Schlagwort-Archive: Motivation

Getting. Stuff. Done.

Standard

Ich kann es nicht abwarten, Scorpion mit R zu gucken. Dessen Persönlichkeit oszilliert nämlich aspektweise noch wesentlich krasser als meine zwischen normalsterblich, Genie und Wahnsinn, und im Gegensatz zu mir hat er (soweit ich weiß – wäre es aber doch der Fall, so wäre dies besorgniserregend in Anbetracht seines aktuellen Entwicklungsstandes) nie besonders hart daran gearbeitet, seinem von Natur aus unterentwickelten EQ auf die Sprünge zu helfen. Und da diese Thematik ja einen beträchtlichen Teil der Serie ausmacht, wird es unwahrscheinlich lustig werden, ihm das vorzusetzen. 

Gerade bin ich aber erstmal stolz auf mich, weil ich nach der Frühstücks-Folge die Kurve gekriegt und mich vom Sofa geschwungen habe, um ein wenig Ordnung in mein Wohnzimmer zu bringen. Ich habe mir das erste Delta-Goodrem-Album angemacht und Papierschnipsel sortiert, während die letzten Ausläufer meiner Kindheit – in der Musik konserviert, als hätte ich sie damals eingeschweißt und vakuumisiert – sich mit den Schallwellen im Raum verteilten.

Da ich gerade so gut dabei war und es mir erstmals seit (gefühlt) langer, langer Zeit völlig natürlich vorkam, mich in der Wohnung zu bewegen und im Vorbeilaufen Dinge zu tun, habe ich meinen Keller-Eimer genommen und mit Bildern von einem neulich vom Sperrmüll aufgesammelten großen Kalender von 2014 beklebt, wie ich es seit Jahren tun wollte. Es handelt sich bei dem Eimer um ein Pappbehältnis mit bunter ‚Party Chips‘-Aufschrift, den Wolfgang (inklusive Inhalt) zu meiner ersten Geburtstagsfeier in dieser Wohnung mitgebracht hatte. Seitdem verwende ich ihn, um Dinge in den sowie aus dem Keller zu transportieren, und habe bis heute auf den Moment gewartet, in dem ich motiviert genug sein würde, um ihn ästhetisch ansprechend zu gestalten. Es fühlt sich gut an, dass dieser Moment heute eintrat.

Pflanzen habe ich ebenfalls schon fotografiert. Es sieht aus, als hätte ich ein kleines Zeitproblem mit meinen täglichen Bestimmungen – ich bin nun auf der Hälfte angekommen und langsam gehen mir die Kandidaten aus, die sich gerade zum Dokumentiertwerden anbieten. Ich habe etliche schwierige Fälle, die sich unmöglich bestimmen lasen, bevor sie nicht blühen – was aber besonders im Fall der zahlreichen Mystery-Mitbringsel aus verschiedenen Teilen der Welt aller Voraussicht nach dieses Jahr (noch) gar nicht der Fall sein wird. Und dann gibt es die Tomaten, die bisher noch allesamt grün und unfertig sind, und die Paprika bzw. Chilis, die noch nicht einmal blühen. Sag du mir mal, welche Sorte Chili ich habe, ohne dass du die Frucht dazu siehst.

Naja. Man wird sehen. Ein paar Tage komme ich noch so über die Runden.

41 – 45

Ringelblume (Calendula officinalis – Asteraceae)
_DSC0052

Süßkirsche (Prunus avium – Rosaceae)
_DSC0053

Feige (Ficus carica – Moraceae)
_DSC0057

Kurkuma (Curcuma longa – Zingiberaceae)
_DSC0054

Tradeskantie (Tradescantia fluminensis)
_DSC0055

Werbeanzeigen

Wählerische Volition

Standard

Wenn jemand sehen möchte, wie a) meine Terrasse bestückt ist (weil frostgeschädigte Tomaten so einen wunderschönen Anblick abgeben, haha) und b) meine Motivation ihre Prioritäten setzt, der sehe sich dieses Pflanzenpflegedokument an, das ich in Anbetracht meiner nahenden dreiwöchigen Abwesenheit für R erstellt habe. (Ja, gelegentlich habe ich für die Pflanzen Bezeichnungen verwendet, die sich mangels Lust, sie zu bestimmen, bei mir eingebürgert haben – wenn jemand mit echten Namen aushelfen möchte, sehr gern.) Dieses Mal gibt’s keine Ausreden für tote oder fast ausgehungerte Exemplare.

