Archiv des Autors: aspirinitxa

Noch alleiner

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Jetzt ist Wolfgang weg. Ich war soeben als (wenn auch unnütze, da ich mal wieder nicht auf dem Schirm hatte, dass man da draußen ohne seinen Perso kein ganzer Mensch ist) Zeugin bei seiner Wohnungsübergabe zugegen, nachdem ich ihn heute Morgen trotz massivem Schlafmangel und unverhältnismäßiger Panik gefragt hatte, ob es noch ein Zeitfenster gibt, in dem ich zwecks Verabschieden bei ihm vorbeikommen könnte, bevor sein Taxi kommt.

Er scheint sich darüber gefreut zu haben, sicherlich aber nicht so sehr, wie ich seinen Weggang betrauere. Bereits unter normalen Umständen hätte mich das hart getroffen. So bröckelt mir mal eben mein letzter Vertrauter und dazu halbwegs regelmäßiger menschlicher Kontakt der Stadt unter den Füßen weg.

Ich bin glücklich, dass ich es geschafft habe, heute noch zu ihm zu fahren. Mein Tee-Treffen mit Jana ist gestern (und heute) ein wenig eskaliert; statt um drei kam sie um acht und blieb bis kurz vor vier. Es tat schon gut, sie dazuhaben, aber relativ bald wurde es auch anstrengend, sodass ich von der Aussicht, häufiger von ihr besucht zu werden, nun weniger begeistert bin als zuvor. Aber auch wenn es nicht ganz klickt – sie ist nett und dazu hochintelligent. Und sie vernichtet die gelben und orangenen sauren Weingummis, die ich nicht mag. Grund genug, sich über die Entwicklung zu freuen.

Aufgewacht bin ich jedenfalls um kurz vor elf, irgendwo zwischen komatös und panikdurchflutet, wie es nach zu wenig Schlaf zu erwarten war. Nachdem ich zu Wolfgang losgefahren bin, ist die Panik zurückgegangen und schließlich ganz verschwunden (obschon mich zwischendurch Wellen von Traurigkeit überwältigt haben, sobald ich daran dachte, dass R sich gestern den ganzen Tag in dieser Wohnung aufgehalten und beim Streichen geholfen hatte), und als ich vorhin zurückkam, konnte ich in aller Seelenruhe einen Nachschub an Schraubgläsern aus dem Keller holen, die Wäsche von gestern versorgen, Pflanzen mit den Trocknerwasser gießen und ein paar Teile in die Spülmaschine räumen.

And this is how I got here. Was ich als Nächstes tue, weiß ich nicht. Aber ich fühle mich recht stabil und werde bestimmt mit Zocken, Netflix oder Telefonieren nichts verkehrt machen.

Besuch!

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Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.

Stimmt halt schon irgendwie, zumindest geht es mir mit schöner Regelmäßigkeit so. Auch wenn das Lichtlein offenbar gern gefährlich lebt und manchmal ein wenig lang auf sich warten lässt.

Gestern erschien mir das bitter benötigte Leuchtmittel in Form von Jana. Nicht meine ehemalige Kommilitonin, mit der ich die Tage noch telefoniert habe (wobei natürlich fast jedes Telefonat ein bisschen Licht mit sich bringt), sondern R’s Genossin aus der Solid, die im vergangenen Jahr verlusttechnisch so ungefähr das entsetzlichste Schicksal erlitten hat, das sich ein Mensch nur erdenken kann, aber dennoch gezwungen ist, ihre Diplomarbeit zu Ende zu schreiben. Da sie damit Schwierigkeiten hat und, ähnlich wie ich, in ihrer Lage auch von der momentanen Isolierung nicht unbedingt profitiert, habe ich sie eingeladen, zum Schreiben zu mir zu kommen. Sie hat ein Auto und kann demnach relativ risikofrei den Weg zu mir zurücklegen.

