde es gleichzeitig seine ganze Lebensweise erklären. Ob er denn den Unterschied gar nicht bemerkt zwischen den raren Momenten, in denen ich mich von ihm als ich selbst wahrgenommen fühle, und dem ganzen elenden Rest, in dem er einfach mich dazu benutzt, sich selbst an eine blanke Leinwand zu schreiben.

Wieso habe ich so ein verdammtes Ding für Egomanen, erkläre mir das mal jemand.

15 Milliliter

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Nein, ich habe nicht gebacken heute. Was aber nicht bedeutet, dass ich nichts gebacken gekriegt hätte, ganz im Gegenteil. Ich habe solche Rückenschmerzen vom ganzen Staubsaugen und Aufräumen und Essenretten und Pfandwegbringen und Wäschemachen, dass ich den Rest des Abends zu Erholungszwecken nutzen werde.

Ich habe so viele Punkte von meiner To-Do-Liste abgearbeitet, wie ich fast nicht für möglich gehalten hätte zu schaffen. Nicht nur die über vier Euro Pfand in fast ausschließlich Glasflaschen sind weg (jetzt wird man verstehen, wo meine Rückenschmerzen herkommen), nein, ich habe die Spülmaschine aus- und wieder eingeräumt, alles Mögliche an Chaos in der Küche beseitigt, mich unangenehmen Aufgaben wie dem Müllrausbringen gestellt, zwischendurch noch meine Beine epiliert, geduscht, fünfzig Sachen in meinem ohnehin schon recht ordentlichen Zimmer aufgeräumt, in der ganzen Wohnung staubgesaugt (einschließlich des Lampenschirms meines Deckenfluters; mittlerweile verstehe ich auch, wieso ich den Eindruck hatte, er würde in letzter Zeit dunkler leuchten) und meinem Onkel Jörg eine Karte gebastelt und beschrieben, eingetütet und abgeschickt – der Gute ist genau so telefonierunfreudig wie ich, was dazu führt, dass wir, obschon wir uns gegenseitig mögen, seit Jahren vermeiden, miteinander zu reden. Er hat mir aber nunmal sowohl zu Weihnachten als auch zum Geburtstag Geld geschenkt und Karten geschickt, sodass es wirklich mal nötig war, ihm meinerseits ein Lebens- und Dankeszeichen zukommenzulassen.

Am Nachmittag kam Papa auf einen Tee vorbei, eigentlich genau dann, als ich auch gerade mit allem fertig geworden war, mich kurzzeitig erschöpft auf dem Bett niedergelassen und meinen eigenen Tee eben zuendegetrunken hatte. Man bedenke, ich hatte den ganzen Tag über regelschmerzinduzierterweise genau dazu das Bedürfnis, wollte dann aber doch die Sachen schon ganz gern geschafft kriegen.

Drei Punkte sind auf der Liste noch übrig: Glaskuchen, When I See You und die Antwort an Araceli, welche mir zum Geburtstag geschrieben und nach Neuigkeiten aus meinem Leben verlangt hatte. Wird lustig, nach ein paar Jahren völliger Funkstille Araceli über mein Leben zu updaten. Das werde ich mir aber alles für morgen übriglassen; das ist noch ein ganzer Tag, den ich alleine verbringen werde, weshalb es doch sinnlos wäre, mich jetzt noch in Grund und Boden zu arbeiten und morgen nichts mehr zu tun zu haben. R hat nichts hören lassen, seitdem er gestern Früh hier raus ist. Mir liegt das Alleinsein nicht mehr. Ich habe genug zu tun, aber bekomme die Motivation dafür nur mit Hilfe von Monsterwillenskraft und To-Do-Listen. Ich kann nur arbeiten, wenn jemand dabei ist und sieht, was ich tue. Es geht so leicht von der Hand dann, fast unbemerkt. Ich habe einen Haufen Hokkaido-Kürbisse von Schimmelflecken befreit, entkernt und zerstückelt, während Papa da war und wir uns unterhalten haben, und es nicht einmal wirklich registriert. So muss das sein, so muss Arbeiten gehen. Meine Produktivität braucht die Anwesenheit Anderer.

Zombiehirn auf Toast. Nein, warte, auf Pause.