Da sag nochmal einer, ich hätte keine Motivation.

Wobei ich mich nicht motiviert fühle, noch andere Dinge zu tun. Immerhin habe ich das Nötigste für den Urlaub vorbereitet (Bus zum Flughafen, Kontakt mit dem Couchsurfing-Mädel, bei Ebay neue Flipflops bestellt – jetzt müssen die nur noch bis Samstag ankommen).

Am liebsten würde ich gar nichts tun, gar nichts tun und nirgendwo hingehen; die Aussicht darauf überfordert mich – so viel tun zu müssen, die ganzen Herausforderungen des Verreisens. Seit Jahren immer das Gleiche; ich nehme mir Dinge vor und habe überhaupt keine Lust mehr darauf, wenn sie kurz davor sind einzutreten; dann nehme ich sie trotzdem in Angriff – was bleibt mir auch übrig – und dann wird es wunderbar oder zumindest eine wertvolle Erfahrung. Immer das Gleiche.

Dinge, die ich noch tun muss:

  • In anderthalb Stunden zu Marthe fahren; davor duschen.
  • Epilieren.
  • Morgen zu Malikas Geburtstagsbrunch gehen (und ihr Geschenke richten; ich denke an eine Zusammenstellung verschiedener Teemischungen und Salze).
  • Ladegerät für meine alte Point-and-shoot-Kamera finden (wenn schon das meiner gescheiten Kamera irgendwo zwischen Frankfurt und Kolkata verschollen ist).
  • R’s Kreditkarte einsacken, die er mir freundlicherweise ausleiht.
  • Packen. Reisepass nicht vergessen.

Hört sich gar nicht so schlimm an, wenn man es einmal konfrontiert. Ein Glück. Es fällt mir so schwer, Aufgaben zu konfrontieren. Und dann schwellen sie immer weiter an und werden gigantisch groß und furchteinflößend und ich muss den Kopf immer weiter verdrehen, um sie nicht ansehen zu müssen. So muss es Trudi damals mit dem (bzw. ohne den) Strom gegangen sein. Ich verachte sie trotzdem. Ich ziehe Menschen niemals zu diesem Ausmaß mit hinein in meine Verdrängungsmaschinerie.

Um nun aber Punkt eins zu konfrontieren, verlasse ich dich und widme mich meiner Körperpflege.

Wach

Standard

Hallo, Welt!

Ich bin zwar kein Computerprogramm, aber ich finde, man darf auch als Mensch mal die Welt begrüßen, wenn einem danach ist.

Dieses Aufwachen habe ich vermisst. Ich schätze auch, dass es nicht so lange halten wird; mittlerweile lebe ich eigentlich hauptsächlich im Sumpf, und das gar nicht mal so schlecht. Es ist halt nicht sehr viel los da unten, aber das gilt in alle Richtungen. Nichts Tolles, nichts Schreckliches; man vegetiert dahin und denkt ab und an darüber nach, dass alles Leben an einem vorbeizieht.

Heute aber bin ich wach und da. Ich habe gestern Abend eine To-Do-Liste erstellt, die so gigantisch ist, dass ich sie unmöglich dieses Wochenende abarbeiten kann. Das macht aber nichts. Hauptsache, ich tue überhaupt etwas.

Draußen liegt Schnee und der Himmel ist weiß-gräulich.

R ist auf der anderen Seite der Stadt, weil die Solid sich versammelt. Daher bin ich allein, was mich zum Handeln befähigt.

Ich hatte einen Impuls vorhin und habe nach Depressions-Selbsthilfegruppen in der Stadt gegooglet. Die Idee hat sich in meinem Kopf wirklich ziemlich gut angehört; eine der besseren in letzter Zeit. Natürlich habe ich nichts gefunden außer einer komischen EA-Gruppe, die mich nicht ganz überzeugt hat. Es klang einfach schon so dogmatisch und – ganz ehrlich, wenn ich „Hallo, ich bin Aspi und meinen Emotionen gegenüber machtlos“ nur denke, geschweige denn mir vorstelle, es laut auszusprechen, kriege ich das kalte Kotzen. Als Verfechterin des „Fake it ‚til you make it“-Prinzips habe ich etwas, nein, habe ich ganz viel dagegen, sich so plump in eine solche Opferrolle hineinzureden. Trotzdem fühle ich mich ganz gut, weil ich immerhin so eine gute Idee hatte und sie sogar in Ansätzen verfolgt habe.