Hallelujah, ein Mensch kommt zu mir. Noch dazu einer, den ich mag und dem ich in der Lage bin, etwas Gutes zu tun. Ich lasse sie im Schlafzimmer arbeiten, da hat sie ihre Ruhe und für mich bringt es ein Stück Normalität mit sich, schätze ich; ich war es schließlich lang genug gewohnt, dass ich im Wohnzimmer vor mich hinexistiere und R im Schlafzimmer sein Ding macht. Ein Mensch kommt also zu mir, ein echter Mensch, dem ich mit Tee oder Kaffee, Gesellschaft, Nervennahrung und professioneller Hilfestellung unter die Arme greifen kann. Und ganz nebenbei verschafft mir das genügend Motivation, um endlich duschen zu gehen und Staub zu saugen.

Damit sollte ich auch dringend anfangen, denn mir bleibt nur noch eine gute halbe Stunde.

Geht alle sterben.

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Undine und Lukas sitzen draußen auf ihrer Terrasse und freuen sich ihres Lebens. Ich ertrage es nicht. Hört auf zu lachen, hört auf zu reden. Eure ist die Pärchenkillerwohnung, warum seid ihr noch da und mein Mensch zum Draußensitzen, Reden und Trinken ist weg – vermutlich ohne je noch einmal daran zu denken?

Meine Kopfhörer mit der Candy-Crush-Hintergrundmusik und die geschlossene Terrassentür lassen die Stimmen durch wie ein Sieb das Wasser. Ich pack es nicht.

Das allseits bekannte „Wie kann es ihm so wenig ausmachen“ hämmert und hämmert und hämmert, hämmert und hämmert und hämmert. Wenn ich könnte, würde ich mich seitwärts auf das Sofa legen und jammern, aua aua aua aua aua aua aua aaaaau, ahaaaaaaau, als wäre ich zwei Jahre alt und hätte mir den Kopf irgendwo angehauen.

Es tut. So. Weh.

Ich wollte heute duschen, saugen und zwei Flaschen Altglas wegbringen, einfach um mal wieder draußen gewesen zu sein, aber habe nichts gemacht. Ich weiß einfach nicht, wofür. Mir erschließt sich der Sinn des Weiterexistierens in dieser Einsamkeit nicht, und besonders nicht der des Lebens für mich selbst, und ebensowenig der von etwaigen zukünftigen erneuten Versuchen, das zu erreichen, was ich glaubte erreicht zu haben. Was soll der Sinn sein, solange das Risiko besteht, nochmals genau hier zu landen.

Und wieder ein Tag überstanden.

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Heute ging ohne major Schwierigkeiten vorüber. Wurde von Mama aus dem Bett geklingelt (zu einer durchaus humanen Uhrzeit, vielleicht halb elf), habe gefrühstückt, etwas Serie geschaut, wurde dann von Mama nochmal angerufen und wenig später von Rini, habe mit dieser dann mehrere Stunden geredet (wie unbeeindruckt ich davon gerade scheine – aber glaub mir, das wäre unter normalen Umständen ein extrem wunderbares Happening, ebenso wie der aufgefrischte Kontakt mit Nicole) und habe bald darauf auch schon den nächsten Anruf entgegengenommen, diesmal von Martin, mit dem ich Anfang der Woche schon ausgemacht hatte, dass wir uns mal zusammentelefonieren und die enormen Schwierigkeiten bereden, die in seiner und Chachis Beziehung vorliegen.

Gesagt, getan; dabei gingen die nächsten anderthalb Stunden ins Land, und als Nicole versuchte, mich zu erreichen, waren wir noch immer nicht fertig. Ich mag Martin und fände es schade, wenn Chachi und er ihre (in erster Linie von erheblichen Kommunikationsstörungen sowie himmelweiten Unterschieden ihrer beider Charaktere und Kulturen gleichermaßen herrührenden) Probleme nicht in den Griff bekommen.