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Fuck, was soll das nur werden. Vier Stunden Schlaf vor mir und um 8.15 ein Seminar, das zu schwänzen oder in dem den dringendst benötigten Schlaf nachzuholen so verlockend wie selbstmörderisch wäre, wenn man bedenkt, dass es Morphologie II ist und ich mir eventuell Mühe geben sollte, dem Plank nicht so ganz sofort als hochgradig inkompetent und dazu noch faul ins Auge zu springen. Auch wenn es leider genau den Tatsachen entspricht.

R hielt mir vor ein paar Stunden in der Absicht, zu helfen, einen seiner halbstündigen Monologe über auf seinem eigenen Erfahrungsschatz in der Sache aufbauende Überlebensstrategien in Planks Morph-II-Kurs, die leider allesamt zumindest zu gewichtigen Teilen auf der Annahme beruhen, der zu überleben Versuchende habe irgendetwas an fachlicher Kompetenz vorzuweisen. Ich bin ja nun mit seiner Redegewalt bestens vertraut, konnte aber nicht umhin, mich trotzdem davon geringfügig frustrieren zu lassen. Er, der Abbrecher von uns beiden. Hält mir linguistisch fundierte Vorträge, für die ihn diverse Unis vermutlich bezahlen würden. Effizienter konnte er mir kaum seine eigene hochhaushohe Überlegenheit darlegen, und das in Bezug auf Linguistik im Allgemeinen, Morphologie im Speziellen, Unierfahrung und selbst noch Eloquenz und Rhetorik. Seine Steckenpferddisziplinen nannte er Syntax und Morphologie, diejenigen, die ihn an seinem Studium wenigstens ein bisschen interessiert hätten.

Das Ganze endete irgendwann abrupt mit dem Ausruf „Bier!“, den ich daraufhin, als ich tatsächlich mal wieder zu Wort kam, als das Motivierendste klassifizierte, das er innerhalb der letzten Dreiviertelstunde von sich gegeben hatte. Er hatte dann ein schlechtes Gewissen. Dabei wollte er eigentlich nur helfen. Leider auf eine Art, die mir meine Unfähigkeit nur nochmal deutlicher vor Augen führte. Er kann ja aber auch nicht ahnen, wie unfähig ich bin, wenn es um wissenschaftliches Arbeiten geht. Pfui Teufel; es graust mir davor so sehr, dass ich mich immer mal wieder frage, was genau ich nochmal auf der Uni eigentlich zu suchen habe. Ich weiß es ja selbst. Ich gehöre in eine Selbstversorgerkommune, nicht auf eine verfickte Uni.

Aber gut, was will man machen.

Man könnte damit anfangen, das überschlafmangelte Zombiehirn für ein paar Stündchen auf Pause zu schalten.

Ja, is‘ ja gut, du Tutti.

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Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass sich meine Schlafgewohnheiten nach langer Zeit wieder einmal dem eigentlich der vorlesungsfreien Zeit vorbehaltenen Vampirrhythmus annähern. Damnit, wieso jetzt?

Telefonat mit R vorhin ergab überraschendsterweise, dass ich eventuell doch die Möglichkeit nicht ganz außer Acht lassen sollte, ihn zumindest hypothetisch in Bastis und meine Selbstversorgerpläne mit einzubeziehen. Irgendwie war ich immer davon ausgegangen, dass er (der Tatsache zum Trotz, dass er mit seiner vermutlich nach R-Art nicht sehr gründlich durchdachten Bemerkung „Wenn wir Internet hätten, könnte ich mir mit dir Selbstversorger vorstellen“ mir gegenüber das Ganze überhaupt erst ins Rollen gebracht hat) so ziemlich der letzte Mensch der Welt wäre, mit dem ich in dieser Sache hätte rechnen können. Womit ich einmal mehr seine Bereitschaft, sich nach mir auszurichten, aus Selbstschutzgründen massiv unterschätzt hätte.

Heute Nachmittag arbeite ich. Heute Vormittag schlafe ich. Irgendwann muss ich anfangen, für die Uni zu arbeiten. Irgendwann.. bald. Dienstag gehe ich zu Plank in die Sprechstunde. (Bachelorarbeit bei Plank, wie abstrus wird dieses Leben eigentlich noch.) Mittwoch arbeite ich. Dann sollte ich anfangen. Anfangen. Anfangen.

Ich hoffe, ich schaffe es.