Außerdem habe ich ein Gläschen meiner süßen Semmelknödel zum Frühstück gegessen. Warum das so eine Errungenschaft ist, kann man eigentlich nur verstehen, wenn man in meinem Kopf und zeitgleich in meinem Haushalt lebt. Suffice it to say, dass diese Knödelgläser schon länger existieren, als ich hier wohne, und ich froh über jedes Mal bin, dass es wieder eins weniger wird.

Mein Plan für den weiteren Tag ist es, zuerst mal mich selbst von Dreck und Gestank zu befreien. Ein Vorteil von tropischem Klima ist für mich in ganz wesentlichem Maße der, dass man sich nicht erst überwinden muss, bis man unter die Dusche geht. Klar, man schwitzt auch unentwegt und es sammelt sich Staub und klebriges Zeug auf der Haut, aber dafür kann man einfach jeden Tag duschen, auch wenn man eine Frostbeule ist. In meiner Wohnung ist es nicht tropisch. Meine Haare sind fettig und ich stinke bestialisch. Ich habe von Montag bis Donnerstag durchgezockt (nachdem ich am Sonntag R in einer epischen Reunion-Partie AOE fertiggemacht habe und daraufhin wieder der Sucht verfallen bin) und es die ganze Woche genau einen Tag aus meinem Schlafzeug heraus geschafft – das war Donnerstag, als ich zur Therapeutin musste. Aber auch davor reichte die Willenskraft nur zur Katzenwäsche. Was für ein Leben, möööh.

Egal, heute wird mal wieder ein Rundumschlag erfolgen. Ich werde geputzt, die Wohnung wird geputzt, Pfand weggebracht und alles Mögliche aufgeräumt. Das muss sein, bevor die nächste Lethargie-Etappe kommt.

Hier ist mal wieder mein All-Time Favorite Comic zum Thema. Jeder Mensch sollte diesen Comic in regelmäßigen Abständen sehen. Er ist so schön und wahr.

Year of the Finger

Standard

Ach, ich Riesendepp. Ein Glück habe ich nochmal in meinen Kalender geguckt, bevor ich rausgehen wollte. So habe ich gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass ich nicht heute um drei bei Marthe sein muss, sondern nur morgen. Dodged a bullet there.

Das heißt also, dass ich umsonst zwei Schlucke Ouzo getrunken habe (Konversationsunterricht macht man – wobei ich ausdrücklich über mich selbst spreche und das kein allgemeiner Ratschlag sein soll – am besten ganz minimal alkoholisiert, zumindest mit denjenigen Schülern, mit denen es einem schwerfällt, auf andere Art einen Gesprächs-Flow zu entwickeln) und auch meine Bemühungen, mich öffentlichkeitsfähig zu gestalten (Lippenstift, dezentes Augenmakeup) nun eben meinem Computerbildschirm zugutekommen.

Das heißt dann wohl auch, dass ich weiter fleißig sein muss. Ich habe mir vorhin wieder mal ein Kapitel der Lerntherapieunterlagen vorgeknöpft, das ich dann jetzt zu Ende lesen kann. Neunzehn Unbabel-Tasks warten auch noch auf mich (beziehungsweise ich auf sie; vorhin war sehr zum Leidwesen des disziplinierten Teils meiner Persönlichkeit nur ein einziger Auftrag verfügbar), und eventuell ruft mich Malte später noch an, der gerade wohl ein paar Schicksalsschläge mittelschweren Ausmaßes erlitten hat und ganz mitgenommen mir heute Früh mitteilte, er hätte jetzt erstmal genug von Menschen.

Insgesamt werde ich heute also unfassbar produktiv gewesen sein. Die erste Hälfte des Tages konnte sich nämlich auch schon sehen lassen, da ich um neun bei der Therapeutin war, um halb elf (diesmal wirklich) aus der Kirche ausgetreten und um kurz vor schon wieder daheim – und zwischendrin noch schnell einen weiteren Eimer Altglas weggefahren habe.