Und zwischendrin machte mir Caro das Geschenk eines kleinen Fragebogens zur Analyse und bestenfalls Verbesserung meiner misslichen Lage, den ich direkt bearbeitet habe, nachdem das Gespräch mit Martin dann doch mal vorbei war. Großartig daran fand ich vor allem, wie sich darin ihr lösungsorientiertes Denken widerspiegelte und sie sich auf positive Fragestellungen konzentrierte, sodass für selbstmitleidiges Abdriften kein Raum blieb. Naja, oder fast keiner – zur Beantwortung einer ihrer Fragen dachte ich mir, ich könnte mir hier im Blögchen Hilfe holen, und suchte nach einem bestimmten Eintrag. Leider fiel mir zuerst kein wirklich spezifisches Schlagwort ein, sodass ich mich durch massenweise Text scrollen durfte, in dem außer heiler (oder relativ heiler) Welt mit R gefühlt nichts vorkam. Das tat weh. Aber nur für ein paar Sekunden.

Stand for some time in silence, let memories take over and then fight them back with every bit of power that my will has left.

Ich kann ja auch nichts dafür, dass meine eigenen Wörter meine eigenen Dramen einfach am besten beschreiben. Wäre ja irgendwie auch komisch, wenn es anders wäre.

Ich müsste die Stimme des Absurden Songs mal neu aufnehmen, diesmal in einem Zimmer, in dem ich mich tatsächlich traue, auch Geräusche zu machen (und nicht gezwungen bin, das AG in meinem Wohnheimzimmerkleiderschrank zu positionieren). Für den TTT gilt das Gleiche, und begrenzt auch noch für No One to You, wobei man da bereits merkt, dass etwas Zeit vergangen war und meine Hemmungen, die auf der anderen Seite der papierdünnen WG-Wände vor sich hinlebenden Mitbewohnerinnen mit entzückenden Emo-Texten zu beschallen, ganz langsam zurückgingen.

Vielleicht, wenn dieses Virus weg ist und die Nachbarn wieder arbeiten gehen.

Weitergeben? Aufmachen?

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Viel telefoniert heute. Mit Jana, Oma und Nicole. Mit Kepa geschrieben und kurz mit Becci, Caro und Rini. So geht das, wenn man sich bemüht und wenn Menschen für einen da sind.

Habe trotz aller sozialen Kontakte nicht den leichtesten aller Tage gehabt. Tatsächlich habe ich vorhin an R eine Nachricht geschrieben, wenn auch keine der (auf den ersten Blick) verzweifelten Sorte, sondern eine, mit der ich dem überwältigenden Bedürfnis nachkam, etwas zu korrigieren, das ich am Freitag gesagt hatte. Das dürfte mir gelungen sein, aber ich fühle mich nicht besser. Meiner Bitte (und seiner Natur) gemäß hat er darauf nicht geantwortet, stattdessen sah ich mich damit konfrontiert, wie er kurze Zeit später in der Signal-Gruppe munter mit Wolfgang Pläne fürs Wochenende machte.

Ich weiß; was will ich denn, ich wollte explizit keine Reaktion haben. Nun bin ich jedenfalls zum Wohle meines eigenen Seelenheils aus der verdammten Signal-Gruppe raus, es ging einfach gar nicht mehr. Habe Yannick geschrieben, er möge mir bitte auf anderem Wege bescheid sagen, wenn er auf Essenssuche geht. Das war doch hoffentlich nicht zu viel verlangt.

Vielleicht ist es auch irrelevant, ob mein Containerfahrservice weiter besteht. Vielleicht überlege ich mir das mit dem Trimipramin nochmal genauer; vielleicht sind all die weisen Leute, die mir sagen, dass es besser wird, auch einfach besser als ich. Vielleicht ist Aufgeben nicht so sehr keine Option, wie ich es mir manchmal sage.

Zukunft streichen, Gegenwart vertreiben.