Ich bin nämlich heute von der Therapeutin darauf gebracht worden, wie ich vielleicht der Lähmung entkommen kann. Daraufhin kam ich unsagbar motiviert da raus und habe mir auf dem Nachhauseweg Gedanken darüber gemacht, ob und wie das umzusetzen ist. Die Idee ist folgende:

Gelähmt werde ich durch eine Art Zwang, der mir vorschreibt, wie die Dinge zu tun sind und in welcher Reihenfolge. Tue ich eins der Dinge nicht und der Zwang (verbildlicht durch einen erhobenen Zeigefinger, der unter Anderem auch für das schlechte Gewissen, den Perfektionsanspruch, die Selbstkritik etc. zuständig ist) stuft es als besonders wichtig ein, blockiert dies alle dahinter wartenden anderen Dinge, die auch erledigt werden wollen. Ich komme nicht an der Blockade vorbei, renne gegen Wände, tue schließlich gar nichts und fühle mich als Verliererin gegen den Zeigefinger, welcher das wiederum fröhlich aufgreift. Ich soll nun daran arbeiten, den Zeigefinger nicht unbedingt bekämpfen zu wollen. Wenn ich nicht gegen ihn arbeite, nur weil seine Methoden mir nicht gefallen, sondern ihn als Teil meiner selbst ernst nehme und auch mal kompromissbereit auf ihn zugehe, fühlt er sich vielleicht akzeptiert und hört seinerseits auf, mich so zu drangsalieren. Ich soll also begreifen, dass wir uns auch gut tun könnten gegenseitig, der Finger und ich. Wie sagte die Therapeutin so zutreffend: „Es ist überhaupt nicht schlimm. An Zwanghaftigkeit ist noch keiner gestorben.“

Und da das eine Einstellungssache ist, an der man tatsächlich ganz einfach selbst arbeiten kann, halte ich es für umsetzbar und habe das nächste Jahr probehalber zum Jahr des Zeigefingers erklärt. Wenn er mich so nervt, wird er schon seine Gründe haben. Solange er nicht wieder anfängt, mir das Laufen auf der Rolltreppe verbieten zu wollen, oder ähnlichen Humbug anstellt, kann es vielleicht gar nicht schaden, dieser Seite von mir einfach mal Beachtung zu schenken.

Maybe Mind Expansion (Maybe Self Improvement)

Standard

Jetzt überlege ich gerade, ob es sinnvoll war, mir die Holzrosensamen zu bestellen. Erstens hat nichts Derartiges bei mir je Wirkung gezeigt (wenn man vom Kotzreiz der Morning Glory damals mal absieht), zweitens war ich natürlich zu geizig für einen ordentlichen Hersteller und habe mich mit Samen aus dem Pflanzenhandel begnügt, und drittens würde es ziemlich sicher schon reichen, die Medis abzusetzen, um wieder Zugriff auf meine Emotionen und all das Drama zu erhalten, das ich ja in meinem Dasein offenbar so vermisse.

Aber wieso denn nicht. Zehn Samen; ich nehme 5 und behalte die anderen zur Not als Balkonbepflanzung, denn sie blühen ja wirklich ganz wunderschön. (Meine Ololiohqui macht sich übrigens nach anfänglichen Startschwierigkeiten mittlerweile auch wunderbar und wächst munter an Hauswand und Regenrohr hoch; blühen tut sie noch nicht, aber sie wird. Zur Not hole ich sie ins Haus; ich mache bestimmt nicht den gleichen Fehler wie letztes Jahr mit meiner Morning Glory, die gerade so herrlich angefangen hatte zu blühen, als dann auch schon der Winter einbrach und ich genau keinen einzigen Samen geerntet habe.)

Nun überfiel mich gerade, vielleicht motiviert durch die Aussicht auf Bewusstseinserweiterung oder die stimulierende Wirkung des Kaffees oder das ewige Indieluftstarren und Unzufriedenmitmirsein, man weiß es nicht, ein Schub von Tatendrang und ich sah mich in der Lage, auf der Website des Studierendenwerks nach Jobs zu suchen und sogleich die Kontaktdaten für jene, die mich interessierten, zu erbitten. Das war der Motivationsschub des Jahrtausends, was für eine Oase in dieser endlosen Wüste aus Blah.

Was bin ich froh, noch eingeschrieben zu sein.

Meine Mutter würde es Schicksal nennen.

Standard

Erst so früh? Ich bin hellauf begeistert, ich hätte es weit nach Mitternacht geschätzt.

Heute war ich – unglaublich, aber wahr – seit vor meinem Geburtstag zum ersten Mal wieder alleine containern. Diesem Leben, das wenig enthält außer Zocken, ein bisschen Arbeit und Lethargie, fehlte die Komponente des Alleine-Containern-Fahrens ganz furchtbar, auch wenn das bedeutet, dass mein durch Autogefahrenwerden verwöhnter Körper mal wieder die volle Dröhnung einer vollen Stunde in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf den eigenen zwei Füßen bis zum Spot hin aushalten musste. Und natürlich war es, war ich dann einmal unterwegs, überhaupt nicht mehr schlimm und alles lief wie geschmiert.

Und weil ich beim Großhandel nicht den Monsterfang aller Monsterfänge gemacht hatte, beschloss ich kurzerhand, noch den neuen Spot ein paar S-Bahn-Haltestellen weiter anzusteuern, den ich bisher nur mit Auto zu erreichen geglaubt hatte. Hah. Gedankt sei meiner Eingebung, es trotzdem mal zu versuchen. Es gibt eine Haltestelle praktisch vor der Tür.

Auf dem Weg dorthin machte ich Bekanntschaft mit einem äußerst speziellen Menschen, der mich beim Warten auf die Bahn anquatschte. Ob das in meiner Hand ein Telefon sei. (Es war das AG. Ich nickte.) Ob ich auch in Schriesheim wohne. Eine Frage – ich sei „wundersüß“, ob ich einen Freund hätte. Er erklärte mir, er sei geistig behindert aufgrund von Kriegstraumata, und er war auch ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber er war eine herzensgute Seele. Er mochte mich. Als ich seine Frage nach dem Freund bejahte, ging er zur nächsten Laterne und tat, als würde er mit dem Kopf dagegenhauen. Warum nur ich einen Freund hätte? Dann erzählte er mir von seinen Problemen mit Beziehungen, dass er so gern eine Freundin hätte, aber ihn die Frauen immer nur verarschen würden. Er sei in Therapie deswegen. Und wegen des Kriegs. Frauen vergewaltigt. Eine Frau war schwanger, und… Dazu die Bewegung mit beiden Händen, wie um sich selbst den Bauch aufzureißen. Und Kinder… Die selbsterklärende Pantomime; Waffen, Mord und Totschlag. In den Himmel würde er wollen, dort hätte er keine Probleme mehr. Er müsse unentwegt heulen, immer in der S-Bahn, selbst im Schlaf würde er heulen. Er hätte sich extra den deutschen Pass gemacht und alles, aber bekäme einfach keine Arbeit. Einen Mann aus dem Feuer habe er gerettet, Gasexplosion, die Freundin sei nach Hause gekommen, es war da Feuer, sie habe nicht gewusst, dass er drin ist. Wenn er sterben würde, seine Leiche wäre hier nicht willkommen, man müsse ihn nach Albanien verschiffen, der Sarg mit seinem Namen sei vorbereitet, alles fertig und bezahlt. Ich habe nicht viel gesagt. Was soll man dazu auch sagen. Außer: Das dauert aber noch eine Weile.  In der Bahn standen wir zusammen, weil ich vom Containern zu beladen war, um mich hinzusetzen. Ich sagte ihm, nur nicht aufgeben, nicht aufgeben. So viel, wie er schon geschafft habe… Er bat um Erlaubnis, mich umarmen zu dürfen. Er fand, ich sei ein guter Mensch, und fasste sich ans Herz dabei. Er wünschte mir und meiner Familie ewiges Wohlergehen, Reichtum und Dergleichen mehr. Wie heftig entsetzlich einfach die ganze restliche Welt zu ihm gewesen sein muss, dass er mein Zuhören als eine solche Wohltat begriff. Er stieg an der gleichen Station aus wie ich und wir umarmten uns erneut. Er war wie ausgewechselt, so froh darüber, dass er den Arm ausstreckte und meinte, er habe Gänsehaut. Natürlich kannte er das Wort nicht. Dann rannte er, ein euphorisches Geräusch von sich gebend, davon in Richtung seiner Wohnung. Ich würde mir einfach wünschen, dass dieser Mensch eine Freundin findet, die sein ganzes großes schweres Päckchen mit ihm tragen kann und ihm nie, nie, niemals irgendetwas Böses tut. Oder noch besser, dass er irgendwie lernt, dieses Gewicht selbst zu stemmen, und es vielleicht irgendwann streckenweise sogar einfach vergisst.