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Gestern Abend erstmal meinen Kalender aktualisiert. In dem Sinne, dass alles R-Relatede unkenntlich gemacht wurde. Viel war es nicht, aber gleichzeitig praktisch alles, was ich bisher eingetragen hatte. Sein Geburtstag, meine Alpakawanderung, die Hochzeit seines Bruders, das Pet-Shop-Boys-Konzert, auf das ich zum Zeichen meiner Horizonterweiterungswilligkeit hatte mitgehen wollen. Von der Geburtstagsfeier seiner Großtante, die demnächst stattfindet, wusste ich zum Glück das genaue Datum noch nicht, sonst hätte ich noch einen Eintrag mehr durchkritzeln müssen.

Es war eklig.

Überhaupt überkommt mich, sobald ich mich einer Konfrontation mit diesem Aspekt meiner Wirklichkeit nicht erwehren kann, zuverlässig das Gefühl, vor Schmerz zu zerfallen. So wie jetzt. So wie beim Aufwachen. So wie gegen Nachmittag, wenn die Phase erzwungener Aktivität am Auslaufen ist und ich wieder auf dem Sofa lande, wo mich die Leere verschlingt.

Es ist einerseits weniger hartnäckig als damals, vermutlich weil mich die Medis auffangen und ich, davon ab, nicht davon überzeugt bin, einen Seelenverwandten verloren zu haben. Auf der anderen Seite ist es so viel mehr, das ich verliere. Am härtesten, das will ich offen zugeben, trifft mich neben der augenscheinlichen Tatsache, dass mein Leben auseinandergefallen ist, der schlagartige Verlust des Geliebtwerdens. Härter als das Nichtgenugsein, die verlorenen Jahre, die vollkommene Perspektivlosigkeit; mehr als die Person an sich, die fünf Jahre lang ein Teil von mir war und die an meiner Seite zu haben ich schätzen und offensichtlich, leider, auch brauchen gelernt habe.

Ich habe viel Arbeit vor mir, wenn ich das überstehen möchte.

Umso stolzer bin ich, berichte zu können, dass ich mich aufgerafft und mir ein (hoffentlich) köstliches Abendessen aus der letzten Semmelknödelwurst von Beccis und meiner Aktion letzte Woche, Spargel und Pilzsauce zubereitet habe. Verblüffend, wie ich in dieser Ausnahmesituation Energie für Dinge aufbringe, die ich über weite Strecken der letzten Jahre für undenkbar befunden hätte.

Also wird nun gegessen. Gegessen und dabei die nächste Netflix-Dokuserie angefangen, sodass Ablenkung einziehen und sich der Klammergriff um meinen Brustkorb wieder lockern kann.

Telefontherapie

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Fast wie in den guten alten Zeiten, als ich single und hobbylos war und trotzdem abends immer jemand zum Reden da war, ist dieser weltweite Quarantänezustand. Das, so bitter es auch sein möge, ist gut für mich, denn wäre es anders, würde ich an der Einsamkeit zugrunde gehen.

Morgen um neun gibt’s Telefonsession mit der Therapeutin. Äußerst praktisch, nicht mal mehr dafür aus dem Haus zu müssen. Im Bett liegen und sich therapieren lassen, welch ein Luxus. Ideal auch deshalb, weil ich auf die Weise eine halbe Stunde länger schlafen oder zumindest vor mich hindämmern kann. Andererseits wird es vielleicht weird, mit der Therapeutin zu telefonieren. Hoffentlich nicht zu sehr.

Aktuelle Lage: irgendwo zwischen miserabel und richtig okay. Wobei ‚zwischen‘ der falsche Ausdruck ist, denn statt sich einzupendeln, oszilliert mein Zustand munter von einem Extrem zum anderen. Das ganz fürchterliche Absacken konnte aber gerade nochmal durch Telefonieren mit Caro verhindert werden, meine Güte, wie Caro hilft. Die hätte ich beim letzten Mal schon wirklich gut gebrauchen können.. ach, warte, da war ja was.