Dann jedenfalls habe ich Soja- und Mandelmilch und einen kleinen Joghurt containert, meinen Bus nach Hause gerade so noch erwischt (jemand hielt mir die Tür auf, so eine gute Welt heute), mir ein Abendessen zubereitet (bestehend aus Brötchen mit Hering in Tomatensauce, Letzteres eine freundliche Spende von Becci) und mich unverzüglich wieder ans Zocken gemacht, weil ich vor dem Losgehen hier im Begriff gewesen war, das erste Spiel seit Tagen gegen den Computer zu gewinnen. Zudem habe ich das letzte Bier vernichtet, das noch draußen im Kasten war. Jetzt sitze ich über Ostern auf dem Trockenen. Wenn man von meinem, was ebenfalls Becci zu verdanken ist, zum Bersten gefüllten Likörschrank einmal absieht.

On a side note: Die Therapeutin sagt, ich solle die Medis noch nicht absetzen. Zuerst müsse ich Motivation bekommen. Ich war seit Langem nicht mehr so positiv überrascht von der Frau. Sie hat mir genau das vorgeschlagen, was ich mich selbst nicht getraut habe zu sagen: Auch wenn kein akutes Tief gerade vorherrscht, so ginge es trotzdem noch immer ein gutes Stück besser.

 

Heute, oder Getting Our Shit Together

Standard

Geht doch. Ich kann mich gerade nicht mehr daran erinnern, was im letzten Beitrag gestanden haben mag, aber gut kann es nicht gewesen sein.

Heute war gut. Becci ist mit Migräne aufgewacht, aber die konnte mit Novalgin im Schach gehalten werden. Es gab sonnige Momente und wir waren draußen, sind ein paar Kilometer zur Küste gewandert, saßen an den Klippen, schauten auf das Meer – dahinter kommt erstmal nichts mehr, gar nichts, bis zur Antarktis, wie Becci feststellte – und trotzten Platzregen und orkanartigem Wind ebenso wie dem offenkundigen Nichtvorhandensein der in der Karte eingezeichneten Straße in der Realität dieser Azoreninsel. Was auch immer sich die Karte dabei dachte.

Heute geht es uns besser. Mir in erster Linie, weil es Becci besser geht. Das hilft ungemein. Ich bin unheimlich abhängig von meinem Gegenüber in meinen Stimmungen.

Und falls der Regen uns noch Striche durch unsere Rechnungen machen sollte, gibt es immer noch Lissabon und Caro. Hauptsache, wir nehmen uns zusammen.

Get. Things. Done.

Standard

Gerade fluppt es so richtig. Was bin ich dankbar! Nicht nur habe ich es auf Anhieb hinbekommen, mit R das kleine Whatsapp-Video für die Sendungsfrau aufzunehmen (und was hat er mir dabei den Hals gerettet! Ich habe den phänomenalsten Freund aller Zeiten, der es immer wieder hinbekommt, mich mit weiteren Facetten der Grandiosität zu überraschen). Oh nein, ich habe auch um Punkt 12.01 bei der LVG angerufen und nicht aufgegeben, als sich der Anrufbeantworter meldete, sondern es nochmal versucht und dann mit zwei verschiedenen Menschen geredet und herausbekommen, dass sie tatsächlich Praktika anbieten in dem Bereich, den ich möchte. Und dann direkt im Anschluss habe ich mich an den Computer geschwungen und mein Anschreiben verfasst und meinen veralteten, noch auf die Master-Bewerbung zugeschnittenen Lebenslauf aktualisiert und für den neuesten Zweck gepimpt. Und selbst danach war des Elans noch immer genügend vorhanden, um es gleich ausdrucken und abschicken zu wollen – da machte mir dann das Noch-nicht-vorhandensein von Druckerpatronen in unserem Haushalt (R hatte welche bestellt, aber sie lassen sich Zeit) einen Strich durch die Rechnung. Es kann ja nicht mehr lange dauern, bis wir sie bekommen. Dann tüte ich die Unterlagen zusammen mit Abi- und Bachelorzeugnis in einen unbenutzten Umschlag (für solche Zwecke komme nicht mal ich auf die Idee, einen meiner Recycling-Umschläge zu verwenden) und harre der Reaktion der LVG.

Mir ist durchaus bewusst, dass das besorgniserregend aussieht. Kein Mensch inmitten eines Masterstudiums sollte sich einen derartigen Keks darüber freuen, sich selbstständig darum gekümmert zu haben, dass er da hinkommt, wo er hinwill. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Für mich aber nicht; ich wusste bislang weder, wo ich im Leben hinwill, noch habe ich je irgendwelche Anstalten gemacht, mich aktiv darum zu bemühen. Impulse von außen haben das bisher für mich erledigt. Das Treibenlassen ist meine konsistenteste Überlebensstrategie. Dies ist der erste, allererste Impuls, dem ich von innen heraus folge. Kaputt, oder? Aber besser spät als nie. Wirklich mal.

…und hier und da gibt’s sogar nette Leute.

Standard

Ach verdammt. Jetzt hatte ich mich seit Wochen mal wieder gerafft, um Leben in diese Blogwüste zu bringen (wobei das Fehlen neuer Einträge der unheimlichen Aktivität der bloglikenden Bots keinen Abbruch tut; I’m not amused, but really couldn’t care less at the same time, wobei dieser letzte Nebensatz wirklich hinter so ziemlich alles gehängt werden kann, was ich in letzter Zeit so fühle, wenn man von der Dankbarkeit, von R geliebt und von meinen Freunden unterstützt zu werden, mal absieht), da muss ich in 40 Minuten schon wieder los und werde dann auch noch durch einen Anruf von R und diverse Facebookgeschichten davon abgehalten.

Jetzt aber zum Glück nicht mehr. Ich hätte zwar mit der Kommilitonin Barbara, welche heute migränegeplagt zu Hause hängt und demzufolge gleich auch nicht mit auf den Weihnachtsmarkt kommt, wohl noch eine Weile weiter schreiben können – ich mag Barbara -, aber da ich ja eh schon wusste, dass um 19 nach mein Bus fährt und ich noch den Eintrag zustandebringen wollte, habe ich die Unterhaltung entgegen meiner Art frühzeitig beendet. „Du, ich bin mal weg.“ Ein Satz, den man von mir nicht oft hört; ich bin kaum je in der Lage, eine menschliche Interaktion von meiner Seite aus zu beenden. Meistens habe ich nicht das Bedürfnis dazu, in einigen wenigen Spezialsituationen fehlt mir einfach das Durchsetzungsvermögen (ich denke an den unvergesslichen Moment am Ende des Wochenendes, an dem Saskia mir die Dreads gemacht hat, Ende 2013 in Vitoria – dieser unfassbar viel redende Mensch stand nach 18 Stunden Schwerstarbeit (endlich – endlich – endlich im Begriff zu gehen) in meiner Wohnungstür und schaffte es, eine geschlagene halbe Stunde dort zu verweilen und von Hölzchen auf Stöckchen auf Hunde auf Katzen auf Mäuse etc. (you get the picture) zu kommen, während ich mir nichts sehnlicher wünschte, als endlich ins Bett zu kommen und mit Janine und Robert zu skypen, welche gewiss seit Stunden sehnsüchtig auf mich warteten).

Wie dem auch sei. Heute ist ein guter Tag. Das mache ich daran fest, dass ich heute die Sonne zu sehen bekam, und dieser Tatsache wiederum ist ein abruptes Abflauen der Lethargie geschuldet, in der ich momentan beheimatet bin. Wirklich, ich bin sehr charakterschwach momentan. Ich kann mich zu nichts, aber auch gar nichts bewegen und verzocke mein Leben auf dem Sofa. Das genaue Gegenteil von R, der sich so richtig am Riemen reißt gerade, einen Job im Call-Center angenommen hat (und von den Kollegen dort schon jetzt als der liebenswerte, nerdige Crack erkannt wurde, der er ist), vorhat, sein Studium zu Ende zu machen, wenn das Geld dafür erstmal da ist, und nicht mehr der Illusion erliegt, Arne, dieser hoffnungslose Fall, würde es jemals gebacken bekommen, diese Firma aufzubauen, in die er das letzte Jahr seines Lebens investiert hat.