Letzten Monat, kurz nach Vorschlagen der Pause, als ich frisch zusammengeklappt genau hier in meiner Sofaecke hing, fragte mich R – und daran muss ich gelegentlich denken, durch diese Feststellung jetzt zum Beispiel – was er für mich tun könne. Ich sagte: „Ich möchte, dass du den Schmerz wegmachst… aber du bist die Quelle des Schmerzes.“

Schon etwas absurd, dass diejenigen Menschen einem die unaussprechlichsten Schmerzen zufügen können, die unter anderen Umständen am besten dafür geeignet wären, sie zu lindern.

Still surviving.

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Ich bin besser im Überleben, als ich gedacht hätte. Zumindest weiß ich Gelegenheiten zu ergreifen, wenn sie sich präsentieren.

Und das, nachdem mein Tag damit begann, dass ich nach dem tausendsten Wiedereinschlafen das Wachwerden nicht mehr ohne aktives Gegensteuern hinauszögern konnte und mich zu diesem Zwecke dem Googlen einer möglichen Trimipramin-Überdosis zuwandte (um tatsächlich festzustellen, dass trizyklische Antidepressiva, wie Trimipramin eines ist, bei Selbstmordversuchen mit am häufigsten Anwending finden). Durch das Lesen (und das beruhigende Wissen, dass genügend Trimipramin sich in meinem Besitz befindet, sollte ich der Perspektivlosigkeit einmal gar nichts anderes mehr entgegenzusetzen wissen) erneut eingeschläfert, gelang es mir, bis ungefähr halb zwölf im Dämmerland zu verweilen, bevor die Realität und mein gestörter Hormonspiegel mich einholten. Ja, er ist weg; nein, er kommt nicht zurück; ja, er hat gesagt, es hätte sich keinen Moment lang wie ein Fehler angefühlt, wegzuziehen; nein, er wird nie mehr hier oben mit mir im Bett liegen. (Ja, ich habe jetzt ein beinahe zimmergroßes Hochbett für mich alleine.)

Ich stand auf und machte mir ein Brötchen zum Frühstück, heute mit Raclettekäse, Mayo, Rucola und kleinen Tomätchen. (Nachdem mich Caro neulich – warte, gestern – darauf hinwies, wie dekadent mein Laugen-Avocado-Lachsfrühstück mit Smoothie-Grapefruitsaft-Mischung sich anhörte, stelle ich nun selbst wieder verstärkt fest, wie königlich ich eigentlich lebe, wenngleich ohne dafür die ansonsten immerwährende Begeisterung aufzubringen) Zwar wurde mir die Arbeit wie bereits am Tag zuvor durch creepiges Ganzkörperzittern und Konzentrationseinbrüche erschwert, aber am Ende hatte ich mein Frühstück beisammen – inklusive Smoothie-Grapefruitsaft-Combo – und konnte auf dem Sofa Platz nehmen, wo ich sodann mein Werk zu verzehren begann und dabei den Rest der gestern abgebrochenen Dope-Folge ansah.

Unverzüglich machte ich mich im Anschluss an die Bearbeitung meines Auftrags, und auch das gelang mir. Nicht meine gründlichste Arbeit, und die Statistik wird es mir auch versaut haben (Korrekturgeschwindigkeit = zwei Absätze Arbeit, zwanzig Minuten zocken), aber es hat für ein Dankeschön vom Kunden gereicht (eine Auszeichnung, die ich erst einmal zuvor erhalten hatte) und dafür gesorgt, dass ich mir ganz schön toll vorkomme, weil ich es immerhin geschafft habe.

Mein Meisterwerk des Am-Leben-bleibens aber vollbrachte ich, indem ich auf Wolfgangs Bescheid, er habe jetzt alles Mögliche an Essen abzugeben, nicht nur mit „nehm ich“ antwortete, sondern mich spontan dazu entschloss, ihn für den Abend zum Flammkuchenessen einzuladen. Das brachte mich in die überaus begrüßenswerte Situation, ohne Wenn und Aber duschen, die Küche aufräumen und Flammkuchen machen zu müssen, während ich allein vermutlich außer Sitzen, Heulen und Zocken einfach rein gar nichts gemacht hätte, und erst recht keins dieser produktiven Dinge.