Ein paar Sonnenstrahlen aber war heute alles, was benötigt wurde, um mir einen Funken Tatkraft einzuhauchen. Ich habe nicht sonderlich viel getan dann, aber allein dieses Gefühl, es theoretisch zu können, war erhebend. Ich hätte sogar bei dem Psychiater angerufen, wie ich es eigentlich schon letzte Woche Montag vorhatte, aber ich kam erst um drei Uhr aus Uni und Baumarkt zurück (ich habe Holzleisten von 2,40 Metern Länge im Bus hierher transportiert, ein Glück war der Busfahrer so tolerant und hat mich mitfahren lassen – auch wenn er meinte, ich bräuchte einen Lastwagen, nicht den Bus) und dachte mir dann, dass die Sprechzeiten des Psychiaters bestimmt nicht so lang sind. Sollte ich morgen tatkräftig und motiviert sein, werde ich anrufen. Es wird knapp; mein Medi-Vorrat ist praktisch aufgebraucht und ich bezweifele, sofort einen Termin zu bekommen. Und um Himmels Willen, ich brauche meine Medis. So oberflächlich gleichgültig sie mich auch machen. Außerdem trage ich, solange ich nicht endlich dort anrufe, bestimmt weiterhin den Fanny-van-Dannen-Ohrwurm mit mir herum: Ich brauche einen – neuen Psychiater.

So. Jetzt soll erstmal die Katze was fressen, bevor ich mich auf und davon mache.Vielleicht habe ich Glück und wir bleiben länger als eine Stunde auf dem Marktplatz, dann kann ich im Anschluss beim Gemüseladen vorbeifahren und schauen, ob die nette Besitzerin mal wieder was Essbares vor die Tür gestellt hat.

Mir fehlen die Worte…

Standard

Ich bin praktisch mit vier Fünfteln des Inhalts meiner BA-Thesis fertig und komme bisher auf 4806 Wörter, was besorgniserregend ist, da ich eigentlich 10 – 15000 brauche. Das heißt, die Hälfte meiner Thesis wird am Ende aus Füllmaterial bestehen. Ugh, ich will gar nicht drüber nachdenken.

Ich muss aber darüber nachdenken, weil es sich ja nun leider so verhält, dass das Ding am 8. Januar in Sack und Tüten sein muss – ugh, ich will gar nicht drüber nachdenken.

Auch darüber muss ich aber nachdenken, weil es doch ziemlich ärgerlich wäre, so weit gekommen zu sein und dann am Ende einfach nicht genug Wörter zusammenzuhaben.

Was treibe ich mich überhaupt schon wieder hier herum. Schreiben sollst du, schreiben.

Naja, ich schreibe doch. Hier fallen mir wenigstens Wörter ein. Wörter wie Sonne, deren Licht sich heute durch den wolkenlosen Himmel ausbreitet und ohne jeglichen Widerstand bis auf die Wand unseres Gartenschopfes prallt, fünf Meter von mir entfernt – mir, die ich in meinem Zimmer sitze und ab und an fasziniert nach draußen schaue, bevor ich mich wieder dem Computer vor meiner Nase zuwende. Eigentlich muss ich noch raus heute, bevor es sich am Ende wieder zuzieht und ich diese einmalige Chance auf Licht und Vitamin D bachelorarbeitsbegründet ungenutzt verstreichen lasse. Ja, weißt du was, ich ziehe mich an und gehe raus. Eine kleine Fahrt zum Großhandel wird mir nur guttun. Ich kann ja danach weitermachen.

Oh Fuck. Ich muss der einzige Mensch weltweit sein, der sich zum Rausgehen mit Containern motiviert und dieses dann extra frisch geduscht und angezogen zelebriert, während er eigentlich nur an die Sonne will. Aber meine Güte, besser is‘ – oder wäre es etwa von Vorteil, wenn ich gar nichts hätte, mit dem ich mich motivieren könnte, und es wieder den ganzen Tag nicht aus dem Bett schaffen würde? Na siehst du.

Am besten war R neulich: „Du bist doch nicht lethargisch. Du bist das blühende Leben!“ Selten so gelacht. Wie schade, einerseits, dass er nicht merkt, dass mein Tatendrang seit Wochen gegen null geht. Wie beruhigend, andererseits, dass ich den Anschein erwecke, als stünde mein Leben in voller Blüte. Und ich hab‘ ja auch wieder bessere Laune. Zum Glück. Und bald kommt meine Sonnenlichtlampe, dann wird alles noch viel besser.