Als Wolfgang kam, machte ich einen auf funktionsfähig und zog das knallhart den ganzen Abend lang durch. Und siehe da – fake it ‚til you make it – es hat geklappt. Ich habe zwei perfekte Flammkuchen produziert, mich über NoFX, Corona, Zufälle und die Welt unterhalten, als wären mein Leben und ich völlig intakt, und es hat sich gut angefühlt. Es hat mir wieder das Gefühl gegeben, dass ich keine Perspektive brauche, solange nur die richtigen Menschen da sind.

Mit diesem Gefühl würde ich gern morgen aufwachen. Aber wie wir alle wissen, ist das unmöglich. Ojalá no lo fuera.

Surviving Somehow

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Heftig. Wie in Situationen dieser Art üblich, war die Panik von einem Moment auf den anderen weg. An ihre Stelle ist nahtlos eine so überwältigende, allumfassende Trauer und generelle Hoffnungslosigkeit getreten, dass die schiere Tatsache, dass ich noch hier bin, um dies zu tippen, allein der lebensrettenden Kombination aus Caro, Chachi und meiner Antriebslosigkeit zu verdanken ist.

Um mal ganz bescheiden mich selbst zu zitieren: My past is gone, so is my future, so are you.

Keine Ahnung, ob ich hier irgendwann noch Details aus den vergangenen fünf Jahren rauskramen und auf die Weise vielleicht aufarbeiten kann oder überhaupt nur will. Ich habe das Gefühl, über die Dauer meiner Beziehung mit R sowohl zu Verdrängungszwecken als auch aus Angst, mir durch Lautausschreiben die eigene Verletzlichkeit einzugestehen, wesentliche Teile meiner selbst verleugnet und meines Lebens unterschlagen zu haben, aber gerade ist jedenfalls nicht der Zeitpunkt, in der Richtung etwas nachzuholen. Solange ich mit anderen Menschen in Kontakt bin, erscheint es mir denkbar, dieses Elend irgendwann hinter mir zu lassen und meine eigene Zukunft zu erleben. Sobald ich aber allein bin und unweigerlich daran denke, selbst ohne irgendetwas aktiv hervorzukramen, verschwindet diese Hoffnung abrupt vom Horizont meiner Möglichkeiten.

Ich habe einen kleinen Auftrag angenommen, den ich morgen bearbeiten muss. Neun Seiten, das sollte doch irgendwie gehen. Wenn nicht, muss es trotzdem gehen, schließlich habe ich ihn nunmal angenommen. So werde ich morgen wohl auch überleben, denn man kann nicht gleichzeitig krepieren und einen Auftrag bearbeiten.

Immer einen Tag nach dem anderen.

Wie es kommen musste

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R ist gerade gegangen. Seine Augen waren feucht, als wir uns verabschiedet haben. Er geht zurück nach Konstanz. Ich behalte die Katze. Ich habe mein Besteck wiederbekommen und er hat Brötchen mitgenommen sowie noch ein Tütchen Kleinkram.

Das Gespräch glich in fast unheimlicher Weise dem mit Kepa damals. Nur dass es ausführlicher war und ich diesmal praktisch ununterbrochen geheult habe, weil 1) nicht nur eine Zukunft, sondern fünf Jahre Vergangenheit mir genommen wurden und 2) R unerwartet früh aufgetaucht war, sodass ich nicht dazu kam, mir vorher mein Beruhigungsmittel einzuflößen.

Nun rufe ich Becci an, dann Caro.

Um es mit R’s liebstem Jurassic-Park-Zitat zu sagen: Wie ich es hasse, immer Recht zu behalten.